Die Schlacht um das Baltikum () fand zu Beginn des Deutsch-Sowjetischen Krieges am Nordabschnitt der Ostfront statt. Sie verlief vom 22. Juni bis 9. Juli 1941 zeitgleich mit der im Mittelabschnitt stattfindenden Kesselschlacht von Minsk. Nach wechselhaften Kämpfen konnte die deutsche Wehrmacht im Unternehmen Barbarossa planmäßig das 1940 von der Sowjetunion annektierte Gebiet von Lettland und Litauen besetzen.
mini|hochkant|Wilhelm Ritter von Leeb mini|Durchführung des Feldzuges im Baltikum
Planung Die deutsche Heeresgruppe Nord (Generalfeldmarschall Ritter von Leeb) eröffnete den Angriff am 22. Juni mit 23 Infanterie-Divisionen, drei motorisierten und drei Panzerdivisionen. Es war von der deutschen Heeresleitung geplant, die sowjetischen Streitkräfte von der Ostseeküste abzudrängen, die baltischen Häfen zu sichern, dann nach Leningrad und Kronstadt vorzustoßen und dabei die Stützpunkte der Baltischen Flotte zu nehmen. Die Konzentration der deutschen 16. und 18. Armee erfolgte an der Grenze Ostpreußens und an beiden Ufern des Flusses Memel. Die Heeresgruppe Nord plante mit der Panzergruppe 4 am stärkeren rechten Flügels vorzugehen, um das Gebiet von Opotschka schnellstmöglich zu nehmen, den Abzug russischer Truppen aus den baltischen Staaten zu verhindern und die Voraussetzung für die Weiterführung des Vormarsches auf Leningrad zu schaffen. In Richtung des Hauptstoßes gelang es der Heeresgruppe Nord, ein günstiges Kräfteverhältnis zu erreichen. Nur sieben sowjetische Schützendivisionen standen am ersten Angriffstag direkt an der Grenze Ostpreußens bereit. Weitere Reserven befanden sich in getrennten Gruppen um Wilna, Kaunas, Schaulen und waren dahinter bis in die Region von Opotschka und Pskow konzentriert. Die deutsche 16. Armee unter Generaloberst Busch wurde beauftragt, ihre Offensive auf beiden Seiten der Hauptstraße nach Kaunas in Richtung auf Daugavpils (Dünaburg) zu führen, während die Panzergruppe 4 unter Generaloberst Hoepner in dieselbe Richtung nördlich des Unterlaufs der Memel zur Düna vorzustoßen hatte. Die 18. Armee unter Generaloberst von Küchler hatte ihren Hauptangriff über Tilsit nach Riga auszuführen.
Zu Beginn des Krieges war die sowjetische Nordwestfront unter Generaloberst Fjodor Kusnezow deutlich schwächer als die anderen sowjetischen Fronten in Weißrussland und in der Ukraine, da sie nur über zwei mechanisierte Korps verfügte. Die 1940 besetzten baltischen Staaten wurden von den Sowjets als politisch unzuverlässig angesehen, in deren Gebiet keine nachhaltige Verteidigung geleistet werden sollte. Insgesamt zählte die Nordwestfront 22 Divisionen, davon 19 Schützendivisionen, 2 motorisierte Schützendivisionen und 3 Panzerdivisionen (8., 11., 27. Armee, 3. und 12. mechanisiertes Korps) mit 379.000 Mann, 4938 Geschützen und Mörsern, 1274 Panzern und 1078 Kampfflugzeugen. Nur 206 Panzer waren neueren Typs (T-34 und KW-1), der Großteil leichtere Panzer vom Typ BT-7 und T-26.
Nordwestfront (Rote Armee) 8. Armee (Generalmajor P. P. Sobennikow) mini|hochkant|Pjotr Petrowitsch Sobennikow
10. Schützenkorps (Generalmajor I. F. Nikolajew) 10., 48., und 90. Schützendivision 11. Schützenkorps (Oberst M. S. Schumilow) 11. und 125. Schützendivision, Reserve: 22. Schützen-Division
12. Mechanisiertes Korps (Generalmajor N. M. Schestopalow) 23. Panzer-Division mit 381 Panzer (davon 362 T-26) 28. Panzer-Division mit 314 Panzer (davon 236 BT und 69 T-26) 202. motorisierte Schützendivision mit 105 Panzer (davon 66 T-26)
27. Armee (Generalmajor N. J. Bersarin)
22. Schützenkorps (Generalmajor A. S. Ksenofontow) 180. und 182. Schützendivision 24. Schützenkorps (Generalmajor K. M. Katschanow) 181. und 183. Schützendivision Baltische Küstengruppe 16. und 67. Schützendivision sowie 3. Schützen-Brigade 5. Luftlande-Korps (Generalmajor I. S. Besugly) 9., 10. und 214. Luftlande-Brigade
11. Armee (Generalleutnant W. I. Morosow) mini|hochkant|Wassili Iwanowitsch Morosow
16. Schützenkorps (Generalmajor M. M. Iwanow) 5., 33. und 188. Schützendivision 29. Schützenkorps (Generalmajor A. G. Samochin) 179. und 184. Schützendivision 41. Schützenkorps (Generalmajor I. S. Kosobutzki) 23., 121., 126. und 128. Schützendivision 3. Mechanisiertes Korps (Generalmajor A. W. Kurkin) 2. Panzer-Division mit 252 Panzer (davon 32 KW-1, 19 KW-2, 27 T-28, 116 BT-7 und 19 T-26) 5. Panzer-Division mit 268 Panzer (davon 50 T-34, 30 T-28, 170 BT-7 und 18 T-26) 84. motorisierte Schützendivision mit 149 Panzer (davon 145 BT-7 und 4 T-26)
Heeresgruppe Nord (Wehrmacht) mini|hochkant|Georg von Küchler
18. Armee (Generaloberst Georg von Küchler)
XXVI. Armee-Korps (General der Artillerie Albert Wodrig) 61. Infanterie-Division 217. Infanterie-Division XXXVIII. Armee-Korps (General der Infanterie Friedrich-Wilhelm von Chappuis) 58. Infanterie-Division 291. Infanterie-Division I. Armee-Korps (General der Infanterie Kuno von Both) 1. Infanterie-Division 11. Infanterie-Division 21. Infanterie-Division Reserven: 93. und 254. Infanterie-Division
Panzergruppe 4 (Generaloberst Erich Hoepner) mini|Generaloberst Hoepner im Gespräch mit dem Kommandeur der 6. Panzerdivision, General Landgraf
XXXXI. Armeekorps (motorisiert) (General der Panzertruppe Georg-Hans Reinhardt) 1. Panzer-Division 269. Infanterie-Division 6. Panzer-Division 36. Infanterie-Division (motorisiert) LVI. Armeekorps (motorisiert) (General der Panzertruppe Erich von Manstein) 290. Infanterie-Division 8. Panzer-Division 3. Infanterie-Division (motorisiert) Reserve: SS-Division Totenkopf
16. Armee (Generaloberst Ernst Busch) mini|hochkant|Generalfeldmarschall Ernst Busch
X. Armeekorps (General der Artillerie Christian Hansen) 30. Infanterie-Division 126. Infanterie-Division XXVIII. Armeekorps (General der Infanterie Mauritz von Wiktorin) 122. Infanterie-Division 123. Infanterie-Division II. Armeekorps (General der Infanterie Walter Graf von Brockdorff-Ahlefeldt) 121. Infanterie-Division 12. Infanterie-Division 32. Infanterie-Division
Luftflotte 1 I. Fliegerkorps 5./Fernaufklärungsgruppe 122 Stab, II. und III./Kampfgeschwader 1 Stab, I., II. und III./Kampfgeschwader 76 Stab, I., II. und III./Kampfgeschwader 77 Stab, I., II. und III./Jagdgeschwader 54 II./Jagdgeschwader 53
Verlauf Bereits am ersten Kriegstag, am 22. Juni 1941, konnten deutsche Truppen die Verteidigung der Nordwestfront durchbrechen. Angriffsphase „Der Angriff beginnt um 3.05 Uhr nach einem kurzen, aber heftigen Feuerschlag auf der ganzen Front. Die Sowjets sind vollkommen überrascht und leisten anfangs nur geringen Widerstand. […] Die russischen Infanterieverbände ziehen sich überall zurück. Sie leisten nur in den Betonbunkern an den Straßen verbissenen Abwehr und denken selten an Übergabe.“Werner Haupt: Kurland. Die letzte Front – Schicksal für zwei Armeen, Podzun Verlag, 2., erweiterte Auflage, Bad Nauheim 1960, S. 6.
Die Luftflotte 1 unter Generaloberst Alfred Keller mit dem unterstellten I. Fliegerkorps unterstützte den Angriff der Heeresgruppe Nord mit 450 Flugzeugen, davon 271 Kampfflugzeuge und 203 Jäger.Leo Niehorster: German Air Force Order of Battle, 1st Air Fleet, 22 June 1941, abgerufen am 1. Dezember 2023. Gegenüber der sowjetischen 8. Armee war der Angriff der 18. Armee unmittelbar erfolgreich. Der deutsche Hauptschlag traf die linke Flanke der 8. Armee, an der Naht zwischen der 90. und 125. Schützendivision, während die rechte Flanke von Truppen des deutschen XXVI. und I. Armeekorps angegriffen und gebunden wurde. Am linken Flügel nahm die 61. Infanterie-Division die Brücke über die Memel und rückte auf Garsden, während die 291. Infanterie-Division am Kurischen Haff über Klaipėda nach Crottingen vorrückte. Die sowjetische 90. Schützendivision begann nach Nordosten auf Schaulen auszuweichen, während die 125. Schützendivision nach hartnäckigen Grenzkämpfen mit dem XXXXI. Armeekorps (mot.) Tauroggen aufgeben musste. Kämpfe wurden um Polangen geführt, die Verteidigung der sowjetischen 10. Schützendivision wurde durchbrochen und sie musste sich nach Norden zurückzuziehen.
Das deutsche LVI. Armeekorps (mot.) trat im Raum östlich von Ragnit bis Haselberg als Spitzenformation zum Angriff über die Memel an. Die links von der 290. Infanterie-Division gedeckte 8. Panzer-Division (General Brandenberger) nahm Georgenburg, dahinter folgte die 3. Infanterie-Division (mot.) zur Dubissa nach, wo am Nachmittag ein Brückenkopf bei Ariogala gebildet wurde. Das LVI. Armeekorps erreichte am 24. Juni den Raum Ukmerge.Schramm: OKW-Kriegstagebuch Band 1, Gliederungen S. 1135 und 1141 Die deutsche 16. Armee ließ das II. Armeekorps (General Brockdorff) südlich von Schloßberg über die litauische Grenze angreifen. Die 121. Infanterie-Division griff im Raum Wirballen an und stand schnell im Häuserkampf in Kibarten. Das XXVIII. Armeekorps griff mit der 122. und 123. Infanterie-Division bei Neustadt und nordwestlich von Sintautai an. Zusammen mit dem südlich davon aus dem Raum Gumbinnen angreifenden VI. Armeekorps (6. und 26. Infanterie-Division) wurde der Durchbruch zwischen Mariampol und Kalwarja erzwungen. Im Tagebuch der Heeresgruppe Nord wurde festgestellt, dass der sowjetische Widerstand an der Grenze sehr gering war, der Gegner schnell überwunden wurde und alle wichtigen Fluss-Übergange im gesicherten Besitz gebracht werden konnten.https://military.wikireading.ru/4251
Am rechten Flügel der Heeresgruppe Nord, im Anschluss zur Heeresgruppe Mitte strebten die Truppen der Panzergruppe 3 danach, wichtige Brücken über die Memel zu sichern. Nach der Eroberung der zweiten Brücke über die Memel südlich von Alytus wurde der Vormarsch von der sowjetischen 11. Armee (Generalleutnant W. I. Morosow) aufgehalten. Teile der 128. und 184. Schützendivision und die sowjetische 5. Panzerdivision leisteten am Ostufer der Memel starken Widerstand.
Am Abend des 22. Juni geriet die deutsche 7. Panzerdivision (Generalmajor Hans von Funck) östlich von Olita in ein größeres Panzergefecht. Der sowjetische Divisionskommandeur Oberst F. F. Fedorow konnte zwar zur Verstärkung die Artillerie des 5. motorisierten Schützenregiments und das 2. Bataillon des 9. Panzerregiments heranziehen, wurde aber zurückgeworfen. Die 5. Panzerdivision des 3. mechanisierten Korps flutete in Unordnung zurück. 70 sowjetische Panzer und 20 Flugzeuge (auf den Flugplätzen) wurden bei diesem Kampf zerstört, das deutsche XXXIX. motorisierte Korps verlor nach eigenen Angaben 11 Panzer. Teile der sowjetischen Kampfgruppe (3 Panzer, 12 gepanzerte Fahrzeuge und 40 Lastwagen) wurden zur benachbarten Westfront abgedrängt. In diesem Abschnitt hatten die sowjetischen Truppen schwere Verluste erlitten, zudem konnte der weitere Vormarsch des deutschen XXXIX. motorisierten Korps (rechter Flügel der Panzergruppe Hoth) auf Wilna nicht gestoppt werden.
Zwischen der Nordwest- und der Westfront bildete sich so im Abschnitt der sowjetischen 11. Armee eine große Frontlücke, welche die Rote Armee nicht mehr schließen konnte. Die Masse der 11. Armee war zusätzlich zwischen den Zangen der Panzergruppen 3 und 4 eingeschlossen. Die Hauptkräfte der 8. Armee zogen sich hingegen von der gepanzerten Front des Gegners relativ intakt nach Norden ab. Fast vollständig unterbunden blieb die Versorgung mit Munition und Treibstoff. Die Situation erforderte entscheidende Maßnahmen, um den deutschen Durchbruch aufzuhalten. Noch am Abend am 22. Juni erhielt General Kusnezow von der Stawka die Richtlinie Nr. 3: „Die Küste der Ostsee ist zu halten, ein mächtiger Gegenangriff aus dem Bereich Kaunas gegen die Flanke gegen die feindliche Gruppierung bei Suwałki ist anzusetzen, in Zusammenarbeit mit dem rechten Flügel der Westfront sollte bis zum Abend des 24. Juni der Suwalki wieder unter eigene Kontrolle gebracht werden.“ Diese Stawka-Direktive konnte nicht ausgeführt werden, ohne Reserven konnte man den weiteren Rückzug nicht verhindern, geschweige denn die Situation wiederherstellen.https://military.wikireading.ru/4253