L’ultimo giorno di Pompei (deutsch: Der letzte Tag von Pompeji) ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „dramma per musica“) in zwei Akten von Giovanni Pacini über ein Libretto von Andrea Leone Tottola. In der Uraufführung am 19. November 1825 im Teatro San Carlo in Neapel sangen u. a. die Gesangsstars Adelaide Tosi, Giovanni David, Luigi Lablache und Michele Benedetti.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche. G. G. Guidi, Florenz 1865, S. 49–51 (italienisch; , abgerufen am 1. August 2019). Die Oper erlebte einen glänzenden Erfolg, lief in der Folge an den bedeutendsten Opernhäusern in Europa, wie Mailand, Wien, Paris und Venedig, und inspirierte auch andere Künstler.
Hintergrund und Vorgeschichte Seit der Mitte des 18. Jahrhunderts übten die Ausgrabungen der durch den Vulkanausbruch des Vesuv verschütteten antiken Städte Pompeji und Herculaneum eine große Faszination auf die Menschen aus. Es erschienen reich illustrierte Bücher über die Entdeckungen, und die ganze Epoche des Klassizismus wurde durch antikisierende Mode, Kunst und Architektur geprägt; in der Innendekoration gab es sogar einen „pompejanischen Stil“. Pacinis und Tottolas Oper erschien auf dem Höhepunkt dieser „Pompeio-Manie“.
Die Idee für eine Oper, die in Pompeji spielt, und die Vorlage für Tottolas Libretto stammte von Antonio Niccolini,Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche. G. G. Guidi, Florenz 1865, S. 51 (italienisch; , abgerufen am 1. August 2019). dem Bühnenbildner des Teatro San Carlo, der die Ausgrabungen vor Ort sehr gut kannte und einen sechzehnbändigen Katalog des königlichen Museums veröffentlichte. Niccolinis Entwürfe für die Bühnenbilder der Pacini-Oper sind nicht erhalten, aber man weiß, dass sie ein voller Erfolg waren. Bekannt sind allerdings die wundervollen Bühnenbilder, die Alessandro Sanquirico zwei Jahre später 1827 für die Produktion an der Mailänder Scala entwarf, und die sich wahrscheinlich an Niccolinis Ideen anlehnten. Sanquirico war offensichtlich auch inspiriert durch archäologische Publikationen wie Delle Antichità di Ercolano (für das Haus des Sallustio), Gells Pompeiana (für das Forum und die Straße der Gräber) und von Saint-Nons Voyage pittoresque (das Haus des Appio Diomede).
Die Inszenierung war aufwendig und unglaublich raffiniert. Für den spektakulären Ausbruch des Vesuv und den Einsturz der Gebäude am Ende wurden keine Kosten und Mühen gespart. Man setzte bengalisches Feuer und Lycopodium-Pulver ein, um echte Explosionen und Feuergarben zu erhalten, und es hieß, der Impresario Domenico Barbaja habe „bei jeder Aufführung Lycopodium im Wert von 10 Dukaten abflämmen lassen“. Laut einem zeitgenössischen Bericht von der Mailänder Produktion 1827 schien am Ende glühende Lava über die Ruinen in Richtung Publikum zu laufen, und der Effekt war so realistisch, dass die Leute im Parkett in Angst und Schrecken versetzt wurden.
Inhalt Die Handlung spielt in Pompeji im Jahre 79, am letzten Tag vor dem Ausbruch des Vesuv.Die folgende Inhaltsangabe basiert auf: Andrea Leone Tottola: . Libretto zur Aufführung in der Mailänder Scala, Herbst 1827 (italienisch; abgerufen am 1. August 2019).
Erster Akt
Sallustio wurde zum ersten Magistrat von Pompeji gewählt und empfängt im Atrium seines Hauses Glückwünsche. Unter den Gratulanten ist auch der Tribun Appio Diomede, der jedoch in Wirklichkeit in Sallustios Frau Ottavia verliebt und voller Eifersucht auf ihr eheliches Glück ist.
Später, als Ottavia allein ist, nähert Appio sich ihr und erklärt ihr seine Liebe. Als sie ihn empört und klar zurückweist, schwört er Rache. Zusammen mit Pubblio, dem Aufseher der öffentlichen Bäder, schmiedet er einen hinterhältigen Plan, um Ottavia zu entehren: Pubblios junger Sohn Clodio soll in Frauengewändern mithilfe von Fausto, einem Freigelassenen des Sallust, in dessen Haus eingeschmuggelt und als eine von Ottavias Dienerinnen ausgegeben werden.
Im Tempel des Jupiter beginnen die Feiern anlässlich der Erhebung des Sallustio zum Magistrat. Er schwört feierlich, die Gesetze Roms zu achten. Danach gibt es einen Festzug zum Amphitheater zu weiteren Festlichkeiten. Dabei „entdeckt“ Pubblio mit geheuchelter Empörung seinen als Mädchen verkleideten Sohn Clodio in der Schar der Dienerinnen und macht einen Skandal. Zu Bestürzung und Entsetzen der Anwesenden behauptet Clodio, dass Ottavia ihn verführt und dann in Frauenkleidern unter ihren Mädchen versteckt habe. Obwohl Sallust dieser Geschichte keinen Glauben schenkt, muss er nun seinen Eid halten und ist gezwungen, über seine eigene Frau zu Gericht zu sitzen.
Zweiter Akt
Beim Tribunal in der Basilika von Pompeji beteuert Ottavia vor Sallust ihre Unschuld. Obwohl die falschen Zeugenaussagen von Appio, Pubblio und Clodio gegen sie sprechen, zögert Sallust, da er von der Unschuld seiner Frau überzeugt ist. In diesem Moment hört man ein dumpfes Grollen vom Vesuv, das von den Auguren als Unmut der Götter gedeutet wird, weil diese nicht mit Sallusts Zaudern einverstanden seien. Schließlich muss Sallust Ottavia nach römischem Recht verurteilen: sie soll lebendig begraben werden.
In einer kurzen Szene bereut Fausto, dass er sich in die Intrige hat hineinziehen lassen und bemitleidet Ottavia.
Auch Appio Diomede wird von Reue und Gewissensbissen über seine gelungene Intrige geplagt. Er merkt zu spät, dass er Ottavia immer noch liebt und dass er nach ihrem Tod seines Lebens nie mehr froh sein wird.
Als Ottavia in Begleitung ihrer treuen Dienerinnen zum Grab gebracht wird, wendet sie sich ein letztes Mal an ihren Mann, beschwört ihre Unschuld und überantwortet ihm ihren gemeinsamen Sohn, Menenio. Plötzlich bricht der Vesuv mit füchterlichem Lärm aus. Sallust deutet dies nun seinerseits als göttlichen Zorn über ein schreckliches Unrecht und stoppt die Exekution. Pubblio, im Glauben, dass sein perfides Handeln eine Katastrophe über Pompeji heraufbeschworen hat, gesteht Alles und nennt Appio als Anstifter der Intrige. Daraufhin werden die beiden Übeltäter anstelle von Ottavia im Grab eingesperrt.
Inzwischen regnet es Asche und Felsbrocken und das Volk ist in Panik. Im allgemeinen Durcheinander erscheint Menenio auf einem Wagen, um seine Eltern Ottavia und Sallust zu retten. Der Vulkanausbruch erreicht einen Höhepunkt und der Himmel ist rot von Feuer und Lava. Der Vorhang fällt über eine Szene von Chaos und Verzweiflung.
Gestaltung Struktur Sinfonia
Erster Akt Szene 1 – Introduzione: Viva Sallustio! – Voi mi rendete, o Dei – Del civico serto – Teco a goder la gioia – S’innalzino all’etra – Vieni Sallustio (Chor, Menenio, Sallustio, Pubblio, Appio) Szene 2 – Chor und Cavatina der Ottavia: Di porporine rose – Alfin goder mi e dato – Basti ad esprimerti – Più ad appagar del popolo (Chor, Ottavia, Sallustio, Menenio, Pubblio, Appio) Szene 3 Duett Appio & Ottavia: Menenio e seco! – Da te l’estrema volta – Col cor palpitante – Sopprimerlo? Ah no! mai – (Appio, Fausto, Ottavia) Szene 4 – Rezitativ: Fausto! Fausto! (Appio, Fausto, Clodio) Szene 5 – Rezitativ: Pubblio, gia m’intendesti (Appio, Pubblio, Chor) Szene 6 – Chor und Quintett: Plauso, onor – Ah! questo de’ miei giorni – Illustre Cittadin, onor de’ Numi – Festeggiamo l’istante augurato – Ecco la man di Astrea – Lo spettacolo eletto – Se i Numi fausti sperar mi lice (Chor, Sallustio, Hohepriester, Ottavia, Appio, Pubblio) Szene 7 – Duettino Appio & Pubblio: Appio, non dubitar – Io la vedro tra palpiti (Pubblio, Appio) Finale I: Più brillante di questo, che cade – Nel vederti, o sposo amato – Mira! Oh gioia! – Qual denso velo mi oscura il ciglio! – No, Sallustio, la sposa innocente (Chor, Ottavia, Sallustio, Appio, Pubblio, Clodio)
Zweiter Akt Szene 1 – Rezitativ: Pubblio! (Appio, Pubblio) Szene 2 – Chor und Duett Sallustio & Ottavia: Sei nell’augusto tempio – Forza, o debol cor! – Squarciami il core – Dunque innocente (Chor, Sallustio, Ottavia) Szene 3 – Scena e Concertato: Sallustio, il popol freme – Dei! Qual fragore insolito! (Appio, Pubblio, Sallustio, Clodio, Chor) Szene 4 – Rezitativ: E qui, come promise (Fausto) Szene 5 – Rezitativ und Aria des Appio: Che più brami, mio cor? – O mio crudele affetto? – Cela le acerbe smanie, o lacerato core! (Appio, Chor) Szene 6 – Chor, Scena und Aria (finale) der Ottavia: Oh sventurata Ottavia! – Su questa man concedi – Voi, che sapete – Del figlio mio dolente – Che! Irato ancora è il ciel (Chor, Sallustio, Appio, Pubblio, Ottavia) Finale II: Trema, Pompei! – Quale scoppio! (Auguren, Pubblio, Chor, Sallustio, Appio, Menenio, Ottavia)
Orchester Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Sabine Henze-Döhring: L’ultimo giorno di pompei. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 4: Werke. Massine – Piccinni. Piper, München/Zürich 1991, ISBN 3-492-02414-9, S. 607–609.
Holzbläser: Piccolo, zwei Flöten, zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Serpent, Cimbasso Pauken, Schlagzeug: große Trommel, Becken, Rührtrommel Harfe Streicher Bühnenmusik: Banda (nicht spezifiziert)
Musik mini|hochkant=0.7|links|Giovanni Pacini, ca. 1827 Pacinis L’ultimo giorno di Pompei ist auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch immer eine (fast) vergessene Perle der Opernliteratur.
Obwohl die prächtige und spektakuläre Inszenierung sicher einen wichtigen Anteil am Erfolg der Oper hatte, ist auch die Wirkung von Pacinis reizvoll-anmutiger Musik nicht zu unterschätzen. Das Sujet hat ihn sichtlich inspiriert und die ganze Partitur ist sorgfältig gearbeitet und von hoher Qualität. Pacini hatte Mitte der 1820er Jahre bereits einen eigenen, ausgereiften Stil entwickelt. Neben gelegentlich durchschimmernden Anklängen an Rossini besitzt die Musik von L’ultimo giorno einen Tonfall, der bereits typisch romantisch anmutet, und harmonisch zu dunkleren Farben und Moll-Bereichen tendiert. Die Melodik ist ausdrucksvoll und belcantistisch. Pacini selber sagte später, er habe „einfach nur die Wahrheit darstellen“ wollen.„Porrò ogni modestia da parte per essere semplicemente espositore della verità.“ Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche. G. G. Guidi, Florenz 1865, S. 49 (italienisch; , abgerufen am 1. August 2019). Die insgesamt durchsichtige, feine Instrumentierung nimmt nach italienischer Operntradition Rücksicht auf die Hörbarkeit der Sänger, und ist zugleich fantasievoll, farbig und apart. Die Musik der ganzen Oper hat einen eigenen Charakter und es gelingt dem Komponisten gelegentlich, durch ungewöhnliche Instrumentenkombinationen, harmonische oder melodische Wendungen und rhythmische Effekte eine Art antikisierendes Lokalkolorit zu erzeugen (auch wenn niemand weiß, wie originale antike Musik wirklich klang).Pacini selber spricht davon, dass er der Oper „ein Kolorit gab, das der Komposition möglichst angemessen sei“ („Diedi infine un colorito più conforme alla composizione“). In: Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche. G. G. Guidi, Florenz 1865, S. 51 (italienisch; , abgerufen am 1. August 2019).