mini|Rosa Luxemburg mini|Karl Liebknecht
Der Spartakusbund war eine Vereinigung marxistischer Sozialisten zum Ende des Deutschen Kaiserreichs, die während des Ersten Weltkriegs am Ziel einer internationalen Revolution des Proletariats festhielten, um Kapitalismus, Imperialismus und Militarismus weltweit zu stürzen.
Diese Ziele verfolgte ab August 1914 die „Gruppe Internationale“ als oppositionelle Gruppe innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Sie nannte sich ab 1916 „Spartakusgruppe“ und schloss sich 1917 der von der SPD abgespaltenen Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD) als linker Flügel an. In der Novemberrevolution 1918 gründete sich der Bund neu als deutschlandweite, parteiunabhängige Organisation mit dem Namen „Spartakusbund“ und dem Ziel einer gesamtdeutschen Räterepublik. Am 1. Januar 1919 ging er in der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) auf.
Der Name des Bundes bezog sich auf Spartacus, den Anführer des bedeutendsten Sklavenaufstands (73–71 v. Chr.) im antiken Römischen Reich. Sein Name symbolisierte für die Spartakisten den andauernden Widerstand der Unterdrückten gegen ihre Ausbeuter. Sie drückten damit die marxistische Auffassung des historischen Materialismus aus, wonach die Geschichte von Klassenkämpfen vorangetrieben werde.
Geschichte Hintergrund Bei den Kongressen der Sozialistischen Internationale 1907 in London und Stuttgart wurde die Opposition der europäischen Arbeiterparteien gegen den drohenden Krieg zwischen den europäischen Großmächten beschlossen. 1912 in Bern wurden zusätzlich gemeinsame Maßnahmen dagegen beschlossen, bis hin zum Mittel eines Generalstreiks. Auch die SPD hatte einen imperialistischen Krieg in Europa ausdrücklich und wiederholt abgelehnt, Kampfmaßnahmen dagegen beschlossen und öffentlich angekündigt. Während der Julikrise 1914 bekräftigte sie die Ablehnung des Krieges nochmals in landesweiten Großdemonstrationen ihrer Anhänger.
Am 4. August 1914 wurde im Reichstag über die Kriegskredite abgestimmt. Die SPD-Reichstagsfraktion stimmte nun im Sinne einer Burgfriedenspolitik einstimmig zu, wobei Karl Liebknecht unter Einhaltung des Fraktionszwanges zustimmte. Mit ihrer Zustimmung zur Kriegspolitik der kaiserlichen Regierung gab die SPD-Fraktion drei seit der Parteigründung geltende Programmpunkte auf: die Opposition zum Militarismus, den proletarischen Internationalismus und den Klassenkampf.
Die Antwort auf die Zustimmung der SPD zum Krieg war die Zustimmung der französischen Sozialisten zu einer Kriegserklärung Frankreichs gegen Deutschland. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs zerbrach die Sozialistische Internationale.
Die Gruppe Internationale Die „Gruppe Internationale“ ging auf eine Initiative Rosa Luxemburgs zurück. Sie lud unmittelbar nach der Abstimmung zu den Kriegskrediten die mit ihr befreundeten Kriegsgegner in der SPD in ihre Berliner Wohnung ein. An diesem abendlichen Treffen am 4. August 1914 nahmen sechs Gäste teil, die mit der Gastgeberin die Keimzelle des späteren Spartakusbunds bildeten: Hermann Duncker, Hugo Eberlein, Julian Marchlewski, Franz Mehring, Ernst Meyer und Wilhelm Pieck. In der Folgewoche traten folgende weitere Personen der Gruppe bei: Martha Arendsee, Fritz Ausländer, Heinrich Brandler, Käte Duncker, Otto Gäbel, Otto Geithner, Leo Jogiches, Karl Liebknecht, August Thalheimer und Bertha Thalheimer.
Die „Gruppe Internationale“ sah die SPD-Zustimmung zu den Kriegskrediten als Verrat an den Zielen der gesamteuropäischen Sozialdemokratie, besonders an der internationalen Solidarität der Arbeiterbewegung gegen den Krieg. Sie hielt an diesen Vorkriegszielen fest und lehnte den Krieg als gegen die Interessen der Völker und des Proletariats gerichteten imperialistischen Völkermord der herrschenden Bourgeoisie ab. Zur Gruppe Internationale gehörten keine solchen Angehörigen der SPD-Reichstagsfraktion, die den Kriegskrediten zugestimmt hatten, obwohl sie den Krieg ablehnten, oder sich erst danach zu Kriegsgegnern wandelten.
Der erwogene Austritt aus der SPD wurde jedoch rasch verworfen, da man mit einem baldigen Betätigungsverbot der Regierung für die SPD und darauf folgendem Abrücken der SPD-Mehrheit vom „Burgfrieden“ rechnete. Man beschloss, den Kampf gegen den Krieg innerhalb der SPD zu organisieren, die SPD-Mehrheit zum Ablehnen weiterer Kriegskredite zu bewegen und die internationale Solidarität mit anderen europäischen Arbeiterparteien wiederherzustellen.
Als erstes versandte die Gruppe 300 Telegramme an SPD-Mitglieder, um sie zur öffentlichen Ablehnung des Beschlusses der SPD-Reichstagsfraktion vom 4. August zu bewegen. Nur Clara Zetkin reagierte darauf sofort und uneingeschränkt zustimmend. Die SPD-Ortsgruppen in Berlin-Charlottenburg und Berlin-Mariendorf waren zunächst die einzigen, die sich zu dem Aufruf der Gruppe bekannten. Am 30. Oktober 1914 distanzierte sich die Gruppe in der Schweizer Zeitung Berner Tagwacht öffentlich von der SPD-Führung, die zuvor ihrerseits die Zweite Internationale kritisiert hatte. Von da an wurden ihre Mitglieder polizeilich überwacht, bald darauf wurden einige festgenommen und inhaftiert.Hugo Eberlein: Erinnerungen an Rosa Luxemburg bei Kriegsausbruch 1914 (PDF; 89 kB).
Karl Liebknecht stimmte am 2. Dezember 1914 als erster und zunächst einziger SPD-Abgeordneter im Reichstag gegen die Verlängerung der Kriegskredite. Im Januar 1915 gab es mit Otto Rühle und weiteren eine Opposition zum Krieg und zur Kriegsbejahung der SPD-Mehrheit innerhalb der SPD-Fraktion.
Im März 1915 gab die Gruppe eine Zeitschrift unter dem Namen „Internationale“ heraus, die nur einmal erschien und sofort von der Polizei beschlagnahmt wurde.
„Spartakusgruppe“ mini|Spartakusdenkmal in Berlin, Chausseestraße 121 (Hinterhof) am Gründungsort der Spartakusgruppe 1916 Im Jahr 1916 organisierte sich die Gruppe reichsweit. Am 1. Januar nahm sie die von Rosa Luxemburg in der Haft verfassten „Leitsätze über die Aufgaben der internationalen Sozialdemokratie“ als ihr Programm an. Am 27. Januar erschien der erste der fortan so genannten illegalen „Spartakusbriefe“,Rosa Luxemburg: Der Rhodus., Spartacus, Nr. 1 vom 20. September 1916. In: Spartakusbriefe, Berlin 1958, S. 211–217. Nach Gesammelte Werke, Band 4, S. 209–214. der die Ziele der Gruppe ausführte. Deshalb gab der Volksmund der Gruppe den Namen „Spartakus“, so dass diese sich nun ihrerseits „Spartakusgruppe“ nannte.Ernst Meyer (Hrsg.): Spartakus im Kriege: die illegalen Flugblätter des Spartakusbundes im Kriege. Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten g.m.b.h., 1927, S. 10 (Daten) und 147 (Namenserklärung). In Berlin erinnert das Spartakusdenkmal in der Chausseestraße 121 (nach Abriss des historischen Gebäudes und folgendem Neubaus in den 2000er nur im Hinterhof und per Klingelknopf zu ersehen) an die Gründungsversammlung der Gruppe.
Die Minderheit der erklärten Kriegsgegner innerhalb der SPD-Fraktion war bis Dezember 1915 auf 20 angewachsen. Karl Liebknecht wurde im Januar 1916 aus der Fraktion ausgestoßen, Otto Rühle trat daraufhin aus Solidarität mit Liebknecht aus, die 18 anderen Abweichler wurden im März 1916 ausgeschlossen.
Die Spartakusgruppe gewann unterdessen neue Mitglieder. Zu den bekannteren gehörten Willi BudichAnnelies Laschitza, Günter Radczun: Rosa Luxemburg. Ihr Wirken in der deutschen Arbeiterbewegung. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1971, S. 451., Edwin HoernleJoachim Mehlhausen: Und über Barmen hinaus. Studien zur Kirchlichen Zeitgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, ISBN 3-525-55723-X, S. 56., Paul LangeGiselher Schmidt: Spartakus. Athenaion, 1971, ISBN 3-7997-0081-1, S. 130., Jacob WalcherErnst Stock, Karl Walcher: Jacob Walcher (1887-1970): Gewerkschafter und Revolutionär zwischen Berlin, Paris und New York. Trafo, 1998, ISBN 3-89626-144-4, S. 204. und Friedrich Westmeyer.Theodor Bergmann, Wolfgang Haible, Galina Iwanowa: Friedrich Westmeyer: von der Socialdemokratie zum Spartakusbund - eine politische Biographie. VSA, 1998, ISBN 3-87975-719-4.
Anschluss an die USPD Die Kriegsgegner innerhalb der SPD gründeten im April 1917 eine eigene Partei, die USPD. Dieser schloss sich die Spartakusgruppe an, obwohl sie die Spaltung der SPD zuvor immer abgelehnt hatte. Sie behielt aber ihren Gruppenstatus als „geschlossene Propaganda-Vereinigung“, um die USPD zu beeinflussen.Hans W. Holub: Eine Einführung in die Geschichte des ökonomischen Denkens 1: Die österreichische Schule im 20. Jahrhundert und die Strömungen im Sozialismus des 20. Jahrhunderts. Lit Verlag, 2011, ISBN 3-643-50283-4, Denn auch dort waren die internationalistischen Marxisten eine Minderheit. „Revisionisten“ wie Eduard Bernstein und „Zentristen“ wie der frühere Programmautor der SPD, Karl Kautsky und Hugo Haase, waren mit den Spartakisten nur in der Ablehnung der Kriegskredite einig. Sie hatten sich noch bei der Zimmerwalder Konferenz (September 1915) geweigert, diese Ablehnung auch gegen die Fraktionsdisziplin der MSPD im Reichstag zu vertreten. Das hatte die Spartakusgruppe heftig kritisiert.Ernst Meyer (Hrsg.): Spartakus im Kriege: die illegalen Flugblätter des Spartakusbundes im Kriege. Vereinigung Internationaler Verlagsanstalten g.m.b.h., 1927, S. 10.
Verhältnis zu den Bolschewiki Die Spartakusgruppe begrüßte die Februarrevolution 1917 in Russland als für die ganze Welt und Europa wichtigen Sieg der eigenen Sache. Sie erwähnte die Bolschewiki aber nicht und blieb von ihnen unbeeinflusst. Rosa Luxemburg sah die Aufklärung der deutschen Arbeiter über diese Revolution damals als wichtigste Aufgabe des Spartakus an.Annelies Laschitza, Günter Radczun: Rosa Luxemburg. Ihr Wirken in der deutschen Arbeiterbewegung. Verlag Marxistische Blätter, Frankfurt am Main 1971, S. 416. Seit Sommer 1917 kritisierten sie und Leo Jogiches die putschistische Politik der Bolschewiki gegen die Regierung Alexander Kerenskis. Sie lehnten auch Lenins (Aprilthesen: Frieden um jeden Preis) und Leo Trotzkis Streben nach einem Separatfrieden mit dem Deutschen Kaiserreich ab, weil dieser Frieden eine internationale proletarische Kriegsopposition und die Erfolgsaussicht einer deutschen Revolution gefährde. Vom Friedensvertrag von Brest-Litowsk (3. März 1918) distanzierte sich Rosa Luxemburg ebenso wie vom Zusatzabkommen dazu (27. August 1918). Die Terrormaßnahmen der Bolschewiki unter Felix Dserschinski stießen auf ihren Widerwillen. Dass Lenins Freund Karl Radek nach einem Attentatsversuch auf Lenin damit drohte, „die Bourgeoisie abzuschlachten“, nannte sie im September 1918 „eine Idiotie ersten Ranges“.Gerd Koenen: Der Russland-Komplex: Die Deutschen und der Osten 1900-1945. C.H. Beck, München 2005, ISBN 3-406-53512-7, S. 191–193.
In ihrem Aufsatz „Die russische Revolution“ (Herbst 1918) begrüßte Rosa Luxemburg grundsätzlich die Oktoberrevolution 1917 in Russland, bei der die Bolschewiki unter Lenin und Trotzki die Duma aufgelöst und die Staatsmacht erobert hatten. Sie kritisierte aber die Parteiorganisation der Bolschewiki, Lenins Kader-Konzept und innerparteiliche Diktatur, weil sie die demokratische Mitwirkung der Arbeiter an der Revolution verhindern und ersticken werde.Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution. (Originalmanuskript von 1918). Die übrigen Spartakisten stellten öffentliche Kritik an den Bolschewiki damals aus Loyalität zurück.Elizaveta Liphardt: Aporien der Gerechtigkeit. Politische Rede der extremen Linken in Deutschland und Russland zwischen 1914 und 1919. Walter de Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-091186-8, S. 101. Paul Levi veröffentlichte den Aufsatz erst 1922, drei Jahre nach dem Tod der Autorin.Paul Frölich: Rosa Luxemburg: Gedanke und Tat. Dietz, Berlin 1990, ISBN 3-320-01575-3, S. 305.