mini|hochkant=1.5|Fortschritt wird sehr unterschiedlich aufgefasst und ist eine Frage der Sichtweise.

Fortschritt (Lehnübersetzung von griechisch επίδοσις „Zugabe, Steigerung, Leistung“, προκοπή „Vorankommen, Fleiß“ bzw. lateinisch profectus „Fortgang, Erfolg“, progressio „Steigerung, Wachstum“, progressus „das Vorrücken, Voranschreiten“) bezeichnet in der Philosophie, Politik, Technologie und der Wirtschaft grundlegende Verbesserungen durch bedeutende Veränderungen bestehender Zustände oder Abläufe in menschlichen Gesellschaften. Es gibt keine allgemein anerkannte Definition des sehr unterschiedlich konnotierten Begriffs; eine spezifischere, aktuell anmutende Definition lieferte etwa der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler Ferdinand Tönnies 1926, der Fortschritt als zunehmende Überwindung von Mangelzuständen ansah.Patrick Henßler, Josef Schmid: Bevölkerungswissenschaft im Werden: Die geistigen Grundlagen der deutschen Bevölkerungssoziologie. Springer VS, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-14793-2, S. 151 (). Gegenbegriffe sind Rückschritt oder Stillstand.

Jeder Fortschritt setzt willentliche und gezielte Veränderungen voraus, die als Innovationen bezeichnet werden. Ihre Bewertung ist anthropozentrisch und nicht ganzheitlich: Bei angestrebten Neuerungen dient sie den betreibenden Interessengruppen zur Rechtfertigung und Durchsetzung ihrer Ideen – unabhängig von ihrem tatsächlichen Nutzen. Werden Wirkungen solcher Veränderungen erkennbar, die von einem Großteil der Gesellschaft positiv bewertet werden (zumeist, weil sie spürbar die Lebensqualität verbessern), erfährt die Zuschreibung als Fortschritt breite Zustimmung. Nach diesem Muster – das den Fortschrittsglauben stärkt und sich in der politischen Philosophie des Progressivismus ausdrückt – haben sich vor allem die modernen Industriegesellschaften entwickelt.

Geschichte der Fortschrittsidee Antike Aristoteles spricht von Fortschritt in Bezug auf das Wachstum von Menschen, Tieren und Pflanzen, gebraucht den Begriff aber auch – wie schon Plato – in Bezug auf die Entwicklung der menschlichen Künste und Fähigkeiten. Er hält es für sinnlos, bei den Auffassungen der Alten zu bleiben; Bewegung sei besser. Polybios meint damit den Aufstieg der Römer und das Fortschreiten der Kenntnisse und Fähigkeiten in neuerer Zeit. Für Xenophanes ist das Streben nach dem von den Göttern Verborgenen im Fortgang der Zeit ein Merkmal der Bewegung hin zum Besseren. Hier kommt also andeutungsweise ein aufklärerisches, Mythen zerstörendes Moment ins Spiel. Cicero meint mit progressio den sittlichen Fortschritt der Römischen Republik nach der Befreiung von der Königsherrschaft. Für Epiktet bezieht sich Fortschritt auf den Zuwachs der individuellen Weisheit und Tugend.Epiktet: Encheiridion, 12. Auch für Seneca ist das Streben nach Weisheit und Tugend ein Gradmesser für den sittlichen Fortschritt, selbst wenn das Ziel als solches unerreichbar ist. Lukrez (in De rerum natura) schließt erstmals kollektive Kulturleistungen wie die Erfindung der Sprache, die Etablierung des Gesetzes und die Gründung der Städte in den Fortschrittsgedanken ein; der menschliche Geist erschließe nach und nach das Verborgene. Allerdings ist für ihn der technische und wirtschaftliche Fortschritt durchaus mit einem Verfall der Sitten verbunden. Wie Plato nimmt er an, dass der Lauf der Zeit nach wie vor den Gesetzen des Kosmos unterworfen sein könne; die Lehre vom kreisförmigen Umlauf des Alls und vom Werden und Vergehen aller menschlichen Hervorbringungen bleibt so in Geltung.Joachim Ritter: Fortschritt, in: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 2, 1972, Sp. 1032–1034. Vergil sieht die menschlichen Hervorbringungen als Antwort auf die Beschwernisse, die Jupiter ihnen in den Weg gelegt hat, um sie zu neuen Erfindungen anzuhalten.

Frühes Christentum Der unerwartete Untergang des Römischen Reichs diente in der Geschichte und im politischen Diskurs einerseits als Beispiel für einen zyklischen Geschichtsverlauf. Andererseits setzten christliche Autoren wie zuerst Augustinus von Hippo dieser Vorstellung die Idee einer linear verlaufenden Weltzeit entgegen, die durch die Einmaligkeit des Erscheinens Christi in zwei Teile geteilt wird.Joachim Ritter: Fortschritt, Sp. 1034. Für Avitus von Vienne (De spritalis Historie gestis, um 500) ist die Entwicklung der materiellen Kultur vom Feigenblatt Adams und Evas bis hin zum Ackerbau und darüber hinaus eng mit der Erbsünde verbunden und auf Strafen Gottes zurückzuführen. So berichtet die Genesis von Fortschritten der kulturschaffenden Aktivitäten des Menschen erst nach dem Sündenfall, und ausgerechnet die Nachkommen des Brudermörders Kain werden als Erfinder verschiedener Kulturtechniken genannt, nämlich der Viehzucht, der Musik und der Eisenschmiedekunst.Genesis, 20–22. Daher erscheint den frühen christlichen Autoren der materielle Fortschritt als vollständig entkoppelt von der Durchsetzung des Christentums, das als eigentlicher Höhepunkt der bisherigen Entwicklung der Welt gilt, und die menschliche Arbeit wird eher als Strafe denn als Quelle eines wie auch immer gearteten Fortschritts angesehen.

Mittelalter mini|Roger Bacon führt alchemistische Experimente durch. Radierung, 19. Jahrhundert

Den Menschen des Mittelalters und selbst der frühen Renaissance war das bewusste Streben nach Verbesserung und Reform fern, da die Welt als von Gott gut bestellt galt. Tugend auszuüben und sich von der Sünde fernzuhalten galt als progressus hin zu Gott, als eine irdische Pilgerschaft zum ewigen Leben. Erst Thomas von Aquin erkennt, dass es im Lauf der Zeit einen Vermehrungsprozess des menschlichen Wissens gegeben habe. In der Folge, vor allem bei Duns Scotus, bildet sich die Vorstellung der Vervollkommnung des menschlichen Wissens immer deutlicher heraus. Damit geraten auch die als zu statisch empfundenen Lehren der kirchlichen Autoritäten in den kritischen Blick: Für Albertus Magnus gelten sie nur noch als „Vorbereiter“. Neue Einsichten entstünden per experimentum – eine Vorstellung, die von Roger Bacon weiterentwickelt wird, der immerhin schon von Flugmaschinen und einer Verlängerung des Lebens träumt.Joachim Ritter: Fortschritt, Sp. 1035–1036.

Renaissance und Aufklärung Die Fortschrittsidee im heutigen Sinn entstand als eine der entscheidenden Leitkategorien der Moderne erst während der Hochrenaissance. Rabelais gebraucht 1532 erstmals den nicht-lateinischen Begriff progrès, 1588 findet er sich bei Montaigne im Sinne eines allgemeinen Wandels zum Besseren. Francis Bacon (De dignitate et augmentis scientiarum, 1605) spricht von der „Würde und dem Fortgang der Wissenschaften“, die sich auf Wege begebe, die die Alten weder gekannt noch versucht hätten. Der Fortgang zeige sich vor allem in den Erfolgen der mechanischen Künste. Bacon kritisiert die übertriebene Verehrung des Alten und besteht auf der alleinigen Überzeugungskraft der Evidenz: Das Festhalten an den Autoritäten lähme das kreative Potenzial der Menschen. Das Wissen entstamme dem Bereich der Praxis, es resultiere nicht aus der Kontemplation oder einem Kanon von Wahrheiten. Charles Perrault, der die Querelle des Anciens et des Modernes über die Überlegenheit der damaligen Kultur über die der Antike auslöste, vertrat die These, dass die Zeit an der Vervollkommnung der Welt arbeite. Es gebe nichts, was sie nicht vollende. Allerdings tritt für Perrault mit dem Zeitalter Ludwigs XIV. ein Stillstand auf einem Höhepunkt der Entwicklung ein. Leibniz und Robert Boyle sind hingegen davon überzeugt, dass der künftige Fortschritt sicherlich größer sein werde, als man es zu ihrer Zeit wissen könne.Joachim Ritter: Fortschritt, Sp. 1037–1040. Doch wird die Vorstellung einer permanenten Vervollkommnung des Wissens nicht sofort auf die gesellschaftliche Ordnung übertragen: Selbst die Anfänge der Entwicklung einer staatlichen Gesetzgebung hatten nicht die Vervollkommnung der Staatsordnung zum Ziel, sondern ergaben sich aus den wechselnden Zielen der Monarchen.

Geht man jedoch von Thomas Hobbes’ Diagnose eines chaotischen, vom Eigennutz der Menschen getriebenen gesellschaftlichen Naturzustandes als Bellum omnium contra omnes aus (eine Metapher, die er zuerst in seinem Werk De cive 1642 verwendete), so ist die gesamte spätere Menschheitsgeschichte mitsamt der Institutionalisierung von Recht, politischer Herrschaft und (gezügelter) staatlicher Gewalt als ein einziger Fortschritt zu begreifen, was Steven Pinker auch für die heutige Zeit behauptet.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. 3. Aufl. Stuttgart 2022, S. 25; siehe auch Steven Pinker: Gewalt. 3. Aufl. Frankfurt 2018.

Der Blick der Kolonisatoren und der Aufklärung des 18. Jahrhunderts auf die außereuropäischen Völker änderte dieses Bild nicht, auch wenn es in Deutschland im Dreißigjährigen Krieg vorübergehend erschüttert wurde. Mit Turgot, Voltaire, dem Abbé de Saint-Pierre und Condorcet erscheint die ganze Menschheitsentwicklung von den „barbarischen“ Völkern Amerikas über die im Aberglauben befangenen, von Despoten beherrschten Völkern Asiens bis zu den am meisten aufgeklärten Völkern Europas als Universalgeschichte des Fortschritts.Joachim Ritter: Fortschritt, Sp. 1043–1044. Mindestens implizit ist dann immer Europa Quelle und Vorbild allen Fortschritts, während die Versklavung ganzer Völker nur ein Beispiel dafür ist, „sich so zu verhalten, wie Menschen es schon immer getan haben“.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. 3. Aufl. Stuttgart 2022, S. 31.

Ausdruck dieses Fortschritts wird zunehmend die Durchsetzung eines rationalen, nicht mehr vom Glauben abhängigen Weltbildes. Die Aufklärung spezifiziert den Fortschrittsbegriff nicht nur im Sinne der Entwicklung der materiellen Kultur und „ziviler“ Verhaltensmuster, sondern als Überwindung vorurteilsbehafteter Denkmuster und Moralvorstellungen durch die Herrschaft der Vernunft. Die Encyclopédie nennt den schnellen Fortschritt in einer Wissenschaft oder Kunst progrès.

mini|Étienne-Louis Boullée: Entwurf eines Kenotaphs für Isaac Newton (1784) – ein Symbol der weltweiten Herrschaft der Rationalität, verkörpert in der Geometrie Dabei wird jedoch ein Widerspruch zwischen der Entwicklung der Gattung und der der Individuen deutlich. Dem fortschrittlichen Zustand der Kultur und Zivilisation entspricht nicht notwendig die sittliche Verfassung des Individuums. Rousseau geht sogar von der Verderbnis der Seelen durch die Fortschritte der Kultur und Zivilisation aus. In seinem Diskurs über die Ungleichheit (1755) versucht er zu zeigen, dass alle positiv bewerteten kulturellen Errungenschaften auch Übel wie Habgier und Egoismus mit sich bringen, die den positiven Effekt überwiegen. Allerdings kann er nur postulieren, aber nicht wirklich zeigen, dass die Ungleichheit erst mit der Landwirtschaft, mit der Einzäunung eines Stückes Land durch einen privaten Eigentümer beginnt oder dass alle Agrargesellschaften notwendig mit einem hohen Maß an Ungleichheit verbunden sind.David Graeber, David Wengrow: Anfänge. 3. Aufl. Stuttgart 2022, S. 15 f. Doch steht für ihn anders als für die meisten Aufklärer die Perfektibilität des Menschen unter dem Vorbehalt des Zufalls. Zwar wird das Individuum durch die Arbeitsteilung und Konkurrenz vielleicht reicher, doch nicht notwendig glücklicher und sittlich besser. Denkbar wird damit jeder Seinszustand des Menschen.