Emotionstheorien sind Ansätze zur Erklärung, was Emotionen sind, wodurch sie verursacht werden und wie sie sich auf das Verhalten von Lebewesen auswirken.
Kategorisierung der Emotionen Es gibt verschiedene Arten, Emotionen zu kategorisieren: Klassifikation anhand des Inhaltes der Emotionen. Emotionen haben 1.) eine Ausrichtung, die sich in Kategorien beschreiben lässt, sogenannte Basis-Emotionen (Verachtung, Ekel, Ärger, Angst, Traurigkeit, Scham, Schuld, Freude, Überraschung, Interesse etc.). Prominente Vertreter dieser Vorstellung sind Darwin 1872 und Paul Ekman & Friesen 1970. Zudem haben sie 2.) eine Ausprägung, die sich dimensional beschreiben lässt (z. B. leichter Ärger bis hin zu rasender Wut). Prominente Vertreter sind Wilhelm Wundt (19. Jahrhundert); Russell (1980er Jahre); aktuell z. B. Green & Salovey. Klassifikation anhand der Annahmen über die Natur von Emotionen. Verhaltenstheorien bzw. behavioristische Theorien definieren Emotionen als beobachtbare Verhaltensweisen, die durch bestimmte Vorkommnisse (Reize) ausgelöst werden. Mentalistische Emotionstheorien sehen Emotionen als psychische Zustände und Syndromtheorien verstehen Emotionen als Syndrome aus Verhalten und psychischen Zuständen. Klassifikation anhand der zentralen Fragestellungen der Theorien. Evolutionspsychologische Emotionstheorien befassen sich mit der evolutionären Entwicklung und Bedeutung von Emotionen, im Gegensatz zu Lernpsychologischen Emotionstheorien, die sich damit beschäftigen, inwieweit und auf welche Weise Emotionen erlernt werden. Kognitive Emotionstheorien hingegen stellen dar, wie Emotionen von der Interpretation eines Ereignisses verursacht werden, während Neuro- und psychophysiologische Theorien erklären, was im Körper und besonders im Gehirn passiert, wenn ein Lebewesen Emotionen zeigt.
Dimensionale Klassifikation von Emotionen Es wird angenommen, dass die Emotion das Resultat einer mehr oder minder starken Ausprägung auf mehreren bestimmten Dimensionen ist. Es besteht jedoch Uneinigkeit darüber, welche Dimensionen dies sind.
Wilhelm Wundt nahm etwa die folgenden drei Dimensionen an:W. Wundt: Grundzüge der physiologischen Psychologie. Engelmann, Leipzig 1874, S. 800f.
Spannung – Lösung Lust – Unlust Erregung – Beruhigung
In der Psychophysiologie wird weitgehend davon ausgegangen, dass Emotion sich im Kern aus zwei orthogonalen Dimensionen zusammensetztP. Lang, M. Bradley: Emotion and the motivational brain. In: Biological Psychology. Band 84, Nr. 3, 2010. doi:10.1016/j.biopsycho.2009.10.007C. D. Wilson-Mendenhall, L. F. Barrett, L. W. Barsalou: Neural Evidence that human emotions share core affective properties. In: Psychological Science. Band 24, Nr. 6, 2013, S. 947–956.
Arousal: ruhig – erregt Valenz: positiv/angenehm – negativ/unangenehm
Im Selbstbericht hingegen finden sich Hinweise darauf, dass sich zwei überlappende Dimensionen erfassen lassen:U. Schimmack: Pleasure, displeasure, and mixed feelings: Are semantic opposites mutually exclusive? In: Cognition & Emotion. Band 15, Nr. 1, 2001, S. 81–97.A. Kron, A. Goldstein, D. H.-J. Lee, K. Gardhouse, A. K. Anderson: How are you feeling? Revisiting the quantification of emotional qualia. In: Psychological science. Band 24, Nr. 8, 2013, S. 1503–1511.
Intensität von Angenehmheit: keine – hoch Intensität von Unangenehmheit: keine – hoch
Kategoriale Klassifikation von Emotionen Verfechter dieser Theorie gehen davon aus, dass sich die Emotionen aus bestehenden Basisemotionen zusammensetzen. Das sind Emotionen, die nicht weiter auf andere Emotionen zurückgeführt werden können, bzw. Emotionen, aus denen sich alle anderen – komplexeren – Emotionen zusammensetzen.
Lothar Schmidt-Atzert führte dazu eine Untersuchung durch, bei der Versuchspersonen Listen mit Begriffen von emotionaler Bedeutung dargeboten wurden. Die Aufgabe bestand darin, die subjektiv wahrgenommene Ähnlichkeit der einzelnen Begriffe einzuschätzen. Dann wurden diese Begriffe je nach eingeschätzter Ähnlichkeit zu Gruppen subsumiert und als Basisemotionen deklariert.
Robert Plutchik extrahierte schließlich acht Basisemotionen, die jeweils noch in ihrer Intensität verschieden stark ausgeprägt sein konnten und ringförmig angeordnet wurden. In dem Ring wurden die Emotionen so angeordnet, dass ähnliche Emotionen dabei möglichst nah beieinander lagen und unähnliche Emotionen weit voneinander entfernt waren. Emotionen, die sich aus zwei in diesem Ring direkt benachbarten Emotionen zusammensetzten, bezeichnete Plutchik als primäre Dyaden (auch Primäremotionen genannt), solche, die aus einer Zusammensetzung von Emotionen entstanden, bei denen eine Emotion dazwischen lag, als sekundäre Dyaden und solche, bei denen zwei Emotionen dazwischen lagen, als tertiäre Dyaden – die beiden letzteren Typen werden auch als Sekundäremotionen bezeichnet. Hierbei waren die tertiären Dyaden komplexere Emotionen als die sekundären Dyaden, welche wiederum komplexer als primäre Dyaden waren, welche wiederum komplexer als die Basisemotionen waren. Emotionen, die sich aus Emotionen aus gegenüberliegenden Bereichen zusammensetzten, waren schließlich so verschieden, dass sich ihre Wirkung wieder aufhob.
Diese acht Basisemotionen sind:
Furcht / Panik Zorn / Wut Freude / Ekstase Traurigkeit / Kummer Akzeptanz / Vertrauen Ekel / Abscheu Überraschung / Erstaunen Neugierde / Erwartung
Sie hätten sich (nach Plutchik) aus evolutionären Kontexten entwickelt. Insbesondere sei mit jeder Emotion auch ein Handlungsimpuls verkettet – bei Furcht etwa eine Fluchttendenz.
Paul Ekman, der ein Facial Action Coding System zur Emotionserkennung anhand von Gesichtsausdrücken entwickelte, hat sieben Basisemotionen empirisch nachgewiesen:Paul Ekman (Hrsg.): Gesichtsausdruck und Gefühl. 20 Jahre Forschung von Paul Ekman. Paderborn 1988. Freude, Wut, Ekel, Furcht, Verachtung, Traurigkeit und Überraschung. Zum Grundgefühl zählen weiterhin Liebe, Hass und Vertrauen.J.H. Otto, Harald A. Euler, Heinz Mandl: Emotionspsychologie. Ein Handbuch. Beltz, Weinheim 2000.
Nach Carroll E. Izard existieren zehn Formen von Emotionen, die in jeder Kultur vorkommen: Interesse, Leid, Widerwillen (Aversion), Freude, Zorn, Überraschung, Schamgefühl, Furcht, Verachtung und Schuldgefühl.Carroll E. Izard: Die Emotionen des Menschen. Eine Einführung in die Grundlagen der Emotionspsychologie. Aus dem Englischen übersetzt von Barbara Murakami. Beltz, Weinheim/Basel 1981.
Ältere Theorien teilen Emotionen in vier Hauptgruppen ein: Angst und Verzweiflung, Ärger und Wut, Freude, Trauer. Weitere Formen sind Enttäuschung, Mitleid, Sympathie, Neid, Stolz und Verliebtheit.
Die Theorie der Basisemotionen stieß häufig auf Kritik, da von unterschiedlichen Forschern nicht immer die gleichen Basisemotionen – insbesondere noch nicht einmal die gleiche Anzahl von Basisemotionen – gefunden werden konnte. So nahm man an, dass eine solche empirische Breite in den Ergebnissen nicht auf ein fundamentales Konstrukt wie das der Basisemotionen zurückgeführt werden kann. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Benennung der Basisemotionen vielleicht durchaus verschieden sein kann, jedoch das, was die einzelnen Forscher konkret darunter verstanden, wohl dasselbe sein konnte. Dennoch ändert dies nichts an der Tatsache, dass diese Basisemotionen tatsächlich bestehen können – wenngleich stichhaltige empirische Belege dafür bisher fehlen. Vgl. 10 basale Affektdimension, Artikel Affekt
Ortony, Clore und Collins entwickelten 1988 eine Struktur der Emotionen, welche sie unter dem Titel der valenzierten Emotionen (bewertete Emotionen) in ihrem Werk „The Cognitive Structure of Emotions“ veröffentlichten. Sie benannten drei Kategorien, die dann wieder jeweils unterteilt wurden. Die erste Kategorie dieser Struktur sind die Konsequenzen eines Ereignisses, darüber kann das Individuum sich freuen oder nicht freuen. Hierbei ist es wichtig, ob es sich um Konsequenzen für das Individuum selbst handelt, hier würde es Hoffnung/Angst oder Freude/Leid empfinden, oder ob es sich um Konsequenzen für eine andere Person handelt, hier würde es die Konsequenzen als wünschenswert oder nicht wünschenswert bezeichnen.
Die zweite Kategorie betrifft die Handlungen eines Agenten, die das Individuum entweder ablehnt oder befürwortet. Dreht es sich dabei um eine eigene Handlung des Individuums, so empfindet es Stolz oder Scham. Bewertet es die Handlung einer anderen Person, so empfindet es Bewunderung oder Tadel.
Die dritte Kategorie beinhaltet die Bewertung eines Objektes; dieses empfindet das Individuum als attraktiv oder nicht. Ortony, Clore und Collins postulierten, dass die Intensität einer emotionalen Empfindung durch diese drei Intensitätsvariablen, freuen/nicht freuen, ablehnen/befürworten und mögen/nicht mögen, gesteuert wird. Durch diese Strukturierung wird deutlich, dass es laut Ortony et al. drei Hauptgruppen von Gefühlen gibt. Die ereignisfundierten Gefühle, welche durch die Erwartbarkeit des Ereignisses beeinflusst werden, die akteursfundierten Gefühle und die objektfundierten Gefühle. Diese drei Hauptgruppen können untereinander verknüpft sein und somit, laut Ortony u. a., eines der 22 Hauptgefühle hervorrufen, von denen sich die anderen emotionalen Zustände ableiten lassen.
Zwei-Komponenten-Theorie (Schachter & Singer) Stanley Schachter und Jerome E. Singer entwickelten 1964 die Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion.S. Schachter: The interaction of cognitive and physiological determinants of emotional states. In: L. Berkowitz (Hrsg.): Advances in experimental social psychology. Vol. 1, Academic Press, New York 1964, S. 49–80. Nach dieser Theorie ist emotionales Erleben das Resultat eines Wahrnehmungsprozesses. Ausgehend von der Wahrnehmung einer physiologischen Erregung wird eine angemessene Erklärung dafür gesucht (Kausalattribution), wobei situationsbedingte Informationen berücksichtigt werden, d. h. die gleiche physiologische Erregung kann in unterschiedlichen Situationen zum Erleben unterschiedlicher Emotionen führen.
Subsystem-Theorie (Scherer) Klaus R. Scherer entwickelte die Theorie der Subsysteme. Dies soll bedeuten, dass an emotionalen Prozessen fünf Subsysteme beteiligt sind, die jeweils funktional definiert sind. Es existiert ein informationsverarbeitendes Subsystem, welches den Reiz durch Wahrnehmung, Gedächtnis und/oder Vorhersage evaluiert. Das unterstützende Subsystem reguliert den internen Zustand durch Kontrolle von neuroendokrinen, somatischen und autonomen Zuständen. Die Auswahl zwischen zwei konkurrierenden Motiven und die Vorbereitung dieser Motive trifft ein leitendes Subsystem. Motorische Ausdrücke und ein sichtbares Verhalten werden durch das handelnde Subsystem ermöglicht. Das informationsverarbeitende Subsystem basiert hingegen auf den Einschätzungen, die getroffen werden.
Ebenso schrieb Scherer in seiner gemeinsamen Arbeit mit Leventhal der Informationsverarbeitung drei Ebenen zu. die schematische Ebene die sensomotorische Ebene die begriffliche Ebene. Welche Ebene letztendlich genutzt wird, hängt von dem Repräsentationsmedium ab.
Kognitive Bewertungstheorien Die psychologische Forschung legt nahe, dass das menschliche Verhalten aus automatisierten, schnellen und emotionalen Einschätzungen hervorgerufen wird.