mini|hochkant|Die Tafelrunde Friedrichs II. in Sanssouci (Potsdam).Philosoph Voltaire (3.v.l.) im Gespräch mit Schriftsteller Francesco Algarotti; Ölgemälde von Adolph von Menzel, 1850

Elite (ursprünglich von ) bezeichnet soziologisch eine Gruppierung von tatsächlich oder mutmaßlich überdurchschnittlich qualifizierten Personen oder die herrschenden bzw. einflussreichen Kreise einer Gesellschaft. Der Begriff bezieht sich meist auf näher definierte Personenkreise, wie z. B. die Leistungseliten, Machteliten, Funktionseliten, Wirtschaftseliten oder die Bildungseliten.Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018.

Der Elite gegenüber steht die „Masse“ oder der „Durchschnitt“ („Normalbürger“).Vgl. Morus Markard: „Elite“ gegen „Masse“ oder: Legitimation sozialer Ungleichheit, Hochschultag der Rosa-Luxemburg-Stiftung, 18. November 2000, TU Berlin. Als Elitarismus bezeichnet man die Ideologie, die vom Bewusstsein getragen wird, einer Elite anzugehören.Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018, Deutschland – die Eliten nähern sich an, S. 73 ff.

Begriffsgebrauch und Begriffsgeschichte Das Wort „Elite“ tauchte erstmals im 17. Jahrhundert auf und wurde zunächst zur Bezeichnung von hochwertigen und teuren Waren, vor allem von Stoffen („Elitegarn“) verwendet. Erst allmählich begann man, den Begriff auch auf soziale Zusammenhänge anzuwenden. Zur Zeit der Französischen Revolution wurden mit élite Personen bezeichnet, die sich (im Gegensatz zu Adel und Klerus) ihre gesellschaftliche Position selber verdient hatten. Im Zuge der Industrialisierung wurde der Begriff dann im Bürgertum zur Abgrenzung von der Masse der Ungebildeten und Unselbständigen (den Arbeitern und Angestellten) verwendet.

Gut belegt ist die Verwendung im militärischen Bereich. Eliteeinheiten galten und gelten als besonders gut ausgebildete und ausgerüstete Truppenteile („Garde“).

Im Alltag und in den Massenmedien werden unter „Elite“ in der Regel Personen verstanden, die sich in politischen, wirtschaftlichen, sportlichen, künstlerischen, akademischen o. ä. Spitzenpositionen befinden. Während bis in die 1970er-Jahre eine tiefgreifende Skepsis gegenüber diesen Personen opportun war („Establishment“), dominiert heute ein eher substanzielles Eliteverständnis, demzufolge auf Spitzenpositionen mit alternativer Moral und persönlicher Integrität zu rechnen sei (bspw. „sozialethische“ Forderungen), als in der Masse der Bevölkerung.Vgl. Entsprechend wendet man ein solch substanzialisiertes Verständnis auch auf organisierte Sozialsysteme an, so dass beispielsweise einer „Eliteuniversität“ oder einem „Eliteinstitut“ überdurchschnittliche Forschungsleistungen, Anforderungen und Auswahlkriterien attestiert werden.

Um 1960 setzte die Verwissenschaftlichung des Elite-Begriffs ein. Er wurde als sozialwissenschaftliche Kategorie etabliert und die Existenz der Elite wurde empirisch bewiesen. Den Auftakt bildete die Studie „Die gesellschaftliche Elite“ von Urs Jaeggi.Morten Reitmayer: Elite. Sozialgeschichte einer politisch-gesellschaftlichen Idee in der frühen Bundesrepublik. München 2009, S. 491 ff. (= Ordnungssysteme. Studien zur Ideengeschichte der Neuzeit. Band 28. Herausgegeben von Dietrich Beyrau, Anselm Doering-Manteuffel, Lutz Raphael)

Im Populismus wird die Elite oft als Gegenbegriff zum positiv konnotierten einfachen Volk dargestellt, auf dessen Seite die Sprecher sich im Sinne eines „‚Wir‘ gegen ‚die da oben‘“. rhetorisch stellen.Tim Spier: Was versteht man unter „Populismus“?, Bundeszentrale für politische Bildung, 25. September 2014 (Zugriff am 17. Mai 2020). Dieser Gegensatz findet sich auch in verschiedenen Verschwörungstheorien, in denen den Eliten unterstellt wird, Kriege anzuzetteln, eine Neue Weltordnung zu errichten, satanistischen Kindesmissbrauch zu betreiben oder die Covid-19-Pandemie nur vorzutäuschen.Michael Butter: «Nichts ist, wie es scheint», suhrkamp, ISBN 978-3-518-07360-5, Berlin 2018, S. 170–178; Nancy L. Rosenblum, Russell Muirhead: A Lot of People Are Saying. The New Conspiracism and the Assault on Democracy. Princeton University Press, Princeton 2019, ISBN 978-0-691-20225-9, S. 38 ff.; Ralf Nowotny: „Corona-Hysterie“, um Bürgerrechte einzuschränken? (Faktencheck). Mimikama.at, 26. März 2020.

Elite als soziologischer Begriff In der Soziologie wird der Begriff sowohl wertfrei beschreibend oder erklärend als auch in gesellschaftskritischer Absicht gebraucht. Als „eigentliche“ Elite wird z. B. im Strukturfunktionalismus mehr die Funktions- und Leistungselite gesehen; die Konfliktsoziologie rückt die Machtelite in den Mittelpunkt ihres Interesses.

Beiderlei Gesichtspunkte gelten sowohl für empirische Ansätze in der EliteforschungMannheimer Elite-Studie 1981. In: dbk.gesis.org. (z. B. des Power Structure Research) als auch für die Elitetheorie.

Laut dem Soziologen Michael Hartmann tendiert die Elite dazu, sich ihre eigenen Werte zu schaffen, die die Moral der Gesamtgesellschaft ignorieren,Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018, 1. Einleitung: Parallelwelt mit eigenen Regeln. was sich etwa in der mangelnden Bereitschaft zeige, angemessene Steuern zu entrichten,Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018, Die Mächtigen – Skandale und kein Unrechtsbewusstsein. S. 18 ff. und in der Praxis, demokratische Strukturen zu beeinflussen und/oder zu übergehen.Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018, Machtausübung durch Spenden und Sponsoring. S. 24 ff. Die Strukturen von Eliten in einem bestimmten Land werden laut Hartmann im Wesentlichen determiniert durch ein privilegiertes (z. B. überaus kostspieliges) Bildungssystem des nicht-öffentlichen Bereichs und durch die Art der Auswahl von Kandidaten (Bewerbern für Führungsposten) durch Vertreter der Elite. Das privilegierte Bildungssystem sei in Deutschland wesentlich weniger ausgeprägt als in Frankreich, den Vereinigten Staaten oder in England; deshalb erfolge hier die Aufnahme in elitäre Kreise überwiegend erst ab den ersten Berufsjahren.

Gleichzeitig seien die Strukturen der Eliten in der Regel national orientiert. Der Hintergrund dafür seien vor allem die Studienorte und nationalen Orientierungen der Topmanager, die trotz der internationalen Verflechtung des Kapitals ausgeprägt national orientiert seien.Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018, S. 31 ff. Insofern spricht Michael Hartmann deshalb von einer „Mär von den kosmopolitischen Eliten“.Michael Hartmann: Die Abgehobenen, Wie die Eliten die Demokratie gefährden, Frankfurt 2018, S. 82 ff.

„Elite“ unterscheidet sich vom Begriff „Oberschicht“, obwohl es häufig Schnittmengen gibt. Eine Elite muss nicht notwendigerweise aus Mitgliedern privilegierter sozialer Schichten bestehen. Konzepte wie Schicht und Klasse betonen die ökonomische Dimension sozialer Strukturen, während mit dem Konzept „Elite“ deren politische Dimension betont wird. Zudem zielt der „Schicht“-Begriff auf industrielle Gesellschaften ab, während der „Elite“-Begriff auf alle möglichen Formen gesellschaftlicher Differenzierung Anwendung gefunden hat, bis zurück in die Ur- und Frühgeschichte, insoweit dort bereits feste Arbeitsteilung bzw. legitimierte Herrschaftsformen erschlossen werden konnten.

Elite als Gegenstand der Forschung

Die soziologische Eliteforschung beschreibt die Prozesse des Aufstiegs in die Elite, des Verbleibs oder Nichtverbleibs in ihr, der Durchlässigkeit der Abgrenzung gegenüber ihrer Umwelt sowie der Auswechslung ganzer Eliten. Auch die Zusammensetzung der Eliten, etwa nach Konfession, Volkszugehörigkeit, sozialer Herkunft usw. ist Gegenstand soziologischer Forschung.Pohlmann, Markus: In der Welt zuhause? Die Soziologie auf den Spuren des globalisierten Managers. In: uni-heidelberg.de, 16. Januar 2012. In den Vereinigten Staaten galt z. B. über lange Zeit die Faustregel, dass die Angehörigen der Führungsschicht „WASP“ sein mussten (WASP = weiß, angelsächsisch, protestantisch). John F. Kennedy war der erste US-Staatspräsident, der – als Katholik – dieser Gruppierung nicht angehörte.

Darüber hinaus werden die Privilegien oder Vorrechte untersucht, die mit der Zugehörigkeit zu einer Elite verbunden sind.

Elitetheorien Ein Wechsel der Eliten kann vergleichsweise schleichend (unauffällig) oder schlagartig (revolutionär) erfolgen. Als einer der ersten hat dies der Soziologe Vilfredo Pareto erkannt und mit reichhaltigem historischen Anschauungsmaterial eine Theorie des unausweichlichen Kreislaufs der Eliten ausgebildet: „Die Geschichte ist der Friedhof der Aristokratien.“ Er unterscheidet zunächst statisch zwischen der „Elite“, die an der Macht ist, und der „Reserve-Elite“, die sie ersetzen könnte. Dynamik erlangt seine Theorie in der Zeitdimension. Die der alten Elite gegenüberstehende Reserve-Elite versammelt in sich Eigenschaften, die jene strukturell vernachlässigt, und vermag durch eine Mobilisierung der „Masse“ zur neuen Elite zu werden. Die Masse selbst übernimmt nie die Herrschaft. Sowohl die herrschende Elite als auch die nicht-herrschende Gegenelite bedienen sich Pareto zufolge Erfolg versprechender Derivationen („politischer Formeln“ bei Gaetano Mosca), um die Masse zu täuschen und zu ideologisieren (z. B. „Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann?“, „Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit!“, „Demokratie ist Regierung für das Volk und durch das Volk!“ (Abraham Lincoln), „Alle Macht den Räten!“).

In Anlehnung an Niccolò Machiavelli konstruiert Pareto mit den „Löwen“ und „Füchsen“ zwei extreme Typen der Macht, die einander im Kampf um die Führung gegenüberstehen. Die personelle, intellektuelle und moralische Zusammensetzung einer Elite ist ein Indikator für das Niveau sozialer Integration. Seiner Theorie zufolge unterliegen allem gesellschaftlichen Handeln so genannte „Residuen“; in der Elitebildung dominieren vor allem deren zwei: entweder gesellschaftsweit rigide und die Gewalt nicht scheuende, persistente Strukturen (das Residuum der „Persistenz der Aggregate“ – Elite der Löwen) oder liberale Einstellungen, die kombinatorische Freiheitsgrade („Instinkt der Kombinationen“ – Elite der Füchse) zulassen und fördern. Dabei lösen die Füchse die Löwen evolutionär, die Löwen die Füchse revolutionär ab.

Gaetano Mosca und dann Robert Michels haben als Zeitgenossen Paretos die Unvermeidbarkeit der Herausbildung einer „politischen Klasse“ (Mosca) bzw. einer innerorganisatorischen „Oligarchie“ (Michels) dargelegt. Aus ihren Überlegungen folgt, dass es auch in demokratisch verfassten Systemen notwendig zur Elitebildung komme.

Die strukturfunktionalistische Theorie der Schule um Talcott Parsons betont die Leistungen (achievements), die von Personen in wirtschaftlichen, politischen, rechtlichen, militärischen, künstlerisch-intellektuellen usw. Spitzenpositionen für die Gesellschaft erbracht werden. Entsprechend verwendet der Strukturfunktionalismus das Konzept der „Funktionseliten“ (Leistungseliten), die jeweils „ihre“ Institutionen in idealer Weise repräsentieren. Dem Wohl des Ganzen verpflichtet und davon abhängig, vereinigen sich die gesellschaftlichen Leistungsträger zu einer „strategischen Elite“, die Konsens in zentralen Fragen des Lebens und Überlebens herzustellen zur Aufgabe hat.