Das Erdbeben in Chili ist eine Novelle von Heinrich von Kleist, die er vermutlich im Jahr 1806 verfasst hat. Sie erschien zunächst 1807 in Cottas Morgenblatt für gebildete Stände unter dem Titel Jeronimo und Josephe. Eine Szene aus dem Erdbeben zu Chili, vom Jahr 1647. 1810 erschien sie erneut unter dem nun bekannten Titel im ersten Band der Erzählungen.Anmerkungen des Herausgebers, in: Heinrich von Kleist: Sämtliche Werke und Briefe, Hrsg. Helmut Sembdner, München 1993. Band II, S. 902
Hintergrund Während das Erdbeben von 1647 in Santiago de Chile (bei Kleist „St. Jago, [die] Hauptstadt des Königreichs Chili“) die historische Vorlage für den Text bietet,Zu den Fakten und ihrer Verarbeitung bei Kleist siehe Alfred Owen Aldridge: Das Erdbeben in Santiago de Chile 1647 ist ideengeschichtlich vor allem das Lissabonner Erdbeben von 1755 für Kleist Anlass gewesen.Interpretation zu KleistWerke: Das Erdbeben in Chili Auch andere zeitgenössische Philosophen und Dichter wie Poe, Voltaire, Rousseau und Kant verwendeten dieses Thema, um unter anderem das Theodizeeproblem zu diskutieren. Die Theodizee, die Frage also nach einem allmächtigen und guten Gott angesichts von Leid und Ungerechtigkeit in der Welt, wurde in der Aufklärung prominent von Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716) behandelt, der zum Schluss kam, die existierende Welt sei die bestmögliche Welt. Das Erdbeben von Lissabon stellte diese Formulierung erneut stark in Zweifel.
In Kleists Novelle ist weder die göttliche Fügung noch die Wirkung der Vernunft spürbar. Entscheidend wird das aleatorische Moment, der Zufall, der wie das Erdbeben die narrative Kontinuität ebenso wie jeden Gedanken an ein teleologisches, sinnhaftes und verständliches Geschehen immer wieder zerstört, was die Akteure nicht begreifen, die das Geschehen einem höheren Wesen zuschreiben.Hamacher S. 156 Der Zufall und der damit verbundene Sturz der alten Strukturen schafft aber auch neue: So wird aus dem „Bastard“ ein „Pflegesohn“, aus der natürlichen eine gesetzliche Familie.David E. Wellbery: Semiotische Anmerkungen zu Kleists „Das Erdbeben in Chili“. In: Ders.: Acht Modellanalysen, S. 69–87, hier: S. 75, 78. Kleists Erzählung ist sowohl eine Antwort auf die Frage nach der Theodizee als auch auf die Frage nach dem natürlichen Gut-Sein des Menschen.
Für Werner Hamacher spiegelt sich im Aufbau der Erzählung die Theorie des Erhabenen aus Kants Kritik der Urteilskraft. Kant benennt dort das Erdbeben von Lissabon, angesichts dessen Ausmaße das Vorstellungsvermögen versagt, als eine der Mächte, die das Gefühl des Erhabenen und den Respekt vor dem Übersinnlichen im Menschen weckt und die menschliche Sprache verstummen lässt,Werner Hamacher: Das Beben der Darstellung. In: Wellbery (Hrsg.), S. 158 f. gewissermaßen als eine Theophanie.Hamacher, S. 164. Zum Gefühl des Erhabenen gehöre auch eine masochistische Vermischung von Schmerz und Lust sowie die Idee der göttlichen Aufopferung, eine Neuauflage der Leidensgeschichte Christi, wie sie in Kleists Erzählung zunächst aufscheint,Hamacher, S. 162 f. aber im Folgenden von ihm selbst zerstört wird.Hamacher, S. 171
Kleist verfasste die Arbeit wahrscheinlich in seiner Königsberger Zeit (Mai 1805 bis August 1806). Er war von Januar bis Juli 1807 in französischer Kriegsgefangenschaft; während dieser Zeit vermittelte sein Freund Otto August Rühle von Lilienstern (1780–1847) das Werk an den Verleger Cotta. Das Erdbeben in Chili war die erste gedruckte Erzählung Kleists.
Man hat auch versucht, die Novelle als „Geschichtsphilosophie des Poetischen“ zu lesen, „die auf die politische Verarbeitung der Revolution [von 1789] antwortet“.Helmut J. Schneider: Der Zusammensturz des Allgemeinen. In: David E. Wellbery (Hrsg.): Positionen der Literaturwissenschaft. Acht Modellanalysen am Beispiel von Kleists „Das Erdbeben in Chili“. Beck, München 1985, 2., durchgeseh. Aufl. 1987, S. 110–129 ISBN 3-406-30522-9
Literarische Vorlage Das Grundgerüst der Handlung geht auf den Roman Les Incas, ou La destruction de l'empire du Pérou (1777) von Jean-François Marmontel zurück; dort ist es Alonzo Molina, ein spanischer Konquistador, der Cora, eine einheimische, der Sonnengottheit geweihte Jungfrau, begehrt. Molina will in Peru die Indios zum Christentum bekehren und sie vor Plünderungen seitens der Konquistadoren schützen; aber erst durch ein Erdbeben, das den Tempel, in dem Cora festgehalten wird, zerstört, kommen beide zusammen. Cora wird schwanger; als dies erkannt wird, soll sie hingerichtet werden, denn sie hat gegen das Keuschheitsgelübde verstoßen. Molina stellt sich dem Gericht und hält ein Plädoyer für christliche Vergebung und die Gestattung von natürlichen Gefühlen, wie der Liebe zu Cora. Die Indios werden davon überzeugt, Alonzo und Cora heiraten; doch bei einem Überfall der Konquistadoren unter Pizarro fällt Alonzo, Cora stirbt mit ihrem Kind auf dem Grab ihres Mannes vor Gram.Siehe dazu Susanne M. Zantop: Kolonialphantasien im vorkolonialen Deutschland 1770–1870. Erich-Schmidt-Verlag, Berlin 1999 (Philologische Studien und Quellen; H. 158), S. 147 ff. ISBN 3-503-04940-1
Das Motiv, das die Serie des Unglücks in Kleists Novelle auslöst, die Liebe zwischen einem Hauslehrer und seiner Schülerin, findet sich sowohl in Rousseaus Nouvelle Héloise als auch in Voltaires Candide. Im Unterschied zu Voltaire, der sich über die „beste aller Welten“ lustig macht, wird bei Kleist der Zufall zum dominierenden Ereignis in einer undurchschaubaren Welt.Werner Hamacher: Das Beben der Darstellung. In: Wellbery (Hrsg.), S. 149–173, hier: S. 152 f.
René Girard weist darauf hin, dass auch in den Bakchen des Euripides die Krise mit einem Erdbeben beginnt und mit mörderischen Gewalttaten einer rasenden Menge endet. Erst die Sakralisierung eines (willkürlich ausgewählten) Opfers stellt die Ordnung wieder her.René Girard: Theorie der Mythologie/Anthropologie. In: Wellbery (Hrsg.), S. 130–148, hier: S. 137, 142. Die Amnesie des zweiten Teils greift Motive aus Shakespeares Mittsommernachtstraum auf, wobei die Unterschiede zwischen Mensch, Gott und wildem Tier ebenso wie in der kollektiven Zerstörungswut aufgehoben sind.Girard, S. 144.
Die Erzählung Figuren Don Henrico Asteron, Vater von Donna Josephe Donna Josephe Asteron, Tochter des adligen und reichen Don Asteron Jeronimo Rugera, bürgerlicher Hauslehrer und Geliebter der Donna Josephe sein Vater, der ihn während der Massenhysterie erschlägt Don Fernando Ormez, Sohn des Kommandanten von St. Jago, Freund von Josephe und Jeronimo Donna Elvire, Frau des Don Fernando und Mutter des Sohnes Juan Meister Pedrillo, Schuhmacher, welcher zum Mord an Josephe und Jeronimo hetzt Juan, Sohn von Don Fernando Ormez und Donna Elvire Philipp, Sohn von Josephe und Jeronimo Donna Constanze, Schwester von Donna Elvire und Donna Elisabeth Donna Elisabeth, Schwester von Donna Elvire und Donna Constanze Don Pedro, Vater von Donna Elvire, Donna Constanze und Donna Elisabeth, Schwiegervater von Don Fernando Ormez der Chorherr, der in seiner Predigt zur Lynchjustiz auffordert der Erzbischof, der Josephe vor den Scharfrichter stellen lässt die Äbtissin, die Josephe aufnimmt und sich für sie verwendet der Vizekönig, der Josephes Enthauptung anordnet
Die Konfiguration weist Jeronimo und Josephe sowie die Figuren um Don Fernando als Protagonisten, die Vertreter der Institutionen Kirche, Staat, Familie und des Volkszornes hingegen als Antagonisten aus. Bei den Protagonisten findet allerdings vom ersten zum dritten Hauptteil eine Verschiebung statt: „Jeronimo und Josephe, die beherrschenden Hauptfiguren“ des ersten Teils, „treten hinter der Gestalt Don Fernandos zurück“, der zum „göttlichen Helden“ aufgebaut wird, der gegen eine wilde Rotte kämpft, sich aber als zögerlicher Un-Held erweist.
Handlung Die folgenden Seitenzahlenangaben und Zitate beziehen sich auf Der Hauslehrer Jeronimo verliebt sich in seine Schülerin Josephe. Diese erwidert seine Liebe und beide befinden sich in einem . Die Warnungen des Vaters beachten die beiden nicht, und Jeronimo wird daraufhin entlassen und die Tochter in ein Kloster gesteckt. Obwohl Jeronimo ohne Beschäftigung und Einkommen ist, bricht er den Kontakt zu Josephe nicht ab und es kommt im Klostergarten zur körperlichen Vereinigung, die Kleist mit umschreibt. Das hierbei gezeugte Kind wird am Fronleichnamsfest geboren. Josephe wird ins Gefängnis eingeliefert und ihr wird trotz auf Befehl des Erzbischofs der Prozess gemacht. Der Vizekönig wandelt die Verurteilung zum Feuertod in ein Todesurteil durch Enthaupten um. Auch Jeronimo wird ins Gefängnis gesteckt; die Nachricht über das Todesurteil für seine Geliebte lässt ihn fast . Sein folgender Fluchtversuch bleibt erfolglos. Gottesgläubig bittet er die heilige Mutter Gottes um Rettung für die zur Todesstrafe Verurteilte. In der beschließt er verzweifelt, am Hinrichtungstag der Geliebten sein Leben durch Erhängen zu beenden. Hierbei wird er jedoch durch das Erdbeben überrascht und ist . Die Mauern des Gefängnisses stürzen ein, und er kann flüchten. Er läuft durch die zerstörte Stadt, und überall begegnen ihm Zerstörung und Tod. Außerhalb der Stadt hält er an und bricht aufgrund des Leides und der Anstrengung ohnmächtig zusammen. Als er wieder erwacht, fühlt er sich zufrieden und dankt . Erst danach fällt ihm wieder Josephe ein, und er geht zurück in die Stadt, um sie zu suchen. Dort fragt er die Leute, ob die Hinrichtung vollzogen worden sei. Nachdem er die Antwort erhalten hat, dass dies der Fall sei, und begreift nicht, warum gerade er gerettet wurde. Er wünscht, von neuem über ihn einbrechen möchte. Da dies aber nicht geschieht, setzt er seine Suche fort und findet außerhalb der Stadt in einem lieblichen Tal Josephe und ihr gemeinsames Kind an einer Quelle. Selig umarmen sich die Liebenden und danken Maria für das Wunder der Errettung.
Josephe erzählt Jeronimo, dass auch ihr durch den Einsturz der Gebäude die Flucht gelungen ist und sie danach zum Kloster ging, wo ihr Knabe war, und sie das Kind dort aus dem zusammenfallenden Gebäude hat retten können. Mit diesem lief sie dann zum Gefängnis, doch auch dieses war zerstört und Jeronimo nicht zu finden. So hetzte sie weiter durch die Stadt. Dort sah sie die Leiche des Erzbischofs und dass der Palast des Vizekönigs und das Gerichtsgebäude in Flammen standen. Sie ging weiter, bis sie in das Tal außerhalb der Stadt kam und dort nun wieder mit ihrem Geliebten zusammentraf.
Die beiden fühlen sich an diesem Orte wäre. damit sie endlich glücklich wurden? Unter vielen Küssen schlafen sie ein. Am nächsten Morgen tritt ein junger Mann, Don Fernando, mit einem Kleinkind zu ihnen und bittet Josephe, ob sie dem Kind nicht die Brust geben könne, da die Mutter schwer verletzt sei. Josephe erfüllt den Wunsch, und als Gegenleistung werden sie von der Familie des jungen Mannes zum Frühstück eingeladen. Von allen werden sie , dass sie nicht mehr wissen, ob sie von der schrecklichen Vergangenheit nur geträumt haben. Es wird von den schlimmen Zuständen in der Stadt erzählt, und dass durch das große Unglück die Standesunterschiede verschwunden seien, da alle das Gleiche durchgemacht hätten. Jeronimo und Josephe entschließen sich, beim Vizekönig um ihr Leben zu bitten.