mini|Denkmalgeschütztes ehemaliges Verwaltungsgebäude der Wein- und Likörfabrik CAF Kahlbaum in Berlin-Alt-Hohenschönhausen, Zustand 2018
Die Likör- und Spritfabrik CAF Kahlbaum war ein Spirituosenhersteller in Berlin. Sie wurde im Jahr 1818 von Carl August Friedrich Kahlbaum (1794–1872) als Fabrik für Alkohol-Präparate in Alt-Berlin gegründet. Die Kurzbezeichnung CAF Kahlbaum (abgeleitet aus den Anfangsbuchstaben des Firmengründers) wurde später als Handelsname benutzt und im Lauf der Entwicklung beibehalten. Nach Weitergabe in der Familie und etlichen Standortverlegungen ging CAF Kahlbaum schließlich 1960 im VEB Bärensiegel auf, der historische Name blieb noch einige Jahre auf Flaschenetiketten und auf Briefköpfen in Gebrauch.
Vorgeschichte im 18. Jahrhundert Eine Ersterwähnung des Namens Kahlbaum in Alt-Berlin fand im Jahr 1709 als Julius Kahlbaumsche Probierstube statt. Im Jahr 1799 enthält das Berliner Adressbuch einen Brauer Kahlbaum. Ob dieser Julius Kahlbaum ein früheres Familienmitglied des hier behandelten Carl August Friedrich K. ist, konnte bisher nicht ermittelt werden.
Darüber hinaus finden sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts und in den folgenden Jahren in sehr vielen Straßen von Alt-Berlin Branntwein-Brenner oder Destillateure (Mudrichsgasse 1+2, 9, 10, 11; Mulackgasse 1–4; Münzstraße 3+12; Nagelgasse, …).
1818 bis um 1880 Mit der rapide wachsenden Bevölkerungszahl in Berlin und in den umgebenden Dörfern wurden Spirituosen, Bier und Wein immer stärker nachgefragt. So gründete auch der Kaufmann Carl August Friedrich Kahlbaum in seinem Wohnhaus Münzstraße 19 in Alt-Berlin die Destillerie Spritreinigungsanstalt und Likörfabrik. In der Cöpnickerstraße 96 wohnte und/oder praktizierte in der gleichen Zeit der Brandtweinbrenner C. L. Kahlbaum. In welcher verwandtschaftlichen Beziehung die beiden Kahlbaums standen, geht aus den Adressbüchern nicht hervor.
Zwei Personen mit dem Nachnamen Kahlbaum werden in den 1830er bis 1840er Jahren als Destillateure bzw. Branntweinbrenner in Alt-Berlin geführt: C.A.F., in der Münzstraße 19 und J. in der Mauerstraße 51.
Hier wird jedoch nur die Entwicklung des Unternehmens CAF Kahlbaum dargestellt. Zu Julius Kahlbaum siehe
Im Jahr 1847 hatte Carl August die Fabrik CAF Kahlbaum an seinen Sohn August Wilhelm Kahlbaum (1822–1884) übergeben. Dieser hatte schon zuvor eng mit einem Chemielabor zusammengearbeitet und in der Schlesischen Straße im Jahr 1870 eine zweite Produktionsstätte in der früheren Habelschen ZuckersiedereiZur Habelschen Zuckersiederei. In: Kreuzberger Chronik; abgerufen am 16. August 2021. eröffnet, deren gesamte Immobilie er gekauft hatte. Hier wurden hauptsächlich Industriechemikalien hergestellt.Historischer Überblick über Bärensiegel und zahlreiche Fotos vom Zustand 2014. arche-foto.com; abgerufen am 7. Dezember 2018. A. W. Kahlbaum lieferte auch Geräte für die Alkoholherstellung und eigene Destillate aus Obst.
Der im Jahr 1853 in Berlin in der Familie Kahlbaum geborene Georg Wilhelm August studierte Naturwissenschaften, insbesondere Chemie und Physik, an den Universitäten Berlin, Heidelberg, Straßburg und Basel. In Basel erwarb Georg Kahlbaum den Doktortitel, übernahm aber 1884 die Leitung der in Berlin gelegenen Chemischen Fabrik von Kahlbaum. 1887 hatte er das Amt jedoch abgegeben und sich der wissenschaftlichen Seite der Naturwissenschaften zugewandt. Er erwirkte eine Zulassung als Privatdozent an der Uni Basel und unterrichtete hier. 1893 wurde er zunächst außerordentlicher Professor, 1899 zum Ordentlichen Professor berufen, verbunden mit der Leitung des Forschungslaboratoriums. Seine Forschungsergebnisse veröffentlichte er regelmäßig; für das Unternehmen CAF Kahlbaum trat er nicht mehr in Erscheinung.Kunst, Wissenschaft, Literatur: Nachruf auf Georg Kahlbaum. In: Vossische Zeitung, 29. August 1905.
Das Unternehmen CAF Kahlbaum ging 1879Adlershofer Zeitung, 2017 (PDF) mit folgender Notiz auf S. 8: „In der Innenstadt von der Vertreibung bedroht, sah sich im Jahre 1883 sein inzwischen firmenleitender Enkel Johannes Kahlbaum auf der Suche nach einem brauchbaren neuen Firmenstandort auch in Adlershof um.“ vollständig an einen Enkelsohn des Firmengründers, Carl August Ferdinand Johannes Kahlbaum, über.
Um 1880 bis 1922 Die Chemische Fabrik in der Schlesischen Straße, gelegen inmitten eines immer dichter besiedelten Wohngebiets, musste einen neuen Standort suchen, weil sich vor allem Anwohnerproteste wegen der Geruchsbelästigung häuften.Herbert Teichmann: Chemie in Adlershof in: Mitteilungen, Gesellschaft Deutscher Chemiker / Fachgruppe Geschichte der Chemie (Frankfurt/Main), Band 16, 2002; mit einer kurzen Darstellung von CAF Kahlbaum Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (ab Seite 151). Johannes Kahlbaum, nun Alleininhaber der Chemischen und der Spritfabriken fand im damaligen Berliner Vorort Adlershof eine geeignete Fläche von 120 Morgen und ließ dort ab 1880 nach Entwurf des Architekten Gustav Kraemer und seines Kreuzberger Laborleiters Adolph Bannow eine kleine chemische Fabrik errichten, die 1882 mit der Produktion von reinem Spiritus begann. Anfangs beschäftigte Johannes Kahlbaum in Adlershof 12 Mitarbeiter, die Reinstchemikalien für die Wissenschaft herstellten und die früher kaum genutzten Nebenprodukte der Alkohol-Rektifikation zu Trinkzwecken nutzbar machten. Schnell stieg die Nachfrage nach den Chemikalien und dem Trinkalkohol, so dass bereits die kleine Fabrikanlage kurze Zeit später einem Neubau am gleichen Standort (Glienicker Weg 11–15 Ecke Adlergestell) weichen musste. Außerdem expandierte Kahlbaum mit seinen Schnapsfabriken bald in weitere Berliner Vororte, darunter nach Lankwitz bei Berlin.
Kurze Zeit nach Produktionsbeginn des neuen Betriebes im Jahr 1906 als Chemische Fabrik Adlershof-Berlin starb Johannes Kahlbaum. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits 400 Arbeiter und Angestellte dort beschäftigt und rund 1000 verschiedene Kahlbaum-Reagenzien waren auf dem Markt.
Die Chemiefabrik der Joh.-Kahlbaum-Erben war in der Vorbereitung des Ersten Weltkriegs an der Mitentwicklung chemischer Waffen beteiligt. Fritz Haber nahm darauf besonderen Einfluss; bekannt ist, dass der Sprengstoff TNT hier hergestellt wurde und auch das Gift Bromaceton, das die Bronchien reizte. In Unmengen angelieferter Haubitzengranaten wurde in der Chemiefabrik schließlich im August 1917 auch "Lost" abgefüllt. Ein größerer Brand auf dem Fabrikgelände beschädigte Teile der Produktionsanlage, die aber rasch wieder repariert wurden, weil die Erzeugnisse als kriegswichtig eingestuft waren. mini|Werbeanzeige CAFK im Berliner Adressbuch mit dem Gründungshinweis und der Adresse; 1914 In den Jahren 1918/19 erfolgten umfangreiche An- und Umbauarbeiten in Adlershof, unter anderem wurden ein weiteres Fabrikgebäude (Halle IV) und ein Mehrzweckbau (Gebäude 63/65) hinzugefügt sowie ein Ofenhaus mit besonders hohem Schornstein und modernster Verbrennungstechnik errichtet.Architekturzeichnungen zu drei Gebäudekomplexen auf der Fläche in Adlershof, Glienicker Weg Ecke Adlergestell; abgestimmt zwischen Eigentümer, Architekt (leider ungenannt) und Bauleitung. Datiert zwischen 1818 und 1919. Im Landesarchiv Berlin: A-Rep. 229-295, -296.
Unabhängig von den Chemieprodukten in Adlershof blieb eine Destillerie im Berliner Stadtzentrum bestehen, die jedoch aus der Münzstraße in die Kaiser-Wilhelm-Straße 18c (später umgeändert in Nr. 22; heute Rosa-Luxemburg-Straße 14) umsiedelte, wo es auch eine Verkaufseinrichtung gab (siehe Bild).
Die Erzeugnisse aller deutschen Spritfabriken erfuhren in diesen Jahren, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, eine wachsende Nachfrage.
Die Produktionsstätte in der Kaiser-Wilhelm-Straße bestand parallel zur Adlershofer Fabrik als Destillation und Spritfabrik. Chemische Fabrik stetig weiter; Inhaber waren nun die Joh.-Kahlbaumschen Erben.Kommentar: Im Internet findet sich eine Werbeanzeige im Art Deco-Stil – ein Scherenschnitt zeigt ein Tanzpaar zwischen den beiden Wörtern Kahlbaum und Liköre, die Werbung sollte wohl die entsprechenden Zielgruppen aktivieren. Reklame Kahlbaum-Liköre, 1924 picclick.de; abgerufen am 8. Dezember 2018.
Geschäftsführer der Chemischen Fabrik Kahlbaum in Adlershof, die auch als Branntweinabfertigungsstelle Adlershof firmierte, wurde Isidor Stern.
1922 bis um 1940 Anfang des Jahres 1922 fand eine Aufsplittung der Adlershofer Einrichtung statt, ein Teil des Betriebes wurde von den Oberschlesischen Kokswerken und Chemische Fabriken AG (kurz Breslauer Sprit genannt) erworben, die auch die chemische Fabrik Schering gekauft hatte. Fünf Jahre später fusionierten beide zur Schering Kahlbaum AG (Adlergestell 333). Diese Aktiengesellschaft hatte sich auf die Herstellung chemischer Produkte spezialisiert.Ansicht einer Teilschuldverschreibung der CAF Kahlbaum Gesellschaft vom April 1922 in Höhe von 1000 Reichsmark; im Erläuterungstext unter der Abbildung finden sich noch weitere Details zur Breslauer Sprit. Abgerufen am 18. Dezember 2018.
Im Zeitraum 1926 bis 1928 erwarb der verbliebene Betriebsteil CAF Kahlbaum wesentliche Aktienanteile an der Schultheiß-Patzenhofer AG.Im Landesarchiv Berlin: A-Rep. 250-04 Verschmelzung der Kahlbaum-Anteile der Schultheiß-Patzenhofer AG mit der CAF Kahbaum AG.
mini|hochkant=0.5|Werbeplakat für Eier Cognac Hartwig Kantorowicz Im Jahr 1927 übernahmen die Kahlbaumschen Erben den Berliner Likörproduzenten Hartwig Kantorowicz AG, die erweiterte Firma hieß nun Hartwig Kantorowicz – CAF Kahlbaum AG mit Sitz in Charlottenburg, Spandauer Chaussee 56–60 (seit 1950 Spandauer Damm). Um das eingebrachte Firmenkapital zu erhalten, trat jede Einrichtung auf dem Markt unter dem bisherigen Namen weiter auf; der Betriebsteil C. A. F. Kahlbaum firmierte als Likörfabrik und Weinbrennerei. Kantorowicz-Kahlbaum produzierten weiterhin Liköre und Fruchtsäfte und vertrieben diese sowie Weine und andere „Gegenstände verwandter Wirtschaftszweige“ nicht mehr als Konkurrenten.Ausschnitte von Zeitungen (Industrie- und Handelszeitung Berlin sowie Deutsche Allgemeine Zeitung (Berlin)) vom 25. Okt. 1927: Neugründungen der Kantorowicz-Kahlbaum Gesellschaften, abgerufen am 8. Dezember 2018. An prominenten Stellen wie dem Luna-Park unterhielten sie Likörpavillons.
In den 1930er Jahren hatte Schering den Adlershofer Betriebsteil von Kahlbaum vollständig übernommen, das kam beispielsweise in einem Briefkopf Schering (rote Versalien), überdruckt mit Schering-Kahlbaum AG (schwarze Versalien) und mit der nun alleingültigen Hauptanschrift Berlin N 65, Müllerstraße 170/172 zum Ausdruck. Zugleich wollte Schering von dem guten Ansehen und dem weltweiten Bekanntheitsgrad der Kahlbaumschen Reinchemikalien weiterhin profitieren. So verfiel das Management darauf, ein Buch mit dem Titel Die Kahlbaum Präparate in limitierter Auflage herstellen zu lassen und ab 1939 an ausgewählte Kunden bzw. potenzielle Käufer kostenlos zu vertreiben. In Deutschland waren das rund 20 Adressaten. Interessant ist insbesondere, dass das Werbebuch zugleich über die Handelsvertretung der UdSSR in Berlin (Berlin, W 15) an mehr als 30 sowjetische Universitäten und Hochschulen direkt versandt wurde. Nach der endgültigen Eingliederung kam die Bezeichnung SCHERING AG / ABTEILUNG LABOR-PRÄPARATE auf die Briefkopfbögen.Vertrauliches Schreiben der Schering AG vom 8. Dezember 1938 zur Herausgabe des Buches Die Kahlbaum Präparate samt aller Verteiler. Landesarchiv Berlin: A Rep 229-384.
Ab 1939: CAF Kahlbaum stellt sich neu auf mini| Denkmalgeschütztes Fabrikgebäude in der Große-Leege-Straße
Anfang der 1940er zog die CAF Kahlbaumsche Likörfabrikation von Charlottenburg nach Berlin-Hohenschönhausen in die Große-Leege-Straße 97/98, wie den Adressbüchern 1940 bis 1943 zu entnehmen ist.