mini|Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow als Oberleutnant und Bataillons­adjutant (1914) Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow (; Betonung: Wladímir Dmítrijewitsch Nabókow;*  in Zarskoje Selo; † 28. März 1922 in Berlin) war ein russischer Jurist, Journalist und liberaler Politiker der Konstitutionell-Demokratischen Partei Russlands (Kadetten). Er war der Vater des russisch-amerikanischen Schriftstellers Vladimir Nabokov.

Leben Im Russischen Kaiserreich Nabokow war der Spross einer russischen Adelsfamilie, die sich bis ins 14. Jahrhundert zurückführen lässt.Vladimir Nabokov: Sprich, Erinnerung, sprich. Wiedersehen mit einer Autobiographie. Rowohlt, Reinbek 1984, S. 52. Sein Vater Dmitri Nikolajewitsch Nabokow (1826–1904) war von 1878 bis 1885 Justizminister in den Regierungen Alexanders II. und Alexanders III.Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899–1940. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 38. Der Spekulation Andrew Fields, er sei in Wahrheit ein unehelicher Sohn des Zaren oder dessen Bruder, wird heute kein Gewicht beigemessen.Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die amerikanischen Jahre 1940–1977. Rowohlt, Reinbek 2005, S. 922. Nachdem Nabokow das Gymnasium 1887 mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, studierte er in St. Petersburg, anschließend in Halle und Leipzig Jura. Während seiner Studentenzeit in Russland nahm er an einer Demonstration für universitäre Autonomie teil und kam für vier Tage in Haft. Das Angebot, das Gefängnis noch am selben Tag zu verlassen, schlug er aus, weil es nur ihm als Sohn des ehemaligen Justizministers galt und nicht auch seinen Kommilitonen.Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899–1940. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 50.

mini|Nabokows Stadthaus in der Morskaja-Straße 47 in St. Petersburg, Aufnahme von 2014 Von 1896 an lehrte Nabokow an der Kaiserlichen Schule für Jurisprudenz. Er sprach sich gegen die Kriminalisierung der Homosexualität aus und trat wiederholt gegen den in Russland verbreiteten Antisemitismus auf. Nachdem er 1904 in der juristischen Fachzeitschrift Prawo („Das Recht“, russ.: Право), die er 1898 gegründet hatte,Brian Boyd: Vladimir Nabokow. Die russischen Jahre 1899–1940. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 68. einen kritischen Artikel über den Judenpogrom von Chișinău und dessen Förderung durch die Polizei veröffentlicht hatte, verlor er den Rang eines Kammerjunkers, den er seit 1895 innegehabt hatte. Die entsprechende Uniform, die er nun nicht mehr benötigte, bot er per Zeitungsinserat zum Verkauf an.Vladimir Nabokov: Sprich, Erinnerung, sprich. Wiedersehen mit einer Autobiographie. Rowohlt, Reinbek 1984, S. 178 f. Kurz zuvor hatte er 1904 die Abschlusssitzung des ersten Nationalkongresses der Semstwo, der lokalen Selbstverwaltungen Russlands, in seinem prächtigen Haus an der St. Petersburger Morskaja-Straße tagen lassen: Die zaristische Regierung hatte die Veranstaltung nur unter der Maßgabe genehmigt, dass sie in Privathäusern stattfand. Als die Leitung der Kaiserlichen Schule bei ihm anfragte, wie er seine Lehrtätigkeit dort mit politischer Agitation vereinbaren könne, verwahrte er sich gegen die Überwachung seiner außerdienstlichen Aktivitäten und quittierte den Dienst.Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899–1940. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 91 ff.

mini|Wladimir Dmitrijewitsch Nabokow. Karikatur aus dem Jahr 1911 In der Folgezeit betätigte sich Nabokow als Kriminologe und Journalist und setzte sich für ein liberales Strafrecht und gegen die Todesstrafe ein. Von 1905 bis 1917 war er Vorsitzender der russischen Sektion der Internationalen Gesellschaft für Kriminologie, von 1906 bis 1917 gab er die liberale Tageszeitung Retsch („Die Rede“, russ. Речь) heraus. Er gehörte der Konstitutionell-Demokratischen Partei an, den so genannten „Kadetten“ und wurde nach der Revolution 1905 in die erste Duma gewählt. Gegen deren Auflösung durch Kaiser Nikolaus II. protestierte er gemeinsam mit anderen führenden Kadetten öffentlich im Wiborger Manifest vom , was ihm 1908 eine dreimonatige Haftstrafe und den Verlust seines Wahlrechts einbrachte. 1913 veröffentlichte er in Retsch einen kritischen Artikel über die Beilis-Affäre, einen angeblichen Ritualmord in Kiew. Der beschuldigte Jude wurde freigesprochen, Nabokow zu einer Geldstrafe von 100 Rubel verurteilt.Vladimir Nabokov: Sprich, Erinnerung, sprich. Wiedersehen mit einer Autobiographie. Rowohlt, Reinbek 1984, S. 179.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Nabokow eingezogen und war Bataillonsadjutant, später Regimentsadjutant in Staraja Russa, später in Wyborg und zuletzt in Haynasch tätig. Im September 1915 wurde er ins Asiatische Ressort des russischen Generalstabs versetzt und lebte wieder in Petrograd. Im Februar 1916 reiste er als Korrespondent der Retsch nach Frankreich und England.Wladimir D. Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Rowohlt, Berlin 1992, S. 19. In mehreren Artikeln, die auch als Buch erschienen, lobte er die Demokratie der Verbündeten Russlands, wogegen die Zensur des autokratisch regierten Zarenstaates nichts einwenden konnte.Mark R. Hatlie: Die Zeitung als Zentrum der Emigrations-Öffentlichkeit: Das Beispiel der Zeitung Rul’. In: Karl Schlögel (Hrsg.): Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002801-7, S. 156.

In der Russischen Revolution Die Februarrevolution 1917 begrüßte Nabokow sehr, auch wenn er während ihres gewalttätigen Beginns lieber zu Hause blieb, da Offizieren auf der Straße die Schulterstücke abgerissen wurden.Wladimir D. Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Rowohlt, Berlin 1992, S. 23 f. und 27 Am war er an der Formulierung des Schreibens beteiligt, mit dem Großfürst Michail Romanow, der Bruder des Zaren, auf den Thron verzichtete. Nikolaus II. war eigentlich zu dessen Gunsten zurückgetreten, doch hatte er sich bewegen lassen, die Nachfolge nicht anzunehmen. Um den Text entspann sich eine heftige Auseinandersetzung mit dem nachmaligen Außenminister der Provisorischen Regierung, Pawel Miljukow, der verlangte, Nabokow solle ein Abdankungsschreiben formulieren. Dieser betonte aber, dass die Entscheidung Nikolaus‘ II., Michail und nicht seinen Sohn Alexei Romanow zum Nachfolger zu machen, nicht verfassungsgemäß sei. Mit einem Abdankungsschreiben würde man Michail als Kaiser anerkennen, weshalb es sich nur um einen Thronverzicht handeln könne. Mit dieser Auffassung konnte sich Nabokow durchsetzen. Der Text basierte auf einem Entwurf Nikolai Nekrassow, doch da alle beteiligten Personen von den sich überstürzenden Ereignissen überfordert und übernächtigt waren, hatte man Nabokow hinzugebeten. Mit dem von ihm gemeinsam mit Boris Emanuilowitsch Nolde und Wassili Schulgin formulierten Text endete die Herrschaft der Romanows und der Weg war frei für die Provisorische Regierung.Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899–1940. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 210. S. 613; Tsuyoshi Hasegawa: The February Revolution, Petrograd, 1917. The End of the Tsarist Regime and the Birth of Dual Power. Brill, Leiden/Bosten 2017, S. 612 f.

In der Folge wurde Nabokow im Range eines Staatssekretärs zum Geschäftsführer der Provisorischen Regierung ernannt, was etwa einem Kanzleichef entspricht. Er hatte die Sitzungen und das Gesetzgebungsverfahren zu koordinieren.Jörg Baberowski: Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault. C.H.Beck, München 2005. S. 16. Leo Trotzki rechnet ihn zu den „Inspiratoren“ der Provisorischen Regierung.Leo Trotzki: (PDF) linkswende.org, S. 84; abgerufen am 14. Juli 2019. Bereits im März 1917 will er laut seinen Memoiren gegenüber Kriegsminister Alexander Gutschkow die Idee eines Separatfriedens mit dem Deutschen Reich ventiliert haben, dessen Truppen tief auf russischem Territorium standen.Wladimir D. Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Rowohlt, Berlin 1992 Dem widerspricht Trotzki mit dem Hinweis, dass Nabokow noch im August 1917 auf einer Konferenz der Abgeordneten aller Dumas in Moskau „‚schon den Gedanken an die Möglichkeit eines Separatfriedens‘ weit von sich gewiesen“ habe.Leo Trotzki: (PDF) linkswende.org, S. 355; abgerufen am 14. Juli 2019.

Ab Frühjahr 1917 war Nabokow im Rechtsausschuss der Provisorischen Regierung, in einer Kommission zur Revision des Strafgesetzbuches und im Gremium zur Ausarbeitung des Gesetzes zur Wahl zur Russischen konstituierenden Versammlung, tätig.Wladimir D. Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Rowohlt, Berlin 1992, S. 18 und 136. Nach dem Juliaufstand der Bolschewiki sprach sich Nabokow dagegen aus, dass sich die Kadetten aus der Provisorischen Regierung zurückzogen.Mark R. Hatlie: Die Zeitung als Zentrum der Emigrations-Öffentlichkeit: Das Beispiel der Zeitung Rul’. In: Karl Schlögel (Hrsg.): Russische Emigration in Deutschland 1918 bis 1941. Leben im europäischen Bürgerkrieg. Akademie Verlag, Berlin 1995, ISBN 3-05-002801-7, S. 157.

Den Sturm auf den Winterpalast erlebte Nabokow als unspektakulär: Er hatte am Morgen durch sein Dienstmädchen vom Aufstand des Militärisch-revolutionären Komitees erfahren und daraufhin mit einigen Mühen das Präsidium des Rats der Republik, in dem alle Parteien vertreten waren, und den Winterpalast besucht, wo die Provisorische Regierung tagte. Nachdem er dort nur auf Ratlosigkeit und Mangel an Entschlusskraft gestoßen war, verließ er das Gebäude wieder, nur wenige Minuten, bevor die bolschewistischen Matrosen die noch anwesenden Regierungsmitglieder verhafteten.Wladimir D. Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Rowohlt, Berlin 1992, S. 150–155; Jörg Baberowski: Der Sinn der Geschichte. Geschichtstheorien von Hegel bis Foucault. C.H.Beck, München 2005. S. 16 f.

Gemeinsam mit Nikolaj Nikolajewitsch Awinow war Nabokow Vorsitzender des Wahlausschusses für die Konstituierende Versammlung geworden. Als solcher verfasste er nach der Oktoberrevolution einen Aufruf, in dem er vor „Anarchie und Terror“ der Bolschewiki warnte und darauf beharrte, die für den festgelegten Wahlen müssten stattfinden. Die Zeitungen, die diesen Aufruf veröffentlichten, wurden daraufhin verboten, die Redaktionsräume von Nabokows Retsch verwüstet.Brian Boyd: Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899–1940. Rowohlt, Reinbek 1999, S. 232 f. Die Wahlen fanden gleichwohl statt, zogen sich aber wegen der revolutionären Unruhen bis Ende November hin. Am wurde Nabokow mit etwa zwölf Mitgliedern des Wahlausschusses, die den Kadetten angehörten, inhaftiert. Die Gruppe wurde in einer engen Kammer im Smolny-Institut, dem Sitz des Petrograder Sowjets, festgehalten, die nur zwei Bettstätten enthielt. Verwandte und Freunde brachten ihr Lebensmittel und Decken, nach fünf Tagen wurde sie ohne Angaben von Gründen freigelassen. Am nahm Nabokow an einer Sitzung des Wahlausschusses teil, bei der der führende Bolschewik Moissei Urizki die Teilnehmer aufforderte auseinanderzugehen, doch sie weigerten sich. Tags darauf erfuhr Nabokow von einem Dekret von Lenins Rat der Volkskommissare, wonach Angehörige der Kadetten zu verhaften und vor Gericht zu stellen waren.Dekret des Rates der Volkskommissare (SNK) von der Verhaftung der Führer des Bürgerkrieges gegen die Revolution, 28. November (11. Dezember) 1917 (PDF) auf 1000dokumente.de, Zugriff am 9. Juli 2019; Wladimir D. Nabokow: Petrograd 1917. Der kurze Sommer der Revolution. Rowohlt, Berlin 1992, S. 167–170.