Hermann Ebeling (* 10. August 1909 in Neuwegersleben; † 25. April 1980 in Dietzenbach) war Pädagoge, Journalist und Hochschullehrer. Er emigrierte 1930 zunächst nach Frankreich und von da aus 1941 in die USA. In den frühen 1950er Jahren gehörte er als amerikanischer Verbindungsmann dem Vorstand des Deutschen Koordinierungsrats der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (DKR) an und war 1952 Mitbegründer der Woche der Brüderlichkeit.

Die Zeit bis 1932 Hermann Ebeling kommt aus einem evangelisch-lutherischen Elternhaus und besuchte von 1916 bis 1923 eine Mittelschule in Hecklingen.Im Bestand BArch N 1374/20 (siehe Quellen) befinden sich insgesamt 3 Lebensläufe, die zwei ersten davon in Englisch: einer von 1941, der vermutlich im Zusammenhang mit seiner Einreise in die USA entstand, ein zweiter aus dem Jahr 1942, verfasst als Student an der Temple University in Philadelphia, und schließlich ein Dritter vom Januar 1975, verfasst nach seiner Rückkehr nach Deutschland und offensichtlich zu dem Zweck, hier noch einmal beruflich Fuß fassen zu können. Die beiden ersten Lebensläufe enden jeweils mit einer Art eidesstattlichen Versicherung: „I Swear that the above statements have been made thuthfully to the best of my knowledge memory.“ Im nachfolgenden Text wird nur bei direkten Zitaten auf diese Quellen verwiesen. Da die Eltern ihren Wohnsitz verlegten, wurde Ebeling ab dem Schuljahr 1923 Schüler der OberrealschuleZur Geschichte dieser Schule in Schöningen siehe: Chronik des Anna-Sophianeums in Schöningen. Hier legte er im Februar 1930 das Abitur ab.

Im April 1930 begann Ebeling ein erziehungswissenschaftliches Studium an der Technischen Hochschule Braunschweig, aufgrund der Mittellosigkeit seiner Eltern mit einem staatlichen Stipendium. Seine Zeit an der Hochschule und deren Ende beschreibt er in den beiden in den USA verfassten Lebensläufen sehr vorsichtig: Es mag gut sein, dass Ebeling beim Abfassen seines Lebenslaufs schon realisiert hatte, dass es nicht angebracht ist, sich in den USA politisch zu weit links zu verorten, denn bei „der einzigen antifaschistischen Studentengruppe“, deren Vorsitzender er war, handelte es sich um die Sozialistische Studentengruppe Braunschweig. Erst in seinem Lebenslauf von 1975 bekennt er sich zu dieser Mitgliedschaft und auch zu seiner Zugehörigkeit zur SPD, die er wegen „Differenzen […] in Fragen des politischen Kampfes gegen die Nazis“ verlassen hatteHeinrich Sülzer: Neuer Start in der alten Heimat. Nach 42jährigem USA-Aufenthalt kehrte Emigranten-Ehepaar zurück, Offenbach-Post, 27. Juli 1978, und zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP).

Mitglied der Sozialistischen Studentengruppe war auch Gretel Fuchs (* 1910), Tochter von Martha Fuchs. Nach dem Tod ihres Vaters war der ebenfalls aus Braunschweig stammende Otto Grotewohl der Vormund für sie und ihre beiden Geschwister.Bestand BArch N 1374/49: Persönliche Erinnerungen von Grete Ebeling, S. 30 Gretel Fuchs war bei den Kinderfreunden aktiv und hatte 1930 als Absolventin eines Arbeiter-Abiturientenkurses an der Berliner Karl-Marx-Schule das Abitur erworben. Bis 1932 studierte sie Erziehungswissenschaften an der TH BraunschweigHildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 229Hildegard Feidel-Mertz/Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration, S. 229, und seit dieser Zeit waren sie und Hermann Ebeling ein Paar – verheiratet seit dem 11. Oktober 1934 –, das die nachfolgenden knapp fünfzig Jahre gemeinsam bestritt.

Exil in Frankreich und im Saargebiet Nach seiner Relegation von der Hochschule ging Hermann Ebeling im November 1932 nach Paris, wo er hoffte, als Korrespondent für deutsche Zeitungen zu arbeiten. Dadurch entging er der Gefahr, Opfer der Rieseberg-Morde zu werden, der zehn seiner politischen Freunde aus Braunschweig zum Opfer fielen. „Meine Freundin Gretel Fuchs, später meine Frau, wurde verhaftet und eingesperrt. Nach mir wurde gefahndet. So blieb ich denn in Paris und wurde der erste deutsche Emigrant. Es ist nicht mein Verdienst.“Bestand BArch N 1374/3 : Hermann Ebeling: Simone Weil - Eine Erinnerung

Die Rieseberg-Morde geschahen am 4. Juli 1933, und bald darauf muss Gretel Fuchs Hermann Ebeling nach Frankreich gefolgt sein. Hermann Ebeling hatte inzwischen Anschluss an einen Kreis junger Linksintellektueller gefunden, stand in Kontakt zu Angelica Balabanova und lernte Simone Weil kennen. Er vertrat zu dieser Zeit die Positionen der SAP und erinnerte sich später an die erste Zeit des Pariser Exils und die sich abzeichnenden Veränderungen innerhalb der Gemeinschaft der Emigranten: Vielleicht waren es diese Erfahrungen, die Hermann Ebeling und Gretel Fuchs im November 1933 bewogen, ins französisch besetzte Saargebiet zu übersiedeln; er selbst sprach von der Chance, dort etwas Geld verdienen zu können. Ebeling konnte vom 3. November 1933 bis zum 1. März 1935 als „Vertretungslehrer an den von Frankreich im Saarland durch den Vertrag von Versailles eröffneten Schulen“, den sogenannten Domanialschulen, unterrichten.Bescheinigung des „Chef du Service de l'Enseignement Général aux Mines domaniales française de la Sarre“, ausgestellt in Saarbrücken am 31. Januar 1935, in: Bestand BArch N 1374/20 In seinem 1941er Lebenslauf bekennt er sich dazu, im Vorfeld der Saarabstimmung für den „status quo“, also für die Beibehaltung des Völkerbund-Mandats und gegen den Anschluss an das Deutsche Reich, propagandistisch tätig gewesen zu sein.

Nach der Saarabstimmung gab es für die Deutschen Emigranten keine Sicherheit mehr im nun deutschen Staatsgebiet. Aus den beiden Lebensläufen und seinem Artikel über Simone Weil ergeben sich folgende Stationen des nachfolgenden Exils: Unmittelbar nach der Saarabstimmung Unterbringung in einem Camp d'Hébergement (Internierungslager) in Straßburg. Sommer 1935 zusammen mit Gretel Hauslehrer bei Freunden in La Roche sur Yon in der Vendée. Anschließend Aufenthalt in Poitiers. „Im Sommer 1936 betreuten wir Pariser Arbeiterkinder in einer Sommerkolonie in St. Gile Croix die Vie an der atlantischen Küste und begleiteten sie dann zurück nach Paris. Hier blieben wir, bis uns die Nazis wieder flüchtend in Bewegung setzten.“In diese Zeit fällt auch seine Mitarbeit an der Zeitschrift der Freien Deutschen Jugend, seit 1936 seine Mitarbeit in der Pariser SAP-Gruppe, seine Tätigkeit als Korrespondent des SAP-Zentralorgans Sozialistischen Arbeiter ZeitungZu ihr existiert nur ein Artikel in der englischsprachigen WIKIPEDIA: :en:Sozialistische Arbeiter-Zeitung. Die digitalisierten Ausgaben der Zeitung befinden sich im Archiv der Friedrich-Ebert-Stiftung: Sozialistische Arbeiter-Zeitung: SAZ; Zentralorgan der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands, seine Arbeit als Redakteur der Pariser Tageszeitung und seine Mitgliedschaft im Verband deutscher Lehreremigranten. Noch vor der erneuten Flucht vor den Nazis unterrichtete er 1939 deutsche, österreichische und tschechoslowakische Flüchtlingskinder im Alter von 17 bis 20 Jahren in Französisch an einer nach Zadoc Kahn benannten Schule in Paris.Lebenslauf von 1942, Bestand BArch N 1374/20 Vom September 1939 bis April 1940 wurde Hermann Ebeling interniert und war danach Prestataire, eine Art ziviler Hilfsdienstleister, beim britischen Expeditionskorps in Frankreich. Auch Grete Ebeling musste einige Zeit im Camp de Gurs verbringenBestand BArch N 1374/49: Persönliche Erinnerungen von Grete Ebeling, S. 2–4, vermutlich in der Zeit nach der Besetzung Norwegens durch die deutsche Wehrmacht, also nach dem 9. April 1940.Bestand BArch N 1374/49: Persönliche Erinnerungen von Grete Ebeling, S. 26 Durch einen glücklichen Zufall trafen sie und ihr inzwischen wieder in Freiheit befindlicher Mann noch während ihrer Internierung wieder zusammen und begaben sich nach Marseille. Hier arbeiteten sie dann bis zu ihrer Ausreise aus Frankreich gegen Kost und Logis in der von den Quäkern betriebenen Kinderkolonie in Les Caillols (12. Arrondissement (Marseille)).

Die volle Breite des Emigrantenschicksals entfaltet sich aber erst in einem Interview, das Hermann Schnorbach am 4. März 1977 mit Hermann und Grete Ebeling führte. Bei diesem „vegetarischen Restaurant des ISK“ handelte es sich um das von Erich Lewinski und seiner Frau Hertha betriebene „Restaurant Végétarien des Boulevards (d’aprés Bircher-Benner) 28 Boulevard Poissonniére“,Antje Dertinger: Die drei Exile des Erich Lewinski, Gerlingen 1995, S. 103. mit dessen Einnahmen vielen Emigrantinnen der Lebensunterhalt gesichert und zur Finanzierung der politischen Arbeit im Exil beigetragen wurde.Antje Dertinger: Die drei Exile des Erich Lewinski, Gerlingen 1995, S. 104. Hier arbeite zeitweilig auch Marta Rodenstein, die Frau von Heinrich Rodenstein.

Adoptiveltern in schwierigen Zeiten In seinem 1941er Lebenslauf, also kurz nach der Einreise in die USA, betont Hermann Ebeling sein Interesse an „modernen politischen Jugendproblemen“: „Mein besonderes Interesse gilt den modernen politischen Jugendproblemen. Nach 1933 habe ich mich speziell mit den neuen Ideen und Methoden der Jugendbildung in Deutschland beschäftigt, verschiedene Artikel zu dieser Frage in aktuellen Zeitungen veröffentlicht und die Zeitschrift ‘Freie Deutsche Jugend’ in Paris herausgegeben. Ich interessiere mich ebenfalls für die Erziehung von behinderten Kindern.“Lebenslauf von 1941, Bestand BArch N 1374/20. „I am especially interested in modern political youth problems. I made e special study of the new ideals and methods of youth education in Germany after l933, publishing various articles on that question in current papers and editing the periodical "Freie Deutsche Jugend" in Paris. I am likewise interested in the education of retarded children.“

Was in diesem Zitat aufhorchen lässt, ist der letzte Satz, die Betonung des Interesses an der „Erziehung von behinderten Kindern“. Einen erkennbaren Bezug zu dieser Thematik gab es in seinem bisherigen Leben nicht, auch nicht in seinen schulischen Aktivitäten. Der Schlüssel zu diesem Interesse erschließt sich aus den persönlichen Erinnerungen von Gretel Ebeling.

1939, nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, Hermann Ebeling befand sich bereits im Internierungslager, erschien bei Gretel Ebeling ein ihr völlig unbekannter deutscher Mann, ein Jude, der ihr erklärte, dass er und seine Frau verschwinden müssten. Das Problem: Sie hätten ein spastisch gelähmtes Kind und bräuchten jemand, der sich darum kümmere.Abweichend von diesem Krankheitsbild erwähnt Hermann Ebeling in einem Manuskript vom Januar 1975 im Zusammenhang mit verfemten Minderheiten auch „die Gehirnbeschädigten (zu denen auch meine Tochter gehört)“. (Schwierigkeiten mit der Brüderlichkeit. Ein Ja-Wort zur Woche der Brüderlichkeit 1975, Manuskript, 13. Januar 1975, in: Bestand BArch N 1374/13)

Gretel Ebeling ließ sich trotz ihrer eigenen unsicheren Situation überreden. Ihr internierter Mann, dem sie das per Brief mitteilte, war davon nicht begeistert, doch das Kind, ein Mädchen, dessen Name Gretel Ebeling nicht erwähnte, bei dem es sich aber nach Hermann Ebelings Lebenslauf von 1941 um Jeanne Tugendtrajch, geboren am 5. Januar 1939 in Paris, handelte, war nun mal da. Kurz darauf musste Gretel Ebeling ins Camp de Gurs, und sie übergab das Kind jemand anderem in Obhut.

Nach ihrer Entlassung aus Gurs und der Wiedervereinigung mit ihrem Mann fanden sie in Marseille auch das Kind wieder. Sie konnten den amerikanischen Konsul überzeugen, auch für das Kind ein Visum zu erteilen und reisten mit ihm über Spanien und Portugal in die USA. Wenige Monate nach der Ankunft dort wurde es zum ersten Mal operiert.

Emigration in die USA