mini|Roxelane (la Rossa), so wie man sie sich in Venedig vorstellte, auf einem von Mathio Pagani 1550 veröffentlichten HolzschnittMan beachte den ähnlichen Kopfputz auf dem venezianischen Druck und dem Ölbild des 18. Jahrhunderts. Hürrem (von , genannt Roxelane, auch Roxolana, Rossolana, Rossane, la Rossa, la Rosa oder Ruziac; vermuteter Geburtsname Anastasia oder Aleksandra Lisowska; * zwischen 1500 und 1506 im damals polnischen Teil Rutheniens; gest. 17. April 1558 in Istanbul) war als Haseki Sultan die Lieblingsgemahlin des osmanischen Sultans Süleyman I. Im christlichen Abendland wurde sie als „Kaiserin“ (Sultana) des Osmanischen Reiches bezeichnet.
Leben Herkunft Roxelanes Herkunft und ihr Weg nach Istanbul lassen sich nicht mit primären Quellen belegen. Im 17. Jahrhundert dagegen finden sich ziemlich genaue Angaben, deren Herleitung in der Literatur als „polnische Tradition“ bezeichnet wird und die vermutlich auf den polnischen Dichter und Essayisten Samuel Twardowski (* vor 1600; † 1661) zurückgehen. Danach kam Roxelane als Tochter eines ruthenischen Priesters im damals polnischen und heute ukrainischen Rohatyn (auch Rogatyn, Rogatin) zur Welt und hieß Aleksandra Lisowska. Bei einem Raubzug der Krimtataren wurde sie entführt und als Sklavin nach Istanbul verkauft, wo sie in den HaremZu Roxelanes Zeit bezeichnete der Begriff Harem noch allgemein den inneren Wohnbereich des Sultans und wurde erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts ausschließlich auf den Bereich der Frauen und Kinder im Topkapı-Serail eingeengt. des Alten Serails gelangte. Wegen ihrer vermutlichen Herkunft aus dem legendären Land der Skythen, die auch Roxolanen genannt wurden, erhielt sie außerhalb des Osmanischen Reiches den Beinamen Roxelane, der zudem eine im Polnischen übliche Bezeichnung für ein ruthenisches Mädchen war.Susan A. Skilliter: Khurrem. In: Encyclopaedia of Islam. Bd. 5, 1986. Erstmals taucht dieser Name latinisiert als Roxolana in Ogier Ghislain de Busbecqs Legationis Turcicae epistolae quattuor auf, worin Busbecqs Erlebnisse und Erkenntnisse von 1554/55 während einer diplomatischen Reise ins Osmanische Reich verarbeitet wurden.Galina I. Yermolenko (Hrsg.): Roxolana in European Literature, History an Culture. Ashgate, Farnham/Burlington 2010. S. 272 f.
Von der Sklavin zur Hauptfrau des Sultans mini|hochkant|Brief Roxelanes an den polnischen König Sigismund II. August, in dem sie diesem zur Thronbesteigung gratuliert. Sicher ist, dass Roxelane Muslima und mit dem Namen Hürrem Sultan Gattin Sultan Süleymans I. wurde. Das kann 1520 oder wenig später – vielleicht nach der Geburt des ersten gemeinsamen Sohnes Mehmed – gewesen sein. Eine Quelle berichtet über prunkvolle Hochzeitsfeierlichkeiten auf dem Hippodrom im Sommer 1534, wenige Monate nach dem Tod der ranghöheren Valide Sultan, Ayşe Hafsa Sultan.Valide Sultan als offizieller Titel wurde erst für Valide Nurbanu Sultan, die Mutter Murads III. eingerichtet. Siehe Gülru Necipoğlu: The Age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. London 2005, S. 280. Roxelane war damit die erste Sklavinkonkubine der osmanischen Geschichte, die von einem Sultan zuerst in die Freiheit entlassen und anschließend von ihm geehelicht wurde.Gülru Necipoğlu: Queens: Wives and Mothers of Sultans. In: The age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. London 2005, S. 268–271. Dadurch erhielt sie den höchsten Rang unter den EhefrauenDie Zahl der Ehefrauen Süleymans ist durch primäre Quellen nicht gesichert. Nur für Hürrem und Mahidevran (Gülbahar) liegen Nachweise vor, nicht dagegen für die immer wieder angeführten Fürlane und Gülfem Hatun (Leslie P. Peirce bezeichnet Gülfem in The Imperial Harem. Women and Sovereignty in the Ottoman Empire. New York et altera 1993, S. 133, 201 u. 302, als „stewardess“ in gehobener Position und Susan A. Skilliter führt sie in Khurrem. In: Encyclopaedia of Islam. Bd. 5, 1986, neben Mahidevran als Favoritin und von Hürrem akzeptiert an. Danach waren Gülfems Süleyman-Söhne Murad, * 919/1513, † 927/1521, und Mahmud, * 921/1515; † 927/1521). und löste Mahidevran (auch Gülbahar o. ä. genannt), die Mutter des erstgeborenen Sultanssohnes Mustafa, als Haseki Sultan (Hauptfrau des Sultans) ab. Die Außergewöhnlichkeit dieser Ehe wurde in vielen Berichten ausländischer Gesandter erwähnt. Ein lückenhaft erhalten gebliebener, persönlich wirkender, allerdings von üblichen literarischen Formen geprägter Briefwechsel zwischen Roxelane und dem Sultan ab 1538TKA Arşivi nos. E. 5038, 5662, 5859, 5926, 6036, 6056, 11480.. legt nahe, dass Süleyman seiner attraktiven und intelligenten Frau in Leidenschaft zugetan war. Roxelanes Briefe enthalten zudem politische Empfehlungen an Süleyman sowie existentiell wichtige Informationen für ihn über die Ereignisse in der Hauptstadt, wie zum Beispiel über das Verhalten seiner für ihn während seiner Abwesenheit möglicherweise gefährlich werdenden Söhne.Elçin Kürşat: Haremsfrauen und Herrschaft im Osmanischen Reich in seiner Blütezeit. In: politik unterricht aktuell, Heft 1–2 / 2001, S. 49–53. Roxelane wurde damit zu Süleymans Beraterin und – wie ihr Briefwechsel von 1548/49 mit dem polnischen König Sigismund II. AugustAGAD, Arch.Kor., Dz. turecki, teczka 110, nos 218-222. und von 1555 mit Sultanim, der Schwester Schah Tahmasps I., beweistLeslie P. Peirce: The Imperial Harem. Women and Sovereignty in the Ottoman Empire. New York et altera 1993, S. 221. – gelegentlich sogar zu seiner diplomatischen Vertreterin.
Dynastische Interessen Dass Roxelane entgegen den bis dahin geltenden Konventionen nicht mit ihrem Erstgeborenen in die Provinz abgeschoben wurde, sondern im Serail verbleiben und mehrere Söhne zur Welt bringen durfte, zeigt ihre einmalige Bevorzugung durch Süleyman I. Zwar war der Harem bisher hauptsächlich die Reglementierungsinstitution der dynastischen Reproduktionspolitik, doch Roxelane beschritt den Weg zum Macht- und Statusaufstieg und zur Teilnahme am politischen Leben nicht nur wegen ihrer Mutterrolle, sondern auch wegen ihrer Gattinnenrolle. mini|Das Innere von Roxelanes Grabmal (Türbe) bei der Süleymaniye-Moschee. Neben der Ṣandūḳa Roxelanes (links) steht die ihres Enkels Şehzade Mehmed, eines Sohnes von Selim II., und die ihrer Nichte Hanım Sultan.
Die über das Übliche hinausgehende Vertrautheit mit dem Sultan nutzte Roxelane, um ihre persönlichen Interessen und die ihrer Söhne durchzusetzen. Sie war vermutlich die treibende Kraft hinter den Intrigen, die 1536 zur Exekution des mit Süleyman sehr persönlich vertrauten Großwesirs Ibrahim Pascha führten. Ibrahim hatte Mustafa, den Sohn Mahidevrans als möglichen Nachfolger Süleymans favorisiert. 1541 zog Roxelane aus dem von einem Brand verheerten Alten Serail ins Topkapi-Serail und verblieb dort, wodurch sie dem Machtzentrum nahe war und Süleyman unter ihre stete Kontrolle bekam. Das Amt des Großwesirs übernahm 1544 Rüstem Pascha, der als Ehemann von Roxelanes und Süleymans Tochter Mihrimah Sultan Roxelanes Stellung in der Reichspolitik unterstützte. Auch die Exekution Mustafas in Ereğli nahe Konya und dessen Sohnes Mehmed in Bursa im Jahre 1553 sowie des Großwesirs Kara Ahmed Pascha, der Rüstem Pascha zwischenzeitlich ersetzt hatte, im Jahre 1555 werden Roxelane angelastet. In jedem Falle war sie danach als Haseki Hürrem Sultan eines der politisch einflussreichsten Familienmitglieder der Osmanendynastie. Durch die Ausschaltung des bei den Janitscharen angesehenen Mustafas waren alle potentiellen Nachfolger Süleymans Söhne von Hürrem. Noch während Süleyman I. regierte, erkrankte sie und starb am 17. April 1558 in Istanbul.
Erst im Jahr 1566 wurde Selim II., ein Sohn Roxelanes, der im Volk auch Selim der Trunkene (Mest) genannt wurde, Süleymans I. Nachfolger.
Roxelanes und Süleymans Kinder mini|hochkant=0.6|Mirimah (gen. „Cameria“), Tochter von Roxelane und Süleyman, ca. 1560 (nach Tizian ?). Das orientalisierende Porträt ist u. a. wegen Mode und Kopfputz interessant, die auf einigen Porträts Roxelanes ähnlich dargestellt sind.u. a. auf dem Stich von Pagani (1550) und einem Bild aus dem 18. Jahrhundert. Roxelanes und Süleymans Briefwechsel erweist, dass das Wohlergehen der gemeinsamen Kinder für sie eine große Rolle spielte. Die Kinder erhielten eine solide Ausbildung, die sie auch zu Staatsgeschäften befähigte. Als Vorbereitung auf eine mögliche Sultansnachfolge wurden den Söhnen als jungen Erwachsenen Sandschaks in der Provinz anvertraut. Sie nahmen auch an Feldzügen Süleymans teil.Esin Atıl: Süleymanname. Washington 1986, S. 245f.
Mehmed, * 1521, † 1543. Er wurde 1542 Sandschakbey von Saruhan in Manisa und galt als Thronfolger. Seinetwegen wurde Roxelane noch zu Lebzeiten des Mahidevran-Sohnes Mustafa von Süleyman in einer Stiftungsurkunde ehrend als Valide„Wālidat as-Sultān Amīr Muhammad“ (die Mutter des Prinzen Mehmed), siehe Klaus Brisch (Hrsg.): Schätze aus dem Topkapi-Serail. Das Zeitalter Süleymans des Prächtigen. Berlin 1988, S. 84. im Sinne einer potentiellen Valide Sultan bezeichnet. Nach Mehmeds Tod widmete Süleyman ihm die in der Planung begriffene Şehzade-Mehmed-Moschee („Prinzenmoschee“).Stéphane Yerasimos: Konstantinopel. Istanbuls historisches Erbe. Köln 200, S. 254ff. Mihrimah, * 1522, † 1578. Sie war verheiratet mit dem Großwesir Rüstem Pascha und nach Roxelanes Tod Vertraute und Beraterin Süleymans. Sie trat als Stifterin von KülliyenDer moderne Begriff Külliye (frühes 20. Jahrhundert) wurde im 16. Jahrhundert nicht verwendet; stattdessen wurde ein solcher Komplex in Urkunden oft als imaret oder imaret mit Freitagsmoschee bezeichnet. Siehe Gülru Necipoğlu: The Age of Sinan. Architectural Culture in the Ottoman Empire. London 2005, S. 71. und mit der Reparatur und Erweiterung der Zubaida-Wasserversorgungsanlagen in Mekka in die Fußstapfen Roxelanes. Abdullah, * 1523, † 1526. Selim, * 1524, † 1574. Er wurde 1543 Sandschakbey in Manisa, 1558 in Konya und 1559 in Kütahya, 1566 Nachfolger Süleymans I. als Selim II. Bayezid, * 1526, † 1562. Er wurde 1546 Sandschakbey in Konya und Kütahya sowie 1549 und 1553 Regent in Vertretung Süleymans, 1558 Sandschakbey in Amasya. Die Auseinandersetzung zwischen Bayezid und seinem älteren Bruder Selim wuchs sich im Frühling 1559 zu einem Bürgerkrieg aus. Bayezid unterlag und floh mit seinen vier Söhnen an den Hof des Schahs Tahmasp I. Im Jahre 1561 wurden sie ausgeliefert und Bayezid und seine Söhne wurden umgehend in Qazvin hingerichtet.Esin Atıl: Süleymanname. Washington 1986, S. 19. Cihangir, * 1530, † 1553. Der bucklig Geborene wurde von Süleyman besonders geliebt. Vermutlich war seine Betreuung durch Roxelane mit ein Grund dafür, dass sie den anderen Söhnen nicht in deren Sandschaks folgte, sondern in Istanbul bleiben konnte. Er war Sandschakbey in Aleppo und starb kurz nachdem er der Hinrichtung seines Halbbruders Mustafa hatte beiwohnen müssen. Als mögliche Todesursachen gelten eine von der Hinrichtung ausgelöste seelische Erkrankung und eine Rippenfellentzündung. 1559 ließ Süleyman ihm zu Ehren die Cihangir-Moschee errichten, die mehrmals abbrannte und heute neobarocke Züge aufweist.
Fromme Stiftungen mini|Das Haseki-Hürrem-Sultan-Bad in Istanbul mini|hochkant|Haseki Hürrem Sultan Vakfiyesi, 1. Textseite der Stiftungsurkunde des Takiyyat-Haseki-Hürrem-Sultan-Komplexes in Jerusalem von AH 964 / AD 1556–7