mini|Naomi Oreskes, Wissenschaftshistorikerin und Erstautorin des Buches Das Buch Merchants of Doubt (deutsch: Die Händler/Verkäufer des Zweifels) beschreibt, wie Zweifel an Forschungsergebnissen gesät wurden, um Gesetze gegen Tabakregulierung und Klimawandel zu verhindern.
Das 2010 auf Englisch erschienene Sachbuch zeigt PR-Taktiken zur organisierten Wissenschaftsleugnung auf, um den wissenschaftlichen Konsens in vielen umwelt- und gesundheitswissenschaftlichen Themen zu verleugnen. Dazu schlossen sich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Wissenschaftler wie beispielsweise Fred Seitz und Fred Singer mit konservativen Think Tanks und privaten Unternehmen zusammen.
Beschrieben wird das Abstreiten der Schädlichkeit des Tabakrauchens sowie des Passivrauchens, die Versuche, die Gefährlichkeit des Insektizids DDT herunterzuspielen, die Bemühungen, die Gefahren des sauren Regen und des Ozonloch zu verharmlosen und die Leugnung des Klimawandels. Bei diesen unterschiedlichen Themen traten teils die gleichen Organisationen und Wissenschaftler auf.
Das Buch von den amerikanischen Wissenschaftshistorikern Naomi Oreskes und Erik M. Conway trägt den vollen Titel: Merchants of Doubt: How a Handful of Scientists Obscured the Truth on Issues from Tobacco Smoke to Global Warming, zu Deutsch: „Geschäftemachen mit dem Zweifel: Wie eine handvoll Wissenschaftler die Wahrheit über Themen von Rauchen bis zur Klimaerwärmung verdrehte“. Das Buch wurde in neun Sprachen übersetzt, u. a. Japanisch, Chinesisch, Französisch und Spanisch.. Abgerufen am 15. Dezember 2020. Seit 2014 ist es auch auf Deutsch unter dem Titel Die Machiavellis der Wissenschaft: Das Netzwerk des Leugnens erhältlich.
Die Kritiken fielen größtenteils hervorragend aus. Alleine die englischsprachige Fassung wurde mit Stand November 2022 mehr als 6.100 Mal zitiert.Anzahl Zitationen. Google Scholar. Abgerufen am 11. November 2022.
Der gleichnamige Film Merchants of Doubt erschien 2014 auf Basis des Buches unter Regie von Robert Kenner.‘Merchants of Doubt‘ shows how public opinion is manipulated. In: Los Angeles Times, 13. November 2014. Abgerufen am 5. Juli 2019.
Inhalt Oreskes und Conway beschreiben, wie eine Handvoll politisch konservativer Wissenschaftler mit starken Verbindungen zu bestimmten Branchen "eine überproportionale Rolle in der Debatte um kontroverse Fragen gespielt haben". Die Autoren schreiben, dass dies zu einer "bewussten Verschleierung" der Themen geführt hat und damit entsprechende Einflüsse auf die öffentliche Meinung und Politik erreicht wurden.
Merchants of Doubt ist in insgesamt 9 Kapitel gegliedert, die auf einen Prolog folgen. In diesem Prolog werden exemplarisch die Angriffe auf den Klimaforscher und IPCC-Autoren Benjamin D. Santer geschildert, der mit seinen Forschungsarbeiten zu Fingerabdruckmethoden maßgeblich dazu beigetragen hatte, die menschliche Ursache der globalen Erwärmung zu beweisen. Im ersten Kapitel wird die bis in die 1950er Jahre zurückreichende Strategie der Tabakindustrie beschrieben, Zweifel an den wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Gesundheitsschädlichkeit und Karzinogenität von Tabakprodukten zu schüren, obwohl auch zu diesem Zeitpunkt schon diese Gefahren wissenschaftlich bekannt waren. Im zweiten Kapitel wird die Rolle des George C. Marshall Institutes sowie einiger zugehöriger Wissenschaftler bei der Propagierung des SDI-Programmes analysiert, die später gemeinsam eine Vielzahl von wissenschaftlichen Erkenntnissen abstreiten sollten. Die Kapitel 3 bis 7 sind thematisch konzipiert und befassen sich jeweils mit dem Abstreiten und Anzweifeln von verschiedenen wissenschaftlichen Erkenntnissen durch die Merchants of Doubt und zugehöriger Organisationen: Kapitel drei handelt vom Bezweifeln des sauren Regen, Kapitel 4 von der Konstruktion von Gegenmeinungen zum Ozonloch, Kapitel 5 vom Bestreiten der Gesundheitsgefahren des Passivrauchens, Kapitel 6 von der Klimawandelleugnung und Kapitel 7 von einem in den 1990er Jahren erneut aufgelegten Attacke gegen Rachel Carson, um damit die Umweltgefahren von DDT kleinzureden. In Kapitel 8 analysieren die Autoren die Hintergründe und Motivationen der zuvor geschilderten Merchants of Doubt, wobei sie insbesondere ihre politische Einstellung als wichtigen Treiber identifizieren. Merchants of Doubt endet schließlich mit einem Epilog.
miniatur|Fred Singer, einer der im Buch beschriebenen "Verkäufer des Zweifels" Das Buch kritisiert die sogenannten „Merchants of Doubt“, einige überwiegend amerikanische Schlüsselpersonen der Wissenschaft, vor allem Bill Nierenberg, Fred Seitz und Fred Singer. Alle drei sind Physiker: Singer war Weltraum- und Satellitenforscher, während Nierenberg und Seitz an der Atombombe arbeiteten. Beginnend ab den 1970er Jahren äußerten sie sich jedoch zu vielen Themen insbesondere der Umwelt- und Gesundheitswissenschaften, die weit außerhalb ihres Forschungsschwerpunktes und ihrer Kompetenz lagen. Im Buch wird gezeigt, dass diese Wissenschaftler den wissenschaftlichen Konsens in den verschiedenen Bereichen in Frage gestellt und verwässert haben, unter anderem hinsichtlich der Gefahren des Rauchens, der Auswirkungen von sauren Regen, der Existenz des Ozonlochs und der Existenz des anthropogenen Klimawandels. Seitz und Singer hatten dabei starke Verbindungen zu US-amerikanischen konservativen Think Tanks wie der Heritage Foundation, dem Competitive Enterprise Institute und dem George C. Marshall Institute. Diese Organisationen, die von Unternehmen und konservativen Stiftungen finanziert werden, stellen sich gegen viele Formen der staatlichen Intervention oder Regulierung von US-Bürgern. Um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen, wurden jeweils ähnliche Taktiken angewandt, die im Buch beschrieben sind: die Wissenschaft diskreditieren, falsche Informationen verbreiten, Verwirrung stiften und Zweifel fördern.
Seitz, Singer, Nierenberg und Robert Jastrow werden im Buch als antikommunistisch beschrieben, die jegliche staatliche Regulierung wie z. B. die Einführung von Umweltschutzmechanismen als einen Schritt in Richtung Sozialismus und Kommunismus ansahen. Dementsprechend befürchten sie, dass eine politische Reaktion auf Umweltprobleme zu schwerwiegenden staatlichen Eingriffen auf dem Markt und zur Regulierung des Lebens der Menschen führen würde. Oreskes und Conway machen allerdings klar, dass sich die entsprechenden Umweltprobleme verschärfen, je länger sie existieren, und es damit umso wahrscheinlicher wird, dass Regierungen genau die drakonischen Maßnahmen ergreifen müssen, die Konservative und Marktfundamentalisten am meisten fürchten.
Die Autoren äußern auch starke Zweifel an der Fähigkeit der Massenmedien, zwischen richtiger Wissenschaft und als Desinformation gestreuten falschen Wahrheiten zu unterscheiden. Mit Verweis auf die Studie "Balance as Bias" von Boykoff und Boykoff argumentieren sie, dass die journalistische Norm einer ausgewogenen Berichterstattung dazu beigetragen habe, die irreführenden Botschaften der „Merchants of Doubt“ zu verstärken. Oreskes und Conway geben an: "Kleine Gruppen von Menschen können große, negative Auswirkungen haben, insbesondere wenn sie organisiert, entschlossen und machtbereit sind".
Die wichtigste Schlussfolgerung des Buches ist, dass es ohne den Einfluss der falschen "Experten" mehr Fortschritte in der Politikgestaltung in den oben genannten Bereichen gegeben hätte. Ähnliche Schlussfolgerungen wurden auch an anderen Stellen gezogen, unter anderem über Fred Seitz und Bill Nierenberg im Buch „Requiem for a Species: Why We Resist the Truth about Climate Change“ (2010) vom australischen Wissenschaftler Clive Hamilton.
Rezensionen Die Kritiken zu "Merchants of Doubt" waren größtenteils "enthusiastisch";Christian Rohr, Die Machiavellis der Wissenschaft. Das Netzwerk des Leugnens. In: Physik in unserer Zeit 46, Issue 2, 2015, S. 100, doi:10.1002/piuz.201590021. das Buch gilt mittlerweile als Standardwerk in Bezug auf die Leugnung der menschengemachten globalen Erwärmung durch Industrielobbyisten.Klaus-Dieter Müller: Wissenschaft in der digitalen Revolution. Klimakommunikation 21.0. Wiesbaden 2013, S. 46.
Wissenschaft Philip Kitcher nannte Merchants of Doubt in Science eine "faszinierende und wichtige" Studie. Oreskes und Conway lieferten überzeugende Belege für ihre überraschende und beunruhigende These, dass Widerstand gegen wissenschaftlich sehr gut fundierte Aussagen im Bereich Umwelt und Gesundheit zum Durchsetzen von politischen Zielen und ökonomischen Interessen genutzt wurde, um die Weitergabe dieser wichtigen Informationen an die amerikanische Öffentlichkeit zu verhindern. Sie legten akribisch die Wege dar, wie eine Handvoll in konservativen Kreisen gut vernetzter Wissenschaftler mit starken Verbindungen zu bestimmten Industriebranchen eine unverhältnismäßig wichtige Rolle bei der öffentlichen und politischen Debatte um kontroverse Themen gehabt haben, zumeist außerhalb ihrer eigenen Fachgebiete. Dennoch hätten sie genügend Einfluss gehabt, um die öffentliche Akzeptanz dieses Konsenses trotz fachwissenschaftlichem Konsens teils über geraume Zeit zu verzögern. Dabei hätten sie sich in zahlreichen Debatten als Experten ausgegeben, um eine "alternative Meinung" zu den tatsächlichen Aussagen der jeweiligen Fachwissenschaftler zu bieten, die problematisch für bestimmte Industrien waren, von denen sie unterstützt wurden oder die politischen Ansichten ihrer Unterstützer gefährdeten. Ihre Schlussfolgerung, dass es viele Gründe für das Versagen der USA in Sachen Klimapolitik gebe, aber zumindest einer davon das Verwirrspiel von William Nierenberg, Fred Seitz und Fred Singer gewesen sei, sei eine harsche Behauptung, die aber in Anbetracht der von diesen begangenen und von Oreskes und Conway nachgewiesenen Angriffe auf Klimaforscher vollends gerechtfertigt sei.Philip Kitcher, The Climate Change Debates. In: Science 328, No. 5983, 2010, 1230–1243, doi:10.1126/science.1189312.