Wolf-Dieter Bach (* 10. März 1933 in Stuttgart; † 9. Mai 2002 in Ulm) war ein deutscher Dichter, der sich als psychoanalytisch orientierter Interpret der Werke Karl Mays einen Namen machte. Er arbeitete zeitweilig als Verlagslektor, Redakteur, Übersetzer und Publizist. Zuletzt war er Fachreferent für Sprachen an der Volkshochschule Ulm.
Leben und Wirken Bach kam zwei Jahre vor dem Abitur in die Klasse von Oskar N. Sahlberg, dem späteren Literaturwissenschaftler und Psychotherapeuten, mit dem er lebenslang befreundet blieb. Sahlberg widmete ihm im September 2003 einen beachtlichen Nachruf in den Mitteilungen der Karl-May-Gesellschaft. Die folgenden Sahlberg-Zitate stammen alle aus diesem Nachruf.
Als Schüler Sahlberg: „Wir lasen Hermann Hesse und Thomas Mann, Sartre und Heidegger, Freud und Jung, und vor allem Benn, Baudelaire, Rimbaud. Was uns verband, war die Empfänglichkeit für den Zauber der Poesie, die Fähigkeit zur Begeisterung. … Was uns faszinierte, waren die Orient-Visionen der Dichter. 1952 las mir Bach einen Abend lang seine Gedichte vor: Navigation durch die Nacht, eine Reise über die Kontinente des Erdballs an den Sternzeichen entlang. Der alte Kalif, er träumt von seinem verlorenen Reiche.“
Als Student Sahlberg: „Auf der Uni in München hörten wir Kunstgeschichte bei Sedlmayr, den Turkologen Babinger, den Sprachforscher Pokorny. Bach beschloß, Türkisch, Arabisch, Persisch zu studieren, bekam 1955 ein Stipendium für ein Jahr Istanbul. … Wir kamen nach Deutschland zurück. Bach wurde Verlagslektor, auch Ehemann und Vater.“
Als junger Erwachsener Sahlberg: „Ab Mitte der 60er Jahre waren wir beide wieder in München. Die Bilder der vom Napalm verbrannten Vietnamesen ließen die Bilder der Leichenhaufen von Hitlers KZs aufsteigen. Wir gingen auf die Demonstrationen, lasen Marx, versuchten, ihn mit Freud zu verbinden: eine neue Sicht auf die Welt, eine neue Identität als Grundlage unseres Schreibens, das unsere Hauptbeschäftigung geblieben war. Der Orient in unseren Köpfen verwandelte sich. Exemplarisch Bachs Arbeit Symbolon: Zusammenfügung getrennter Sphären. In der Widmung seines ersten Essays über Karl May, Fluchtlandschaften, weist Bach auf die Methoden hin, die wir zusammen mit Ralf Rudolf Rudeloff, der T. S. Eliot erforschte, entwickelten.“
Als Karl-May-Forscher Sahlberg: „Karl May wurde für Bach ein Kristallisationskern seiner Interessen. Da Bach mit den Sprachen des Orients vertraut war, gewann für ihn die Welt von Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar eine magische Präsenz, und diese erschloß er sich dann auch bei Old Shatterhand und Winnetou. Bach war Dichter, er lebte in der Sprache, im sinnlichen Körper der Worte, ihres Klangs, von den Worten her öffnete sich ihm die Welt Karl Mays, die in seinen Büchern vorhandenen und zugleich verborgenen Dimensionen der Seele, und diese trug die Spuren der Gesellschaft an sich.“
Bachs berufliche Stationen waren in dieser Zeit nach Auskunft der Jahrbücher der Karl-May-Gesellschafthttps://www.karl-may-wiki.de/index.php/Jahrb%c3%bccher_der_Karl-May-Gesellschaft: 1970 und 1971: Redakteur in Mannheim 1975: Redakteur in Schwetzingen 1980 und 1981: Schriftsteller in Ulm
Bachs große Essays über Karl May heißen: Fluchtlandschaften (1971) Sich einen Namen machen (1975) „Die Zukunft steigt aus ihrer Sage und blüht vorweggenommen“ (1979) Abenteuer als Angstbewältigung. Beweggründe der Phantasie Karl Mays (1983) Karl May – Abgrund und Hunger (1987)
Sahlberg: „Beweggründe der Phantasie Karl Mays deutet auf Sicht und Absicht Bachs: Die Erforschung der Ursachen, aus denen heraus sich die Phantasie bewegt, der Gründe wie der Abgründe, in denen das Abenteuer beginnt und in die es wieder hinabführt. Abenteuer als Flucht zu dem Geflohenen – um es zu bewältigen. ‚Ich bin Psycholog‘, sagte Karl May im Alter, fünf Jahre, nachdem Freud in der Traumdeutung die Abgründe der Seele und die Gründe menschlichen Handelns vorgeführt hatte.“
Fluchtlandschaften Sahlberg (mit Zitaten von Bach): „‚May hat nur ein einziges großes Buch geschrieben, und erst die wechselseitige Beziehung aller Einzelzüge schafft das Gesamtbild.‘ Das war Bachs Perspektive, die er in dem bedeutenden Erstling Fluchtlandschaften entfaltete. Mays Fabeln sah er als ‚Mythen aus der Grundschicht der Psyche‘. ‚Der in die Subkultur geflohene Homer ist Karl May‘, zwiefach geprägt: ‚Opfer einer schlechten Gesellschaft‘ und ‚Opfer von Versagungen frühkindlicher Liebeswünsche‘. Und dazu der ‚Zusammenhang von frühkindlicher Oralität und dichterischem Impuls‘: ‚Endlich frei sprechen‘ können. ‚Die Unerträglichkeit der sozialen Bedingungen führt zur Regression in der Kindheit‘. ‚Fluchtlandschaften als Gegenwelten zur gesellschaftlichen Realität, in der zu leben er verdammt war, und gleichzeitig Zufluchtlandschaften als Imagines leiblicher Geborgenheit durch die Mutter‘, ‚von kindlicher Erotik rosig gefärbt, hautwarm und naiv.‘ …“Sahlberg an anderer Stelle: „Im Unterschied zu Schmidt und Wollschläger geht Bach in seiner Arbeit Fluchtlandschaften nicht chronologisch vor, sondern nimmt Mays Werk als Ganzes und entfaltet den darin enthaltenen ‚Monomythos‘. Auf der Grundlage der vergleichenden Mythenforschung – und als Kenner der nahöstlichen Sprachen, Literaturen und Länder – geht er der Gestaltwerdung der universalen Wunschfiguren in Mays Phantasie nach, die er gleichwohl im Realen verwurzelt sieht und psychoanalytisch deutet: Am Anfang stand die orale Frustration, die Entbehrung des Zustroms mütterlicher Liebeskraft – und die Fähigkeit zur schöpferischen Antwort: Von den ‚Durstlandschaften‘ gelangt May zu mütterlichen Paradiesen. In dem Aufsatz Sich einen Namen machen geht Bach dann mehr in die Details der Texte und zeigt die assoziativen Verflechtungen der geographischen und historischen Elemente, wodurch der Prozeß der seelischen Arbeit sichtbar wird.“ (Therapeut Kara Ben Nemsi, 1987, S. 191 f.)
Sich einen Namen machen Sahlberg (Bach zitierend): „Im Essay Sich einen Namen machen zeigt Bach, wie May sich die Namen in seinen Büchern macht. Dilke, wie ein Deutscher im Roman Und Friede auf Erden heißt, war der Name eines englischen Schriftstellers, Weltreisenden, Politikers, dessen steile Karriere jäh mit dem Absturz durch einen Skandal endete. So trägt die Romangestalt eine Geheimbiographie mit dem damaligen Schema von Mays eigenem Schicksal in sich. In Raffley verbirgt sich Raffles (Asienreisende kennen die Hotels), der in Westindien zur Welt kam und so diese Gegend als ‚Geburtsraum‘ um sich hat. May als ‚Hebammensohn‘ war ‚hellhörig für alles Geburtliche‘. Ein Schiff heißt Wihlade, das ist arabisch für Geburt. Ein anderes heißt Schooter, holländisch Schoot: Schoß. Oder Yin, das ‚gebärende weibliche Prinzip‘. Ein Berg Gros-Ventre: ‚Dickbauch‘, was an eine Schwangere denken läßt. …“
Vorwegnahme aus der Sage Bach: „May beschrieb Träume, und nichts, was es gibt. Seine Landschaftsbeschreibungen erheben einen Anspruch auf Realität, der sich der Nachprüfung am Ort listig entzieht. Mag er wohl die Parks über dem San Luis Valley in Colorado verbal beschwören: letztlich entwirft er Leiblandschaften, eine Topographie der Organe, innere ‚Wandelpanoramen‘, den ‚Farbenreichtum der unbekleideten Felsen‘, die ‚lachsgelb hervorschimmernden nackten Felsenmassen‘. Aber solche sinnlichen Träume von Landschaft reizen immer wieder, sie doch in der Realität zu suchen, sie vielleicht gar zu finden. Es sind utopische Ansichten der Natur, nicht Wirklichkeit, aber auf Wirklichkeit zielend. Wenn uns die Felsen doch wieder so würden, daß wir sie tätscheln könnten! Dort schläft das Glück seinen Mittagsschlaf, wo warm sie atmen, wußte doch Nietzsche. Wo die Natur unser Fleisch ist, ohne daß wir hineinschneiden und daran verbluten. Man will sie festmachen im Realen, die Bilder Mays, weil sie sich festmachen wollen in reiner Wirklichkeit ohne Rest Papier. Oft geht das an Orten, wohin die verbale Evokation des Autors zielt. Ich selbst hab's erfahren, hab's auch von anderen gehört: Das erste Mal, wenn man am Rand der Wüste steht, im glimmrigen Wüstenlicht, vor fernem Glast eines auf Staubdunst schwimmenden Himmels, den körperwarmen Wind nahe am Boden, elektrisch trockenen Geruch in der Nase – längst ist's bekannt; Halef steht neben dir. Da hat May Reales suggeriert, das er selbst gar nicht erfahren. Vorwegnahme also, Vorwegnahme aus der Sage. So wie er als blindes Kind hat Anschauliches vorwegnehmen müssen, es herausphantasierend aus schwarzer Nebelwand, bis er wirklich sah.“ („Die Zukunft steigt aus ihrer Sage ...“, 1979, S. 146)
Abenteuer als Angstbewältigung Sahlberg: „Wer die Heimat hinter sich läßt, dem ‚wird die Welt fremd und bedrohlich‘, doch ihm ‚wachsen auch Kräfte zu, und er besiegt Tod und Teufel‘, bis ein ‚strahlendes Bild ganz übermenschlich erglüht …‘. Der Abenteuerroman ist ‚ein Ritual zur Angstbewältigung‘ mit dem ‚Anspruch auf die unzerstörbare, ewigkeitsmächtige Figur‘. …“
Karl May – Abgrund und Hunger Sahlberg: „‚Angst hat ihre unauslöschlichen Bilder […] Die bodenlose Tiefe des Abgrunds und die atembeklemmende Enge.‘ ‚Zum Abgrund gehört der Schwindel dessen, der in ihn hineinblickt, das passive Mitgerissenwerden, die Einengung der Bewegungsfreiheit durch den übermächtigen Sog.‘ …“
Grundprinzipien der May-Deutung
Wortvernetzung Sahlberg: „Der Titel des ungedruckten Essays Wortvernetzung weist auf ein Grundprinzip der Dichtung Mays wie der Sicht von Bach: Im Netz der Sprachen, der Worte ergreift der Mensch die Welt – bringt sich zur Welt: Der Mikrokosmos der Seele, vielsprachig und enzyklopädisch geworden, spiegelt den Makrokosmos der Welt. Prinzip der Alchemisten.“
Sich selbst mitbringen Sahlberg: „Gegen den damals sich ausbreitenden vertrockneten soziologischen Trend gewandt, erläutert Bach sein Vorgehen 1979 in den Horen. Old Shatterhand lebt ‚von der Bereitschaft des Lesers, auf ihn zuzugehen. Und man muß sich selbst mitbringen dabei – oder doch die Vergegenwärtigung seiner selbst als ein Bündel unbändiger Wünsche: wie man als Kind gewesen. Wer den Text allein in seinem Wortlaut bei May läßt, ohne ihn anzureichern mit Eigenem, wird vor verschlossenem Sesam stehen bleiben. Objektiv ist May nicht zu haben.‘ …“
Erkennen als lebendige Erfahrung Sahlberg (Bach zitierend): „… ‚Ich wende das psychoanalytische Instrumentarium an, um mir und anderen eine vertiefte Erfahrung an Texten zu ermöglichen, die an der eigenen Lebensgeschichte, die selbstverständlich immer auch eine soziale Seite hat, anzubinden ist. Durch die Verflechtung mit persönlicher Erfahrung sollen die Texte reicher, vielschichtiger, gefächerter und auch realer werden. Die Vielfalt der von mir ins Spiel gebrachten Assoziationen und Gedankengänge soll lockern, entbinden, die Phantasie zum Aufquellen bringen.‘ …“
Erkrankung und Tod Sahlberg: „Erst um 1990 gelang es einigen Ketzern, der pränatalen Psychologie ein Forum zu verschaffen, was Bachs Interesse erregte. Nur wenig später erlitt er eine Verletzung, die bald danach zur Zerstörung seines Bewußtseins führte. Er starb im Sommer 2002.“
Zur Bedeutung von Bachs Arbeiten Historische Zusammenhänge Sahlberg: „Die Bedeutung von Bachs Arbeiten macht ein Blick auf die historischen Zusammenhänge klar. Die Psychoanalyse wurde 1933 in Deutschland als jüdisch verboten. Die universitären Vertreter der Geisteswissenschaften blieben dem Verbot des ‚Führers‘ auch nach 1945 treu, und hierin war Deutschland immer vereinigt geblieben (weitgehend bis heute. ‚Okkulter Antisemitismus‘ sagt der Kultursoziologe Nicolaus SombartNicolaus Sombart: Die deutschen Männer und ihre Feinde. Carl Schmitt – ein deutsches Schicksal zwischen Männerbund und Matriarchatsmythos, München 1991.).