Führerloser Widerstand (engl. leaderless resistance) wird eine Organisations- und Aktionsform des Rechtsterrorismus genannt, bei der Einzeltäter („einsame Wölfe“) oder konspirative Kleingruppen auf eigene Initiative und unabhängig voneinander Anschläge oder andere Gewalttaten planen und verüben und dabei bewusst auf Anführer und Befehlsstrukturen verzichten.

Das so bezeichnete Konzept wurde erstmals 1962 in den USA erwähnt, aber erst 1992 durch einen Aufsatz des US-amerikanischen Rechtsextremisten Louis Beam im Rechtsextremismus verbreitet. Es knüpft an Vorläufer aus der Zeit des Nationalsozialismus und aus dem Neonazismus an. Im Rechtsterrorismus des 21. Jahrhunderts wurde das Konzept vorherrschend.

Auch manche islamistische und linksextreme Terrorzellen sowie Gruppen aus der Tierrechtsbewegung wie die Earth Liberation Front benutzen diese oder ähnliche Aktionsformen.

Herkunft Lange bevor Louis Beam Begriff und Konzept des „führerlosen Widerstands“ popularisierte, war der Grundgedanke im Rechtsterrorismus bekannt. Die Organisationsform selbständig handelnder Terrorzellen ist nicht an besondere Ideologien gebunden. Der Terrorismusforscher Sebastian Gräfe führt sie auf die seit dem Altertum bekannte asymmetrische Kriegführung zurück, in der stark unterlegene Kämpfer das Risiko staatlicher Gegenmaßnahmen mit einer „Nadelstich“-Taktik zu verringern suchen, um dem überlegenen Gegner einen vernichtenden Gegenschlag zu verwehren. Als typische Kennzeichen dafür gelten der Einsatz kleiner Terrorverbände in einem nicht klar abgrenzbaren Gebiet und der Verzicht auf Kriegserklärungen und Tatbekenntnisse.Sebastian Gräfe: Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik Deutschland: Zwischen erlebnisorientierten Jugendlichen, „Feierabendterroristen“ und klandestinen Untergrundzellen. Nomos, Baden-Baden 2017, ISBN 978-3-8452-8757-7, S. 69 und S. 73.

Der Extremismus-Forscher Armin Pfahl-Traughber sieht das Konzept als gemeinsames Kennzeichen verschieden begründeter Formen des heutigen Terrorismus. Der „Einsame-Wolf“-Terror sei nur ein neuer Name für den seit dem 19. Jahrhundert bekannten Individualterror gegen Monarchen oder Politiker. Die Täter handelten dabei als selbstbestimmte Individuen und folgten keiner Gruppe, auch wenn sie einer solchen angehörten.Armin Pfahl-Traughber: Vom „Werwolf“ über die „Turner-Tagebücher“ bis zum „Leaderless Resistance“. In: Jannis Jost et al. (Hrsg.): Jahrbuch Terrorismus 2017/2018. Opladen 2019, S. 223 und S. 226. Gleichwohl berufen sich die rechtsextremen Vertreter des Konzepts auf bestimmte Traditionslinien ihrer jeweiligen nationalen Kontexte.

USA Entstehung Im Jahr 1965 schlug der Radiosprecher Richard Cotton, ein Hauptvertreter der rechtsextremen National Youth Alliance, erstmals vor, Phantomzellen für einen „führerlosen Widerstand“ zu schaffen. 1966 wiederholte er den Vorschlag bei einem Kongress. Doch erst Jahrzehnte später fand das Konzept breite Resonanz in der extremen Rechten der USA.George Michael: Lone Wolf Terror and the Rise of Leaderless Resistance. Vanderbilt University Press, Nashville, TN 2012, S. 42. Dem ging ein langer interner Konflikt voraus: Die meisten Rechtsextremen lehnten revolutionäre Gewalt gegen den Staat zwar nicht prinzipiell, aber unter den gegebenen Umständen als verfrüht und aussichtslos ab. Um allmählich eine politische Mehrheit zu gewinnen, setzte die American Nazi Party auf die Strategie der Massenaktion mit Propaganda und legalen Demonstrationen. Nachdem ihr Führer George Lincoln Rockwell 1967 ermordet worden war, versuchte sein Nachfolger Matt Koehl das rassistische und nazistische Profil der Partei zu schärfen, indem er sie in National Socialist White People’s Party (NSWPP) umbenannte. Zugleich schloss er radikalere Vertreter aus.

Zu diesen gehörte Joseph Tommasini. Er hatte 1970 beim zweiten NSWPP-Parteitag sofortige revolutionäre Aktion nach dem Vorbild der linksextremen Weathermen und der Symbionese Liberation Army gefordert. 1974 erschien sein Aufruf: „Die Zukunft gehört den Wenigen von uns, die bereit sind, sich die Hände schmutzig zu machen. Politischer Terror: Das ist das Einzige, was sie verstehen werden.“ Er und 42 Mitstreiter gründeten dazu im selben Jahr die National Socialist Liberation Front (NSLF). Sie lehnten die Strategie der Massenaktion ab, weil diese keine Aussicht auf Mehrheiten habe und wirksame Aktionen gegen den Staat praktisch verhindere. Nur vier Gründungsmitglieder begingen dann illegale Anschläge, zwei davon wurden inhaftiert, Tommasini wurde 1975 von einem NSWPP-Mitglied ermordet. Damit war die NSLF gescheitert. Dennoch hatte sie gezeigt, dass entschlossene Einzelne ohne Rücksicht auf die fehlende öffentliche Unterstützung dem Staat Schläge versetzen und Regierungsagenten oder antifaschistische Beobachter sie nicht rechtzeitig enttarnen konnten. Der Verzicht auf jedes Unterstützernetzwerk könne den Einzelnen zu unabhängigem Handeln nach seinem eigenen Willen befreien. Damit war das Konzept des „führerlosen Widerstands“ auch ohne diesen Namen geboren. Es entstand somit am Tiefpunkt des Niedergangs und der Spaltung der US-Neonaziszene, um die Not ihrer zahlenmäßigen Schwäche und politischen Isolation zu überwinden und Aktivisten neue Perspektiven zu eröffnen.Jeffrey Kaplan: Leaderless Resistance. In: David C. Rapoport (Hrsg.): Terrorism (= Critical Concepts in Political Science.) Band 4: The Fourth or Religious Wave. Routledge, London / New York 2006, ISBN 0-415-31650-2, S. 242–257, hier S. 242–244 (zuerst veröffentlicht 1997).

Als konzeptionelle Vorläufer des führerlosen Widerstands gelten auch die Romane The Turner Diaries (1978) und Hunter (1989) des US-Neonazis William Luther Pierce. Beide leiten in Form einer fiktiven Handlung zu Terroranschlägen von Kleingruppen oder Einzelpersonen an.Armin Pfahl-Traughber: Vom „Werwolf“ über die „Turner-Tagebücher“ bis zum „Leaderless Resistance“. In: Jannis Jost et al. (Hrsg.): Jahrbuch Terrorismus 2017/2018. Opladen 2019, S. 219–222. Die Turner-Tagebücher beeinflussten die ab 1980 agierende US-Terrorgruppe The Order und Timothy McVeigh, den Haupttäter beim Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City 1995. Der Nachfolgeroman The Hunter reagierte auf das Ende der Terrorgruppe The Order und geht von der Weltherrschaft eines fiktiven Weltjudentums aus. In dieser imaginierten ausweglosen Lage seien heldenhafte Aktionen Einzelner gegen die „Feinde der weißen Rasse“ das einzig erfolgversprechende Mittel, um der Masse die Schwäche des Systems zu demonstrieren und eventuell einen „Rassenkampf“ auszulösen.Jeffrey Kaplan: Leaderless Resistance. In: David C. Rapoport (Hrsg.): Terrorism (= Critical Concepts in Political Science.) Band 4: The Fourth or Religious Wave. Routledge, London / New York 2006, ISBN 0-415-31650-2, S. 242–257, hier S. 246 f. (zuerst veröffentlicht 1997).

Louis Beam Der frühere texanische Ku-Klux-Klan-Führer Louis Beam war 1988 mit zehn anderen Rechtsextremisten wegen Bildung der Gruppe The Order zum Sturz der US-Regierung verurteilt worden. Er hatte bei der Urteilsverkündung angekündigt, man werde den Kampf mit kleineren und geheimen Zellen fortsetzen.Thom Saffold: Right-Wing Domestic Terrorism: Widespread and Underreported. In: Agenda. Monthly Independent News around Ann Arbor. September 1999 (PDF). 1992 veröffentlichte er seinen einflussreichen Artikel Leaderless Resistance in seiner Zeitschrift The Seditionist. Darin warb er für die Gründung von Kleingruppen ohne Führerfigur und hierarchische Kaderstrukturen, die allein ihre gemeinsame Ideologie verbinden sollte. Befehle und Anleitungen von „oben“ seien letztlich überflüssig, da die Aktivisten dieser Zellen den richtigen Weg des „Widerstands“ gegen das politische System und die jeweils angemessenen Mittel dazu selbst wissen würden. Beam reagierte damit auf die Erfahrung: Je größer und zentraler geführt gewaltbereite Neonazigruppen waren, umso rascher und leichter konnten die US-Sicherheitsbehörden sie identifizieren und zerschlagen.Armin Pfahl-Traughber: Vom „Werwolf“ über die „Turner-Tagebücher“ bis zum „Leaderless Resistance“. In: Jannis Jost et al. (Hrsg.): Jahrbuch Terrorismus 2017/2018, Opladen 2019, S. 222f. Dagegen plädierte Beam für ein System geheimer Zellen, in dem jede Zelle ihre eigene Methode wählen solle, um „1000 Punkte des Widerstands“ gegen die US-Regierung und ihre Verbündeten zu schaffen.Richard Sandbrook: A New Urgency: Civilizing Globalization in a Era of Terrorism. In: ders. (Hrsg.): Civilizing Globalization: A Survival Guide. State University of New York Press, Albany, NY 2003, ISBN 0-7914-5668-4, S. 253–267, hier S. 254.

Keine dieser Zellen dürfe ihren Aktionsplan einem zentralen Hauptquartier oder einzelnen Führer melden und Befehle von dort empfangen. Die Bewegung könne die Abkehr von jeder organisierten Struktur ausgleichen, indem jeder Teilnehmer am führerlosen Widerstand genau wisse, was er tue und wie er es tue, also sich die nötigen Fertigkeiten und Informationen für seine Anschläge selbst verschaffe. So würden Befehle überflüssig. Damit wollte Beam zwei Vorteile erreichen: Die Öffentlichkeit werde Schwerstverbrechen nicht mehr der Nazi-Bewegung, sondern mental gestörten Individuen zurechnen, also vom tatsächlichen Organisationsgrad der extremen Rechten abgelenkt werden. Nazi-Organisationen könnten sich glaubwürdiger von den ausführenden Tätern distanzieren, selbst wenn diese zur eigenen Gruppe gehörten oder gehört hatten.

Beam führte sein Konzept auf den US-Luftwaffenoffizier Ulius Louis Amoss zurück. Dieser hatte 1962 einen Aufsatz unter dem Titel Leaderless Resistance veröffentlicht, der für den Fall einer kommunistischen Eroberung Amerikas eine partisanenähnliche Verteidigung der USA propagierte. Beam übertrug das Konzept von Amoss auf einen Terrorkampf gegen die vermeintliche „Staatstyrannei“ in den USA.Jeffrey D. Simon: Lone Wolf Terrorism: Understanding the Growing Threat. Prometheus Books, New York 2016, ISBN 978-1-63388-237-9, S. 30. Er behauptete, schon die Amerikanische Revolution der dreizehn Kolonien gegen den britischen König sei dieser Strategie gefolgt. Nur mit kleinen unverbundenen Widerstandszellen könne sich die weiße Separatistenbewegung gegen die übermächtige Regierung behaupten. So könnten diese Zellen dem Aufgespürtwerden durch eingeschleuste Regierungsagenten entgehen. Sie könnten mangelnde Möglichkeiten koordinierter Aktionen durch langfristige Hingabe an das revolutionäre Ziel ausgleichen.Travis Morris: Dark Ideas: How Neo-Nazi and Violent Jihadi Ideologues Shaped Modern Terrorism. Lexington Books, Lanham u. a. 2017, ISBN 978-0-7391-9104-0, S. 57.

Christian-Identity-Bewegung Im Oktober 1992 führte die Christian-Identity-Bewegung eine Konferenz zur Schießerei bei Ruby Ridge (August 1992) durch, auf der Beam sein Konzept vorstellen durfte. Die Teilnehmer stellten die Schießerei als Beweis dafür hin, dass die Bundesregierung wahre Patrioten nach und nach zu vernichten suche. Beams Aufsatz wurde in einen Bericht über die Konferenz aufgenommen: So wurde der Ausdruck Leaderless Resistance in den USA bekannt gemacht. Anders als der Aufsatz von Amoss, der wegen des Ausbleibens der befürchteten kommunistischen Eroberung der USA rasch vergessen worden war, wurde Beams Aufsatz auf diese Weise weit verbreitet.Jeffrey Kaplan: Leaderless Resistance. In: David C. Rapoport (Hrsg.): Terrorism, London 2002, S. 248f. Auch die Schießerei zwischen Bundespolizei und den Branch Davidians bei Waco (Texas) mit 83 Toten (Februar bis Mai 1993) schien den „führerlosen Widerstand“ als einzig verbleibende Möglichkeit weißer Selbstbehauptung zu bestätigen. Infolge beider Ereignisse griffen andere Neonazis in den USA Beams Idee auf, darunter Richard Kelly Hoskins (Vigilantes of Christendom), David Eden Lane (Wotan is coming) und Tom Metzger (White Aryan Resistance). Dieser verknüpfte Beams Konzept mit seiner eigenen Einsamer-Wolf-Idee und verbreitete beide über seine Magazine, Fernsehshows, Webseiten und Videospiele.