Die Berliner Straßenbahn ist eines der ältesten und größten Straßenbahnnetze der Welt. Betreiber sind die 1929 gegründeten Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Das normalspurige Netz hat eine Streckenlänge von 204 km und 828 Richtungshaltestellen. Die Fahrdrahtspannung der Oberleitung beträgt seit Anfang April 2023 750 V. 22 Tageslinien bilden ein Streckennetz mit einer Länge von ca. 320 km sowie ein Liniennetz mit der Nachtlinie von 436 km. Im Jahr 2024 beförderte die Berliner Straßenbahn 226,1 Millionen Fahrgäste.
In Berlin gab es seit 1865 eine Pferdebahn. Bis Ende des 19. Jahrhunderts wurde das Netz auf elektrischen Betrieb umgestellt. Mit der Teilung der Stadt wurde die BVG in einen westlichen und einen östlichen Betrieb gespalten, die 1992 wieder vereinigt wurden. Bis 1967 wurden in West-Berlin nach und nach sämtliche alten Straßenbahnlinien stillgelegt. Nach der deutschen Wiedervereinigung gab es einige Streckenneubauten, die auch in den ehemaligen Westteil der Stadt führen, weitere sind zudem geplant. Gleichwohl verkehrt die Straßenbahn weiterhin vorwiegend im Ostteil der Stadt.
Geschichte
Pferdeomnibusse mini|Pferdebahnwagen der Großen Berliner Pferde-Eisenbahn, Baujahr 1885 mini|Erste elektrische Straßenbahn in Lichterfelde, 1881 mini|Triebwagen 5984 Typ T24/49 mini|Triebwagen Typ TM 34 von 1927
Die erste Pferdeomnibus-Linie in Berlin wurde durch die Concessionierte Berliner Omnibus-Compagnie im Januar 1847 vom Alexanderplatz zur Tiergartenstraße in Betrieb genommen. Nach der Märzrevolution 1848 war das Unternehmen zahlungsunfähig. Anfang der 1860er Jahre stieg nach der Eingemeindung von Vororten, einem starken Bevölkerungszuwachs und Verdichtung der Bebauung sowie der Einführung der Gewerbefreiheit in Preußen langsam der Bedarf an Beförderungsmöglichkeiten. 1864 gab es 36 Fuhrbetriebe, die 39 Pferdebuslinien betrieben, deren konkurrierendes Angebot jedoch die Nachfrage überstieg.
Pferdestraßenbahnen Am 22. Juni 1865 nahm die Berliner Pferde-Eisenbahn-Gesellschaft E. Besckow in Berlin die erste deutsche Pferdestraßenbahnlinie in Betrieb. Sie führte vom Brandenburger Tor über die Charlottenburger Chaussee (jetzt: Straße des 17. Juni) nach Charlottenburg. Sie wurde am 28. August über die Dorotheenstraße zum Kupfergraben an der heutigen Museumsinsel verlängert. Die Fahrt mit Wagen auf den Schienen war für die Fahrgäste wesentlich ruhiger und angenehmer als bei den Omnibussen auf dem holperigen Straßenpflaster, die Zugpferde hatten aufgrund der geringeren Reibung weniger Kraft zum Ziehen aufzuwenden, sodass sie länger durchhalten konnten.
Elektrifizierung Am 16. Mai 1881 führte Werner Siemens in der damaligen Gemeinde Groß-Lichterfelde die erste elektrische Straßenbahn der Welt vor.
Die Elektrifizierung der Pferdebahnstrecken begann Ende des 19. Jahrhunderts. Die erste regelmäßig betriebene Linie im Stadtgebiet wurde von Siemens & Halske in Betrieb genommen. Sie verkehrte ab dem 10. September 1895 zwischen der Prinzenallee Ecke Badstraße in Gesundbrunnen und der Breiten Straße in Pankow. Die Umstellung bisheriger Pferdebahnlinien auf elektrischen Betrieb war 1902 fast abgeschlossen. Man sprach nun davon, mit der „Elektrischen“ zu fahren.
Ein erfolgloses Projekt stellte hingegen der 1898 vorgestellte Elektrische Straßenbahn-Omnibus von Siemens & Halske dar. Hierbei handelte es sich um eine Mischung zwischen elektrischem Straßenbahntriebwagen und Batteriebus, das Zweiwegefahrzeug konnte sich im Perambulatorbetrieb abseits der Schienen bewegen.
Die Straßenbahn in Berlin wurde von einer Vielzahl von Unternehmen betrieben. Neben privaten Unternehmen, die durch Übernahmen, Fusionen und Konkurse häufig wechselten, besaßen Berlin sowie einige damals noch selbstständige heutige Stadtteile zumindest zeitweise eigene kommunale Straßenbahnbetriebe.
Der wichtigste private Betreiber war die Große Berliner Pferde-Eisenbahn, die sich nach Beginn der Elektrifizierung Große Berliner Straßenbahn (GBS) nannte und nach und nach fast alle anderen Unternehmen aufkaufte. Am 13. Dezember 1920 fusionierte die GBS mit den Unternehmen BESTAG und SSB zur Berliner Straßenbahn.
Infolge der Inflation wurden zum Betriebsschluss am 8. September 1923 alle Berliner Straßenbahnlinien eingestellt. Am folgenden Sonntag, dem 9. September 1923, fuhren in Berlin, mit Ausnahme der Flachbahn und Schmöckwitz–Grünauer Uferbahn, keine Straßenbahnwagen. Am 10. September 1923 wurde der Verkehr auf einem Rumpfnetz mit 32 Linien wieder aufgenommen und in den folgenden Jahren ausgebaut.
Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG) Am 1. Januar 1929 wurde die Berliner Straßenbahn in die neu gegründete städtische Berliner Verkehrs-AG (BVG) überführt. Die BVG übernahm zugleich die Hoch- und Untergrundbahnen sowie die überwiegend von der Allgemeinen Berliner Omnibus-Actien-Gesellschaft (ABOAG) betriebenen Buslinien.
Am Gründungstag der BVG betrieb diese 89 Straßenbahnlinien und ein Netz mit 634 km Streckenlänge, besaß 4000 Straßenbahnfahrzeuge und beschäftigte 14.400 Personen allein bei der Straßenbahn. Die Straßenbahn leistete pro Jahr 170 Millionen Wagenkilometer. Im Jahr 1929 beförderte die Straßenbahn 929 Millionen Fahrgäste; Ende desselben Jahres gab es 93 Straßenbahnlinien.
Durch alliierte Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, Personal- und Strommangel gingen die Fahrleistungen der Straßenbahn ab März 1943 immer weiter zurück, bis der Betrieb am 23. April 1945 völlig zusammenbrach. Trotz immenser Zerstörungen fuhren am 20. Mai 1945 wieder Straßenbahnzüge in den Berliner Außenbezirken. Bis Ende 1945 konnten 328 km Straßenbahnstrecke wieder befahren werden.
Geteilte Stadt mini|Kurzgelenktriebwagen KT4D der BVB, Baujahr 1980
Die BVG wurde infolge der Teilung Berlins am 1. August 1949 ebenfalls geteilt. Es entstanden zwei verschiedene Unternehmen, die BVG-West in den drei Westsektoren (36 Straßenbahnlinien) und die BVG-Ost (13 Linien) im sowjetischen Sektor, ab 1969 VEB Kombinat Berliner Verkehrsbetriebe (BVB). Die Linien 3, 23, 73, 74 und 95 wurden zunächst gemeinsam betrieben. Nach der Währungsreform 1948 wechselten die Schaffner an der Sektorengrenze. Am 14. Oktober 1950 wurde der Verkehr auf den Straßenbahnlinien 47 und 96 von West-Berlin nach Schönefeld bzw. Kleinmachnow eingestellt. Den in der Sowjetischen Besatzungszone gelegenen Abschnitt der Linie 96 zwischen Teltow und der Machnower Schleuse betrieb die BVG-Ost bis 1961 fort.
Nachdem die SED im Jahr 1952 bereits einschneidende Maßnahmen zur Abtrennung der Westsektoren Berlins vom Umland und zum Ostsektor hatte vornehmen lassen, sorgte sie im Januar 1953 für die schon länger angedachte Unterbrechung der Straßenbahnverbindungen.Zur Straßenbahn in der Infrastrukturpolitik der SED im geteilten Berlin 1952/1953 siehe Michael Lemke: Vor der Mauer. Berlin in der Ost-West-Konkurrenz 1948 bis 1961. Böhlau, Köln, Weimar, Wien 2011, ISBN 978-3-412-20672-7, S. 61–65; Provokation und „verbindliche Absprache“ (s. u.) S. 64. Aufgrund einer verbindlichen Absprache mit der West-BVG setzte die Ost-BVG auf den in den West-Sektoren endenden Linien 23, 24, 35, 74 und 95 ausschließlich männliches Personal ein, weil dort die arbeitsrechtlich vorgeschriebenen Toiletten, Umkleide- und Ruheräume für Frauen nicht vorhanden waren. Als am 15. Januar 1953 die Ost-BVG in provokatorischer Absicht auf diesen Linien Straßenbahnfahrerinnen einsetzte, wurden die Züge, zuerst am Potsdamer Platz, an der Einfahrt in den West-Sektor gehindert. Im Laufe des Tages kam es zur Unterbrechung aller sektorengrenzenüberschreitenden Straßenbahnlinien. Die Fahrgäste mussten zu Fuß die Sektorengrenze überqueren, um ihre Fahrt in einem Zug der jeweils anderen Verwaltung mit derselben Liniennummer fortzusetzen.Eine historische Übersicht geben die Berliner Verkehrsseiten: Berliner Verkehrsseiten Straßenbahn Berlin. Die Elektrische Straßenbahn in Berlin (West). Die Züge der S- und U-Bahn verkehrten hingegen noch bis zum 13. August 1961 durchgehend über die Sektorengrenzen hinweg.
West-Berlin
mini|hochkant|Rillenschiene der Berliner Verkehrsbetriebe in West-Berlin
Ab 1954 gab es in West-Berlin eine Änderung der Verkehrspolitik, die auf einen Ersatz des Straßenbahnverkehrs durch Erweiterung der U-Bahn- und Omnibusstrecken zielte. Die Straßenbahn wurde als veraltet und überflüssig betrachtet. Ab 1954 wurden die Straßenbahnlinien nach und nach durch Omnibusse und in Einzelfällen durch die in den Folgejahrzehnten großzügig ausgebaute U-Bahn ersetzt. Ende 1962 gab es im Westteil der Stadt nur noch 18 Straßenbahnlinien.
Am 2. Oktober 1967 wurde in West-Berlin die letzte Straßenbahnlinie 55, die vom Bahnhof Zoo über Ernst-Reuter-Platz – Rathaus Charlottenburg – S-Bahnhof Jungfernheide – Siemensdamm – Nonnendammallee – Falkenseer Platz – Neuendorfer Allee bis nach Hakenfelde führte, stillgelegt. Erst 1984 wurde dieser Streckenabschnitt mit der Erweiterung der U-Bahn-Linie U7 wieder schienengebunden bedient. Bereits ab 1978 (bis 1991) pendelte ein Straßenbahnwagen vom Typ TM 33 als Nostalgiefahrzeug auf dem damals stillgelegten Hochbahnabschnitt zwischen den U-Bahnhöfen Nollendorfplatz und Bülowstraße.
Viele Metrobus-Linien folgen dem Verlauf früherer Straßenbahnlinien.
Ost-Berlin mini|links|Rekozug in der Wöhlertstraße (Endschleife Stadion der Weltjugend), 1974 mini|hochkant|Fahrschein, 1985
In Ost-Berlin entstanden mit der sich mehr und mehr vertiefenden Spaltung der Stadt große Probleme mit der Erhaltung der Straßenbahnwagen. Die Hauptwerkstatt Straßenbahn befand sich in der West-Berliner Uferstraße. Ab 1954 übernahm das Raw Schöneweide die Wartungs- und Reparaturaufgaben. Damit war das Reichsbahnausbesserungswerk sowohl für die S-Bahn als auch für U-Bahn und Straßenbahn zuständig.
Für die Verkehrspolitik Ost-Berlins war Moskau mit seinen breiten, straßenbahnfreien Magistralen Vorbild. Folglich wurden im Rahmen der autoorientierten Verkehrsplanung der 1950er und 1960er Jahre zahlreiche Straßenbahnstrecken stillgelegt. 1967 wurden mit Fertigstellung der Neubebauung am Alexanderplatz die Linien über den Platz stillgelegt. Es verkehrten allerdings weiterhin mehrere Straßenbahnlinien bis in die Nähe des Bahnhofs Friedrichstraße. Ende der 1980er Jahre gab es zwölf Linien in Berlin-Mitte, die die Endpunkte Am Kupfergraben, Stadion der Weltjugend (seit 1991 wieder U-Bahnhof Schwartzkopffstraße) und Hackescher Markt (je vier Linien) hatten. Die direkte Bedienung des Bahnhofs Friedrichstraße wurde durch Nutzung der parallel zur Friedrichstraße verlaufenden Planckstraße vermieden.
An eine Aufgabe des Straßenbahnnetzes war nicht gedacht. Ab Ende der 1970er Jahre wurden neue Straßenbahnstrecken gebaut, um die neuen Großsiedlungen wie Marzahn, später Hohenschönhausen und zuletzt Hellersdorf zu erschließen.
Seit der Wiedervereinigung mini|Straßenbahn auf der Köpenicker Straße in Altglienicke, 1992 mini|Seit 1997 fahren Straßenbahnzüge direkt zum Bahnhof Friedrichstraße mini|Straßenbahn auf dem Alexanderplatz, im Hintergrund die Urania-Weltzeituhr und das Haus des Reisens mini|Wagen der Linie M5 am 14. Dezember 2014, dem Eröffnungstag des regulären Straßenbahnbetriebs, am Hauptbahnhof
Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden im Jahr 1992 BVG (West) und BVB (Ost) wieder zur BVG vereinigt, das Unternehmen nennt sich nun Berliner Verkehrsbetriebe. Neben Bus- und U-Bahn-Linien betrieb die neue BVG die fast nur in den östlichen Bezirken verkehrende Straßenbahn.
Zum Jahreswechsel 1992/93 wurde der Betrieb auf der Strecke Adlershof–Altglienicke eingestellt und diese danach weitgehend abgebaut.