mini|Streikaufruf des Oltener Komitees (Seite 1) mini|Streikaufruf Seite 2 mini|Plakat der Ordnungstruppen in Zürich mini|Flugblatt gegen den Generalstreik
Der Landesstreik war ein Generalstreik in der Schweiz, der vom 12. bis zum 14. November 1918 dauerte. An den Streiktagen beteiligten sich rund 250'000 Arbeiter und Gewerkschafter. Drei Personen wurden im Zuge des Streiks durch Ordnungstruppen getötet. Der Landesstreik gilt als wichtigste gesellschaftspolitische Auseinandersetzung der schweizerischen Zeitgeschichte und bildete den Auftakt für zahlreiche soziale und politische Veränderungen.
Vorgeschichte Streikkultur vor dem Ersten Weltkrieg Die Schweiz war im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in Bezug auf die Streiktätigkeit im internationalen Vergleich kein Sonderfall; seit den späten 1860er-Jahren hatten die Arbeitsniederlegungen massiv zugenommen. In den 1870er-Jahren zählte man 71 Streiks, in den 1880er-Jahren 137 und in den 1890er-Jahren 449. Im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stieg die Zahl der Arbeitseinstellungen sprunghaft auf 1'418 an. Zwischen 1902 und 1912 gab es auch zehn lokale Generalstreiks. Der erste ereignete sich in Genf, im Jahre 1912 legte schliesslich auch die Zürcher Arbeiterschaft die Arbeit nieder. Wichtigster Befürworter des Generalstreiks war in der Schweiz der am linken Flügel der Sozialdemokratischen Partei (SP) politisierende Robert Grimm.Robert Grimm: Der politische Massenstreik. Basel 1906 Demgegenüber zeigten sich die Gewerkschaften zunächst sehr skeptisch.Christian Koller: Wetterleuchten des Umsturzes – Die Russische Revolution von 1905 und die Massenstreikdebatte in der internationalen Arbeiterbewegung, in: Rote Revue 83/4 (2005). S. 38–42.
Versorgungs- und Verteilungskrise während des Ersten Weltkriegs Dass gegen Ende des Ersten Weltkrieges die Idee eines landesweiten Generalstreiks in der Schweizer Arbeiterbewegung zunehmend populärer wurde, war kein Zufall. Seit dem Kriegsausbruch hatten sich die Lebensbedingungen breiter Massen zunehmend verschlechtert. Hatte sich zu Beginn des Krieges die Sozialdemokratie – ohne dass sie allerdings in die Landesregierung eingebunden worden wäre – der Politik des „Burgfriedens“ angeschlossen und waren die Konflikte eher entlang der Grenze der mit unterschiedlichen Kriegsparteien sympathisierenden Sprachgruppen verlaufen, so verschärfte sich die Kluft zwischen Arbeiterschaft und Bürgertum in den folgenden Jahren mehr und mehr.
Die zunehmende Inflation schuf Gewinner und Verlierer. Profiteure waren die Landwirtschaft, teilweise auch die Industrie, die nicht selten für beide kriegführenden Blöcke produzierte. Auf der Verliererseite standen die Lohnabhängigen, denen der Teuerungsausgleich erst spät und keineswegs vollständig gewährt wurde, die Wehrmänner und ihre Familien, die grosse Einkommensverluste hinnehmen mussten und häufig ihre Arbeitsplätze verloren, sowie die Konsumenten, die unter der zunehmenden Lebensmittel-, Energie- und Kleidungsknappheit und dem massiven Ansteigen der Mieten litten.Daniel Krämer et al. (Hrsg.): «Woche für Woche neue Preisaufschläge»: Nahrungsmittel-, Energie- und Ressourcenkonflikte in der Schweiz des Ersten Weltkriegs. Basel 2016.Gertrud Schmid-Weiss: Schweizer Kriegsnothilfe im Ersten Weltkrieg: Eine Mikrogeschichte des materiellen Überlebens mit besonderer Sicht auf Stadt und Kanton Zürich. Wien 2019 Die Ernährungskrise schlug sich sogar in Gewicht und Wachstum von Kindern nieder. 1917 erfolgte eine Rationierung der Grundnahrungsmittel. Im letzten Kriegsjahr war mehr als ein Sechstel der Bevölkerung (in den Städten zum Teil sogar ein Viertel) auf Notstandsunterstützungen angewiesen, die, wenn überhaupt, erst nach entwürdigenden behördlichen Prozeduren ausgerichtet wurden. Da die Baukosten während der Kriegsjahre um das Zweieinhalbfache stiegen, kam die Wohnbautätigkeit fast zum Erliegen, was wiederum eine starke Erhöhung der Mietzinsen nach sich zog. Ganze Familien wurden in Einzelzimmern oder Baracken untergebracht.
Ernährungskrise und Wohnungsnot gingen weit über das Kriegsende hinaus. So waren in der Stadt Zürich noch im Oktober 1919 7 Prozent der Bevölkerung von Nahrungsmittelhilfen abhängig.Schmid-Weiss, S. 193–196. Zugleich erreichte in Zürich 1919 die Wohnungsnot mit einem Leerwohnungsbestand von lediglich 0,05 % den Höhepunkt. Die im Schnitt rund 30 Prozent Reallohnverluste, welche Arbeiter und Angestellte während der Kriegszeit erlitten, wurden erst 1919/20 nach einer Streikwelle allmählich ausgeglichen. Die Lebensmittelrationierung hielt bis April 1920 an.
Auch in der Armee war die Stimmung keineswegs die beste. Die Wehrmänner, die im Schnitt während der Kriegsjahre 500 bis 600 Tage Militärdienst leisteten, waren finanziell sehr schlecht abgesichert und litten zudem unter dem preussischen Drill des deutschlandfreundlichen Generals Ulrich Wille. Da noch kein Erwerbsersatz existierte, wurden Wehrmannsfamilien zunehmend von weiblichen Einkommen abhängig, die durchschnittlich wenig mehr als die Hälfte der Männerlöhne betrugen. Viele Familien sanken deshalb unter die Armutsgrenze.
Streik- und Protestwelle ab 1916 Die wachsende soziale Unrast führte in der zweiten Kriegshälfte zu einer Zunahme von Streiks und Demonstrationen.Thomas Maissen: In der Not gingen sie auf die Strasse – eine Suche nach den Ursachen für den Landesstreik 1918 In: Aargauer Zeitung vom 18. August 2018 Hatte es 1916 35 Arbeitsniederlegungen mit 3'330 Beteiligten gegeben, so waren es im folgenden Jahr bereits 140 Streiks, an denen sich 13'459 Arbeiter beteiligten. Im Jahre 1918 streikten dann (ohne den Landesstreik mitzuzählen) 24.382 Personen in 269 Fällen. Seit dem Sommer 1916 gab es auch Marktdemonstrationen verzweifelter Arbeiterinnen, und in verschiedenen Städten, so in Zürich am 10. Juni 1918, fanden auch eigentliche Hungermärsche von Frauen statt, die die Behörden zum Handeln aufrütteln wollten. Am 30. August 1917 fanden in zahlreichen Schweizer Ortschaften während der Arbeitszeit grosse Teuerungsdemonstrationen statt, an denen sich mehrere Zehntausend Männer und Frauen beteiligten. Einen Höhepunkt erreichte der soziale Protest 1917 mit den Zürcher Novemberunruhen.Hannes Nussbaumer: Als Zürich die Revolution probte In: Tages-Anzeiger vom 17. November 2017Adi Kälin: Bei den Zürcher «Jugendunruhen» vor hundert Jahren starben vier Menschen In: Neue Zürcher Zeitung vom 30. September 2017 Am 15. November ereigneten sich im Anschluss an eine Versammlung zur Feier der eben erfolgten Oktoberrevolution in Russland Aktionen gegen zwei Munitionsfabriken am Stauffacherquai, die von einer etwa tausendköpfigen Menschenmenge unter Führung des später legendären „Friedensapostels“ Max Daetwyler vorübergehend zur Einstellung der Produktion gezwungen wurden. In den folgenden zwei Tagen ereigneten sich Strassenschlachten zwischen Demonstrierenden, Polizei und Militär, die vier Todesopfer forderten. Im März 1918 plünderten verzweifelte Männer und Frauen in Bellinzona die Milchzentrale. Im Juli gleichen Jahres wurde bei einem Hungerkrawall in Biel ein junger Mann von der Ordnungstruppe erschossen und führten Teuerung und Lebensmittelknappheit zu einem lokalen Generalstreik in Lugano.
Zudem radikalisierten sich Teile der schweizerischen Sozialdemokratie. Im September 1915 und im April 1916 fanden unter der Leitung Robert Grimms in Zimmerwald und Kiental internationale Konferenzen von Linkssozialisten statt, die für eine möglichst rasche Beendigung des Krieges plädierten. Bereits im November 1915 stellte sich der Parteitag der SPS hinter die Ziele dieser sogenannten „Zimmerwalder Bewegung“. Der SP-Parteitag von 1917 brachte dann den Antimilitaristen einen entscheidenden Sieg. War im Herbst 1914 der sicherheitspolitische Vorkriegskurs, der zwar eine Verminderung der Militärausgaben verlangte und den Einsatz der Armee gegen Streikende unterbinden wollte, grundsätzlich die militärische Landesverteidigung aber anerkannte, noch bekräftigt worden, so wurde im Juni 1917 mit 222 gegen 77 Stimmen ein vom linken Flügel um Grimm initiierter Antrag gutgeheissen, der die „Verschärfung des grundsätzlichen Kampfes gegen den Militarismus und die ihm Vorspanndienste leistenden nationalistischen und chauvinistischen Bestrebungen“ und die „Bekämpfung der militärischen Institutionen und Ablehnung aller militärischen Pflichten des bürgerlichen Klassenstaates durch die Partei“ postulierte und die sozialdemokratischen Bundesparlamentarier verpflichtete, „unter grundsätzlicher Motivierung alle Militärforderungen und -kredite abzulehnen“. Dieser Kurs war nicht unumstritten, neun SP-Nationalräte distanzierten sich öffentlich davon.
Spanische Grippe Gegen Kriegsende breitete sich auch in der Schweiz eine Grippeepidemie aus, an der rund die Hälfte der Schweizer Bevölkerung erkrankte und die etwa 22'000 Todesopfer forderte. Damit wurde 1918 zum einzigen Jahr des 20. Jahrhunderts, als in der Schweiz mehr Menschen verstarben als geboren wurden. Die überwiegende Mehrzahl der Toten stammten aus der Zivilbevölkerung, aber auch etwa 1500 Wehrmänner fielen der Grippe zum Opfer.Patrick Kury: Das Virus der Unsicherheit: Die Jahrhundertgrippe von 1918/19 und der Landesstreik. In: Roman Rossfeld et al. (Hrsg.): Der Landesstreik: Die Schweiz im November 1918. Baden: Hier+Jetzt 2018. S. 390–411Christian Koller: Archivarisches Händeklatschen: Bestände zu Gesundheitswesen und Gesundheitspolitik im Sozialarchiv, in: Sozialarchiv Info 2 (2020). S. 10–26Die zweite Welle endete 1918 fatal: UZH Medienmitteilung vom 8. Februar 2021 Die erste Grippewelle im Sommer 1918 fiel zeitlich mit der raschen Verschärfung der Versorgungsengpässe zusammen. In der Presse und seitens der Arbeiterbewegung gab es heftige Angriffe auf die Armeeführung wegen die Verbreitung der Grippe fördernder Unterkunftsverhältnisse der Aktivdienstsoldaten und mangelhafter Vorbereitung der Sanitätstruppen. Die auf diese zusätzliche Krise schlecht vorbereiteten Behörden reagierten erst mit zeitlicher Verzögerung, sprachen Versammlungsverbote aus und publizierten Hygieneanweisungen. Grosse Inkonsequenzen gab es bei den Anordnungen über Veranstaltungsverbote und Restaurantschliessungen zwischen den einzelnen Kantonen und Gemeinden. Die zweite, noch heftigere Grippewelle im Herbst fiel zusammen mit einer Zuspitzung der Konflikte zwischen Arbeiterbewegung und politischer und militärischer Führung sowie dem Landesstreik.