mini|Titelseite des Buches Der von Gott erleuchtete Führer, Erster Teil
Jacques Bertot (; * 29. Juli 1622 in Caen; † 28. April 1681Madame Guyon vermerkt in ihrer Autobiografie (1. Teil, Kap. 30, Abs. 13, und 2. Teil, Kap. 1, Abs. 1), Bertot sei „vier Monate vor [ihrer] Abreise“ aus Paris, die „nach dem Fest der Heimsuchung Mariä“ (dem 2. Juli) erfolgte, und demnach Anfang März des Jahres gestorben. In anderen Quellen wird (nach Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 35 f. [s. unter Literatur]) hingegen der 28. April 1681 als Todestag genannt. in Montmartre [jetzt Paris]) war ein römisch-katholischer Mystiker und der geistliche Führer Madame Guyons in deren jungen Jahren.Briefe der [...] Madame de la Mothe Guion an den Frey-Herrn von Metternich, 1769, S. 123 (Digitalisat der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen. PDF; 48 MB. Abgerufen am 1. Januar 2024.). – Madame Guyon sandte Wolf Freiherr von Metternich (1669–1731) einen Brief, den Jacques Bertot 1672 an sie gerichtet hatte, und merkte dazu an: „Ich schicke Ihnen einen Brief eines großen Knechts Gottes, der vor vielen Jahren gestorben ist. Er war ein Freund des Herrn von Bernières und er ist mein Führer in meiner Jugend gewesen.“ (Die Übersetzung des Briefes Bertots an Madame Guyon findet sich in dem 2023 veröffentlichten Sammelband Weitere Schriften [s. unter Weblinks].) Er war zunächst Oberer des Ursulinenkonvents in Caen und später Beichtvater der Abtei von Montmartre.
Leben Aus dem Leben Jacques Bertots ist nur wenig bekannt. Im Vorwort des 1740/41 erschienenen Buches Der von Gott erleuchtete Führer (Bild) mit Texten Bertots findet sich eine – aus dem französischsprachigen Ausgangstext Le Directeur Mistique (s. unten) übernommene – Lebensbeschreibung mit dem Hinweis, dass diese „alles in sich verfasst, was man von ihm hat erfahren können“:Jacques Bertot: Der von Gott erleuchtete Führer in denen geheimen Wegen des mit Christo in Gott verborgenen Lebens, Erster Teil, S. 11–13 (s. unter Werke).Die hier angeführten Textstellen und Zitate wurden hinsichtlich Rechtschreibung und Zeichensetzung modernisiert, im Ausdruck jedoch unverändert gelassen. Einschübe in eckigen Klammern dienen der Ergänzung, Erklärung oder Verdeutlichung.
Bertot war der einzige Sohn des Tuchhändlers Louis Bertot und dessen Frau Judith Le Mière.Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 18.
Umfeld Bertots – Wirken in Caen
Die Freundschaft mit dem Mystiker Jean de Bernières-Louvigny (1602–1659), der als Schatzmeister der Krone Laie war, ging auf die Zeit zurück, die Jacques Bertot in der von Jean de Bernières gegründeten Einsiedelei Ermitage de CaenSiehe den entsprechenden Artikel in der französischsprachigen Wikipedia. verbracht hatte. Da de Bernières’ Denken und so wohl auch das spirituelle Leben in der Ermitage von der Lehre des Franziskaners Jean-Chrysostome de Saint-Lô (1594–1646), die auch einige der Grundthemen Bertots beinhaltet, stark geprägt waren, wurde versucht, Chrysostome de Saint-Lô als Begründer einer spirituellen Linie oder „mystischen Kindschaft“ darzustellen, die über de Bernières und Bertot zu der zu ihrer Zeit berühmten Madame Guyon (1648–1717) reicht, deren Lehre sich in weiten Teilen mit der Bertots deckt.Dominique Tronc: Une filiation mystique – Chrysostome de Saint-Lô, Jean de Bernières, Jacques Bertot, Jeanne-Marie Guyon, S. 95–116 (s. unter Literatur). – Die „mystische Kindschaft“ zwischen den genannten Persönlichkeiten wird in diesem Aufsatz erstmals beleuchtet.
Wie zwei Briefe in Le Directeur Mistique von 1673 und 1674 zeigen, stand Jacques Bertot auch in Verbindung mit dem 1663 von François de Montmorency-Laval (1623–1708; 2014 heiliggesprochen) gegründeten Priesterseminar Séminaire de Québec in Kanada – auch François de Laval hatte (ab ca. 1654) für drei Jahre in der Ermitage von Jean de Bernières in Caen gelebt.Jacques Bertot: Le Directeur Mistique, 3. Band, S. 471 ff. und 503 ff. (im Ersten Teil von Der von Gott erleuchtete Führer die dem 27. und dem 28. Brief Bertots vorausgehenden, nicht nummerierten Briefe „an Hrn. Bertot“; S. 325 ff. und 370 ff.). – Gemäß dem Centre d’Animation François de Laval (E-Mail von Mgr Hermann Giguère P.H., Séminaire de Québec, vom 4. Dezember 2018) handelt es sich bei dem Autor dieser Briefe vermutlich um Jean Dudouyt (1628–1688), der wie Bertot einige Zeit in der Ermitage von Jean de Bernières in Caen gelebt hatte. Dort lernte er auch François de Laval, den Gründer des Séminaire de Québec (1663), kennen, für welchen er ab 1663 im Séminaire de Québec in Kanada und ab 1676 in Frankreich verschiedene wichtige Ämter bekleidete. De Laval selbst kommt wohl als Autor der Briefe nicht in Betracht, da er sich von 1671 bis 1675 in Frankreich aufhielt; möglicherweise verbirgt er sich hinter dem Kürzel N. (Abs. 6 des ersten der beiden oben genannten Briefe). Auch der 45. Brief (S. 254 ff.) und der 65. Brief (S. 351 ff.) im 2. Band von Le Directeur Mistique (der 14. und der 19. Brief im Ersten Teil von Der von Gott erleuchtete Führer) gingen wohl an das Séminaire de Québec. – Über die Ermitage de Caen schreibt der kanadische Historiker und Priester Auguste-Honoré Gosselin (1843–1918) in Henri de Bernières: premier curé de Québec, Évreux 1896 (S. 10): „Man kann sagen, dass die Ermitage de Caen gleichsam die Wiege der Kirche von Kanada war.“ Zu Bertots Umfeld zählten ferner die als Heilige verehrte Marie des Vallées (1590–1656), Jean Eudes (1601–1690; 1925 heiliggesprochen) und Catherine de Bar (1614–1698), die Gründerin des Instituts der Benediktinerinnen vom Heiligsten Sakrament und des Benediktinerinnenklosters Rue Cassette in Paris, die in einem Brief an Jean de Bernières vom 30. Juli 1645 schreibt, wie der damals erst 23 Jahre alte Jacques Bertot durch seine Anwesenheit „dieses arme, kleine Kloster erneuert und die Gnade der Inbrunst in den Köpfen und das Verlangen nach heiliger Vollkommenheit wiederbelebt hat.“Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 24 ff. – Noch aus der Hermitage du Saint Sacrement; das eigentliche Kloster wurde erst 1654 gegründet und 1659 in die Rue Cassette verlegt.
In Caen stand Bertot nach einem Studium an dem dortigen Kolleg zunächst von 1655 bis 1675 als Priester und Beichtvater dem 1624 von Jean de Bernières’ Schwester Jourdaine de Bernières gegründeten Ursulinenkonvent vorDominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 23. – 1624 eröffnete Jourdaine de Bernières mit drei Ursulinen zunächst eine Schule für junge Mädchen in der Rue Guilbert. In den folgenden Jahren wurde ein weitläufiges Kloster gebaut, das sich von der heutigen Place de la Résistance bis zur Rue Saint-Louis erstreckte; vgl. Quand les Ursulines deviennent normandes und betreute darüber hinaus Nonnen in verschiedenen Klöstern.Jacques Bertot: Der von Gott erleuchtete Führer, Erster Teil, S. 11, und Zweiter Teil, 13. Brief, Abs. 2, S. 421. Siehe auch Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 19. 1675 erfolgte seine Berufung als Beichtvater an die Abtei von Montmartre,Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 22 f. damals noch „ein Dorf auf einem Hügel, der ihm seinen Namen gibt, in der Nähe eines Vororts nördlich der Stadt Paris“.Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 28.
Wirken in Montmartre und Paris – Retraites-Schriften
Schon vor dieser Zeit aber hatte Bertots Freundschaft mit der Äbtissin von Montmartre, Françoise Renée de Lorraine (1621–1682), dazu geführt, dass sich in Paris um Bertot, der in der Abtei von Montmartre und einige Jahre später auch im Haus der Nouvelles Catholiques in Paris Vorträge hielt, ein frommer Kreis bildete.Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 32. Wohl aus diesem Umfeld gingen 1662 zwei Begleitbände zu Einkehrvorträgen hervor, in welchen im Wesentlichen die Anfänge des Weges der Vervollkommnung einer Seele im Grad der Betrachtung, der ersten Stufe des mystischen Wegs, thematisiert wurden.Jacques Bertot: Diverses Retraites und Continuation des Retraites, Paris 1662 (s. unter Werke). Komplettiert wird diese Reihe durch einen dritten Band mit dem Titel Conclusion des Retraites,Jacques Bertot: Conclusion des Retraites, Paris 1684 (s. unter Werke). der jedoch erst nach Bertots Tod von der Oberin des Klosters Montmartre veröffentlicht wurde; Bertot selbst strebte nicht danach, sich „als ein Autor durch den Druck darzustellen“.Jacques Bertot: Der von Gott erleuchtete Führer, Zweiter Teil, 2. Traktat, Abs. 58, S. 180: – „Gleichwie mir aber niemals in die Gedanken gekommen, auch, will’s Gott, niemals kommen wird, mich als ein Autor durch den Druck darzustellen, so sage ich Ihnen nur einfältig meine armen Lichter, um Ihnen Hilfe zu leisten und vielleicht auch noch anderen zu helfen.“
Diese letzte, sehr dichte und detailscharfe Abhandlung – unter dem Titel Abschluss der Einkehrvorträge 2020 erstmals in Übersetzung erschienen (s. unter Werke) –, in der die höheren Grade des mystischen Wegs mit Autorität und psychologischer Finesse umrissen sowie Fragen des Verhaltens in verschiedenen Lebenssituationen erörtert werden, wurde wie auch die beiden ersten Bände der Retraites-Schriften ohne Nennung eines Autors veröffentlicht und erst in neuerer Zeit Bertot zugeschrieben; den beiden ersten Bänden lagen dabei wohl Mitschriften seiner Vorträge und dem dritten Band Aufzeichnungen Bertots zugrunde.Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 41 f. Die Texte weichen im Schreibstil jedoch von den unzweifelhaft aus Bertots Hand stammenden, späteren Abhandlungen und Briefen ab und erreichen auch nicht deren Tiefe, weshalb eine andere Autorschaft nicht ausgeschlossen bleibt. Andererseits wurden sie einige Jahre vor jenen verfasst, sodass – neben einer eventuell erfolgten Überarbeitung durch Dritte und anderen möglichen Erklärungen – unterstellt werden kann, dass Bertots Lehre und Stil in diesen frühen Texten noch nicht zu der Reife späterer Jahre gelangt waren.
Verbindung mit Madame Guyon – Überlieferung und Wirkung der Schriften Bertots
Die 26 Jahre jüngere, damals 23-jährige Madame Guyon traf auf Anraten von Geneviève Granger (1600–1674), der Oberin des Benediktinerkonvents ihres Heimatorts Montargis, unter deren Einfluss sie einige Zeit stand, am 21. September 1671 zum ersten Mal mit Jacques Bertot zusammen.Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 568. Hierzu erwähnt Madame Guyon im ersten Teil ihrer Autobiografie, dass sie nach Paris gegangen sei, „um da mein Auge behandeln zu lassen, indes viel weniger in dieser Absicht, als den Herrn Bertot zu sehen, den die Mutter Granger mir vor Kurzem zum Gewissensrat empfohlen hatte und der ein Mann von hoher Erleuchtung war.“Madame Guyon: Das Leben der Frau J. M. B. von la Mothe Guion, von ihr selbst beschrieben. Erster Teil, Berlin 1826, S. 238 ff. (Digitalisat bei Google Books. PDF; 17 MB. Abgerufen am 1. Januar 2024.). Auch sie, von Bertot später als seine „älteste Tochter und die fortgeschrittenste“ bezeichnet, war in der Folge einige Jahre lang Teil des Kreises um Bertot in Paris und nahm an dessen Einkehrvorträgen teil.Dominique Tronc: Jacques Bertot – Directeur Mystique, S. 35 f.