Der Simultankontrast (von lateinisch simul: zugleich, zusammen, gleichzeitig; lateinisch contra und stare: entgegenstehen) beschreibt ein Phänomen, bei dem das menschliche Sehorgan in der Umgebung einer Farbe automatisch die Komplementärfarbe wahrnimmt. Diese virtuelle Farbe ist rein physiologisch bedingt und hat den Zweck, dass man auch unter ungünstigen Bedingungen Gegenstände deutlicher voneinander unterscheiden kann. Andere Bezeichnungen für den Simultankontrast sind Chevreul-Täuschung, Farbtäuschung, Kontrasttäuschung oder simultaner Kontrasteffekt.

Definition

Der Simultankontrast ist ein Begriff der Physiologie (Biologie / Medizin), Optik (Physik) und Kunsttheorie. Er ist ein Phänomen, bei dem unser Sehorgan bei der Betrachtung einer Farbe in der Umgebung gleichzeitig (= simultan) die Komplementärfarbe wahrnimmt. Es handelt sich um einen rein physiologisch bedingten Prozess, um Kontraste deutlicher wahrzunehmen.

Der Simultankontrast ist nicht zu verwechseln mit dem Sukzessivkontrast (auch Nacheffekt oder Nachbild). Dieser ist ein Phänomen, bei dem unser Sehorgan bei der Betrachtung einer Farbe allmählich (= sukzessiv) von dieser Farbe an derselben Stelle auf der Netzhaut ein Nachbild in der Komplementärfarbe erzeugt.So setzt z. B. Josef Albers in seinem Buch Interaction of Color – Grundlegung einer Didaktik des Sehens fälschlicherweise den Simultankontrast mit dem Nachbild / Sukzessivkontrast gleich (Verlag M. DuMont Schauberg Köln 1970, S. 48).

Beschreibung Der Simultankontrast besagt, dass nebeneinander liegende Farben sich gleichzeitig und wechselseitig beeinflussen. Er bewirkt eine Kontrastverstärkung in Bezug auf die Farbhelligkeit, den Farbton und/oder die Farbsättigung (Farbreinheit, Farbtrübung). Der stärkste Kontrast entsteht, wenn die verschiedenfarbigen Flächen möglichst gleichmäßig gefärbt (frei von Korn) sind und sie direkt aneinander stoßen. Ändert sich die Farbhelligkeit, spricht man vom Hell-Dunkel-Simultankontrast, ändert sich der Farbton, spricht man vom farbigen Simultankontrast. Der farbige Simultankontrast ist am stärksten, wenn die Helligkeit dieselbe ist. Bei Helligkeitsunterschieden schwächt er sich ab und verschwindet ganz bei größeren Unterschieden der Helligkeit. Wegen dieser Erkenntnis vermieden zum Beispiel die impressionistischen Maler möglichst alle Helligkeitsunterschiede, besonders alle starken Schattierungen, um die Leuchtkraft der Farben zu erhalten. Am meisten steigert sich die Leuchtkraft (Farbsättigung), wenn komplementäre Farben nebeneinander liegen. Umgekehrt tritt in der Umgebung von Grau keine Veränderung auf, wenn die angrenzende Farbe gleich hell ist. Deshalb legt man eine Farbe auf eine gleich helle graue Fläche, um den Farbton unverfälscht wahrzunehmen.

Erklärung Das menschliche Auge ist kein optisch-physikalisches Messinstrument, das die gegebene Lichtfrequenz und Lichtmenge objektiv misst. Denn nicht von jedem Stäbchen (hell-dunkel-wahrnehmendem Rezeptor) oder Zapfen (farbempfindlichem Rezeptor) in der Netzhaut läuft eine gesonderte Nervenleitung zum Gehirn. Vielmehr befinden sich in der Netzhaut mehrere Schichten von Nervenzellen, deren Fasern untereinander und mit den Rezeptoren und dem Gehirn verbunden sind. So kann der gleiche (physikalisch objektiv messbare) Farbreiz, also die gleiche empfindungsauslösende elektromagnetische Welle, zu ganz unterschiedlichen Farbempfindungen des Betrachters führen. Dabei handelt es sich um einen rein physiologischen Korrekturvorgang des Sehorgans. Die scheinbar zugemischte Farbe ist eine virtuelle Farbe, eine induzierte Farbe, die objektiv nicht vorhanden ist. Der Vorgang dient dazu, benachbarte Farbflächen deutlicher voneinander zu unterscheiden. Deshalb spricht man auch von einer Kontrasttäuschung. In der Regel ist es wichtiger, Konturen deutlich wahrzunehmen als langsame Intensitätsverläufe. Die Begrenzungen von Objekten sollten auch unter ungünstigen Umweltbedingungen optimal detektiert werden. mini|Der Hering-Kontrast ist wohl der einfachste Hell-Dunkel-Simultankontrast. Grau erscheint in weißer Umgebung dunkler und in schwarzer Umgebung heller.

Im Wesentlichen liegt die Kontrastverstärkung daran, dass jeder Rezeptor in der Netzhaut seine Farbempfindung nicht isoliert in unser Gehirn weiterleitet, sondern bei seinen Nachbar-Rezeptoren die Wahrnehmung unterdrückt und damit dort den Eindruck der Komplementärfarbe erzeugt. Anders ausgedrückt: „Wird eine Horizontalzelle von einem Stäbchen oder Zapfen erregt, so erregt diese auch benachbarte Rezeptorzellen, hemmt aber auch weiter entfernt liegende Bipolarzellen. Dieser Mechanismus bewirkt, dass ein Lichtpunkt heller erscheint als er tatsächlich ist, und die Umgebung dunkler. Durch diese Verarbeitung, die als laterale Hemmung (‚laterale Inhibition‘) bezeichnet wird, werden die Kanten der wahrgenommenen Objekte verschärft und der Kontrast verstärkt.“

Beispiele aus der Farbenlehre mini|Die Machschen Streifen sind ein Hell-Dunkel-Simultankontrast. Grau erscheint neben einem dunkleren Grauton heller und neben einem helleren Grauton dunkler.|alternativtext=Der vermutlich einfachste Simultankontrast ist der Hering-Kontrast. Es handelt sich um einen Hell-Dunkel-Simultankontrast (auch: simultaner Hell-Dunkel-Kontrast, Helligkeitskontrast oder Helligkeitstäuschung), der sich ausschließlich auf die Helligkeit von Farben bzw. Grautönen auswirkt. Das graue Quadrat erscheint in weißer Umgebung dunkler und in schwarzer heller, obwohl es sich um denselben Grauton handelt. Der deutsche Physiologe Ewald Hering hat diesen Kontrast erstmals beschrieben.

Ein weiterer Hell-Dunkel-Simultankontrast läuft unter dem Namen Machsche Streifen (auch: Mach-Streifen, Machsche Bänder, Chevreul-Mach-Bänder, Mach-Kontrast). Ernst Mach war ein österreichischer Sinnesphysiologe. Er entwarf ein Bild aus Streifen, die von Schwarz über verschiedene Grautöne immer heller werden. Und obwohl jeder Graustreifen einen homogenen Grauton besitzt, erscheint jede Graustufe an der Grenze zum helleren Grau dunkler und an der Grenze zum dunkleren Grau heller. Man nennt diese Erscheinung auch „Rilleneffekt“ oder „Kannelüreneffekt“, da sie an die Oberfläche kannelierter dorischer Säulen erinnert.

Neben dem Hell-Dunkel-Simultankontrast gibt es den farbigen Simultankontrast (auch: simultaner Farbkontrast, Farbtonkontrast oder Farbtontäuschung). Die ausschließliche Veränderung des Farbtons tritt nur auf, wenn die Nachbarfarben gleich hell sind. So erscheint ein Grau in gleich heller grüner Umgebung rötlich. Und ein Rot wirkt neben einem Grün besonders intensiv und leuchtend. Hier zeigt sich die Tatsache, dass Komplementärfarben sich gegenseitig zu äußerster Leuchtkraft steigern. Normalerweise sind Mischformen aus Farbton-, Helligkeits- und Sättigungskontrasten die Regel. Zum Beispiel erscheint ein Rot neben einem Orange bläulich, dunkler und getrübt (weniger gesättigt). Ein Grau wirkt in roter (dunklerer) Umgebung blau-grünlich und heller. Ein Grün erscheint neben einem Gelb bläulich, dunkler und getrübt und neben einem Schwarz heller und leuchtender (gesättigter).mini|Der farbige Simultankontrast: Rot erscheint in orangefarbener Umgebung dunkler, bläulich und getrübt und in grüner Umgebung besonders leuchtend.|alternativtext=|linksmini|Der farbige Simultankontrast: Grün erscheint in gelber Umgebung bläulich und dunkler und in schwarzer Umgebung heller und leuchtender (gesättigter).alt=Simultankontrast|zentriert|mini|Der farbige Simultankontrast: Grau erscheint in roter Umgebung blau-grünlich und dunkler und in grüner Umgebung rötlich und heller. Ein weiteres Beispiel soll die wechselseitige Wirkung des Simultankontrastes veranschaulichen – allerdings in stark übertriebener Form. Die vier Quadrate in den Farben Rot, Weiß, Schwarz und Grün beeinflussen sich im Randbereich gegenseitig. Das Rot induziert in seiner Umgebung Grün. So erscheinen das Weiß am Rand hellgrün und das Schwarz dunkelgrün. Das Weiß erzeugt in seiner Umgebung einen schwarzen Sinneseindruck. So wird das Rot am Rand dunkelrot und das Grün dunkelgrün. mini|Übertrieben dargestellte Veranschaulichung der wechselseitigen Wirkung des Simultankontrastes: Das Grün wird zum Schwarz hin heller und zum Weiß hin dunkler.|220x220px|links mini|Der Simultankontrast bewirkt, dass die gleichhellen Schneeflocken vor weißem Grund hellgrau erscheinen und vor dunkelblauem Grund weiß. mini|zentriert|alt=Bezold-Effekt, Simultankontrast. Der graue Streifen erscheint neben den roten Streifen nicht wie regulär grünlich, sondern rötlich.|Der Bezold-Effekt ist eine Ausnahmeerscheinung des Simultankontrastes. Der graue Streifen links erscheint neben den roten Streifen nicht wie eigentlich zu erwarten grünlich, sondern rötlich.Eine Sonderform des Simultankontrastes bildet der Bezold-Effekt. Regulär müsste das durch die bunten Streifen geflochtene graue Band links grünlich erscheinen, da die Umgebung rot ist. Tatsächlich erscheint es im Vergleich zum rechten grauen Band rötlich gefärbt. Wilhelm von Bezold entdeckte, dass sich eine Farbe ihrer benachbarten Farbe angleicht, wenn kleine Farbflächen eingestreut werden.

Beispiele aus dem Alltag Schneeflocken

Bei Schneetreiben im Winter lässt sich beobachten, dass die Flocken vor einem milchig-weißen Himmel nicht schneeweiß, sondern als schmutzig-graue Flecken vom Himmel fallen. Und erst vor einer dunklen Hauswand werden sie zu weißem Schnee. Die Farbänderung erfolgt schlagartig und ist eine Folge des simultanen Hell-Dunkel-Kontrastes.

Malfarben

Beim Malen tritt häufig das Phänomen auf, dass eine Farbmischung auf der Palette völlig anders aussieht als auf der Leinwand. Das liegt neben einer veränderten Größe, Oberfläche/Struktur und Form vor allem an der andersfarbigen Umgebung, d. h. am Simultankontrast.

Gesichtsfarbe

Die nordeuropäische Gesichtsfarbe ist oft blass und wenig gesättigt. „Trägt ein Mensch, dessen Hautunterton ins Bläuliche geht, z. B. ein orangefarbenes Kleidungsstück, so schiebt das Orange die Farbe des Gesichtes in einen bläulichen Simultankontrast. Dadurch kann ein ungesunder Eindruck der Gesichtsfarbe entstehen […] Ein kräftig blaues Kleidungstück würde die Farbe des Gesichtes in Richtung Orange verschieben und dadurch viel vorteilhafter wirken. Die Ausstrahlung der Person wäre erholt und vital.“

Krawattenstoff

Johannes Itten beschreibt eine Begebenheit, die die Auswirkung des Simultankontrastes verdeutlicht. „Vor einigen Jahren zeigte mir der Besitzer einer Krawattenstoffweberei verzweifelt einige hundert Meter von teuerstem Krawattenstoff, die ihm nicht abgenommen wurden, weil ein auf rotem Grund gewebter schwarzer Streifen nicht schwarz, sondern grün wirkte und dem Stoff eine unruhige Vibration gab. Dieser Simultan-Effekt war so stark, dass der Abnehmer behauptete, der Weber hätte statt schwarzem Garn grünes Garn verwebt.“ Der Weber hätte ein rötliches, also braunschwarzes Garn verwenden müssen, um die ins Grünliche gehende Wirkung zu neutralisieren. Dann wäre der große finanzielle Verlust unterblieben.

Beispiele in der Kunst mini|Georges Seurat: Le Bec du Hoc bei Grandcamp, 1885. Der Halo-Effekt: Neben dem dunklen Felsen malt Seurat das Wasser heller.mini|Ausschnitt aus: Georges Seurat: Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte, 1884–1886. Der Baumstamm wechselt vor dem blauen Wasser seine Farbe von Braun zu Orange.|linksmini|Ausschnitt aus: Georges Seurat: Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte. Der farbig gepunktete Rand ist neben der grünen Wiese rot und neben dem orangefarbenen Sand blau.|alternativtext=|zentriertmini|Graphik nach Josef Albers: Homage to the Square (Huldigung an das Quadrat), 1967