Der Gotthardpass () war vom Mittelalter an bis zum Bau der Eisenbahn- und Autobahntunnel eine der wichtigen Nord-Süd-Verbindungen über die Alpen. Als Gotthardachse wird die auch heute noch europäisch bedeutende Verkehrsachse bezeichnet, die in Nord-Süd-Richtung über das Gotthardmassiv oder unter ihm hindurch führt. Der Gotthardpass ist eine der direkten Verkehrsverbindungen durch die Zentralalpen, die nur über einen Gebirgskamm führen. Aus diesem Grund hat die Gotthardachse – anders als der Pass selbst – nach wie vor eine grosse Bedeutung für den Alpentransit. Namensgeber für den Pass ist der heilige Godehard von Hildesheim.
Verlauf Der Gebirgspass verbindet die Ortschaften Andermatt in der Talschaft Urseren im Kanton Uri und Airolo in der Valle Leventina im Kanton Tessin. Die Passhöhe liegt auf einer Höhe von
Auf einer Strecke von rund 110 Kilometern verbindet die Gotthardstrasse, so die amtliche Bezeichnung, die Orte Altdorf und Biasca. Diese Hauptstrasse 2 folgt ab Altdorf dem Reusstal und tangiert dort die Dörfer Schattdorf, Erstfeld, Silenen, Amsteg, Intschi, Wassen, Wattingen und Göschenen. Nach Göschenen folgt die Schöllenenschlucht mit dem Suworow-Denkmal und anschliessend das Dorf Andermatt, ein Verkehrsknotenpunkt. Dort kreuzen sich die Gotthardachse und die zentrale Ost-West-Achse der Schweizer Alpen, die das Wallis beziehungsweise das Goms im Westen über den Furkapass und den Oberalppass mit Graubünden beziehungsweise der Surselva im Osten verbindet.
Die Passstrasse respektive Hauptstrasse 2 überquert auf der Gotthard-Passhöhe die Europäische Hauptwasserscheide zwischen Rhein und Po. Sie wird flankiert von der Gotthardleitung und dem Bergsee Lago della Piazza. Ab der Kantonsgrenze, die zwischen Hospental und dem Gotthardpass liegt, trägt sie den Namen Via San Gottardo und führt als solche in die Leventina. In Airolo erreicht sie den Talboden. In Piotta wechselt sie ihren Namen in Strada Cantonale.
Geschichte mini|links|Die erste steinerne Teufelsbrücke Obwohl den Römern der Gotthard als Pass unter dem Namen Adula Mons bekannt war, nutzten sie ihn kaum: Befestigte Römerstrassen führten über den Septimerpass, Reschenpass und Brenner. Zwar konnte der Gotthard selbst stets überquert werden, aber die Schöllenenschlucht weiter nördlich bildete ein unüberwindbares Hindernis. Funde von römischen Münzen zeigen jedoch, dass der Pass in geringem Mass doch begangen wurde. Die Schöllenen umging man meistens über den Bäzberg oder reiste über den Furka- und den Oberalppass, die zu jener Zeit über einen Saumpfad begehbar waren.
Eine Voraussetzung für einen Waren- und Personenverkehr über den Gotthard war die Begehbarmachung der Schöllenenschlucht zwischen Göschenen und Andermatt. Um 1220 wurde zuerst die Twärrenbrücke gebaut und um 1230 die erste hölzerne Brücke über die Reuss, die Teufelsbrücke. 1595 wurde diese durch eine steinerne ersetzt. Die Legende der Errichtung des ersten Pfades durch die Schöllenenschlucht hat Robert Schedler in seinem historischen Roman Der Schmied von Göschenen aufgearbeitet.
Der schnelle Transit am Gotthard kam auch dem Stauferkaiser Friedrich II. gelegen, denn die Möglichkeit, Boten und Soldaten rasch über die Alpen zu verschieben, war ihm und seinem in Deutschland als König regierenden Sohn Heinrich (VII.) so wichtig, dass dieser 1231 Uri gegen eine Loskaufsumme und das Pfand des freien und gesicherten Durchgangs einen Freibrief verlieh. Dadurch wurden die Urner reichsfrei, was bedeutete, dass sie nur dem Kaiser Gehorsam schuldeten. Später erhielten auch die Kantone Schwyz und Unterwalden den gleichen Status zugesprochen. Die Erschliessung der Gotthardstrasse wurde so zu einem wesentlichen Faktor für die Entstehung der Schweizer Eidgenossenschaft.Guy P. Marchal: Die Schweiz von den Anfängen bis 1499. In: Hans von Greyerz u. a.: Geschichte der Schweiz (= Handbuch der europäischen Geschichte). dtv/Klett-Cotta, München 1991, S. 8.
Saumweg mini|links|Transportordnung der Säumergenossenschaft Urseren, 1363 mini|Säumerkolonne vor dem Urnerloch, um 1790 Mit der Begehbarmachung der Schöllenenschlucht begann der Aufstieg des Gotthardweges, der bis heute anhält. Im 13. Jahrhundert erhielt er einen gekiesten oder mit Granitplatten gepflasterten Saumweg von bis zu drei Metern Breite, über den jährlich an die 12'000 Menschen zogen. Allerdings war der Saumweg nicht überall so breit, es gab zahlreiche Engstellen. Wie in der heutigen Zeit führten auch schon damals diese Engstellen am alten Saumweg zu Kolonnen, die immer wieder zum Stillstand der Handelskarawanen führten. Dennoch galt der Gotthardsaumweg für das ausgehende Mittelalter als eine komfortable Strasse, und der Gotthardpass entwickelte sich schnell zu einem der bedeutendsten Alpenübergänge. Bezeichnungen für den Pass waren damals Monte Tremulo, Mons Ursarie und Mons Elvelinus.
Zahlreiche Verträge der Orte an der Gotthardroute regelten den Saumverkehr, erstmals 1237. Die Säumerordnung von 1383, geschlossen zwischen Uri und dem Valle Leventina, ermöglichte bereits eine Art Eilgutverkehr. Die Säumer hatten aber nicht nur das Transportmonopol inne, sie sorgten auch für den Unterhalt und Ausbau der Wege. Die Schaffung sicherer Wege lag daher auch in ihrem Interesse, da sie dadurch ihren Gewinn steigern konnten. So kam die bisher ärmliche Gegend durch das Säumerwesen bald zu einem gewissen Wohlstand. Auch das Militär nahm den neuen Pass schnell an: Bereits 1240 eilten Schwyzer Soldaten über den Gotthard Kaiser Friedrich II. bei der Belagerung von Faenza zu Hilfe.
Schon früh reisten zahlreiche Prominente über den Gotthard, unter ihnen viele Kirchenfürsten. Die erste zuverlässige Nachricht über die Benutzung des Passes stammt von Albert von Stade,Genealogische Bibliothek Recherchen bei de.geneanet.org, abgerufen am 18. Dezember 2018. einem Benediktinerabt aus dem Bistum Bremen, der 1236 diese Route für eine Pilgerreise auf dem Rückweg von Rom nach Deutschland wählte.
Einige der Reisenden hinterliessen aufschlussreiche und dramatische Reiseberichte, so etwa der samländische Bischof Dietrich von Cuba, der in seinem Rechnungsbuch am 16. März 1473 schrieb: […] ueber den Gothart schentlichen bosen wegk, als ich en alle myn leptage (nicht) gewandelt byn. Vom Oxforder Chronisten Adam de Usk, welcher im März 1401 den Gotthard in einem von Ochsen gezogenen Schlitten bereiste, wird berichtet, dass er sich an den gefährlichsten Stellen die Augen verbinden liess, um nicht in die tiefen Abgründe blicken zu müssen.
Bedeutung mini|Säumerkolonne im Winter Kaum fünfzig Jahre nach dem Bau der Teufelsbrücke hatte der Gotthard eine so grosse Bedeutung erlangt, dass der Bischof von Chur seine Kollegen in Luzern (1278) und Zürich (1291) vom Zoll befreite, um die Frequenzen am Septimer zu erhalten.
Die in Luzern konzentrierten Gotthardzölle von Hospental bis Reiden waren eine Haupteinnahmequelle der habsburgischen Verwaltung. So waren es denn auch die Habsburger, die den Ausbau des Gotthardweges in den ersten hundert Jahren förderten. Vorher war der Gotthardweg wohl mehr eine Folge von mehr oder weniger gut unterhaltenen und zum Teil sehr alten Gemeindewegen.
Bereits zu Beginn des 15. Jahrhunderts überquerten jährlich ca. 10'000 Personen und 9000 Saumtiere den Pass. Wenn auch die Sommermonate den Verkehr über den Gotthard begünstigten, waren doch die Wintermonate für die Säumer lukrativer. Sie konnten im Winter einen von zwei Ochsen gezogenen Schlitten nutzen, mit dem sie bis zu 600 Kilogramm transportieren konnten, viermal so viel wie im Sommer. Im Jahr 1500 wurden etwa 170 Tonnen Waren über den Gotthard transportiert. Zu Fuss dauerte die Reise von Flüelen nach Bellinzona rund 30 Stunden.
Der Dreissigjährige Krieg liess den Gotthard für längere Zeit an Bedeutung verlieren. Als Gradmesser dienen die Einnahmen der Zollstellen von Basel und Luzern, die am Ende des Krieges 1648 kaum noch 20 % von 1619 betrugen. Deutschland war damals zu ausgeblutet, als dass der Handel Italiens mit Deutschland blühen konnte. Das änderte sich mit dem Friedensschluss, und 1655 konnten wieder neue Rekordwerte im Handelsverkehr verzeichnet werden.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde auf der Passhöhe die Gotthardfestung ausgebaut, die bis 1998 im Dienst blieb. Dazu gehörten unter anderem die Festung Sasso da Pigna bei der Passhöhe sowie die Festung Foppa Grande und die Festung Gütsch, die die Zufahrten sicherten.
Hospiz
mini|links|Das Gotthardhospiz, 1785 mini|Winterreise über den Gotthard, 1790 mini|hochkant|Altes Passschild beim Hospiz Auf der Passhöhe soll schon früh eine Kapelle gestanden haben. Wer sie wann errichtete, ist nicht bekannt. Bei Ausgrabungen im Keller des alten Hospizes auf der Passhöhe fand man ihre Grundmauern, die wenigstens bis in die karolingische Zeit zurückreichen; ein weiterer Vorgängerbau ist denkbar.
Die Kapelle und eine Sust auf der Passhöhe werden erstmals erwähnt in einem am 12. August 1331 nach Grenzstreitigkeiten geschlossenen Friedensvertrag zwischen Urseren und Livinen. Der Mailänder Erzbischof Galdinus soll die Kapelle im Jahre 1230 dem Heiligen Godehardus geweiht haben (gemäss Liber notitiae Sanctorum Mediolani), nach dem der Pass benannt ist. Es gibt aber auch Anhaltspunkte dafür, dass bereits Jahrzehnte zuvor die Mönche von Disentis hier eine Kapelle oder Unterkunft unterhielten und dort ebenfalls den Heiligen Godehardus verehrten. Der Gotthard-Name für den Pass ist erstmals 1293 belegt.Bernhard Gallistl, Godehards Geheimnisse. Unbekannte Viten-Passagen und ihr Licht auf die Textüberlieferung, in: Bischof Godehard von Hildesheim (1022-1038). Lebenslinien – Reformen – Aktualisierungen (Quellen und Studien zur Geschichte und Kunst im Bistum Hildesheim, 16), hg. von J. Bölling – Th. Scharf-Wrede – M. Suchan, Regensburg 2024, S. 166.
Bald entstand als Herberge für die zahlreichen Rompilger und andere Reisende ein Hospiz (Schutzhütte), welches 1431/32 vergrössert wurde. Im 17. Jahrhundert liess Erzbischof Federico Borromeo von Mailand das Hospiz ausbauen und durch eine Priesterwohnung ergänzen. Ab 1685 wurde das Gasthaus von Kapuzinern geführt, die wegen des extremen Wetters die Sondergenehmigung erhielten, Schuhe zu tragen.
Vom Ende des 18. Jahrhunderts ist ein Bericht überliefert, in dem über die Bewirtung mittelloser Reisender berichtet wird. So hatte der Wirt jedem ein Stück Brot, etwas mageren Käse und ein wenig süssen Wein zu geben, zur Mittagszeit gab es dann noch eine ‹geschmalzte Suppe›. Auch gab man Nachtlager und nötigenfalls Pflege. Jährlich sollen um die 4000 Arme dermassen verpflegt worden sein.
Bei Kämpfen zwischen Russen und Franzosen wurde das Hospiz 1799 zerstört, und die Kapuziner wurden abberufen, 1837 wieder eingesetzt und 1841 endgültig abberufen. 1830 ging das Gebäude an den Kanton Tessin über, der es 1834 erneuerte und 1838 Hotel und Zollgebäude bauen liess. Betreut wurde das Hospiz fortan durch Felice Lombardi aus Airolo, dessen Familie bis 1972 dort wirtete. 1866 eröffnete Lombardis Sohn neben dem Hospiz das Hotel Monte Prosa, um vornehme Gäste standesgemäss bewirten zu können. 1905 brannte das Hotel ab, wurde jedoch sogleich wieder aufgebaut. In der ehemaligen Sust gegenüber dem Hospiz sind heute ein Restaurant und das Museum San Gottardo untergebracht. Das Hospiz wurde 2005 als Folge eines Architekturwettbewerbes durch die Architekten Quintus Miller und Paola Maranta oberhalb des ersten Stockes entkernt. Der Giebel wurde erhöht, und neben das betonierte Treppenhaus wurde eine bis unter das Dach reichende Holzkonstruktion gebaut.SonntagsZeitung. 14. November 2010, S. 97.
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