mini|300px|Verbreitungsgebiet des Skoltsamischen (Nr. 6) im samischen Sprachraum
Die skoltsamische Sprache (Eigenbezeichnung sääʹmǩiõll) ist eine Sprache aus der östlichen Gruppe der samischen Sprachen und gehört zur finno-ugrischen Hauptgruppe innerhalb der uralischen Sprachfamilie. Sie wird von geschätzten 320–330 Menschen gesprochen, davon 300 in Finnland und 20–30 in Russland.Raymond G. Gordon, Jr. (Hrsg.): Ethnologue: Languages of the World, Fifteenth edition. SIL International, Dallas, Tex. 2005. Online-Version. Die skoltsamische Sprache wird dabei hauptsächlich im Nordosten Finnlands gesprochen. Die nächstverwandte Sprache ist Akkalasamisch.
Verbreitung Skoltsamisch wird heute hauptsächlich von den Skoltsamen in Finnland gesprochen. Die meisten Sprecher leben in den Dörfern Sevettijärvi und Nellim in der Gemeinde Inari, die sich im finnischen Lappland nordöstlich befinden. Es gibt jedoch auch Sprecher, die südlich des Inari-Sees oder an der russischen Grenze lokalisiert sind. Das Hauptdorf und kulturelle Zentrum der Skoltsamen, das Dorf Sevettijärvi, weist mit ca. 300 Einwohnern die größte Anzahl an Sprechern auf. In den anderen oben genannten Regionen wird die skoltsamische Sprache am wenigsten gesprochen, da ein Großteil der Einwohner Inarisamisch oder Finnisch spricht.
Ursprünglich lebte der größte Teil der Skoltsamen im Gebiet von Petschenga (Petsamo). Bevor die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg Petschenga annektierte, wurden die Skoltsamen nach Finnland evakuiert und später in Inari angesiedelt. In der Gemeinde Inari hat die skoltsamische Sprache seit 1992 neben Finnisch, Nordsamisch und Inarisamisch einen offiziellen Status als Minderheitensprache und ist im Behördenverkehr zugelassen. In jüngerer Zeit ist Rockmusik in skoltsamischer Sprache entstanden. Obwohl das Skoltsamische staatlich gefördert und an Schulen gelehrt wird, gilt es als hochgradig gefährdet, weil es kaum mehr an die jüngere Generation weitergegeben wird.
Daneben gibt es ca. 20 Sprecher, die in Verhnetulomskij, Tuloma, Murmashi oder verstreut an anderen Orten auf der Halbinsel Kola in Russland wohnen. Auch in der norwegischen Kommune Sør-Varanger, v. a. im Dorf Neiden, leben traditionell Skoltsamen. Der skoltsamische Dialekt von Neiden wird zwar nicht mehr gesprochen, jedoch leben in Sør-Varanger heute mindestens 3 aus Finnland eingewanderte aktive Skoltsamischsprecher.Projekt "Skolt Saami Culture Across Borders" (Østsamisk Museum).
Rechtschreibung Das Skoltsamische wird nach dem offiziellen Rechtschreibstandard in einer erweiterten Version des lateinischen Alphabets geschrieben, die über folgende Buchstaben verfügt:
A a  â B b C c Č č Ʒ ʒ Ǯ ǯ D d Đ đ E e F f G g Ǧ ǧ Ǥ ǥ H h I i J j K k Ǩ ǩ L l M m N n Ŋ ŋ O o Õ õ P p R r S s Š š T t U u V v Z z Ž ž Å å Ä ä ʹ
mini|Skoltsamische Bildschirmtastatur auf einem iPhone Für die Markierung der suprasegmentalen Palatalisierung verwendet das Alphabet einen Umschrift-AufwärtsstrichBenennung laut DIN 5009:2022-06 Beiblatt 1, Tabelle 1 „Ergänzende Buchstabiertafel für spezielle Anwendungen“ (Unicode: U+02B9 ) als Buchstaben.
In Fremdwörtern werden zusätzlich die Buchstaben Q/q [], W/w [], X/x [], Y/y [], Ï/ï [], Ü/Ü [] und Ö/ö [] verwendet (z. B. in Namen). Das Ö wird alphabetisch hinter Ä einsortiert, das Ï und das Ü identisch zum Y.
Grammatik Die skoltsamische Sprache ist eine synthetische, stark gebeugte Sprache, die viele grammatikalische Merkmale mit den anderen uralischen Sprachen teilt. Sie hat sich bemerklich in Richtung einer fusionalen Sprache entwickelt, ähnlich dem Estnischen. So werden Kasus und andere grammatikalische Merkmale auch durch Änderungen an der Wurzel gekennzeichnet. Viele der Suffixe der skoltsamischen Sprache sind Portmanteau-Morphe, die mehrere grammatikalische Merkmale gleichzeitig ausdrücken.
Um grammatikalische Zusammenhänge aufzuzeigen, werden unterschiedliche Groß-/Kleinschreibungen bei Nominalphrasen verwendet, Verben weisen auf Personen- und Zahlenmarkierungen hin. Infolgedessen ist die Reihenfolge von Verb und Objekt weniger starr als in anderen uralischen Sprachen.
Wortstellung Die typischerweise verwendete SOV-Wortstellung ist in pragmatisch nicht markierten Sätzen anzutreffen. Auch in Dependenzensätzen und Komplementsätzen ist sie die vorherrschende Wortstellung, da das lexikalische Verb in der Endposition des Satzes bleibt. Eine Abweichung stellt die OVS-Stellung dar, in der das Objekt vor dem Subjekt steht. Dies wird pragmatisch realisiert, wenn zu Beginn des Satzes neue Informationen eingeführt werden (Informationsstruktur) und es sich somit um eine plausible Erklärung handelt. Das Objekt steht ebenfalls vor dem Subjekt in der OSV-Konstruktion. Dies geschieht, wenn das Objekt das Topik des Satzes ist. +beispielhafte Glosse für die SOV Wortstellungneezzansuâjjkååutidkuårruwoman.PL.NOMprotection.SG.NOM+skirt.PL.ACCsew.PST.3PLthe women sewed protective skirts.Die Frauen nähten Schutzröcke. +beispielhafte Glosse für die SOV Wortstellung piiđvaaʹldiseeʹstǩieʹmnväʹlddetax+take.NMLZ.PL.NOM3SG.LOCsaucepan.SG.ACCtake.PRS.3PLthe tax collectors take a saucepan from them.Die Steuereintreiber nehmen Ihnen die Töpfe ab.
Satzebene V2-Stellung In Sätzen, in denen ein Auxiliar enthalten ist, scheint es sich um das Verb-Zweit-Stellungsphänomen zu handeln, weil das Hilfsverb die 2. Position des Satzes einnimmt. Dies gelingt jedoch nur, wenn beide Verben in Hauptsätzen auftreten und nicht in Nebensätzen und, dass Adverbiale ignoriert werden.
Informationsstruktur Die OVS-Wortstellung wird verwendet, um neue Informationen einzuführen. Dabei steht die neue Information am Satzbeginn. Ähnlich verhält es sich auch bei der OSV-Konstruktion, in der das Objekt das Topik des Satzes ist und daher pragmatisch markiert wird. Darüber hinaus gibt es auch den Partikel k'al (dt. ja), der als Fokusmechanismus verwendet wird. Als Kontrastmechanismus wird die ungewöhnliche Konstruktion vom lexikalischen Verb vor dem Auxiliar angesehen. Diese Positionierung dient dazu, das Hauptverb zu fokussieren, und löst somit einen Kontrast zum vorherigen Satz aus.
Phrasenebene Nominalphrase Nominalphrasen, die nicht die Rolle eines Kernargumentes in einer Phrase haben, weisen oft eine adverbiale Funktion auf. Anhand des reichhaltigen grammatikalischen Kasus-Systems im Skoltsamischen werden Informationen durch Nominalphrasen ausgedrückt, die stattdessen in vielen Sprachen mittels eines präpositionale Phrase ausgedrückt werden. Eine adverbiale Nominalphrase kann aus einem einzigen Kopf bestehen, oder wie in dem unteren Beispiel aus einem modifizierten Substantiv. +beispielhafte Glossepukoummunoorõʹttepõʹrtteallperson.PL.NOMgather.together.PST.3PLhouse.SG.ILLall the people gathered together in the house.All diese Leute versammelten sich im Haus.
Postpositionalphrase Die skoltsamische Sprache ist überwiegend eine postpositionale Sprache, jedoch existiert auch eine Anzahl an Präpositionen, die vor dem zu regierenden Substantiv stehen. Alle Positionen regeln den Genitivfall. Es gibt aber auch eine Reihe von Positionen, die entweder vor oder nach dem zu regierenden Substantiv erscheinen können. Hierbei ist jedoch die semantische Funktion nicht recht bekannt. +beispielhafte Glossetõn mâŋŋapuäʹlddeleʹbeaunnsenõʹnneDIST.SG.GENafterburn.PRS.3PLormaterial.ESSuse.PST.3PLafter that, they burnt (the tree) or used (it) as material.Anschließend verbrannten sie (den Baum) oder benutzten (ihn) als Material.
Phonologie Die skoltsamische Phonologie ist wegen ihres Reichtums an Phonemen und dem Vorhandensein von bedeutungsunterscheidenden suprasegmentalen Merkmalen äußerst kompliziert.
Phoneme Das Skoltsamische verfügt über zehn Vokalphoneme: A , Â , E , E , I , O , Õ , U , Å und Ä . Der Buchstabe E kann also für zwei verschiedene Phoneme stehen. Die Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen ist phonematisch und in der Schrift durch die Verdopplung des Vokalbuchstabens angezeigt (z. B. leʹtt „Gefäß“, leeʹtt „Gefäße“). Dazu kommen zwölf Diphthonge: eâ [], eä [], iâ [], ie [], ie [], iõ [], ue [], ue [], uõ [], uå [] und uä []. Auch bei ihnen kann die Länge bedeutungsunterscheidend sein, obwohl Diphthonglänge in der Schrift nicht wiedergegeben wird.
Die Anzahl der Konsonantenphoneme beträgt 27. Konsonanten können sowohl im In- als auch im Auslaut lang (in der Schrift verdoppelt) vorkommen. In der Schrift werden die Affrikaten mit C , Ʒ , Č , Ǯ , Š und Ž wiedergegeben, die palatalen Plosive mit Ǩ und Ǧ . Der Querstrich steht für eine frikative Aussprache, also Đ und Ǥ . Der ng-Laut wird mit Ŋ geschrieben.
Suprasegmentale Merkmale Als suprasegmentales Merkmal kommt im Skoltsamischen das palatalisierende Suprasegmental vor, das die Aussprache der gesamten Silbe beeinflusst. In der Schrift wird es durch eine modifizierende Prime (ʹ) zwischen einem betonten Vokal und dem folgenden Konsonanten wiedergegeben (z. B. kåʹll „Gold“). Das suprasegmentale Merkmal ist bedeutungsunterscheidend, vgl. väärr („Reise“), vääʹrr („Berg, Hügel“).
Die suprasegmentale Palatalisierung hat drei phonetische Auswirkungen: Der betonte Vokal wird in suprasegmental palatalisierten Silben etwas weiter vorne ausgesprochen. Der folgende Konsonant oder die folgende Konsonantenverbindung wird leicht palatalisiert. Neben der suprasegmentalen Palatalisierung kommt Palatalisierung auch als segmentales Merkmal einzelner Konsonanten vor. Palatalisierte Konsonanten können auch in suprasegmental palatalisierten Silben vorkommen. Bei einsilbigen Wörtern, die auf einen Konsonanten enden, wird am Wortende ein nicht phonematischer unbetonter Vokal gesprochen. Dieser Vokal klingt bei suprasegmental palatalisierten Silben nach einem e, sonst nach einem a (z. B. mieʹll [] „Sandbank“).
Betonung Das Skoltsamische kennt eine primäre, sekundäre, tertiäre und Null-Betonung. Die erste Silbe jedes skoltsamischen Wortes trägt stets den Hauptton (primäre Betonung). Bei Wörtern mit zwei oder mehr Silben erhält die letzte Silbe eine leichte (tertiäre) Betonung, bei Wörtern mit drei Silben wird die mittlere Silbe zudem stärker betont als die letzte aber schwächer als die erste (sekundäre Betonung). Konjunktionen, Postpositionen, Partikeln und einsilbige Pronomina sind unbetont.
Bei Formen im Abessiv und Komitativ Singular wird dieses System jedoch bei mehrsilbigen Wörtern verändert. In diesem Fall trägt die vorletzte Silbe nicht, wie zu erwarten wäre, eine sekundäre, sondern ebenso wie die Endung eine tertiäre Betonung.
Kasus Das Skoltsamische kennt neun Kasus: Nominativ, Genitiv, Akkusativ, Lokativ, Illativ, Komitativ, Abessiv, Essiv und Partitiv. Genitiv und Akkusativ sind im Singular formengleich.
Der Nominativ ist, wie in allen uralischen Sprachen, endungslos und bezeichnet meistens das Subjekt oder Prädikatsnomen. Der Nominativ Plural ist in den meisten Flexionsklassen ebenfalls endungslos und immer mit dem Genitiv Singular formengleich.
Der Genitiv Plural hat die Endung -i. Der Genitiv bezeichnet einen Besitz (Tuʹst lij mu ǩeʹrjj „Du hast mein Buch“). Daneben steht das Gezählte bei Zahlwörtern zwischen 2 und 6 im Genitiv (kuõʹhtt põõrt „zwei Häuser“). Alle Präpositionen und die meisten Postpositionen regieren den Genitiv (Sij mõʹnne ääkkäd årra „Sie gingen zu deiner Großmutter“). Der Genitiv wird zunehmend anstelle des Partitivs verwendet.
Der Akkusativ ist der Kasus des direkten Objekts. Im Singular ist er endungslos, im Plural hat er ebenso wie der Illativ Plural die Endung -d, vor der das Pluralkennzeichen -i- steht.
Der Lokativ hat im Singular die Endung -st und im Plural -n. Er drückt eine räumliche Lage (Kuäʹđest lij ǩeʹrjj „In der Kohte ist ein Buch“), eine räumliche Herkunft (Niõđ puõʹtte domoi Čeʹvetjääuʹrest „Die Mädchen kamen nach Hause aus Sevettijärvi“) oder einen Besitz (Suʹst lij čâustõk „Er/sie hat ein Lasso“) aus. Zudem regieren manche Verben den Lokativ.