mini|Juan Perón, Begründer und Führungsfigur der peronistischen Bewegung (Aufnahme von 1947) Als Peronismus wird eine politische und gesellschaftliche Bewegung in Argentinien bezeichnet, die seit den 1940er Jahren besteht. Benannt ist sie nach der mit ihr verknüpften anfänglichen Führungsfigur Juan Perón, der 1946 erstmals die Regierung übernahm. Der Peronismus stellt sich als vielgestaltige populistische Bewegung mit etatistischen Programmen dar, die sich im Verlauf ihrer Geschichte ideologisch, organisatorisch und personell wesentlich veränderte. Sie integrierte eine Vielzahl politischer Ziele und Anschauungen, denen einzig die Berufung auf das Volk und auf Perón als charismatischer Führer gemein war.Vgl. u. a. Nolte 1994, S. 6; Carreras 1999, S. 82 f.; Knoblauch 1980, S. 292. Bis heute ist der Peronismus eine prägende politische Kraft Argentiniens.

In der ersten Regierungszeit Peróns von 1946 bis 1955 erlebte die Bewegung ihre klassische Ausprägung. Nach dem Militärputsch vom September 1955, dem zeitweisen Verbot, Arbeit in der Opposition und der Zeit der 1966 begonnenen Militärdiktatur stellte der Peronismus die Regierung von 1973 bis 1976 ein zweites Mal. Perón war bis zu seinem Tod 1974 wieder Präsident Argentiniens, anschließend bis 1976 war seine dritte Ehefrau Isabel Perón Präsidentin.

Gleichzeitig und insbesondere während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 vollzog sich im Peronismus ein Wandel zu einer demokratischen Partei, so dass die folgende Phase vielfach als Neo-Peronismus bezeichnet wird.Vgl. Valderrama S. 231ff. u. a. Nach der Demokratisierung Argentiniens in den 1980er Jahren übernahm die peronistische Partei 1989 unter Carlos Menem wieder die Regierungsverantwortung. Die späteren argentinischen Präsidenten Adolfo Rodríguez Saá (2001), Eduardo Duhalde (2002–2003), Néstor Kirchner (2003–2007), Cristina Fernández de Kirchner (2007–2015) und Alberto Fernández (2019–2023) gehörten ebenfalls der peronistischen Partei an.

Organisiert ist die peronistische Bewegung durch die Partido Justicialista (PJ, „Gerechtigkeitspartei“, vor 1950 „Partido Peronista“ und „Partido Laborista“) und die angeschlossenen Gewerkschaften, die unter dem Dachverband „Confederación General del Trabajo de la República Argentina“ (CGT) zu Zeiten Peróns gleichgeschaltet wurden; später unterteilte sich die CGT aber wieder in kleinere Verbände. Die Gefolgschaft Peróns setzte sich anfangs aus ehemaligen Mitgliedern der Unión Cívica Radical, Arbeitern und Gewerkschaftsführern sowie verschiedenen konservativen, nationalistischen und katholischen Gruppen zusammen.Valderrama 2004, S. 231. Perón genießt bis heute eine große Popularität in Argentinien, nicht zuletzt wegen seiner zweiten Frau Eva (Evita) Perón.

Geschichte des Peronismus Entwicklungen vor der Machtübernahme Peróns In den Jahrzehnten vor der Regierungsübernahme Peróns führten Veränderungen in der argentinischen Wirtschaft zu einem Wandel der Gesellschaft. Diese war bis in die 1920er Jahre weitgehend traditionell postkolonial geprägt. In der auf Export von Rohstoffen fokussierten Wirtschaft spielte die Industrie keine wesentliche Rolle, es gab daher auch kein bedeutendes urbanes Proletariat. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gehörte Argentinien zu den wohlhabendsten Nationen und zog zahlreiche Immigranten an. Seit 1916 wurde Argentinien demokratisch regiert. Die größtenteils auf dem Export nach Europa und in die Vereinigten Staaten fußende Wirtschaft brach nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 zusammen. In der Folge verloren die demokratischen Kräfte der Unión Cívica Radical (UCR), allen voran der greise Präsident Hipólito Yrigoyen, das Vertrauen der Bevölkerung, zumal sie durch zahlreiche Korruptionsskandale geschwächt waren.Nolte 1994, S. 4.

Sie wurden abgelöst von einer reaktionären Regierung unter José Félix Uriburu, die den konservativen wirtschaftlichen Eliten nahestand, die sich eine Verbesserung ihrer ökonomischen Situation versprachen.Die wirtschaftlichen Eliten, vornehmlich agrarische Großgrundbesitzer, lehnten die Demokratisierung und die Radikale Partei, die sich auf die aufstrebende Mittelschicht stützte, ab und sahen sie als Bedrohung ihrer Vormachtstellung. Die von der UCR betriebene Demokratisierung und Wirtschafts- bzw. Landreform gefährdeten die beinahe feudalen Verhältnisse auf den ländlichen Großgütern, deren Arbeiter noch in einer Form der Leibeigenschaft lebten und weder Wahlrecht noch wesentliche Grundrechte besaßen. Die Regierung Uriburu wurde am 6. September 1930 mit Unterstützung putschender Militärs eingesetzt und regierte mit scheindemokratischen Mitteln. Die gesamten 1930er Jahre herrschten Regierungen, die von einem konservativen Parteienverbund bestimmt wurden, der später als „Concordancia“ bekannt wurde und die Unterstützung des Militärs genoss. Zur wirtschaftlichen Belebung und zum Erreichen einer größeren Unabhängigkeit von der weltweiten Konjunktur forcierten sie die importsubstituierende Industrialisierung,Einen besonderen Schub erhielt die heimische Industrie während des Zweiten Weltkriegs, als die Importe zurückgingen und sich für einheimische, zuvor teilweise nicht konkurrenzfähige Produkte eine Nische auftat. Vgl. Knoblauch 1980, S. 313. also die Produktion zuvor importierter Konsumgüter im eigenen Land, wodurch das urbane Industrieproletariat in den 1930er und 1940er Jahren rasch anwuchs. Das Industrieproletariat rekrutierte sich aus bisherigen Landarbeitern, aber vielfach auch aus europäischen Immigranten. Diese begannen sich, wie in ihrer Heimat, in Gewerkschaften zu organisieren. Die Gewerkschaften waren verboten und mussten weitgehend in der Illegalität arbeiten.

Die Machtübernahme Peróns mini|Perón (rechts) mit Präsident Edelmiro Farrell im April 1945 In den späten 1930er Jahren erstarkten nationalistische Gruppen, die sich teils am Volksgemeinschaftsgedanken und dem Ständestaatsmodell des europäischen Faschismus orientierten, soziale Gerechtigkeit („justicia social“) propagierten und unter den Angehörigen des urbanen Industrieproletariats starken Anklang fanden. Im Geiste dieser politischen Strömung, die einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus propagierte, putschten nationalistische Militärs der Grupo de Oficiales Unidos (GOU) am 4. Juni 1943 gegen das herrschende Regime unter Ramón Castillo und errichteten eine autoritäre Militärdiktatur, die eine Annäherung an die Achsenmächte suchte. Perón war an diesem Putsch als nachrangiger Offizier beteiligt und übernahm anschließend das „Staatssekretariat für Arbeit und soziale Sicherung“.Carreras 1999, S. 83. Perón war von 1936 bis 1939 als Militärattaché in mehreren Staaten tätig gewesen (zuletzt in Berlin). Das argentinische Heer hatte ihn als Militärbeobachter und zum Studium des Gebirgskrieges nach Italien geschickt. Bei seiner Rückkehr nach Argentinien im Jahr 1941 hatte sich Perón als Bewunderer des italienischen Faschismus und Mussolinis mit anderen Offizieren in der Geheimorganisation GOU zusammengeschlossen.

Perón nutzte den ihm übertragenen Aufgabenbereich, um Beziehungen zu den führenden Gewerkschaften zu knüpfen und sie unter seine Kontrolle zu bringen. Er setzte sich das Ziel, den Einfluss politisch radikaler, insbesondere kommunistischer Gewerkschaften zurückzudrängen und ein Netzwerk loyaler Gewerkschaften aufzubauen. Kurz nach seiner Ernennung ordnete er Verhaftungen zahlreicher Arbeiter- und Gewerkschaftsführer an, deren Posten von Peróns Getreuen eingenommen wurden. Unter den vorigen Regierungen waren die Gewerkschaften stets Repressionen ausgesetzt und in die Illegalität gedrängt worden. Perón legalisierte sie und ließ ihnen einen legalen öffentlichen Status mitsamt Streik- und Widerstandsrechten zukommen, nachdem er ihnen eine neue Organisation unter seiner Führung verordnet hatte. Zusätzlich trieb er den raschen Aufbau des Wohlfahrtsstaates voran und setzte höhere Löhne sowie bessere Arbeitsbedingungen durch. Dies war möglich aufgrund der relativ guten wirtschaftliche Situation in den 1940er und 1950er Jahren, begünstigt durch die neutrale Haltung Argentiniens im Zweiten Weltkrieg.Argentinien profitierte vom enormen Bedarf an landwirtschaftlichen Produkten, insbesondere an Fleisch und Weizen, deren Export aufgrund der neutralen Haltung weltweit auf reichliche Nachfrage stieß und hohe Einnahmen generierte. In dieser Lage war es vorübergehend möglich, kostspielige Reformen durchzuführen.

Durch den Aufbau eines wohlfahrtsstaatlichen Systems und die Vergabe von Sozialleistungen einzig über loyale Gewerkschaften machte Perón diese für die Arbeiterschaft interessant und gleichzeitig sich gefügig, da sie von seiner Vergabe der Privilegien abhingen. Zudem isolierte die Beschränkung von Sozialleistungen unliebsame Gewerkschaften, deren Mitglieder auf die neu eingeführten Leistungen verzichten mussten. Bald folgte ein bis heute gültiges Verbot von Einzelgewerkschaften, wodurch ganz im Sinne Peróns die zuvor erfolgreichen anarchistischen und kommunistischen Strömungen in der Arbeiterbewegung an den Rand gedrängt wurden. Nach einer gewissen Zeit führte dieses Vorgehen zu einer Gleichschaltung der Gewerkschaftsbewegung unter Peróns Führung, die angesichts der durch ihn erreichten Errungenschaften hingenommen oder gar begrüßt wurde. Die peronistisch organisierten Gewerkschaften erlebten einen enormen Zulauf. Die kommunistisch kontrollierte Gewerkschaftsföderation löste sich freiwillig auf und trat der peronistischen Föderation bei, ebenso die sozialistischen Gewerkschaften.

Innerhalb weniger Jahre stieg die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter von 200.000 auf über fünf Millionen, wodurch 55 bis 70 Prozent der ökonomisch aktiven Bevölkerung erfasst wurden. Weitere Sozialleistungen, unter anderem eine Preisbindung für Grundbedarfsgüter, wurden durchgesetzt und wichtige Industriebetriebe unter staatliche Verwaltung gestellt. Die Ausgaben für Sozialleistungen stiegen auf 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das entstandene sozialpolitische System war hinsichtlich Reichweite, Aufwendungen und Ergebnissen an der Spitze der lateinamerikanischen Länder, der Lebensstandard erreichte den weltweit fünfthöchsten Stand. So sicherte sich Perón die Unterstützung des erstarkten Industrieproletariats, auf die er seine Herrschaft gründete.

Erste Präsidentschaft Peróns (1946 bis 1955) mini|Anhänger Peróns am 17. Oktober 1945 auf der Plaza de Mayo Die Popularität Peróns, der mittlerweile zum Vizepräsidenten aufgestiegen war, wurde von den herrschenden Militärs bald als Bedrohung empfunden. So zwangen sie ihn am 9. Oktober 1945 zum Rücktritt. Am 17. Oktober des gleichen Jahres, einem Datum, das als Geburtsstunde der peronistischen Bewegung gilt und bis heute gefeiert wird, kehrte er auf massiven Druck seiner Anhänger ins Amt zurück. Diese initiierten spontane Streiks und Massenkundgebungen zur Unterstützung Peróns. Auf Drängen der Anhänger Peróns und der westlichen Alliierten, die das Sympathisieren der Militärjunta mit den faschistischen Achsenmächten nicht vergessen hatten, kam es im Februar 1946 zu demokratischen Wahlen, bei denen Perón als Kandidat des Partido Laborista mit großer Mehrheit zum Präsidenten gewählt wurde. Zu dem Erfolg Peróns trug auch die Popularität seiner Frau Eva bei, die einflussreiche Frauenorganisationen der peronistischen Bewegung führte und 1947 das Frauenwahlrecht erkämpfte. Gleichzeitig sorgte sie als Primera Dama Argentiniens für die Repräsentation des Regimes im In- und Ausland. Ihr früher Tod 1952 steigerte ihre Verehrung ins Mythische.

mini|links|Eva Perón bei einer Kundgebung zur Feier des 17. Oktober in Buenos Aires (1951)