Die Jüdischen Exilschulen am Gardasee gehören zu den Schulen im Exil, die nach 1933 von Lehrern und Erziehern gegründet wurden, die Deutschland aus politischen Gründen oder aufgrund ihrer jüdischen Abstammung verlassen mussten. Unterrichtet und betreut wurden überwiegend jüdische Kinder, meist mit dem Ziel, sie auf eine Emigration in einem außereuropäischen Land vorzubereiten.

Die Schulen am Gardasee Im Vergleich zu den übrigen Schulen im Exil in Italien – Landschulheim Florenz, Schule am Mittelmeer und Alpines Schulheim am Vigiljoch – ist der Forschungsstand zu den Exilschulen am Gardasee nach wie vor dürftig. Es gibt nur wenige verstreute Hinweise auf sie, und selbst über die dort tätigen Pädagoginnen und Pädagogen ist nur wenig bekannt. Ebenso fehlen Hinweise auf die Schülerinnen und Schüler, die diese Einrichtungen besuchten. Die wenigen Publikationen, die die Schulen erwähnen, lassen zudem die Frage offen, um wie viele Einrichtungen es sich gehandelt haben soll. In einer Neubearbeitung eines Aufsatzes von Hildegard Feidel-Mertz erwähnt Hermann Schnorbach 2012 „zwei bzw. evtl. drei weitere kleinere, ‚familienähnliche‘ Landschulheime am Gardasee: die Casa Vita Nuova, Jüdisches Heim der Erziehung in Maderno unter der Leitung von Kurt Wronke sowie die ‚Töchterschule am Gardasee‘ und das ‚Landschulheim am Gardasee‘, geleitet von Dr. Ilse Jacobi, die möglicherweise einander abgelöst haben und deren Existenz bisher nur durch einen Kurzbericht und Anzeigen in Tageszeitungen belegt ist.“Hildegard Feidel-Mertz (aktualisierte Fassung: Hermann Schnorbach): Die Pädagogik der Landerziehungsheime im Exil. 2012, S. 191. Tatsächlich spricht einiges dafür, dass die beiden zuletzt genannten Einrichtungen auseinander hervorgegangen sind und beide von Alice Jacobi – nicht Ilse Jacobi, wie Schnorbach schreibt – gegründet und geleitet wurden.

Casa Vita Nuova in Toscolano Maderno Der Historiker Klaus Voigt erwähnt die Casa Vita Nuova, Jüdisches Heim der Erziehung zwar, geht aber auf keine Details ein,Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf. Band 1, 1989, S. 200 ff. und auch bei Feidel-Mertz sind die Hinweise auf diese Schulen eher dürftig. In ihrem Buch „Pädagogik im Exil nach 1933“ erfährt man lediglich, dass die Casa Vita Nuova von dem ehemaligen Berliner Studienassessor Kurt Wronke gegründet worden sei, der früher schon den Wunsch gehegt habe, „jüdische Kinder in einer jüdischen Schule zu erziehen“. Seine Vision wird dann ohne zeitliche Zuordnung wie folgt zitiert: „Damals schien das Utopie zu sein. Heute ist es Wirklichkeit geworden. Wir sind auch heute nichts anderes als eine Schule, eine Schule für Mädchen. Wir lernen Sprachen. Wir treiben alles, was zur Allgemeinbildung eines jungen Menschen gehört. Wir lassen die Mädchen im Haus arbeiten. Wir treiben mit ihnen Sport. Wir halten auch Prüfungen ab. Trotzdem ist bei uns alles anders, als es früher in der Schule war. Wir bilden so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft. Wenn ich Ihnen in zwei Worten meine Aufgabe umschreiben soll, wie ich sie verstehe, dann ist es jüdischer Ernst und Lebensfreude, die ich in den jungen Menschen, die zu uns kommen, schaffen will, abgesehen von allem Wissen, abgesehen von der Erziehung zum praktischen Leben, die ich keineswegs unterschätze.“Hildegard Feidel-Mertz: Pädagogik im Exil nach 1933. 1990, S. 151. Der Quellennachweis auf Seite 257 gibt keinen Hinweis über die Herkunft des Dokuments, lässt aber vermuten, dass es sich um einen Reisebericht handelte.

Etwas informativer wird es auf einer Webseite über die Geschichte der Gemeinde Toscolano Maderno, auf der es einen Beitrag über „Il collegio per ragazze ebree all'Hotel Milano“ gibt, die Schule für jüdische Mädchen im Hotel Milano.Geschichte der Schule für jüdische Mädchen im Hotel Milano in Toscolano Maderno Die Schule war in einem Gebäude untergebracht, in dem sich heute das Hotel Milano befindet. Auf dessen Webseite ist nachzulesen, dass das Gebäude um 1926 errichtet worden sei und darin nach etwa 10 Jahren eine Schule für jüdische Mädchen eingerichtet wurde, bevor es dann später die Republik von Salo beschlagnahmte, um darin Beamte verschiedener Ministerien unterzubringen.Das Hotel Milano

Der Autor des Artikels über die Schule für jüdische Mädchen im Hotel Milano spricht allgemeiner von den „dreißiger Jahren“ und verweist darauf, dass das Gebäude während seiner Nutzung als Schule Heimat vieler junger jüdischer Mädchen gewesen sei, die aus wohlhabenden deutschen Familien gestammt hätten. Leiter der Einrichtung wären zwei Herren gewesen, die er nur mit ihren Vornamen, Hans und Hubert, vorstellt. Die beiden hätten ihren Gästen ein „stilvolles Ambiente“ („trattamento signorile“) geboten, Musikunterricht und Tanz organisiert, und Nähen und andere Aktivitäten durch Mitarbeiter aus der lokalen Bevölkerung lehren lassen. Häufig seien Tanzveranstaltungen oder Konzerte mit klassischer Musik durchgeführt worden.

Über diese Personen Hans und Hubert werden keine weiteren Aussagen getroffen, und dass sie hier als Leiter der Einrichtung vorgestellt werden, ist insofern überraschend, als auf der Webseite auch eine Anzeige aus der Jüdischen Rundschau wiedergegeben wird, die klar besagt, dass die Pädagogische Leitung bei Kurt Wronke, „Stud.-Assess. a. D.“, gelegen habe. Über die Schule selbst heißt es in dieser Anzeige aus dem Jahre 1935: „VITA NUOVA Jüdisch. Haus der Erziehung Maderno – Gardasee – Italien nimmt Mädchen, auch Haushaltsschülerinnen im Alter von 10-17 Jahren auf. Beste Schul- und Persönlichkeitsbildung.“Jüdische Rundschau, 17. April 1935, Nr. 31/32 (Sonderausgabe 40 Jahre Jüdische Rundschau), S. 52. Als Kontaktadresse wird auf „Frau R.-A. Fuß, Berlin W15, Uhlandstr. 39“, womit Gerda Fuß gemeint war, die Frau des Rechtsanwalt Max Fuß. An deren Schicksal während der Nazi-Zeit und an ihre Deportation nach Auschwitz erinnern Stolpersteine für Gertrud und Max Fuß.

Von wann bis wann die Schule tatsächlich existierte, ist nicht bekannt. Der Autor der erwähnten Webseite über die Schule in Maderno verweist abschließend auf die schwierige Situation nach dem 3. September 1938, dem Tag des Erlasses der italienischen Rassengesetze, die seine Mutter, die in der Schule Nähen und Stricken unterrichtet habe, unmittelbar miterlebt habe. Die Mädchen mussten innerhalb von sechs Monaten Italien verlassen, konnten nicht nach Deutschland zurückkehren, weil dort die Situation für Juden noch bedrohlicher war, und seien in andere Teile der Welt geflohen, die Mehrheit habe sich für Palästina entschieden. Dieser Hinweis auf die Folgen der italienischen Rassengesetze steckt einen Zeitrahmen ab, der es nahelegt, dass auch Kurt Wronke nach einer außereuropäischen Zuflucht gesucht haben könnte. Zu der sich im Archiv des Leo Baeck Instituts befindenden Dokumentensammlung der Familie Nachtlicht gehören auch die „Documents from Hildegard Lewin, including a passenger list of the “Doppelschraubenschiff Orinoco” traveling from Hamburg to Habana, Veracruz and Tampico on May 27, 1939“.Nachtlicht Family Collection 1872–1999 Bulk: 1938–1942; . Diese Passagierliste weist in der „Liste der Reisenden der Ersten Klasse“ mit dem Abfahrtshafen Cherbourg und dem Ziel Havanna (Habana) folgende Personen aus: Herr Kurt Wronke, Frau Kurt Wronke, Micaela Wronke, Frau Sara Wronke, Herr Hans Wronke. Keiner von ihnen sollte mit der Orinoco je sein Fluchtziel Havanna erreichen:

Von den zuvor genannten Wronkes an Bord der Orinoco lässt sich nur für einen eine Aussage über sein Schicksal treffen: Hans Wronke, „geboren am 23. Juli 1911 in Berlin / – / Stadt Berlin, wohnhaft in Berlin, Emigration: Frankreich, Deportation: ab unbekannt 1943, Auschwitz, Konzentrations- und Vernichtungslager, Todesort: Auschwitz, Vernichtungslager.“ Ob Hans Wronke möglicherweise jener Hans war, der auf der oben erwähnten italienischen Webseite über die Casa Vita Nuova als einer der beiden Leiter benannt wurde, lässt sich nicht verifizieren.

Alice Jacobis Schule in Gardone Riviera Auch für diese Schule gibt es über die eingangs zitierten Erwähnungen bei Klaus Voigt und Hildegard Feidel-Mertz hinaus kaum weiterführendes Material. Einen direkten Hinweis auf ihre Existenz gibt es nur aufgrund einer Anzeige in der bereits zitierten Jüdischen Rundschau aus dem Jahre 1935, deren Text lautet: „ITALIEN Töchterheim am Gardasee. Unter verantwortungsbewußter, fachmännischer Leitung werden junge Mädchen in kleinem, kultivierten Kreis geistig und körperlich gefördert / Wunschgemäße Ausbildung in Sprachen (auch Neuhebräisch), Stenographie, Haushaltsführung, Schneiderei, Gartenbau, Handwerk und Sport / Viertel- und Halbjahreskurse. Frau A. Jacobi, Gardone-Riviera. Semesterbeginn 1. Mai.“ Zur Kontaktaufnahme wurde eine Zehlendorfer Telefonnummer angegeben. Wann Alice Jacobi vom Konzept Töchterheim abgerückt ist, lässt sich nicht sagen, aber Fotos aus ihrem Nachlass belegen, dass ihre Schule später als koedukative Einrichtung geführt wurde. Ob sie allerdings unter der Bezeichnung Landschulheim am Gardasee firmierte und in der Tradition der Landschulheime stand, muss offen bleiben, denn das in der Anzeige vorgestellte Kursangebot entspricht eher dem der damaligen jüdischen Haushaltungsschulen. Nachfolgend wird deshalb der neutralere Begriff Schule am Gardasee verwendet.

Spurensuche: Fritz C. Neumann und die Schule am Gardasee Konkrete Hinweise auf die Schule finden sich bislang ausschließlich in den Lebenserinnerungen (Memoirs of a contemporary) des Pädagogen Fritz C. Neumann. Dieser war aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums im April 1933 aus dem deutschen Schuldienst entlassen worden und emigrierte – unterbrochen von Reisen nach England und gelegentlichen Aufenthalten bei seiner Familie in Hamburg – sofort nach Frankreich. Anfang 1935 weilte er wieder einmal in Hamburg und arbeitete vorübergehend in einem Steuerberatungsbüro. Hier erreichte ihn ein Brief aus Italien. Ein ihm unbekannter Herr Löwenberg ließ ihn wissen, dass seine Schwester, Alice Jacobi aus Berlin, plane, in Gardone Riviera ein Internat für jüdische Kinder aus Deutschland zu eröffnen. Für eine Stelle dort sei er, Fritz C. Neumann, von dem inzwischen in der Schweiz lebenden Paul Geheeb vorgeschlagen worden.Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary. 1965, S. 192.

Neumann lüftet die Identität des Herrn Löwenberg ebenso wenig wie die von Alice Jacobi und gibt auch keine Anhaltspunkte dazu, welche Beziehungen zu Paul Geheeb bestanden haben könnten (wodurch sich vielleicht der von Feidel-Mertz ins Spiel gebrachte Begriff Landschulheim am Gardasee hätte rechtfertigen lassen). Doch die Identitäten ließ sich klären: bei Alice Jacobi dem Herrn Löwenberg handelte es sich um die Geschwister Löwenberg.

Neumann vermittelt einige Eindrücke über die Schule, an der mitzuarbeiten er aufgefordert worden war. Allerdings, als er sein Interesse an dem Angebot bekundete, erhielt er erst einmal eine Absage von Alice Jacobi. Sie suchte nach einer jüdischen Lehrkraft (Neumann war Protestant), der jüdischen Religionsunterricht erteilen könne. Sie bat Neumann aber, ihr bei der Suche nach einer geeigneten Person zu helfen, was Neumann zusagte. Er wollte dafür Hilde Marchwitza gewinnen, wurde aber ausgerechnet zu dem Zeitpunkt bei ihr vorstellig, als die Gestapo deren Wohnung durchsuchte. Was Neumann nämlich nicht wusste: Hilde Marchwitza gehörte einer Widerstandsgruppe um Hans Westermann an und hatte ihre Wohnung als Treffpunkt zur Verfügung gestellt. Das war aufgeflogen, und bei der Razzia am 5. März 1935 wurde auch der zufällig vorbeikommende Neumann verhaftet.Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary. 1965, S. 194. Nach einigen Tagen, in denen er auch im KZ Fuhlsbüttel gefangen gehalten worden war, kam er am frühen Nachmittag des 9. März wieder frei.Fritz C. Neumann: Memoirs of a contemporary. 1965, S. 197.