mini|Hauptquartier der Gegner des Frauenwahlrechts in den USA, der „Antisuffragists“ (um 1911)
Antifeminismus (von griechisch anti gegen, , und „-ismus“) ist ein Oberbegriff für geistige, gesellschaftliche, politische, religiöse und akademische Strömungen und soziale Bewegungen, die sich pauschal gegen den Feminismus bzw. einzelne, mehrere oder sämtliche feministische Anliegen wenden.
Die ablehnende Haltung gegenüber dem Feminismus kann sich gegen eine Theorie zugunsten der Gleichstellung der Geschlechter in Gesellschaft und Politik richten, aber auch gegen eine organisierte Bewegung zur Durchsetzung dieser Gleichstellung sowie gegen das Geltendmachen der Ansprüche der Frauen als soziale Gruppe und der von ihnen erarbeiteten Theorien.Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats. Aus dem Englischen von Walmot Möller-Falkenberg. Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-593-34529-3, S. 291. Darüber hinaus kann sich Antifeminismus gegen die Notwendigkeit sozialer Veränderungen zur Vergrößerung der Macht von Frauen in der Gesellschaft richten. Häufig liegen dem Antifeminismus bewusste oder unbewusste frauenfeindliche Einstellungsmuster zugrunde.Herrad Schenk: Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland. München 1980, S. 163. Vgl. Ute Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Göttingen 1998, S. 12.
Antifeminismus ist als ablehnende Reaktion auf verschiedene Emanzipationsforderungen von Frauen entstanden, organisierte und institutionalisierte sich teilweise. Die Bezeichnung wurde im Deutschen Kaiserreich um die Wende zum 20. Jahrhundert von der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm in ihrem Buch Die Antifeministen geprägt; sie kreierte sie in Anlehnung an die zu diesem Zeitpunkt bereits etablierte Bezeichnung „Antisemitismus“.Bertha Pappenheim (Hrsg.): Die Memoiren der Glückel von Hameln. Beltz, Weinheim 2005, ISBN 3-407-22169-X, S. VIII. Hermann Paul: Deutsches Wörterbuch. 9. Aufl. Von Helmut Henne und Georg Objartel unter Mitarbeit von Heidrun Kämper-Jensen, Tübingen 1992, ISBN 3-484-10679-4, S. 269.
Eine systematische Abgrenzung von Antifeminismus, Misogynie, Frauenfeindlichkeit und Sexismus gibt es bislang nicht. Während aber letztere drei Begriffe sich auf eine Diskriminierung von Frauen im Alltag beziehen, ist der Begriff Antifeminismus deutlicher in einem gesellschaftspolitischen Kontext angesiedelt.
Begriff Begriffsentstehung Die französische Frauenrechtlerin Hubertine Auclert benutzte 1882 zum ersten Mal den Begriff féminisme, um sich selbst politisch zu beschreiben. Schnell wurde der Begriff insbesondere auf internationalen Frauen-Tagungen und -Kongressen verbreitet. In Deutschland fand er jedoch nur wenig Verwendung unter den politisch aktiven Frauen, denn kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wollte man sich vom französischen Nachbarn auch sprachlich abgrenzen. Zugleich war dies wahrscheinlich der Grund dafür, dass sich dieser Begriff im Laufe der Zeit dennoch durchsetzte. Die Gegner der Frauenbewegung nutzten ihn, um die nach Emanzipation strebenden Frauen abzuwerten (Feministinnen als etwas Negatives). Diese Gegner wurden ihrerseits bald als Antifeministen bezeichnet.Christiane Streubel: Radikale Nationalistinnen. Agitation und Programmatik rechter Frauen in der Weimarer Republik (= Geschichte und Geschlechter, Band 55). Campus Verlag, Frankfurt 2006, ISBN 3-593-38210-5, S. 63 ff. (Dissertation).
Die deutsche Schriftstellerin und Frauenrechtlerin Hedwig Dohm verwendete den Begriff 1902 als Titel für ihr Alterswerk Die Antifeministen. Es besteht im Wesentlichen aus einer Sammlung von Aufsätzen, die sie in verschiedenen Journalen bereits veröffentlicht hatte. Das Werk ist eine ideologiekritische Analyse verschiedener Typen von Antifeministen und ihrer Motive.
Definition und Abgrenzung
Da Feminismus ein „Oberbegriff“ ist und es keinen einheitlichen Feminismus gibt, muss auch Antifeminismus vielschichtig sein und kann sich gegen einzelne, mehrere oder sämtliche feministische Ziele und Vorgehensweisen richten. Eine systematische Abgrenzung der Begriffe Antifeminismus, Misogynie, Frauenfeindlichkeit und Sexismus gibt es bislang kaum. Häufig wird nur einer der Begriffe verwendet; vereinzelt wird versucht, einzelne Begriffe voneinander abzugrenzen.Ute Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Göttingen 1998, S. 12. Teilweise werden sie synonym verwendet.Bernd Maelicke (Hrsg.): Lexikon der Sozialwirtschaft. Baden-Baden 2007, ISBN 978-3-8329-2511-6; Heinz Schreckenberg: Erziehung, Lebenswelt und Kriegseinsatz der deutschen Jugend unter Hitler. Anmerkungen zur Literatur. Münster / Hamburg / London 2001, ISBN 3-8258-4433-1, S. 197; Irmgard Maya Fassmann: Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung 1865–1919. Hildesheim / Zürich / New York 1996, ISBN 3-487-09666-8, S. 115. Hans Blüher war Schriftsteller und engagierte sich unter anderem als überzeugter Antifeminist (siehe Blühers antifeministisches Frauenbild). Für ihn war Antifeminismus der „Kampf gegen den Feminismus, der die Frau zu ihrem Schaden missdeutet“ und „der Wille zur Reinheit der Männerbünde“ (1916).Hans Blüher: Der bürgerliche und der geistige Antifeminismus. Tempelhof-Berlin 1916, S. 92, 90. Herrad Schenk ist Schriftstellerin und schreibt unter anderem über Frauenthemen. Sie definiert Antifeminismus als „Frauenfeindlichkeit (…), die direkt als Reaktion auf die Frauenbewegung, als Widerstand gegen deren tatsächliche oder vermeintliche Ziele anzusehen ist“ (1977).Herrad Schenk: Die feministische Herausforderung. 150 Jahre Frauenbewegung in Deutschland. München 1977, S. 163. Ute Planert ist Historikerin und hat über Antifeminismus im Kaiserreich promoviert. Um das Thema „handhabbar zu machen“, entschied sie sich, den Begriff für ihre DissertationUte Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Diskurs, soziale Formation und politische Mentalität. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998. einzugrenzen und unter Antifeminismus „die institutionalisierte Reaktion auf die Emanzipationsversuche der Frauenbewegungen“ zu verstehen (2000).Ute Planert: Mannweiber, Urniden und sterile Jungfern. Die Frauenbewegung und ihre Gegner im Kaiserreich. In: Feministische Studien, Jg. 18, 2000, S. 22. Laut dem Eintrag Antifeminismus im Metzler Lexikon Gender Studies/Geschlechterforschung richtet sich „klassischer Antifeminismus gegen die Frauenbewegung und ihre Forderungen und Errungenschaften“.Zitiert von Andrea Maihofer, Franziska Schutzbach: Vom Antifeminismus zum ›Anti-Genderismus‹. Eine zeitdiagnostische Betrachtung am Beispiel Schweiz. In: Sabine Hark, Paula-Irene Villa (Hrsg.): Anti-Genderismus. Sexualität und Geschlecht als Schauplatz aktueller politischer Auseinandersetzungen. Bielefeld 2016, S. 203.
Ideengeschichte Als ideen- und wirkungsgeschichtlich bedeutsam wird Friedrich Nietzsche angesehen.Marcus Llanque, Herfried Münkler (Hrsg.): Politische Theorie und Ideengeschichte. Lehr- und Textbuch. Berlin 2007, ISBN 978-3-05-002954-2, S. 299; Marcus Llanque: Politische Ideengeschichte – ein Gewebe politischer Diskurse. Oldenbourg, München/Wien 2008, ISBN 978-3-486-58471-4, S. 4. Im Werk des Philosophen finden sich Äußerungen, die in der Literatur als antifeministisch charakterisiert werden.Norbert Kapferer: Nietzsches philosophischer Antifeminismus. In: Barbara Schaeffer-Hegel, Brigitte Wartmann (Hrsg.): Mythos Frau. Projektionen und Inszenierungen im Patriarchat. Berlin 1984, S. 79–90; Stephanie Catani: Das fiktive Geschlecht. Weiblichkeit in anthropologischen Entwürfen und literarischen Texten zwischen 1885 und 1925. Würzburg 2005, ISBN 3-8260-3099-0, S. 60 (zugl.: Univ., Diss., 2004). Die Interpretationen und kontroversen Standpunkte sind in dieser Diskussion vielfältig: So wurde beispielsweise angenommen, dass Nietzsche das Weibliche bei sich selbst verdrängt habe; andere sahen in seinen „misogynen Ausfällen“ eher eine Provokation, „hinter der sich eigentlich eine die patriarchalische Gesellschaftsordnung erschütternde Vision“ verberge.Stephanie Catani: Das fiktive Geschlecht. Weiblichkeit in anthropologischen Entwürfen und literarischen Texten zwischen 1885 und 1925. Würzburg 2005, S. 60. Der Religionswissenschaftler und Vorsitzende der Nietzsche-Gesellschaft, Hans Gerald Hödl (* 1959), vertrat die Ansicht, insbesondere Nietzsches Werk Jenseits von Gut und Böse habe „auf der oberflächlichsten Ebene“ antifeministische Klischees bedient.Hans Gerald Hödl: Nietzsches lebenslanges Projekt der Aufklärung. In: Renate Reschke (Hrsg.): Nietzsche – Radikalaufklärer oder radikaler Gegenaufklärer? Berlin 2004, ISBN 3-05-004013-0, S. 189.
Als sich gegen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Frauenbewegung in Deutschland und in Teilen Österreich-Ungarns ausgehend von den englischen Feministinnen im Kampf um das Frauenwahlrecht immer stärker politisierte und den Anspruch erhob, dem Mann intellektuell ebenbürtig zu sein, löste das eine Welle von Schriften aus, die den Vorrang und die Überlegenheit des Mannes als biologisch determiniert verteidigten. Die berühmteste und in jener Zeit populärste ist die 1903 erschienene Abhandlung von Otto Weininger (1880–1903) Geschlecht und Charakter, in der er sich dem Dualismus zwischen den Geschlechtern widmete mit einer ausführlichen Begründung für die Minderwertigkeit der Frau.Shulamit Volkov: Antisemitismus und Antifeminismus: Soziale Norm oder kultureller Code. In: dies.: Das jüdische Projekt der Moderne. C.H. Beck, München 2001, S. 72. Bis in die Gegenwart argumentieren Soziobiologen, dass die Geschlechterordnung biologisch begründet sei und eine Transformation scheitern müsse, da sie gegen die Natur sei.Kenneth Clatterbaugh: Anti-Feminismus. In: Michael Flood et al. (Hrsg.): International Encyclopedia of Men and Masculinities. Routledge, London/New York 2007, ISBN 978-0-415-33343-6, S. 21.
Historische Entwicklung des Antifeminismus in Deutschland Deutsches Kaiserreich Im Deutschen Kaiserreich (1871–1918) kam es zu einem Aufstieg von Massenverbänden und -parteien und einer wachsenden Bedeutung der Presse. Dadurch gewann die öffentliche Meinung an Gewicht (Näheres hier). Das Privatrecht wurde vereinheitlicht (vor 1871 war es zersplittert). Nach langer Vorbereitung trat am 1. Januar 1900 das BGB in Kraft. Im Gegensatz zu dem freiheitlich geprägten Schuldrecht, Sachenrecht und Erbrecht folgte das Familienrecht weitgehend der überkommenen patriarchalischen Tradition, die sich vor allem in der Verwaltung und Nutznießung des Vermögens der Ehefrau durch den Ehemann (§ 1363 BGB a. F.), dem Entscheidungsrecht des Ehemanns in ehelichen Angelegenheiten (§ 1354 BGB a. F.) und der Wahrnehmung der elterlichen Sorge durch den Vater (§ 1627 BGB a. F.) niederschlug.
Der frühe Antifeminismus war nach Ute Planert eine unmittelbare Reaktion auf Emanzipationsansprüche von Frauen und eine aktive Opposition gegen die Frauenbewegung sowie gegen die von ihr vertretenen Forderungen; Antifeminismus kann mithin als Indikator einer starken Frauenbewegung verstanden werden.Ute Planert: Antifeminismus im Kaiserreich. Indikator einer Gesellschaft in Bewegung. In: AfS, Band 38 (1998), S. 94; vgl. Christopher Dowe: Auch Bildungsbürger: Katholische Studierende und Akademiker im Kaiserreich. Göttingen 2006, ISBN 3-525-35152-6, S. 118 (zugl.: Tübingen, Univ., Diss., 2003).