Das immaterielle Erbe: Eine bäuerliche Welt an der Schwelle zur Moderne (italienischer Originaltitel: L’eredità immateriale: Carriera di un esorcista nel Piemonte del Seicento) ist ein Buch von Giovanni Levi. Es erschien erstmals 1985 im Verlag Giulio Einaudi. Levi untersucht darin das Verhältnis der nichtelitären Gesellschaftsschicht zur Herrschaftselite im Piemont des 17. Jahrhunderts und die Handlungsmöglichkeiten der Unterschicht in der Auseinandersetzung mit der Moderne. Das Buch gilt als eines der bedeutenden Werke der mikrohistorischen Strömung in der Geschichtswissenschaft.
Erkenntnisinteresse Mit seinen Untersuchungen möchte Levi aufzeigen, dass die einfache bäuerliche Bevölkerung des Ancien Régime keine unbewegliche, der Obrigkeit ausgelieferte und durch überhöhte traditionelle Wertvorstellungen gehemmte Gesellschaft war. Die untere Gesellschaftsschicht sei, so Levis These, keineswegs ausschließlich durch die Eliten beeinflusst worden und habe sich trotz des Feudalismus in der Auseinandersetzung mit der Moderne als eigenständiger Handlungsakteur verstanden. Neue soziale Systeme der Moderne entstanden nicht nur aufgrund der Verbreitung einer zentralisierenden Macht eines absoluten Staates und der Verallgemeinerung von Marktbeziehungen, sondern seien von der Unterschicht wesentlich in der aktiven Auseinandersetzung mit der veränderten Umwelt mitgeprägt worden. Gruppen und Einzelpersonen verfolgten dabei ihre eigenen, persönlichen Strategien, welche die Nachwelt nachhaltig prägen konnten. Damit schreibt Levi den einfachen Schichten eine spezifische Rationalität zu, welche sich von rein kulturell bedingten Handlungsabsichten abhebt, in welchen die untere Schicht die Konsequenzen ihrer Handlungen nicht bewusst herbeigeführt hätte. Levi untersucht im Verlauf des Werks die einzelnen spezifischen Entscheidungssysteme der Akteure. Diese seien aufgrund der selektiven Rationalität dieser Akteure nicht ausschließlich als funktionalistische Muster (beispielsweise ökonomische) zu sehen, sondern durch andere Kategorien der Interpretation zu ergänzen. Die selektive Rationalität kann deshalb die individuellen Verhaltensweisen erklären, welche als ein Ergebnis zwischen der Auseinandersetzung von Freiheit und Zwang resultieren.
Die bäuerliche Welt des 17. Jahrhunderts kann folglich gemäß Levi keineswegs als statisch, verborgen und passiv gesehen werden. Sie war eine von stetem Wandel geprägte Welt, die sich in einem vielfältigen, situativ bedingten Wechsel zwischen Homogenität und Heterogenität gegen innen und außen befand und sich aktiv mit den Entwicklungen und Veränderungen der frühen Neuzeit auseinandersetzte.
Synopsis Levi wählte für seine Untersuchungen den kleinen Ort Santena im Piemont, südöstlich von Turin, zwischen 1672 und 1709. Aufgrund der mikrohistorischen Ausrichtung der Untersuchung suchte Levi spezifisch nach einem "alltäglichen Ort und eine[r] gewöhnliche[n] Geschichte". Diese alltäglichen Schicksale machten es ihm möglich, die sozialen Beziehungen, Denkweisen, ökonomischen und politischen Handlungen und alltäglichen Überlebensstrategien zu untersuchen. Anhand vielfältiger Akten wie Pfarrregister, Notariatsakten, Katasterdaten und Verwaltungsunterlagen versuchte Levi, die verschiedenen Einzelschicksale in einen lokalen Kontext zusammenzufügen und so das soziale und kulturelle Leben des Dorfes zu rekonstruieren.
Der italienische Originaltitel dieses Werks, L’eredità immateriale: Carriera di un esorcista nel Piemonte del Seicento, nimmt auf die Geschichte Giovan Battista Chiesas Bezug, eines römisch-katholischen Priesters und Exorzisten. Dem Leben von Giovan Battista Chiesa sind die Kapitel Massenhafte Teufelsaustreibungen. Der Prozess von 1697 und Das immaterielle Erbe. Der Prozess von 1694 gewidmet, welche das Werk Levis am Anfang und gegen Schluss einrahmen. Chiesa, der Pfarrer und Seelsorger von Santena, ist hauptsächlich als Angeklagter zweier Gerichtsprozesse bekannt. Diese ordnete Levi im Buch aber bewusst nicht chronologisch an, da seine Fragestellungen über den Charakter einer reinen Geschichtenerzählung hinausgehen. In den 1690er-Jahren nahm Chiesa nebst seiner Aufgabe als Seelsorger Santenas eine unentgeltliche Tätigkeit als Prediger und Exorzist auf, über welche er ausführliche persönliche Notizen machte, welche Levi als Untersuchungsgrundlage dienten. Trotz sowohl gelungener als auch nicht gelungener Heilungen bildete sich um Chiesa eine mehr oder weniger treue Anhängerschaft. Doch diese ohne die Erlaubnis der Kirchenoberen vorgenommenen Exorzismen blieben nicht ohne Aufmerksamkeit. Die erzbischöfliche Verwaltung bestellte Chiesa im Sommer 1697 für eine Befragung nach Turin und untersagte ihm die weitere Durchführung von Exorzismen. Da sich dieser wenig um das Verbot kümmerte und weiterhin in mehreren Städten und Dörfern der Region Heilungen anbot, wurde er im August 1697 verhaftet. Nach dem Prozess wurde Chiesa von allen seelsorgerlichen Aufgaben in Santena entbunden. Anschließend verschwindet Chiesa von der Bildfläche und Levi findet keinen Eintrag mehr in den Quellen der gesamten Region.
Im ersten Kapitel stellt Levi nicht nur seine umfassenden Erkenntnisse über Chiesa selbst dar, sondern auch über dessen soziales und kulturelles Umfeld. Thematisiert wird das vorherrschende Verständnis der Menschen im Beziehungsfeld von Krankheit, Sünde, Religion und Magie. Dies erlaubt die ersten Schlüsse über das kulturelle System der Bevölkerung Santenas. Im großen Zulauf zu Chiesas Heilungen zeigt sich gemäß Levi ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Sicherheit. Durch seine Heilungen konnte Chiesa diese Sicherheit bieten und durch seine Predigertätigkeit ein einfaches und vorhersehbares Weltbild portieren, das konkrete Lösungsansätze für die Probleme der Bevölkerung bot.
Im zweiten und dritten Kapitel wendete sich Levi den Familienorganisationen einerseits und dem Umgang mit Grundstücken andererseits zu. In beiden Fällen konnte er auf eine außerordentlich gute Quellenlage zurückgreifen. Levi ging hier insbesondere der Frage nach, inwiefern die ökonomische Realität von der Welt des Sozialen abhängig ist. Die Schilderungen dreier Familien lieferten dabei Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen unterschiedlichen Familien, Differenzierungen der Tätigkeiten, privaten Anlageformen, Abhängigkeitsverhältnisse, Frauenbilder, Gruppenendogamie, Vormundschaft und Kriminalität. Durch die Untersuchung der Akten über die Familie Perrone verschaffte sich Levi Einsichten in die Familienstrukturen einer Santenaer Familie, die als Halbpächter ihre Grundstücke bewirtschafteten. Diese bildeten weniger eine isolierte Einheit, sondern vielmehr ein differenziertes und hierarchisiertes Gebilde, das sowohl Verwandte als auch kooperierende Verbündete einschloss. Bei der Betrachtung der Familien der drei Brüder Cavagliato stellte Levi trotz einer ehelichen Trennung der drei Brüder eine starke Zusammenarbeit fest. Es erfolgte ein reger Tausch von Grundstücken, Geld, Tieren, Geräten und Arbeitsleistung und bekräftigte die Erkenntnisse aus der Untersuchung der Familie Perrone. Die dritte der näher untersuchten Familien, die Domeninos, wurde durch die Ermordung des einzigen Sohnes in eine schwierige Lage gebracht. Die Witwe des Ermordeten musste die bis dahin unbeweglichen Schulden der Familie zurückzahlen sowie den Konflikt mit der Familie des Mörders, den Gillio, lösen. Indem sie einen Friedensschluss akzeptierte, der ohne finanziellen Ausgleich auskam, legte sie den Streit bei. Nach einem jahrelangen Streit mit ihrer Tochter und großen finanziellen Problemen sowie der Ermordung ihres Sohnes verschwindet die Familie Domenino 1692 von der Bildfläche. Levi stellte fest, dass in allen drei Familien die ökonomischen Überlegungen nicht die Hauptantriebe für die familiäre Strategien waren. Auch wenn der Wettbewerb um begrenzte Güter ein wichtiger Faktor war, sind andere Antriebe direkter an der Entscheidungsfindung beteiligt. Eine verbesserte Vorhersehbarkeit, die Verringerung der Abhängigkeit von natürlichen Ereignissen und die soziale Organisation bilden bei Erfolg schlussendlich Faktoren, bei denen die ökonomischen Resultate nicht möglichst groß, sondern möglichst konstant sind. Gemäß Levi waren die ökonomischen Entscheidungen der sozialen Welt untergeordnet. Die Verwandtschaftsbeziehungen, die Bündnisse untereinander und die Beziehungen zu den Herrschenden wollten von den bäuerlichen Familien unter Kontrolle gehalten werden, da sie als Garanten aller Entscheidungen und Tätigkeiten galten. Die Familien waren so aktiv an Veränderungen beteiligt und nicht bloß passive Elemente innerhalb ökonomischer und biologischer Vorgänge. Im Kapitel Mark und Solidarität, dessen Schlüsse diejenigen des vorhergehenden Kapitels weiterführen und ergänzen, setzte Levi einen Vergleich der sozialen Verhaltensweisen und den Größenordnungen der Grundstücke an. Dieser ist reichhaltig mit Statistiken ergänzt. Gemäß Levi war es nicht nur die Strategie der einfachen Leute, in Natur und Gesellschaft möglichst wenig Risiko zu haben, sondern „die Vorhersehbarkeit der Fakten zu verbessern und sich der Schicksalhaftigkeit einer Welt isolierter Familien oder Individuen zu entziehen, um aktiv eine Politik der Beziehungen ins Werk setzen zu können, auf der man eine soziale Dynamik und ökonomisches Wachstum aufbauen kann.“