hochkant|mini|Titelblatt des Drucks von Melchior Lotter, Wittenberg 1520 An den christlichen Adel deutscher Nation: von des christlichen Standes Besserung (An den Christlichenn Adel deutscher Nation: von des Christlichen standes besserung: D. Martinus Luther.) ist eine Reformschrift Martin Luthers, verfasst in frühneuhochdeutscher Sprache im Jahr 1520. Ihre Bedeutung liegt darin, dass Luther in dieser Schrift eindeutig mit der römisch-katholischen Kirche brach. Er bezeichnete den Papst (konkret: Leo X. aus dem Hause Medici) als Antichrist und formulierte den Grundsatz des Priestertums aller Getauften. Die Zweiteilung der Christenheit in Klerus und Laien wurde damit aufgegeben. Adel und Kaiser, aber auch die städtischen Magistrate und in letzter Konsequenz alle Christen wurden aufgefordert, Reformen der Kirche in die Wege zu leiten. Luther, der kurz davor war, von der Amtskirche als Häretiker ausgeschlossen zu werden, agierte dabei auch als Provokateur: Mit der Adelsschrift „bestätigte er, dass man ihn ausschließen mußte, just in dem Moment, in dem dies geschah.“Thomas Kaufmann: Luthers kopernikanische Wende. In: FAZ, 27. Oktober 2013.
Innerhalb weniger Wochen verfasst, erschien die Adelsschrift am 5. August 1520 mit der relativ hohen Auflage von 4000 Exemplaren. In kurzer Folge schlossen sich 14 Nachdrucke an, die außer in Wittenberg auch in Augsburg, Basel, Leipzig, München und Straßburg erschienen. Die damit erreichte Breitenwirkung blieb aber kurzzeitig, weil die weitere Eskalation von Luthers Konflikt mit der Amtskirche das Interesse der Zeitgenossen auf sich zog.
Die Zusammenfassung der Adelsschrift mit dem Traktat Von der Freiheit eines Christenmenschen und der Schrift Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, manchmal auch mit der Schrift Von den guten Werken zu einer Gruppe „reformatorischer Hauptschriften“ stammt nicht von Luther selbst, sondern wurde erst im 19. Jahrhundert vorgenommen.
Entstehung hochkant|mini|Martin Luther als Augustinereremit (Lucas Cranach d. Ä., 1520, Museum of Fine Arts, Houston) Ein Brief Luthers an Georg Spalatin erwähnt Anfang Juni 1520 den Plan, eine Schrift an den neu gewählten Kaiser Karl V. und den Adel zu verfassen. Während Luther an der Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation arbeitete, erfuhr er Mitte Juli vom Ausgang seines Ketzerprozesses in Rom, und fast gleichzeitig stellte er den Sermon von dem Neuen Testament fertig, den Grunenberg druckte, während er die Adelsschrift an den aus Leipzig nach Wittenberg zugezogenen Drucker Melchior Lotter vergab. Von einem äußeren Anlass der Adelsschrift ist nichts bekannt, dagegen bildet Luthers belastende Lebenssituation in Erwartung des Ketzerurteils den Hintergrund der Abfassung. Einen Impuls für die scharfe Papstkritik der Adelsschrift verdankte Luther Ulrich von Hutten. Dieser hatte 1517 ein Werk des italienischen Humanisten Lorenzo Valla publiziert, in dem dieser nachwies, dass die Konstantinische Schenkung, eine Urkunde, aus der die weltliche Macht der Päpste begründet wurde, eine Fälschung war. Luther las Huttens Edition dieser Schrift Anfang 1520 und wurde dadurch in seinem Verdacht bestärkt, dass der Papst der Antichrist sei.Martin H. Jung: Luthers Aufruf „An den christlichen Adel“ (1520) und seine Folgen. Göttingen 2018, S. 65–66.
Ein weiterer zeitgeschichtlicher Hintergrund ist das Dekret Pastor aeternus gregem von 1516, mit dem das Fünfte Laterankonzil die Pragmatische Sanktion von Bourges aufhob. Von vielen Zeitgenossen und auch von Luther wurde es so interpretiert, als seien die Beschlüsse des Basler Konzils und damit die Erfolge des Konziliarismus von der päpstlichen Partei rückgängig gemacht worden. Dies ist aber, wie der katholische Kirchenhistoriker Bernward Schmidt ausführt, nicht ganz korrekt: Das Fünfte Laterankonzil habe das Rumpfkonzil von Basel gar nicht als legitim anerkannt; damit waren auch die von diesem gefassten Beschlüsse obsolet.Bernward Schmidt: Die Konzilien und der Papst: Von Pisa (1409) bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Herder, Freiburg / Basel / Wien 2013, S. 131. 156 f.
Der Text zeigt Spuren schneller Fertigstellung, so hat der Verfasser ihn nicht mehr abschließend durchkorrigiert. Am 5. August 1520 erschien die erste Auflage in Wittenberg. Die 4000 Exemplare waren nach drei Tagen vergriffen. Insgesamt erschienen fünfzehn Auflagen in deutscher Sprache und zwei Auflagen in Italienisch; der evangelische Kirchenhistoriker Martin H. Jung schätzt die Gesamtauflage auf 68.000 Exemplare. Trotz der flüchtigen Abfassung weist die Adelsschrift sprachlich-stilistische Feinheiten auf wie Klimax, Anaphora und Synonymenketten.Herbert Walz: Martin Luther. In: Stephan Füssel (Hrsg.): Deutsche Dichter der frühen Neuzeit (1450-1600): Ihr Leben und Werk, Berlin 2013, S. 332 f.
Adressaten hochkant|mini|Titelblatt der Adelsschrift, Nachdruck von Valentin Schumann, Leipzig 1520. Das Motiv dieses Leipziger Drucks, ein bekränzter Ritter in offener Landschaft, ist eine Fokussierung auf den Adelsstand als Adressaten von Luthers Schrift. Thomas Kaufmann: Der Anfang der Reformation. Studien zur Kontextualität der Theologie, Publizistik und Inszenierung Luthers und der reformatorischen Bewegung. 2., durchgesehene und korrigierte Auflage. Mohr, Tübingen 2018, ISBN 3-16-156327-1, S. 519. In der Forschung ist darauf hingewiesen worden, dass sich Luthers Kontakte zur Reichsritterschaft seit dem Frühjahr 1520 intensiviert hatten, außer mit Hutten stand Luther im Kontakt mit Franz von Sickingen und Hans von Taubenheim.Thomas Kaufmann: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung. Tübingen 2014, S. 12–13. Von dieser Seite erreichten ihn Solidaritätsbekundungen, doch ist die Adelsschrift nicht direkt dadurch veranlasst.Thomas Kaufmann: An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung. Tübingen 2014, S. 14. Die Berührungen zwischen der Ritterschaftsbewegung und Luther und seinem Kreis waren punktuell: in der Kritik an den Zuständen in Rom und am schlechten Leben der Kleriker wusste man sich einig.Luise Schorn-Schütte: Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit: Grundzüge einer Epoche 1500-1789. Schöningh, 3. Auflage Paderborn 2019, S. 213. Im Blick auf die Rolle, die Fürsten später bei der Durchsetzung der Reformation spielten, fällt auf, dass Luther in dieser frühen Programmschrift nicht sie, sondern allgemein den Adel ansprach. Er widmete das Werk einem Kollegen an der Wittenberger Universität, Nikolaus von Amsdorf. Dessen Familie gehörte zum landsässigen Niederadel.Christoph Volkmar: Was hatte der Niederadel in Mitteldeutschland durch die Reformation zu verlieren? In: Werner Greiling, Armin Kohnle, Uwe Schirmer (Hrsg.): Negative Implikationen der Reformation? Gesellschaftliche Transformationsprozesse 1470–1620. Böhlau, Köln / Weimar / Wien 2015, S. 373–400, hier S. 374. Der Niederadel konnte sich von Luthers Adelsschrift mitangesprochen fühlen, da er ja auch Obrigkeit war und Themen wie die Kleiderordnung auch ihn betrafen. Aber Anknüpfungspunkte bot ihm weniger die Adelsschrift als Luthers Traktat von der Freiheit eines Christenmenschen. Die darin zentralen Themen Freiheit und Gewissen berührten direkt das Selbstverständnis dieser Gruppe.Alexander Jendorff: Heroen oder Verräter des Gotteswortes? Eine kritische Bestandsaufnahme des Verhältnisses zwischen Reformationsgeschichte und Adelsgeschichte. In: Christopher Spehr (Hrsg.): Lutherjahrbuch 82. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, S. 106–147, hier S. 123.
Inhalt hochkant|mini|Papst Leo X. mit zwei Kardinälen, Gemälde von Raffaelo Sanzio, um 1518/1519 (Uffizien) Luther, der sich als Mönch und Doktor der Theologie vorstellt, möchte wie ein Hofnarr Missstände ansprechen. Dieser hatte das Privileg, straflos auch scharfe Kritik vortragen zu dürfen.Martin H. Jung: Luthers Aufruf „An den christlichen Adel“ (1520) und seine Folgen. Göttingen 2018, S. 58.
Der literarisch uneinheitliche Text lässt sich in drei Hauptteile gliedern:
Drei Mauern, welche die „Romanisten“ um sich gezogen haben, um Reformen unmöglich zu machen; Agenda für ein zukünftiges Konzil; 26 (oder 27) Reformartikel.
„Romanisten“ ist eine von mehreren Bezeichnungen Luthers für die Gegenpartei. Er präzisierte in der Adelsschrift, das seien „Bapst, Bischoff, pfaff, munch odder gelereten.“ In diesem frühen Stadium der Auseinandersetzung hat das Wort, ebenso wie „Papisten“, noch keine konfessionelle Bedeutung. Gemeint sind nicht die einfachen Gläubigen, sondern Parteigänger des Papstes, wie etwa Thomas Murner, der auf die Bezeichnung als Romanist auch prompt reagierte.Bent Jörgensen: Konfessionelle Selbst- und Fremdbezeichnungen. Zur Terminologie der Religionsparteien im 16. Jahrhundert. Akademie Verlag, Berlin 2014, S. 68 f.
Drei Mauern der „Romanisten“ Luther argumentiert im ersten Hauptteil mit dem Bild eines Mauerrings, wie er für Städte oder Burgen seiner Zeit üblich war. Zugleich spielt er auf die biblische Erzählung von den Mauern von Jericho an, die beim Schall der Posaunen einstürzten (Jos 6). Mit einem dreifachen Schutzwall hätten sich die „Romanisten“ bisher gegenüber Veränderungen abgeschirmt, quasi eingemauert:
der geistliche Stand stehe über dem weltlichen, nur der Papst dürfe die Bibel auslegen, nur der Papst dürfe ein Konzil einberufen und habe zusätzlich das Recht, die Beschlüsse eines Konzils zu bestätigen, bzw. deren Bestätigung zu verweigern.
Luthers Vorhaben ist es, die drei Mauern zu Fall zu bringen. Die erste Mauer wird beseitigt durch den Grundsatz des Priestertums aller Getauften: „Dan alle Christen seyn wahrhafftigs geystlichs stands ... szo werden wir allesampt durch die tauff zu priestern geweyhet, wie St. Peter i Pet ii sagt...“WA 6, 407, 13f.,22f. Daraus folgt die Niederlegung der 2. Mauer: alle Getauften können die Bibel auslegen, und der 3. Mauer: weltliche christliche Obrigkeiten haben das Recht, Konzilien einzuberufen.
Nach dem katholischen Kirchenhistoriker Thomas Prügl war Luther im Kontext der Adelsschrift weniger von Antiklerikalismus, Kritik am Messopfer oder am Sakrament der Priesterweihe motiviert – hier sei es ihm vor allem um das Finanzgebaren der Kurie gegangen, und Luther habe den weltlichen Obrigkeiten mögliche Skrupel nehmen wollen, in die Privilegien des geistlichen Standes einzugreifen.Thomas Prügl: Papstkritik und Romentfremdung. Freiburg et al. 2017, S. 61.
Luther führte Argumente aus der Bibel, aber auch aus der Kirchen- und Theologiegeschichte an. Wie schon bei der Leipziger Disputation machte er geltend, dass Päpste mehrfach geirrt hätten; das Erste Konzil von Nicäa sei im Jahr 325 nicht vom Papst, sondern vom Kaiser einberufen worden.Martin H. Jung: Luthers Aufruf „An den christlichen Adel“ (1520) und seine Folgen. Göttingen 2018, S. 60. Eine besondere Rolle in Luthers Argumentation spielt der Kanon Si papa des Decretum Gratiani: Ein Papst könne von niemandem aufgrund moralisch schlechten Handelns und schlechter Lebensweise gerichtet werden, wohl aber, falls er eine Häresie vertrete (nisi a fide devius). Dann war er prinzipiell absetzbar. Luther zitierte zwar den Kanon Si papa, unterschlug aber diese Häresieklausel. Gegen die Auslegungstradition verstand er den Kanon als eine Art Blankoscheck päpstlicher Immunität und lehnte ihn vehement als Teufelswerk ab.Thomas Prügl: Papstkritik und Romentfremdung. Freiburg et al. 2017, S. 61–64.
Agenda für ein zukünftiges Konzil