mini|Die Große Synagoge in Tiflis Georgische Juden (; jehudej georgija) sind eine seit etwa 2000 Jahren nachweisbare, nach der Legende seit 2600 Jahren in Georgien lebende, alteingesessene religiöse Minderheit. Ihre traditionelle Sprache ist das dem Georgischen nahestehende Judäo-Georgisch (auch Qiwruli genannt), das wie alle jüdischen Sprachen zahlreiche hebräische und aramäische Lehnwörter enthält, aber auch nichtjüdischen Georgiern gut verständlich ist. Traditionell wird es im Gegensatz zum Georgischen in Quadratschrift (hebräischer Schrift) geschrieben.

Der Begriff bezeichnet nicht die gesamte jüdische Bevölkerung in Georgien, zu der seit dem 19. Jahrhundert auch Aschkenasim kamen. Auch die alteingesessenen Bergjuden im benachbarten Aserbaidschan, Dagestan und Nordkaukasien, die manchmal mit ihnen als „kaukasische Juden“ zusammengefasst werden, sind eine andere regionale Gruppe des Judentums. Aschkenasim und Bergjuden haben andere traditionelle Umgangssprachen (Jiddisch bzw. Judäo-Tatisch), kulturelle Traditionsunterschiede und sind oft in getrennten Gemeinden organisiert.

Verbreitung und Bevölkerungszahl mini|hochkant|Ein georgischer Rabbiner Ende 19. Jahrhundert in der westlichen Region Imeretien. Auf dem Tisch, seine Papachi. Foto von Dmitri Jermakow Bis zur Auswanderung der ersten Welle sowjetischer Juden in den 1970er Jahren, vorwiegend nach Israel, lebten georgische Juden fast ausschließlich in Georgien – 1959 ca. 43.000 Menschen. Wenige Zuwanderer lebten im benachbarten Russland und Aserbaidschan, meistens in Moskau und Baku, einige weitere waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts und nach der Eroberung der Demokratischen Republik Georgien durch die Rote Armee in westliche Länder oder nach Palästina emigriert. Seit dem Zerfall der Sowjetunion folgten weitere Auswanderungen. Aufgrund des erst in den frühen 1990er Jahren endenden schnellen demographischen Wachstums der Bevölkerung Georgiens schätzt man heute weltweit etwa 80–90.000 Menschen georgisch-jüdischer Herkunft, manchmal etwas mehr, davon in Israel etwa 70–80.000 (der Georgian Jews World Congress schätzt über 100.000Schätzung nach Städten (hebräisch), die meisten in den Städten des Ballungsraumes an der mittleren Küste.), in Georgien lebten in den 1990er Jahren noch ca. 10.000, nach Selbstangaben der Volkszählung 2014 nur noch ca. 1400, davon über 1000 in der Hauptstadt TiflisEthnische Selbstangaben der Volkszählung 2014 nach Bezirken, der Name in der obersten Zeile Sakartvelo ist die georgische Bezeichnung für Gesamt-Georgien., in Russland unter 100, in Aserbaidschan unter 1000, in den USA (meistens in New York) über 4000, dazu kommen kleinere Gruppen in Kanada, Belgien (separate Gemeinde in Antwerpen), Deutschland und Österreich („Kaukasische“ Vereinigung in Wien).

Die jüdische Minderheit lebte im Laufe der Jahrhunderte in ganz Georgien, hatte aber in der wechselhaften georgischen Geschichte verschiedene regionale Schwerpunkte. Seit dem 13. Jahrhundert lebten die meisten georgischen Juden im zentralen und westlichen Georgien, die wichtigsten Gemeinden befanden sich im 20. Jahrhundert in Tiflis, Kutaissi, Kulaschi bei Kutaissi, Bandsa bei Senaki, Zchinwali, Gori, Oni, Satschchere, Achalkalaki, Achalziche, Batumi, Poti, Sochumi und Gagra. Vor den mehrfachen Verwüstungen Georgiens durch expansive Nomadenreiche im Spätmittelalter und der Frühneuzeit hatten die meisten georgischen Juden noch bis ins Mittelalter im Süden des Landes gelebt.

Soziale Situation als religiöse Minderheit mini|links|Eine georgisch-jüdische Musikkapelle Ende 19. Jahrhundert. Foto von Jermakow mini|hochkant|Ein alter jüdischer Straßenhändler (Nussverkäufer) in Georgien Ende 19. Jahrhundert. Foto von Jermakow Im Gegensatz zur abendländisch-westchristlichen, byzantinischen und osteuropäisch-orthodoxen Geschichte des Mittelalters und der Neuzeit ist die georgische Geschichte bis ins 19. Jahrhundert frei von bekannten antijudaistischen und antisemitischen Benachteiligungen, Verfolgungen, Vertreibungen oder Pogromen. Georgische Juden lebten deshalb gesellschaftlich und kulturell gut integriert mit der georgisch-orthodoxen Bevölkerungsmehrheit und der muslimischen Minderheit zusammen. Georgische Juden waren in der Zeit Winzer und Weinhändler, Händler, Handwerker, wie Hut- und Schuhmacher, Weber und Textilfärber, Musikanten, Hausierer oder leibeigene Bauern. Es gab im Unterschied zu Europa keine Berufszweige, in denen sie gegenüber Nichtjuden dominierten und keine weltlichen Berufszweige, zu denen der Zutritt verwehrt war.Sofern nicht anders ausgewiesen, finden sich die Angaben im Artikel der Kleinen Jüdischen Enzyklopädie (hier im 14. Absatz).

Das änderte sich erst mit der russischen Herrschaft in Georgien ab 1801, als es besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, teilweise unter Einfluss einzelner Beamter aus anderen Teilen des Russischen Kaiserreiches, zu ersten Übergriffen, Ritualmordprozessen und 1895 zu einem Pogrom kam.Artikel der Kleinen Jüdischen Enzyklopädie, 16. Absatz. Trotz dieser Episoden, die mit dem Ersten Weltkrieg endeten (danach wurden sie juristisch bestraft), wird das Zusammenleben übereinstimmend als gut charakterisiert, auch weil alle einflussreichen georgischen Dichter und Intellektuellen auf die Verstärkung des Antisemitismus in vielen Ländern seit den 1880er Jahren ablehnend und solidarisch reagierten.

Anfänge und Herkunft mini|Lasika (grün) und Iberien/Kartli (braun) mit der Hauptstadt Mzcheta, 385 n. Chr. Nach der im 11. Jahrhundert von Leonti Mroweli in der Chronik Das Leben Kartlis niedergeschriebenen Legende sollen sich bereits nach Zerstörung des ersten Jerusalemer Tempels 586 v. Chr. erste Juden im Reich Iberien (georg. Kartli, etwa mit der Region Kartlien identisch und sprachlich der Vorläuferstaat des späteren Georgien) angesiedelt haben. Historiker halten es auch aufgrund weiterer Legenden für denkbar, dass sich schon in vorchristlicher Zeit, seit dem Ende des Babylonisches Exils im Achämenidenreich, eine jüdische Minderheit in Kartli/Iberien etabliert hat. Die frühesten archäologischen Beweise ihrer Anwesenheit wurden in der ersten Hauptstadt Mzcheta aber erst aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert (nach anderen Angaben: seit dem 3. JahrhundertW. Chatzkewitsch, Axel Böing: Juden in Georgien. In: Kaukasische Post. Nr. 6, Juli (1996), S. 23, CUNA Georgica, Tbilissi (W. Chatzkewitsch, Mitarbeiter des Museums für die Geschichte der Juden in Georgien)) entdeckt. Ab dieser Zeit finden sich auch in historischen Quellen immer wieder Erwähnungen.

Es gibt viele Indizien für die Hypothese, dass die rapide Verschlechterung der rechtlichen Lage der jüdischen Minderheit im Byzantinischen Reich im 6. Jahrhundert n. Chr. zu einer weiteren Zuwanderung, erst ins westgeorgische Lasika, dann auch nach Iberien/Kartli führte. Schließlich wird noch eine Zuwanderung ab dem 11. Jahrhundert aus den von nomadischen Seldschuken eroberten Königreichen der armenischen Bagratiden und der Ardsruni und vielleicht auch aus Persisch-Südaserbaidschan für sehr wahrscheinlich gehalten. Hatten einige armenische Städte, wie Ani oder Dwin zuvor eine zahlreiche jüdische Bevölkerung, war das Judentum in Armenien danach kaum noch vorhanden. Offenbar waren viele jüdische Bewohner, wie auch Armenier oder armenische Adelsfamilien, in das neu vereinigte Königreich Georgien geflüchtet, das unter Dawit IV. dem Erbauer und Königin Tamar zur stabilen Vormacht in Transkaukasien wurde. Dazu passt, dass in dieser Zeit die meisten jüdischen Gemeinden im Süden des Reiches lagen, teilweise in armenisch besiedelten Regionen (z. B. Jeghegis).Artikel der Kleinen Jüdischen Enzyklopädie, 4. und 5. Absatz.

Antike mini|links|Hebräische Inschrift eines Bronzesiegels aus Georgien 3.–4. Jahrhundert (mit Transliteration und Ergänzung) mini|hochkant|Ritzinschrift in jüdisch-aramäischer Sprache von Abraham, Sohn der Sarah, 4.–6. Jahrhundert, in Mzcheta 1992 auf einer Goldplakette entdeckt Frühe schriftliche Zeugnisse der in Iberien/Kartli lebenden jüdischen Minderheit sind einige der ersten christlichen Heiligenviten der Georgisch-Orthodoxen Kirche. So waren nach diesen Erzählungen zwei der frühesten Anhänger des Christentums im Land jüdischer Herkunft: Abiatar (Evyatar) und seine Schwester Sidonia aus der nicht mehr existierenden Stadt Urbnissi, die beide von der georgischen Kirche heiliggesprochen wurden. Abiatar war später Bischof und selbst Autor einiger Heiligenviten, die auch Erzählungen über die Juden im Land enthalten. Die Legenden um Abiatar und Sidonia transportieren wohl die Bedeutung der jüdischen Minderheit bei der Vermittlung der neuen monotheistischen Religion nach Georgien. Auch Salome, die Autorin der Vita der Heiligen Nino, der wichtigsten Missionarin Georgiens, soll jüdischer Herkunft gewesen sein. Eine weitere Legende, die schon in den frühen Heiligenviten und in Leonti Mrowelis Das Leben Kartlis niedergeschrieben wurde, berichtete, dass bei der Verurteilung und Hinrichtung Jesus’ in Jerusalem auch zwei Rabbiner aus Georgien (Elios von Mzcheta und Longinos von Karsna) anwesend gewesen sein sollen, betont aber ausdrücklich, dass diese mit der Verurteilung und Hinrichtung nichts zu tun hatten. Diese Legende hatte sicher Einfluss darauf, dass die früheste antijudaistische Stereotypverleumdung des Christusmordes / Gottesmordes im mittelalterlichen Georgien keine Bedeutung bekam.

Im Babylonischen Talmud, der in der Schicht der Gemara zahlreiche Rabbi-Diskussionen über die jüdischen Gebote in jüdisch-babylonischem Aramäisch enthält, sind mehrfach Rabbiner aus Iberien (jüd.-bab. aram. Efirike, von griech. Iberika/Iverika) namentlich erwähnt.

Unmittelbare Zeugnisse der jüdischen Bewohner Georgiens im Altertum sind einige, meistens in den letzten Jahrzehnten archäologisch entdeckte Bronzesiegel, Grabinschriften und andere Inschriften in Quadratschrift und in hebräischer oder jüdisch-aramäischer Sprache, vorwiegend aus Mzcheta.

Mittelalter mini|Blatt der ältesten erhaltenen georgischen Tora-Rolle aus Lailaschi, 10.–12. Jahrhundert mini|Grenzen Georgiens 1213 in seiner Blütezeit