Die Schlacht um die Niederlande war ein Teil des Westfeldzugs während des Zweiten Weltkriegs. Der deutsche Überfall begann am 10. Mai 1940 mit dem Einmarsch von Heeresverbänden und Luftlandungen der deutschen Wehrmacht gegen die neutralen Niederlande. Der offiziellen Kapitulation der niederländischen Regierung am 14. Mai 1940 folgte weiterer Widerstand niederländischer Truppen in der Provinz Zeeland (Festung Holland) bis zum 17. Mai.
Königin Wilhelmina der Niederlande begab sich mit ihrer Regierung nach Großbritannien in das Exil.
Das Deutsche Reich errichtete in den Niederlanden ein Reichskommissariat. Der NS-Staat verfolgte auch hier seine rassenideologische Gewaltherrschaft.
Am 5. Mai 1945 schlossen westalliierte Streitkräfte die Befreiung der Niederlande ab. Der Befreiungstag (Bevrijdingsdag) ist seitdem gesetzlicher Feiertag im Königreich der Niederlande. Wegen der Planung und Durchführung des Angriffs wurden Angeklagte im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher mit verurteilt.
Ausgangslage mini|hochkant=0.9| Phasen der deutschen Eroberung der Niederlande|links mini|Niederländische Soldaten auf Wache, November 1939 Das Vereinigte Königreich und Frankreich hatten Deutschland 1939 nach dem Überfall auf Polen den Krieg erklärt. Während des sogenannten Sitzkriegs im Winter 1939/40 fanden in Westeuropa keine größeren Landoperationen statt. Am 9. Oktober 1939 befahl Hitler, Pläne für einen Angriff an der Westfront zu entwerfen. mini|Sicherung der Nimweger Waalbrücke mithilfe einer Barriere durch holländische Soldaten während der Albanienkrise. Die Niederländer waren nicht auf einen deutschen Einmarsch vorbereitet. Wie im Ersten Weltkrieg war das Land neutral. Angesichts zunehmender internationaler Spannungen erfolgte im April 1939 die Teilmobilisierung von 100.000 Reservisten der Streitkräfte.Louis de Jong: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Deel 1: Voorpel Amsterdam 1969: Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie.
Damit wurde der strategischen Bedeutung des Landes Rechnung getragen. Da die Wehrmachtsführung bereits in Polen mit dem Bewegungskrieg schneller gepanzerter Einheiten erfolgreich gewesen war, lag es nahe, dass ein Angriff auf Frankreich das starre Verteidigungswerk der Maginot-Linie zu umgehen suchen würde. Ähnlich verhielt es sich aus Sicht der franco-britischen Entente; Winston Churchill forderte die Niederlande (ebenso wie Belgien) in einer Rundfunkrede vom 20. Januar 1940 offiziell dazu auf, sich dem Bündnis anzuschließen.Louis de Jong: Het Koninkrijk der Nederlanden in de Tweede Wereldoorlog, Deel 2: Neutraal Amsterdam 1969: Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie. Die niederländische Regierung hatte nie offiziell festgelegt, wie im Fall eines Angriffs der Deutschen zu verfahren sein würde. Die Mehrheit der Minister zog es vor, die Neutralität um jeden Preis zu wahren, während eine Minderheit und Königin Wilhelmina es unter allen Umständen ablehnten, durch Passivität dem Deutschen Reich einen Vorteil einzuräumen. Die Niederländer versuchten mehrmals und erfolglos, als Vermittler zu fungieren, um eine ausgehandelte Friedensvereinbarung zwischen der Entente und Deutschland zu erreichen.
Nach dem Einmarsch der Deutschen in Norwegen und Dänemark (Unternehmen Weserübung) wurde dem niederländischen Generalstab klar, dass ein Konflikt unausweichlich war. Kriegsvorbereitungen begannen, die niederländischen Grenztruppen wurden in größere Alarmbereitschaft versetzt. Am 19. April wurde der Ausnahmezustand ausgerufen. Große Teile der Bevölkerung gaben sich jedoch der Illusion hin, dass ihr Land verschont bleiben könnte.
Am 10. April wiederholten Großbritannien und Frankreich ihre Forderung, die Niederländer sollten auf ihrer Seite in den Krieg ziehen, dies wurde jedoch erneut abgelehnt.
Niederländische Streitkräfte In den Niederlanden waren alle objektiven Voraussetzungen für eine erfolgreiche Verteidigung gegeben: eine große Bevölkerungsdichte, disziplinierte und gut ausgebildete Einwohner, eine Geographie, die den Verteidiger bevorzugt und eine starke technologische und industrielle Basis, einschließlich eigener Rüstungsindustrie.Herman Amersfoort, Piet Kamphuis (Hrsg.): Mei 1940 – De Strijd op Nederlands grondgebied Den Haag 2005: Sdu Uitgevers, ISBN 90-12-08959-X
Die Haltung der niederländischen Regierung gegenüber dem Krieg spiegelte sich in dem Zustand der Streitkräfte des Landes (niederländisch Nederlandse krijgsmacht) wider, die ihre Ausrüstung seit dem Ersten Weltkrieg nicht wesentlich erweitert hatten und selbst nach den Standards von 1918 unzureichend bewaffnet waren. In den 1920er-Jahren führten eine wirtschaftliche Rezession von 1920 bis 1927 und die allgemeine Entspannung in den internationalen Beziehungen zu einer Begrenzung des Verteidigungshaushalts.
Heer mini|hochkant=1.35|Niederländische Hauptverteidigungslinien Nach September 1939 wurden verzweifelte Anstrengungen unternommen, um die unzureichende Lage der Armee zu verbessern, jedoch mit sehr geringem Ergebnis. Deutschland verzögerte aus offensichtlichen Gründen seine Lieferungen; Frankreich zögerte, eine Armee auszurüsten, die nicht eindeutig auf seiner Seite stehen würde. Die Sowjetunion, eine der reichlich verfügbaren Waffenquellen, war nicht zugänglich, da die Niederländer im Gegensatz zu den meisten anderen Staaten das kommunistische Regime nicht anerkannten. Ein Versuch 1940, von Finnland erbeutete sowjetische Ausrüstung zu beschaffen, schlug fehl.D.M. Schulten: Nederlandse Pantservoertuigen Bussum 1979: Unieboek BV, ISBN 90-269-4555-8
Es waren ungefähr zweitausend Bunker gebaut worden, jedoch in Reihen ohne Tiefe. Moderne große Festungen gab es einzig in Kornwerderzand zum Schutz des Afsluitdijk.
Insgesamt 48 Infanterieregimenter sowie 22 Infanteriebataillone waren für die strategische Grenzverteidigung verfügbar.
Am 10. Mai lag der auffälligste Mangel der niederländischen Armee in ihrem Mangel an Panzerfahrzeugen. Die Niederlande waren nicht in der Lage, das Minimum von 146 modernen Panzern (110 leichte, 36 mittlere) zu beschaffen, das sie bereits 1937 für notwendig erachtet hatten. Ein Renault FT-Panzer, für den nur ein Fahrer ausgebildet worden war und der ausschließlich die Aufgabe hatte, Panzersperren zu testen, war das einzige Beispiel seiner Art geblieben und war bis 1940 nicht mehr in Betrieb. Es gab zwei Schwadronen gepanzerter Fahrzeuge mit jeweils einem Dutzend Landsverk-M36- oder M38-Fahrzeugen. Ein weiteres Dutzend DAF-M39-Fahrzeuge wurde gerade in Dienst gestellt, einige mussten noch mit ihrer Hauptbewaffnung ausgerüstet werden. Ein einziger Zug von fünf Carden-Loyd-Mark-VI-Panzern, die von der Artillerie eingesetzt wurden, vervollständigte die Liste der niederländischen Panzer.
Es mangelte besonders im Bereich der Artillerie, die nur auf Divisionsebene zur Verfügung stand. Die anderen Einheiten des Heeres, die als leichte Infanteriebataillone aufgestellt waren und über das gesamte Land als Territorialarmee verteilt worden waren, verfügten über keine eigene Artillerie. Zu zählen waren insgesamt 676 Haubitzen und Feldgeschütze: 310 Krupp-75-mm-Feldgeschütze, teilweise in Lizenz hergestellt; 52 105-mm-Bofors-Haubitzen, die einzigen wirklich modernen Stücke; 144 veraltete Krupp-125-mm-Kanonen; 40 150 mm sFH13; 72 Krupp-150-mm-L/24-Haubitzen und 28 Vickers-152-mm-L/15-Haubitzen. Als Panzerabwehrkanonen standen 386 Böhler 47 mm L/39 zur Verfügung, die zwar wirksame Waffen waren, aber in zu geringer Zahl zur Verfügung standen und nur ein Drittel der geplanten Stärke erreichten; weitere dreihundert antiquierte 6-Veld-(57-mm)- und 8-Staal-Feldkanonen (84 mm) spielten die gleiche Rolle. Zum Zeitpunkt der Invasion waren nur acht der 120 aus Deutschland bestellten modernen 105-mm-Geschütze ausgeliefert worden. Die meisten Artilleriegeschütze waren nicht motorisiert, sondern wurden von Pferden gezogen.
Die niederländische Infanterie setzte ungefähr 2.200 Maschinengewehre vom Kaliber 7,92 mm, teilweise in Lizenz hergestellt, und achthundert Vickers-Maschinengewehre ein. Viele davon wurden in die Bunker eingebaut. Jedes Bataillon hatte eine schwere Maschinengewehrkompanie von zwölf Mann. Die niederländischen Infanterietrupps waren mit einem leichten Maschinengewehr ausgestattet, dem M.20-Lewis-Maschinengewehr, von dem etwa 8.000 zur Verfügung standen. Die meisten niederländischen Infanteristen waren mit dem Gewehr M.95 ausgestattet, das 1895 eingeführt worden war. Es gab nur sechs 80-mm-Mörser für jedes Regiment. Dieser Mangel an Feuerkraft beeinträchtigte die Kampfleistung der niederländischen Infanterie erheblich.
Obwohl die Niederlande der Sitz von Philips waren, einem der größten Hersteller von Funkgeräten in Europa, benutzte die niederländische Armee hauptsächlich Telefonanschlüsse. Nur die Artillerie war mit der bescheidenen Anzahl von 225 Funkgeräten ausgerüstet.
Marine Die Königlich Niederländische Marine (Koninklijke Marine) verfügte in den Heimatgewässern nur über kleinere Einheiten. Ihr Gros befand sich als Ostindien Geschwader in Niederländisch-Indien (heute: Indonesien).
Ein Kanonenboot konnte erfolgreich in die Schlacht um den Afsluitdijk eingreifen.
Sämtliche Einheiten zogen sich nach der deutschen Besetzung in das Vereinigte Königreich zurück.
Luftstreitkräfte mini|Mobiles niederländisches Flakgeschütz
Die niederländische Luftwaffe, die noch kein eigenständiger Zweig der niederländischen Streitkräfte, sondern Teil der Armee war, verfügte am 10. Mai über 155 Flugzeuge: 28 zweimotorige Jagdmaschinen vom Typ Fokker G.I; 31 Fokker D.XXI und sieben Fokker D.XVII; zehn zweimotorige Fokker T.V, 15 leichte Fokker-C.X- und 35 Fokker-C.V-Bomber, 12 Douglas-DB-8-Sturzkampfbomber (als Jäger eingesetzt) und 17 Aufklärungsflugzeuge vom Typ Koolhoven FK.51 – somit waren 74 der 155 Flugzeuge noch Doppeldecker. Von diesen Flugzeugen waren 125 einsatzbereit. Der Rest der Luftwaffenschule verwendete drei Fokker D.XXI, sechs Fokker D.XVII, je eine einzelne Fokker G.I und Fokker T.V sowie sieben Fokker C.V und mehrere Ausbildungsflugzeuge. Weitere vierzig einsatzbereite Flugzeuge dienten zusammen mit etwa der gleichen Anzahl von Reserve- und Ausbildungsflugzeugen dem Seeflugdienst (Marineluchtvaartdienst).
Stand der Einsatzbereitschaft Die niederländische Armee war nicht nur schlecht ausgerüstet, sondern auch schlecht ausgebildet. Insbesondere in der Führung größerer Einheiten oberhalb der Bataillonsebene fehlte es an Erfahrungen. Von 1932 bis 1936 führte die niederländische Armee aus Gründen der Sparsamkeit keine Feldmanöver im Sommer durch. Außerdem fehlten dem einzelnen Soldaten viele notwendige Fähigkeiten. Vor dem Krieg war nur eine Minderheit wehrpflichtiger junger Männer tatsächlich eingezogen worden. Bis 1938 dienten die Rekruten nur 24 Wochen lang, gerade genug, um eine grundlegende Ausbildung in der Infanterie zu erhalten. Im selben Jahr wurde die Dienstzeit auf elf Monate verlängert. Die geringe Qualität der Wehrpflichtigen wurde nicht durch Berufssoldaten kompensiert. 1940 waren nur 1.206 Berufsoffiziere vorhanden. Man hatte gehofft, dass diese Mängel bei drohendem Krieg schnell behoben werden könnten, doch nach der Mobilisierung aller niederländischen Streitkräfte am 28. August 1939 (wodurch die Streitkräfte auf etwa 280.000 Mann aufgestockt wurden) verbesserte sich der Stand der Ausbildung nur langsam: Die meiste verfügbare Zeit wurde für den Bau von Verteidigungsanlagen aufgewendet. Während dieser Zeit begrenzte unter anderem der Mangel an Übungsmunition die Ausbildung. Der Zusammenhalt der Einheiten blieb gering. Im Grunde war die niederländische Armee im Mai 1940 kampfunfähig. Sie war selbst auf Divisionsebene nicht in der Lage, eine Offensive durchzuführen, während die Durchführung von Großoperationen weit über ihre Kapazitäten hinausging.
Deutsche Verbände → Siehe Hauptartikel: Schematische Kriegsgliederung der Wehrmacht für den Westfeldzug