mini|Bucheinband der englischen Erstauflage 1928, mit einem Vorwort von Franz Boas
Kindheit und Jugend auf Samoa (englischer Originaltitel: Coming of Age in Samoa) ist eine Monografie der amerikanischen Ethnologin Margaret Mead. Sie beruht auf ihrer Forschungsarbeit zur Adoleszenz, insbesondere der Adoleszenz von Mädchen auf der samoanischen Insel Ta'u. Mead befasst sich mit den Einzelheiten des sexuellen Verhaltens Jugendlicher in der Gesellschaft Samoas zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie verdeutlicht darin ihre Auffassung, dass in erster Linie kulturelle Gegebenheiten und nicht die biologischen Grundlagen die psychosexuelle Entwicklung Jugendlicher bestimmen.
Die Veröffentlichung im Jahre 1928 machte Mead zur berühmtesten Ethnologin ihrer Zeit. Die Monographie wurde zum meistgelesenen ethnologischen Buch bis zu Napoleon Chagnons Yanomamö:The Fierce People. Bis heute ist es Gegenstand wissenschaftlicher Diskussionen und gilt als Standardwerk der Kultur-Natur-Kontroverse, wie auch für Themenbereiche der Familiensoziologie, der Adoleszenz- und Genderforschung, der sozialen Normen und Einstellungen.
In den 1980er Jahren stellte der Anthropologe Derek Freeman Meads Forschungsansatz, -methoden und -ergebnisse in Frage. Freemans Kritik wurde seinerseits von einem Großteil der Ethnologen als einseitig und unzutreffend zurückgewiesen.
Die erste deutsche Ausgabe erschien 1970 als Band 1 der dreibändigen Margaret Mead-Ausgabe Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften im Deutschen Taschenbuchverlag.
Inhalt Vorwort mini|180x180px|Margaret Mead in SamoaIm Vorwort schreibt Meads Mentor Franz Boas: Höflichkeit, Bescheidenheit, gute Manieren, Übereinstimmung mit bestimmten ethischen Standards sind universell, aber das, was man darunter versteht, ist nicht universell. Es ist aufschlussreich zu erfahren, in welch unerwartet unterschiedlicher Weise die Standards von einander abweichen. links|mini|Franz Boas, Meads Mentor Boas hielt die Untersuchung Meads für wichtig, da Menschen in den USA schon begonnen hatten, die Charakteristika der Pubertät zu diskutieren. Boas war überzeugt davon, dass ein Vergleich mit anderen Kulturen erhellend sei. Pubertät war in der Vergangenheit als Naturphänomen aufgefasst worden, das Menschen durchstehen und bewältigen mussten, um schließlich erwachsen zu werden.
Einführung mini|Margaret Mead (etwa zwischen 1930 und 1950) Mead beginnt mit einer allgemeinen Diskussion der Probleme von Jugendlichen in der modernen Gesellschaft und den verschiedenen Erklärungsansätzen aus Religion, Philosophie, Pädagogik und Psychologie. Die Perspektive der Ethnologie sieht sie als vielversprechende Alternative zum Verständnis sozialer Strukturen und Prozesse. Um einen möglichst großen Kontrast zur europäischen Kultur zu finden, wählt sie die Südsee als Bezugspunkt ihrer Untersuchung der Adoleszenz.
Ihr Ziel definierte sie wie folgt: Ich wollte die Frage beantworten, die mich nach Samoa geschickt hat: Sind die Erschütterungen, die unsere Jugendlichen quälen, der Natur des Heranwachsens selbst geschuldet oder der Zivilisation? Bietet die Adoleszenz unter verschiedenen Bedingungen ein anderes Erscheinungsbild?Um diese Frage zu beantworten, untersuchte sie eine kleine Gruppe von Samoanerinnen in einem kleinen Dorf mit 600 Einwohnern auf der Insel Ta’u. Sie verbrachte dort zwischen 6 und 9 Monaten und beobachtete 68 junge Frauen zwischen 9 und 20 Jahren. Sie untersuchte das Alltagsleben, die Erziehung, die Ordnung des gesellschaftlichen Lebens und seine Dynamik, seine Rituale und Verhaltensvorschriften.
Leben und Erziehung mini|Tau im samoanischen Archipel Mead beginnt im ersten Kapitel mit der Beschreibung eines typischen Tages auf Samoa. Danach analysiert sie die Erziehung der Kleinkinder. Die Geburt wird mit einem langen rituellen Fest gefeiert. Nach der Geburt werden die Kinder jedoch meist ignoriert, die Mädchen sogar in ritualisierter Weise. Sie beschreibt die Formen der Bestrafung und Disziplinierung, die meist eher symbolisch sind. Kinder sollen von früh auf Tätigkeiten verrichten, die für die Gesellschaft wichtig sind. Wenn sie älter werden, sollen die Jungen sich mehr mit der Fischerei, die Mädchen mehr mit der Kindererziehung befassen. Das Alter spielt dabei keine entscheidende Rolle, eher die physische Entwicklung des Kindes.
Mead beschreibt einige spezifische Fertigkeiten, die die Kinder in Bezug auf Weben und Angeln erlernen müssen, und fügt dann fast beiläufig die erste Beschreibung der Sexualität in Samoa ein. Neben der Arbeit für Mädchen im Teenageralter sei „all ihr [zusätzliches] Interesse auf heimliche sexuelle Abenteuer gerichtet.“ Dies kommt direkt nach einer Passage, in der Mead beschreibt, dass der Ruf, faul zu sein, dem Ansehen eines heranwachsenden Mädchens sehr schaden kann, was impliziert, dass Arbeitsmoral für Samoaner ein wichtigeres Kriterium für die Ehe ist als Jungfräulichkeit.
Männliche Jugendliche werden auf verschiedene Arten ermutigt und bestraft, um sie ehrgeizig und aggressiv zu machen. Männer haben viele verschiedene mögliche Aufgaben (z. B. „Hausbauer, Fischer, Redner, Holzschnitzer“) in der Gemeinde, bei denen sie sich bewähren können. Ihr Status ergibt sich aus der Balance von Tüchtigkeit und Leistung und demütigem Auftreten. Außerdem wird „das soziale Ansehen durch seine amourösen Heldentaten erhöht.“
Für das heranwachsende Mädchen ist der Status dagegen hauptsächlich von dem zukünftigen Ehepartner abhängig. Mead beschreibt das Heranwachsen und die Zeit vor der Eheschließung als Höhepunkt des Lebens eines samoanischen Mädchens. Mead schreibt:Das siebzehnjährige Mädchen möchte nicht heiraten, noch nicht. Es ist besser, als Mädchen ohne Verantwortung und einer vielfältigen Erfahrung zu leben. Das ist die beste Zeit seines Lebens.
Der Haushalt mini|Drei samoanische Frauen bei der Zubereitung von Kava (um 1890) mini|Samoanische Mädchen bei der Ava-Zeremonie mini|links|Samoanische Mädchen um 1900 Der nächste Abschnitt beschreibt die Struktur eines samoanischen Dorfes: „Ein samoanisches Dorf besteht aus etwa dreißig bis vierzig Haushalten, von denen jeder von einem Oberhaupt geleitet wird“. Jeder Haushalt ist eine erweiterte Familie mit Witwen und Witwer. Die Haushalte teilen sich die Häuser gemeinsam: Jeder Haushalt besteht aus mehreren Häusern, aber niemand verfügt über Besitz oder bewohnt ständig ein bestimmtes Gebäude. Die Häuser befinden sich möglicherweise nicht alle im selben Teil des Dorfes.
Der Haushaltsvorstand hat die oberste Autorität über die Gruppe. Mead beschreibt, wie die erweiterte Familie den samoanischen Kindern Sicherheit gibt. Kinder sind wahrscheinlich in der Nähe von Verwandten, egal wo sie sich befinden, und jedes vermisste Kind wird schnell gefunden. Der Haushalt bietet Kindern einschließlich Mädchen Freiheit. Laut Mead kann ein Mädchen, wenn es mit den Verwandten, mit denen es gerade lebt, nicht zufrieden ist, immer einfach in ein anderes Haus innerhalb des gleichen Haushalts umziehen. Mead beschreibt auch die verschiedenen und ziemlich komplexen Statusbeziehungen, die eine Kombination von Faktoren sind, wie z. B. die Rolle im Haushalt, der Status des Haushalts im Dorf, das Alter des Individuums usw. Es gibt auch viele Regeln für die Etikette, um Gefallen zu fordern und zu gewähren.
Gesellschaftsordnung und Regeln mini|Zeremonielle Tänzerin (Thomas Andrew, um 1890) Mead beschreibt die vielen Gruppenstrukturen und Dynamiken in der samoanischen Kultur. Die Bildung von Gruppen ist ein wichtiger Teil des samoanischen Lebens von früher Kindheit an, wenn kleine Kinder Gruppen für Spiele und Streiche bilden. In der samoanischen Kultur gibt es verschiedene Arten möglicher Gruppenstrukturen. Beziehungen gehen von Häuptlingen und Hausherren aus; Männer bezeichnen einen anderen Mann als ihren Helfer und Vertreter bei Hofritualen; Männer bilden Gruppen für die Fischerei und andere Arbeitstätigkeiten; Frauen bilden Gruppen, die auf Aufgaben wie Kinderbetreuung und Haushaltsbeziehungen aufbauen. Mead beschreibt Beispiele für solche Gruppen und beschreibt die komplexen Regeln, nach denen sie gebildet werden und wie sie funktionieren. Ihr Schwerpunkt liegt auf samoanischen Mädchen, aber wie anderswo muss sie auch die samoanischen sozialen Strukturen in Gänze beschreiben, damit sich ein umfassendes Bild ergibt. mini|Familie in Samoa um 1909 Mead glaubt, die komplexen und verbindlichen Regeln in diesen Gruppen zeigen, dass das traditionelle westliche Konzept der Freundschaft als Bindung, die freiwillig von zwei Personen mit ähnlichen Interessen eingegangen wird, für samoanische Mädchen nahezu bedeutungslos ist: „Freundschaft ist so strukturiert, dass sie bedeutungslos ist. Ich habe einmal eine junge verheiratete Frau gefragt, ob eine Nachbarin, mit der sie sich ständig stritt und uneinig war, eine Freundin von ihr sei. ‚Warum? Natürlich, der Vater ihres Vaters und der Vater meines Vaters waren doch Brüder.‘“
Die rituellen Anforderungen (z. B. sich an Besonderheiten in Bezug auf Familienbeziehungen und Rollen zu erinnern) sind für Männer weitaus größer als für Frauen. Dies bedeutet auch, dass Männern erheblich mehr Verantwortung aufgebürdet wird als Frauen: „Ein Mann, der mit der Frau eines Häuptlings Ehebruch begeht, wurde geschlagen und verbannt, manchmal sogar von der aufgebrachten Gemeinschaft ertränkt, aber die Frau wurde nur von ihrem Ehemann hinausgeworfen“.
Mead widmet der samoanischen Musik und der Rolle des Tanzens und Singens in der samoanischen Kultur ein ganzes Kapitel. Sie betrachtet sie als bedeutsam, weil sie gegen die Normen verstoßen, die die Samoaner bei allen anderen Aktivitäten als gutes Verhalten definieren, und den Samoanern eine einzigartige Möglichkeit bieten, ihre Individualität zum Ausdruck zu bringen. Laut Mead gibt es normalerweise kein größeres soziales Versagen, als ein Übermaß an Stolz zu demonstrieren oder, wie die Samoaner es beschreiben, „vorzutäuschen, dass man älter ist als in Wirklichkeit“. Dies ist jedoch beim Singen und Tanzen nicht der Fall. Bei diesen Aktivitäten sind Individualität und Kreativität die meistgeschätzten Eigenschaften und Kinder können sich in vollem Umfang ausdrücken, anstatt sich um alters- und statusgerechtes Verhalten zu kümmern: Die Einstellung der Ältesten zur Frühreife beim ... Singen oder Tanzen steht im krassen Gegensatz zu ihrer Haltung gegenüber jeder anderen Form des verlangten Verhaltens. Auf der Tanzfläche ist der gefürchtete Vorwurf „Du tust so, als ob du schon älter wärst“ nie zu hören. Kleine Jungen, die für ein solches Verhalten bei einem anderen Anlass getadelt oder ausgepeitscht würden, dürfen sich putzen, prügeln und plappern und ohne ein Wort des Vorwurfs ins Rampenlicht treten. Die Angehörigen schreien vor Freude über eine Frühreife, für die sie ihre Köpfe in Schande verstecken würden, wenn dies in einer anderen Sphäre gezeigt würde ... Oftmals schenkt eine Tänzerin den anderen Tänzerinnen nicht genug Aufmerksamkeit, um nicht ständig mit ihnen zu kollidieren. Es ist eine echte Orgie aggressiven individualistischen Verhaltens.
Charakter, Sexualität und Alter Mead beschreibt die psychische Verfassung des Samoaners als einfacher, ehrlicher und weniger von sexuellen Neurosen bestimmt als die der Menschen des Westens. Sie beschreibt die Samoaner als sehr viel ungezwungener bei Themen wie Menstruation und eher beiläufig bei nicht monogamen sexuellen Beziehungen. Ein Grund dafür ist ihrer Meinung nach die erweiterte Familienstruktur der samoanischen Dörfer. Konflikte, die zu Auseinandersetzungen oder Auseinandersetzungen innerhalb einer traditionellen westlichen Familie führen können, können in samoanischen Familien einfach dadurch entschärft werden, dass eine der Konfliktparteien veranlasst wird, in ein anderes Zuhause umzuziehen, das zum Dorfhaus gehört.