Die Inkohärenz der Philosophen (, lat. Destructio philosophorum, deutsch auch Der Ruin der Philosophen und Die Widerlegung der Philosophen) ist ein philosophisches Werk des persischen Theologen und Philosophen al-Ghazālī aus dem Jahre 1095 und gilt als Meisterwerk philosophischer Literatur.Frank Griffel: Al-Ghazali, in: Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2014. Es richtet sich gegen die „Alternativreligion“ der Philosophie und den „Hochmut gegenüber den Religionsgelehrten“, die von den Philosophen ausgehe.Frank Griffel: Al-Ġazālī als Kritiker, in: Heidrun Eichner / Matthias Perkams / Christian Schäfer (Hrsg.): Islamische Philosophie im Mittelalter. Ein Handbuch, Darmstadt 2013, S. 298. Das Werk bot Averroes den Anlass zu seiner Entgegnung Tahāfut at-tahāfut („Die Inkohärenz der Inkohärenz“, lat. Destructio destructionum).
Entstehung Al-Ghazālī schrieb in Erretter aus dem Irrtum (al-Munqid̲ min aḍ-ḍalāl, „Der Erretter vom Irrtum“), er habe drei Jahre an der Inkohärenz der Philosophen gearbeitet – zwei Jahre, um die Lehren der Philosophen (falāsifa) zu verstehen, eines, um ihre Inkohärenz aufzuzeigenVgl. Abu-Hamid Muhammad al-Ghazālī: Der Erretter aus dem Irrtum, übersetzt, eingeleitet und herausgegeben von Abd-Elsamad Abd-Elhamid Elschazli, Hamburg 1987, S. 16. – tatsächlich arbeitete er vermutlich Jahrzehnte an dem Werk. Er bereitete sich „sehr gründlich“ auf seine Widerlegungsschrift vor und verfasste dabei mehrere Zusammenfassungen der Lehren der falāsifa, darunter Die Lehren der Philosophen (Maqāṣid al-falāsifa) – eine „arabische Überarbeitung eines persischen Lehrbuchs von Avicenna“, das ins Hebräische und Lateinische übersetzt wurde.Griffel 2013, S. 294 f.
Titel „Tahāfut al-Falāsifa“ kann als „Widerlegung“ oder „Inkohärenz der Philosophen“ übersetzt werden. Griffel beschreibt den Tahāfut als das „In-sich-zusammenstürzen“.Griffel 2013, S. 298.
Adressaten und Vorgehensweise Die Inkohärenz der Philosophen richtet sich gegen die „ganze intellektuelle Richtung, die sich falsafa nannte“, von der al-Ġazālī jedoch bereit war, einige Ideen zu akzeptieren.Griffel 2013, S. 295. Das Werk ist in zwanzig Einzelfragen unterschiedlicher Länge unterteilt (Singular masʾala), in denen al-Ghazālī jeweils einen philosophischen Lehrsatz einer kritischen Überprüfung unterzieht.Vgl. Griffel 2013, S. 296. Angeregt wurde al-Ghazālīs Projekt durch die Beschäftigung mit der „politischen Philosophie“ der arabischen Geistesgeschichte seit al-Fārābī, die sich ihm als „alternative Religion zum Islam“ darstellt und den Vorrang der rationalen Apodiktik vor der religiösen Offenbarung behauptet. Diese sei aufgrund mangelnder Kritik der Philosophen „von einer Generation zur nächsten übertragen“ worden.Griffel 2013, S. 296 f. Al-Ghazālīs Hauptanliegen in seiner, bisweilen polemischen, aber stets philosophisch argumentierenden Schrift ist es, „zu zeigen, dass Rationalität allein nicht zu […] Wissen führen kann“.Griffel 2013, S. 297 f. Darüber hinaus sind die „großen Philosophen“ für al-Ghazālī bloße „Nachahmer der großen Propheten – wie alle anderen Menschen auch“.Griffel 2013, S. 298.
In der Diskussion der ersten Frage formuliert al-Ghazālī das als Buridans Esel bekannt gewordene Paradoxon der Entscheidung zwischen zwei gleichartigen Desideraten.Nicholas Rescher: Choice without preference. A Study of the History and of the Logic of the Problem of “Buridan’s Ass”, in: Kant-Studien. 51, 1960, ISSN 0022-8877, S. 146 ff.
Anmerkungen
Kategorie:Philosophisches Werk Kategorie:Literatur (Arabisch) Kategorie:Literatur (11. Jahrhundert) Kategorie:Literatur des Mittelalters Kategorie:Aschʿarīya Kategorie:Blütezeit des Islam