mini|Die Kirche St. Nikolaus hat die Form einer Basilika; markant sind die über Eck gestellten Strebepfeiler Die katholische Pfarrkirche St. Nikolaus in der hessischen Stadt Rodgau wurde in den Jahren 1869 bis 1871 errichtet und gehört heute zum Pastoralraum Rodgau-Rödermark der Region Mainlinie im Bistum Mainz. Das neugotische Bauwerk mit seinem 45,50 Meter hohen Turm dominiert die Ortsmitte des Stadtteils Jügesheim.

Geschichte Die heutige Kirche St. Nikolaus ist mindestens die zweite katholische Kirche in Jügesheim. Der Vorgängerbau aus dem Jahr 1692 wurde abgerissen, weil er für die wachsende Gemeinde zu klein geworden war. Außerdem machte sein baulicher Zustand zunehmend Reparaturen erforderlich.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 144 ff.

Wann die erste Kirche in Jügesheim errichtet wurde, ist unbekannt. Als Jügesheim 1477 zur Pfarrfiliale von Weiskirchen wurde, muss es schon ein Kirchengebäude unter dem Patrozinium des heiligen Nikolaus gegeben haben. Dazu heißt es im Hessischen Ortsnamenbuch: „1477 inkorporiert Erzbischof Dieter von Mainz die Kirche St. Nicolai in Jügesheim der Kirche St. Peter in Weiskirchen.“Müller, Wilhelm: Hessisches Ortsnamenbuch; 1. Starkenburg, Historischer Verein für Hessen, Darmstadt 1972, unveränderter Neudruck der Ausgabe von 1937, S. 363. Die Gottesdienste wurden abwechselnd in Weiskirchen und Jügesheim gehalten. Erst 1858 wurde Jügesheim nach langen Auseinandersetzungen von der Weiskircher Pfarrei abgetrenntTrageser, Helmut: Geschichte und Geschichten; 700 Jahre Weiskirchen, Rodgau 1986, S. 41., zunächst als Pfarrkuratie und ab 1873 als eigenständige Pfarrei.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 143.

Kirche aus dem 17. Jahrhundert Nach dem Dreißigjährigen Krieg erbaute Schultheiß Johannes Ganz in den Jahren 1648 bis 1660 eine kleine Kapelle auf dem Gelände der heutigen Kirche.Rudolf Grimm: Geschichte von Jügesheim und seiner katholischen Pfarrei in: 100 Jahre Pfarrkirche St. Nikolaus, 700 Jahre Jügesheim, Jügesheim 1971, S. 13. Der wohlhabende Einwohner, Zentschöffe und Gerichtsmann Nikolaus NehlSchreibweise auf dem Epitaph: Niclaus Neel ließ 1686 ein Langhaus anbauen; die bisherige Kapelle wurde dadurch zum Chorraum. Weihbischof Matthias Starck weihte diese Kirche am 8. Juni 1692 auf den Namen des heiligen Nikolaus.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 90 ff. und 122.

Bei einer Renovierung im Jahr 1821 erhielt diese Kirche einen neuen Hochaltar; der alte Hochaltar wurde zum Nebenaltar. Der neue Hochaltar stammte aus der Marienkirche in Seligenstadt, die 1817 abgebrochen worden war.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 122. Mit diesem Altar kam auch eine darin eingemauerte Reliquie des heiligen Marcellinus nach Jügesheim.

Zur Ausstattung der Kirche gehörten zwei Altäre, ein altes Vesperbild und eine Anna selbdritt, beide aus der Zeit um 1500. Das Geläut bestand aus zwei kleinen Glocken, die 140 und 145 Pfund wogen. Die 17 Bänke boten 85 Personen Platz. Im Jahr 1830 wurde für 1000 Gulden eine neue Orgel angeschafft, die alte wurde nach Obertshausen verkauft.Rudolf Grimm: Geschichte von Jügesheim und seiner katholischen Pfarrei in: 100 Jahre Pfarrkirche St. Nikolaus, 700 Jahre Jügesheim, Jügesheim 1971, S. 17.

Zunehmender Reparaturbedarf, unter anderem am Dach, und die wachsende Gemeinde erforderten einen Neubau. Zunächst hatte der Kreisbaumeister 1863 mit Pfarrer und Bürgermeister über eine Erweiterung der Kirche verhandelt. Pfarrer Franz Emmanuel Gölz lehnte eine Erweiterung jedoch ab.Angelika und Karl Baeumerth: Die Langener Stadtkirche und ihr Architekt. In: Magistrat der Stadt Langen (Hrsg.): Langen 1883 - 1983; 100 Jahre Stadtkirche, 100 Jahre Stadtrechte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Band 2. Langen 1983, S. 72. Er bezeichnete den Zustand des Gebäudes als „höchst beklagenswert“. Die alte Kirche wurde 1869 abgebrochen. Für die Zeit bis zur Fertigstellung des Neubaus wurde eine sogenannte Notkirche errichtet.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 144 f.

Neugotischer Kirchenbau mini|hochkant|Blick ins Kirchenschiff; die Gurtbögen, die das Hauptschiff in Joche einteilen, sind farblich hervorgehobenAm 26. Februar 1866 beschloss der Kirchenvorstand, eine neue Kirche zu bauen. Die bürgerliche Gemeinde bewilligte einen Kredit von 50 000 Gulden und verpfändete einen Teil ihres Gemeindewaldes. Der Buntsandstein für den Bau kam zum größten Teil aus Steinbrüchen im Raum Miltenberg.

Während der Kirchenvorstand eine dreischiffige Basilika favorisierte, wollte der Gemeinderat lediglich eine einschiffige Hallenkirche bauen. Schließlich einigten sich beide Gremien auf die größere Bauform. Mehrere Steinbruchbesitzer unterstützten den Bau finanziell.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 148. Die gesamten Baukosten beliefen sich zum Schluss auf 56 935 Gulden.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 157.

Die Architekten waren der Kreisbaumeister von Worms, Ludwig Metternich, der 1870 während der Bauarbeiten starb, und der Kreisbaumeister von Bensheim, Christian Horst (1822–1888).Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 146 ff. Im Jahr 1868 legten sie ihre Pläne vor.Angelika und Karl Baeumerth: Die Langener Stadtkirche und ihr Architekt. In: Magistrat der Stadt Langen (Hrsg.): Langen 1883 - 1983; 100 Jahre Stadtkirche, 100 Jahre Stadtrechte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Band 2. Langen 1983, S. 72. Nach Plänen Horsts wurden weitere Kirchenbauten im Stil der Neugotik errichtet, unter anderem in Bensheim, Lampertheim, Biblis, Langen (Evangelische Stadtkirche) und Oppenheim. Er orientierte sich am Vorbild der Elisabethkirche in Marburg.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 153 f.Angelika und Karl Baeumerth: Die Langener Stadtkirche und ihr Architekt. In: Magistrat der Stadt Langen (Hrsg.): Langen 1883 - 1983; 100 Jahre Stadtkirche, 100 Jahre Stadtrechte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Band 2. Langen 1983, S. 89 ff.

Der Grundstein wurde am 18. Juni 1869 gelegt; an welcher Stelle der Kirche er sich befindet, ist unbekannt. Im März 1871 war der Rohbau fertig gestellt. Am 3. September 1871 wurde die Kirche St. Nikolaus vom Mainzer Bischof Wilhelm Emmanuel von Ketteler geweiht. Er soll das Bauwerk als Dom des Rodgaus bezeichnet haben.Verjüngungskur für die Jügesheimer Kirche, Offenbach-Post vom 26. März 1998.

Architektur mini|hochkant|Die Westfassade mit dem sogenannten Orgeltürmchen mini|Blick ins linke Seitenschiff mit Marienaltar Die Kirche St. Nikolaus ist eine dreischiffige Säulenbasilika im historistischen Stil der Neugotik. Der schlanke Kirchturm, der hohe Chor, der hohe Obergaden und das äußere Gesamtbild des schlanken Gebäudes erinnern an die frühe Gotik. Die Kirche weist jedoch auch romanische Elemente auf. Sie ist nach Osten ausgerichtet. Das Portal befindet sich an der Westseite.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 154 ff.

Nach der Domkirche Lampertheim, die in den Jahren 1863 bis 1868 erbaut wurde, war die Kirche St. Nikolaus der dritte Kirchenbau nach Plänen von Christian Horst. Beide Bauwerke haben mehrere Gestaltungselemente gemeinsam, unter anderem ihre auffallende Länge, das Baumaterial (Quader aus Mainsandstein) und die Form der Strebepfeiler.Angelika und Karl Baeumerth: Die Langener Stadtkirche und ihr Architekt. In: Magistrat der Stadt Langen (Hrsg.): Langen 1883 - 1983; 100 Jahre Stadtkirche, 100 Jahre Stadtrechte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Band 2. Langen 1983, S. 74.

Das Kirchenschiff in fünf Joche gegliedert. Die Statik wird von außenliegenden, durchbrochenen Strebepfeilern gesichert. Auf diese Strebepfeiler sind kleine, um 90 Grad gedrehte Giebel aufgesetzt.Frank Oppermann: Die Kirchenplanungen Christian Horsts. Zwischen Rundbogenstil und Neugotik. In: Arbeitsgemeinschaft der Geschichtsvereine im Kreis Bergstraße (Hrsg.:): Geschichtsblätter für den Kreis Bergstraße. Band 20, 1987. Laurissa-Verlag, Lorsch 1987, , S. 190 ff.

Von der Vorhalle unter der Empore blickt man durch fünf Spitzbögen in das Kircheninnere.

Das Hauptschiff ist durch vier quadratische Kreuzgratgewölbe gegliedert. Die Arkaden zu den Seitenschiffen sitzen auf kurzen, dicken Rundpfeilern. Die Pfeiler und Gurtbögen sind farblich (rot) hervorgehoben.

Über jedem Fenster der Seitenschiffe befinden sich zwei gekuppelte Spitzbogenfenster im Obergaden.

Der seitlich angesetzte Kirchturm hat einen quadratischen Grundriss und ist 45,50 Meter hoch. Gesimse unterteilen ihn in vier Geschosse. Markant sind die über Eck gestellten, abgetreppten Strebepfeiler. Der geknickte Helm ist mit Schieferplatten gedeckt.Angelika und Karl Baeumerth: Die Langener Stadtkirche und ihr Architekt. In: Magistrat der Stadt Langen (Hrsg.): Langen 1883 - 1983; 100 Jahre Stadtkirche, 100 Jahre Stadtrechte. Beiträge zur Stadtgeschichte, Band 2. Langen 1983, S. 74. Er nimmt zunächst den quadratischen Grundriss des Turms auf und verjüngt sich oberhalb des Knicks zum Achteck.

Neben dem Hauptturm verfügt der Bau über einen kleineren, polygonalen Turm. Dieses sogenannte Orgeltürmchen ragt an der Nordwestecke einige Meter über das Kirchendach hinaus. In seinem unteren Teil befindet sich die Wendeltreppe zur Empore.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 156. Das Obergeschoss des Türmchens ist durch hohe, fensterähnliche Öffnungen durchbrochen.

Ausstattung Altäre mini|hochkant|Nikolausstatue aus dem Jahr 1971Die Kirche verfügt über vier Altäre. Der Hochaltar wurde auf das Herz Jesu geweiht, der linke Seitenaltar auf die heilige Familie und der rechte Seitenaltar auf den Kirchenpatron, den heiligen Nikolaus. Der Volksaltar ist ebenfalls dem heiligen Nikolaus geweiht.

Den Tabernakel ziert eine Kopie des Gemäldes Retable d‘Orlier von Martin Schongauer.

Das Sepulcrum des Hochaltars enthält Reliquien der Märtyrer Sebastian, Cyprian und Modesta. In den Altar der heiligen Familie (Marienaltar) wurden Reliquien der heiligen Sebastian, Placidus und Modesta eingemauert. Der Nikolausaltar enthält Reliquien der heiligen Benignus, Auräus und Modesta.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 158.

Die Nikolausstatue auf dem Altar im rechten Seitenschiff wurde im Rahmen der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Kirche am 29. August 1971 geweiht. Sie zeigt den Heiligen, wie er seine Hand schützend über die Jügesheimer Kirche hält. Die Statue ist eine Holzschnitzarbeit der Firma Moroder aus St. Ulrich in Gröden (Südtirol).Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 318.

Orgel mini|Prospekt der Schlimbach-Orgel Die erste Orgel der Kirche St. Nikolaus stammte noch aus der Vorgängerkirche. Sie wurde 1904 durch ein neues Instrument ersetzt. Es stammte aus der Werkstatt des Würzburger Orgelbaumeisters Martin Joseph Schlimbach und verfügte über 15 Register. Das Orgelgehäuse wurde an den neugotischen Stil der Kirche angepasst. Die größten Pfeifen sind oben abgeknickt, damit sie in das Gehäuse passen.

Die Schlimbach-Orgel wurde Ende der 1930er-Jahre und 1961 überholt. Anfang der 1990er-Jahre wurde sie grundlegend restauriert und auf 25 Register mit insgesamt 1566 Pfeifen erweitert. Am 6. Dezember 1992 wurde das erneuerte Instrument geweiht.Hermann Bonifer: Jügesheim und St. Nikolaus; Dorf und Pfarrei in der Geschichte. Rodgau 2004, S. 159 f.

Glocken Das Geläut besteht aus drei Glocken im Grundakkord Es-Dur: Dreifaltigkeitsglocke, Ton es, 1027 kg