Erich Hylla (* 9. Mai 1887 in Breslau; † 5. November 1976 in Frankfurt am Main) war ein deutscher Pädagoge, Autor und Publizist. Er beschäftigte sich mit Arbeiten zur Pädagogischen Diagnostik, Begabungsforschung sowie Vergleichenden Erziehungswissenschaft.

Leben Lehrerausbildung, Studien und erste berufliche Schritte Der Handwerkersohn Erich Hylla besuchte in seiner Heimatstadt die Volksschule, danach eine Präparandenanstalt und im Anschluss daran das Lehrerseminar in Brieg, wo er 1907 die 1. Lehrerprüfung ablegte.Diese und alle weiteren biografischen Angaben sind, soweit nichts anderes angegeben, den „biographischen Notizen“ im Anhang zu Werner Correll und Fritz Süllwold (Hg.): Forschung und Erziehung. Untersuchungen zu Problemen der Pädagogik und Pädagogischen Psychologie., S. 235–236, entnommen. Im gleichen Jahr wurde Hylla Mitglied im Deutschen Lehrerverein.Karl Bungardt: Erich Hylla, Lehrer der Lehrer, in: Erich Hylla zum 80. Geburtstag, S. 14

Von 1907 bis 1909 arbeitete Hylla als Volksschullehrer an einer Landschule und legte 1909 die 2. Lehrerprüfung ab. 1909 wechselte er nach Breslau, wo er als Volksschullehrer wirkte und sich parallel dazu weiterbildete. In mehreren Fächern legte er die Mittelschullehrerprüfung ab und studierte Psychologie bei William Stern. Hier erfuhr er eine Prägung, die für seinen weiteren beruflich-wissenschaftlichen Lebensweg von großer Bedeutung war.

1914 wechselte Hylla an ein Realgymnasium in Berlin und legte 1915 die Rektorprüfung ab. 1919 wechselte er als Mittelschulrektor nach Stettin, studierte zudem von 1920 bis 1922 noch Pädagogik in Berlin. Von 1921 bis 1922 war er außerdem Schulrat in Eberswalde.

Schulreformer in der Weimarer Zeit Erich Hylla wurde 1922 ins Preußische Kultusministerium berufen, das von Carl Heinrich Becker geleitet wurde. Seine erste Arbeit dort war die Erstellung der „Richtlinien zur Aufstellung von Lehrplänen für die oberen Jahrgänge der Volksschule“. Neben dieser Arbeit im Ministerium war er auch Mitarbeiter am Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht und aktiv im Deutschen Lehrerverein (DLV). Er arbeitete in dessen „Pädagogischer Hauptstelle“ mit und war Referent für Psychologie in der Redaktion der vom DLV herausgegebenen Zeitschrift „Deutsche Schule“.

In den Jahren 1926/27 ermöglichte ihm das Preußische Kultusministerium einen Studienaufenthalt in den USA. Hier lernte er Richard Thomas AlexanderZu Richard Thomas Alexander siehe den Artikel in der englischen Wikipedia: :en:Richard Thomas Alexander. kennen, den Direktor eines für die Lehrerausbildung zuständigen College an der Columbia University. Dessen ehemaliger Assistent John W. Taylor„As the educational systems began functioning along older lines, E&RA strength rose to forty officials by mid-1946. Because of its lowly status within the military government, E&RA was unable to attract a prominent American education expert to lead it. Military Governor Lucius D. Clay was, therefore, forced to appoint his unknown section chief, John W. Taylor, who had a doctorate in education from Columbia Teachers College. Taylor then enlisted his old mentor, Richard Thomas Alexander, as his adviser. Both were well acquainted with prewar German education. An outspoken critic of the traditional multitrack system, Alexander enlisted German reformers, such as the Prussian education expert Erich Hylla, in his cause.“ (Detlef Junker (Hg.): The United States and Germany in the era of the Cold War, S. 396.) Bei der E&RA, der „Education and Religious Affairs Section“, handelt es sich um eine Abteilung des OMGUS, die bis Frühjahr 1947 von Taylor geleitet wurde, danach von Alexander. (Johannes Weyer: Westdeutsche Soziologie, 1945-1960. Deutsche Kontinuitäten und nordamerikanischer Einfluss, Duncker & Humblot, Berlin, 1984, ISBN 978-3-428-05679-8, S. 329) Zu diesem Wechsel von Taylor zu Alexander siehe auch: Opfer der Umstände, Der Spiegel, 14. März 1983. war es, der Hylla 1946 zum Fachberater für Erziehungsfragen der amerikanischen Militärregierung berief. Aber auch wissenschaftlich war diese USA-Reise für Hylla von großer Bedeutung.

Von 1930 an war Hylla Professor für Psychologie und Pädagogik an der neu gegründeten Pädagogischen Akademie Halle (Saale)Wolfgang Werth: Die Vermittlung von Theorie und Praxis an den Preussischen Pädagogischen Akademien 1926–1933 – dargestellt am Beispiel der Pädagogischen Akademie Halle/Saale (1930–1933) dipa, Frankfurt am Main, 1985, ISBN 978-3-7638-0805-2, ab 1931 Ministerialrat im Preußischen Kultusministerium. Er war Referent für Volksschulen, Lehrerbildung, Beziehungen zum ausländischen Schulwesen. Diese Tätigkeit wurde 1933 abrupt beendet: Bernhard Rust, der neue nationalsozialistische Minister, entließ ihn wegen politischer Unzuverlässigkeit.

Überleben in der Zeit der Naziherrschaft Die biografischen Daten über die unmittelbare Zeit nach Hyllas Entlassung sind dürftig. Oelkers: Skript zur Vorlesung Pragmatismus, WS 2006/2007, S. 4–5 & S. 18ff. Eindeutig falsch ist, was Jürgen Oelkers mehrfach behauptete: „HYLLA wurde 1933 aus dem preussischen Staatsdienst entlassen und emigrierte in die Vereinigten Staaten, wo er verschiedene Gastprofessuren innehatte. Er kehrte unmittelbar nach dem Ende des Krieges zurück.“ Hylla hatte zwischen 1935 und 1937 eine Gastprofessur für Vergleichende Pädagogik an der Columbia University inne und 1938 an der Cornell University. Frank H. Jonas sieht in diesen Gastprofessuren eine Art Schlüssel für Hyllas Neubeginn nach 1945: „This experience was to pay off during the postwar years in the joint American and German efforts to modify some German educational practices and to give Americans a better understanding of these practices and problems.“Frank H. Jonas: Educational Research in Germany

Hylla kehrte nach der Zeit an der Cornell University wieder nach Deutschland zurück. Über die Gründe ist nichts bekannt, über seine Zeit vor den Gastprofessuren heißt es nur, er sei arbeitslos gewesen und von 1938 bis 1945 habe er sich zurückgezogen. Frank H. Jonas konstatiert: „The war prevented Mr. Hylla's returning to the United States in 1939.“ Das lässt allerdings offen, ob es entsprechende Angebote für weitere USA-Aufenthalte gegeben hat, und ebenso, weshalb Hylla vor einer eventuellen weiteren Gastprofessur nach Deutschland reiste und dort vom Ausbruch des Krieges überrascht wurde.

1944 wurde Hylla zum Heeresdienst eingezogen, schloss aber die Grundausbildung nicht ab, sondern wurde als Dolmetscher eingesetzt.Uwe Wolfradt: Hylla, Erich. in: Uwe Wolfradt, Elfriede Billmann-Mahecha, Armin Stock (Hg.): Deutschsprachige Psychologinnen und Psychologen 1933 - 1945, S. 204–205 1945 geriet er in Bayern in amerikanische Kriegsgefangenschaft.Erwin Stein (Richter): Grußwort, in: Erich Hylla zum 80. Geburtstag, S. 9

Neubeginn 1945 Nach seiner Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft baute er, „der Preuße Hylla, in den Jahren 1945 und 1946 in Landsberg am Lech als bayerischer Schulrat das dortige Schulwesen auf“.Erwin Stein (Richter): Grußwort, in: Erich Hylla zum 80. Geburtstag, S. 9 Doch bereits 1946 machte ihn sein alter Freund aus amerikanischen Tagen, Richard Thomas Alexander, zum Fachberater in der Erziehungsabteilung des US-Hohen-Kommissars.

Fritz Karsen trieb zu dieser Zeit in Berlin die Planungen für eine Deutsche Forschungshochschule voran. Seine Planungen sahen als festen Bestandteil ein „Institut für Bildungsforschung (‚institute for educational research‘)“Gerd Radde: Fritz Karsen: ein Berliner Schulreformer der Weimarer Zeit. Berlin 1973. Erweiterte Neuausgabe. Mit einem Bericht über den Vater von Sonja Petra Karsen (= Studien zur Bildungsreform, 37). Frankfurt a. M. [u. a.] 1999, ISBN 3-631-34896-7, S. 211 vor. Für Karsen war „die Errichtung eines Instituts für wissenschaftliche Pädagogik [unabdingbar], da dieses Fachgebiet bisher in Deutschland stark vernachlässigt worden war. Es würde das einzig neu zu gründende Institut innerhalb der Forschungshochschule sein und mit einem relativ hohen Etat von einer halben Million RM sowie fünf bis sechs Professoren und zehn bis zwölf Assistenten ausgestattet werden.“Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule (1947 – 1953), Veröffentlichungen aus dem Archiv der Max-Planck-Gesellschaft, Band 23, Berlin, 2013, ISBN 978-3-927579-27-9. Die Studie ist die überarbeitete Fassung einer im Jahre 2010 eingereichten Dissertation; sie ist online abrufbar unter Inga Meiser: Die Deutsche Forschungshochschule, S. 40 Verblüffend ähnliche Überlegungen entwickelt zur gleich Zeit Erich Hylla, der im Spätsommer 1946 die Zook-Kommission bei ihrer Reise durch die Amerikanische Besatzungszone begleitete. In deren Bericht schlägt er in Anlehnung an das frühere Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht (siehe Oben) „die Einrichtung einer Stelle für pädagogische Forschung und Dienstleistung“ vor. Seine Begründung hierfür:

Erwin Stein, der schon als Vertreter Hessens an den Verhandlungen über die Einrichtung der Deutschen Forschungshochschule teilgenommen hatte, lernte Hylla als Mitarbeiter der amerikanischen Militärverwaltung kennen und erinnerte sich an dessen Ausspruch, er sei „mitverantwortlich für manches, was geschehen und was nicht geschehen ist“. Zugleich konstatierte Stein: In Ihnen fand ich für meinen im Jahre 1948 der Öffentlichkeit vorgelegten Plan, eine Hochschule für Erziehungswissenschaft für internationale Forschung zu schaffen, einen tatkräftigen Förderer. Dank ihrer Unterstützung und der Hilfe der Vereinigten Staaten, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt am Main konnte am 16. November 1950 die Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main errichtet werden, die seit dem 25, Oktober 1951 als eine vom Staat unabhängige Stiftung des öffentlichen Rechts anerkannt ist. Was lag für mich näher, als sie zum Direktor dieser Hochschule und Professor für pädagogische Psychologie zu berufen.Erwin Stein (Richter): Grußwort, in: Erich Hylla zum 80. Geburtstag, S. 9–10 Das für Stein „Naheliegende“ erfolgte in zwei Schritten. Der erste war Hyllas Beauftragung zum Aufbau der neuen Hochschule am 16. November 1950; der zweite seine Ernennung zum Professor und Direktor der Hochschule – heute DIPF | Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation – am 16. Mai 1952.

Hyllas Vorstellungen von pädagogischer Forschung Bevor näher auf die Gründungsgeschichte der Hochschule für Internationale Pädagogische Forschung eingegangen wird, soll kurz skizziert werden, was Hyllas Vorstellungen von einer künftigen pädagogischen Forschung waren. In dem 1948 veröffentlichten Aufsatz Aufgaben der pädagogischen Forschung hat er die Vorstellungen präzisiert, die er in dem oben schon zitierten Bericht der Zook-Kommission angerissen hatte. Abermals ausgehend von der in Deutschland bislang vernachlässigten pädagogischen Forschung, die er unter anderem auch daran festmacht, dass „unter den vielen Kaiser-Wilhelm-Instituten […] nicht eines [war], das der Forschung auf dem Gebiete des Erziehungswesens gedient hätte“Erich Hylla: Aufgaben der pädagogischen Forschung, in: Bernd Frommelt und Marc Rittberger: GFPF & DIPF. Dokumentation einer Kooperation seit 1950, S. 15–24, plädiert er für eine Konzentration auf das Notwendigste, und das ist für ihn die pädagogische Tatsachenforschung. Seine Bestandsaufnahme über sie fällt düster aus: „Hier freilich ist die Lage auch am schwierigsten; denn hier sind die Vernachlässigungen am stärksten gewesen. Hier muß vielfach von Grund aus neu aufgebaut werden, weil auch vor 1933 Einrichtungen, die in diesem Zusammenhange besonders wichtig erscheinen, und auf die jetzt wenigstens anknüpfend zurückgegriffen werden könnte, zum Teil gar nicht vorhanden waren.“ Vor diesem Hintergrund beschreibt er fünf Hauptgebiete, die vorrangig als Forschungsschwerpunkte zu etablieren wären.