mini|hochkant=1.3|Der Dethlinger Teich (Mai 2019) mini|hochkant=1.3|Der Dethlinger Teich (Juni 2022) mini|hochkant=1.3|Der Dethlinger Teich (Mai 2023) Der Dethlinger Teich ist eine ehemalige Kieselgur-Grube, in die während und nach dem Zweiten Weltkrieg Sprengstoffe und chemische Kampfstoffe, in bundesweit einmaligen Mengen, versenkt wurden.

Lage und Größe Der Dethlinger Teich liegt in der Lüneburger Heide ca. 3 km südöstlich von Munster und ca. 1 km nordöstlich von Dethlingen, einem Stadtteil von Munster. An diesem Standort wurde von der Vereinigte Deutsche Kieselgurwerke GmbH bis ca. 1926 Kieselgur im Tagebau abgebaut. Nach der Aufgabe des Kieselgurabbaus bildete sich hier durch Regenwasser ein Teich. Die Grube hat eine maximale Größe von etwa 60 Meter im Durchmesser. Die tatsächliche Tiefe der ehemaligen Kieselgurgrube beträgt nach neueren Untersuchungen etwa 9 m. Geophysikalische Messungen in den 1980er Jahren hatten bis zu 21 m Tiefe ergeben. Das mögliche Schadstoffvolumen ist daher geringer als in der Vergangenheit befürchtet. In unmittelbarer Nähe der Grube verläuft die Bahnstrecke Beckedorf–Munster und die Bundesstraße 71. Ende 1996 wechselte die behördliche Zuständigkeit für die Rüstungsaltlast Dethlinger Teich vom Land Niedersachsen auf den damaligen Landkreis Soltau-Fallingbostel, heute Landkreis Heidekreis. Das Grundstück befindet sich nach wie vor in Privatbesitz.

Geschichte Luftwaffenhauptmunitionsanstalt Unmittelbar östlich des Dethlinger Teiches wurde ab 1935 während der Zeit des Nationalsozialismus im Rahmen der Aufrüstung der Wehrmacht die Luftwaffenhauptmunitionsanstalt 4/XI Oerrel (umgangssprachlich „Muna“) errichtet. Sie war der Luftzeuggruppe XI Hannover unterstellt. Die Anlage bestand aus mehr als 150 Gebäuden und Bunkern. Die Betonbunker hatten die Größe von 40 m × 25 m, waren zur Tarnung mit Erde überdeckt und im Wald versteckt. Hier wurde die Füllung und Lagerung von Kampfstoffmunition für die Luftwaffe vorgenommen. Ab 1941 wurden auch Brandbomben und ab 1942 chemische Kampfmittel hergestellt. Die Kampfstoffe wurden dazu in Kesselwagen per Bahn angeliefert. Die hoch kontaminierten Abwässer, die großteils bei der Reinigung der Kesselwagen anfielen, wurden nach vorheriger Überleitung über drei Versickerungsteiche in den Dethlinger Teich entsorgt.Lufthauptmunitionsanstalt 4/XI Oerrel abgerufen am 21. August 2023.

Grubenverfüllung und Sicherung mini|4-Zoll-Grundwassermessstelle Im April 1945 übernahm die British Army kampflos das Gelände der Muna mit allen dort noch vorhandenen Kampfstoffen. Der transportfähige Teil der Munition wurde abgefahren und in der Nord- und Ostsee während der Operation Davy Jones’ Locker verklappt. Der Teil, der nicht transportiert werden konnte, und noch unverfüllter Kampfstoff wurde im Dethlinger Teich versenkt. Das Bombenräumkommando der Polizei Hannover, 1948 als Bombenräumkommando für das Land Niedersachsen gegründet, benutzte die Grube auch noch bis 1952 für die Entsorgung von Kampfstoffmunition. Ab Anfang der 1950er Jahre holten Anwohner unter erheblichen Gefahren buntmetallhaltige Munitionsteile aus der Grube, um sie an Schrotthändler zu verkaufen. Auch als Reaktion hierauf wurde der Teich 1952 mit Bauschutt von den ehemaligen Bunkern der Muna aufgefüllt und mit Erde abgedeckt. Die zuständigen Stellen befürchteten allerdings bereits damals, dass das Grundwasser durch die Kampfstoffe gefährdet sein könnte. 1957 wurden die ersten vier Messstellen errichtet. Die Wehrwissenschaftliche Dienststelle der Bundeswehr für ABC-Schutz in Munster führte seit 1972 regelmäßig in Amtshilfe für das Wasserwirtschaftsamt Celle Untersuchungen in der Umgebung des Teiches durch. Im Auftrag des Wasserwirtschaftsamtes Celle bzw. Verden wurden ab 1975 in Stufen 16 weitere Messstellen eingerichtet. 1999 wurden der sogenannte „Schrägbrunnen“ und sieben weitere Grundwassermessstellen gebaut.

Inhalt der Grube Über die tatsächlich versenkten Munitionsmengen besteht große Unsicherheit. Etwaige schriftliche Dokumente oder Zähllisten existieren nicht. Die Angaben stammen von Zeitzeugen, wurden geschätzt und sind daher ungenau. Da bis September 2023 bereits 2500 Kampfstoffgranaten geborgen wurden, korrigierte man beispielsweise die von Zeitzeugen ursprünglich geschätzte Menge von 3000 Granaten zwischenzeitlich auf 30.000.Anzahl der geschätzten Kampfmittel

Zitat der Niedersächsischen Landesregierung 2014 auf eine Kleine Anfrage:Kleine Anfrage: Altlasten im Dethlinger Teich

Geschätzt werden: ca. 100.000 Stck. Zündladungen vom Typ C-98 ca. 30.000 Stck. Kampfstoffgranaten, Kaliber 7,5 cm bis 32 cm ca. 150 Stck. Kampfstoffmunition 7,5 cm bis 15 cm ca. 200 – 300 Phosgenbomben mit Füllung, entschärft (ca. 100 kg pro Stck.) ca. 300 Fässer mit je 250 l Flüssig-Phosgen ca. 100 Fässer mit jeweils rd. 100 l LostWissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag: Dethlinger Teich Entsorgung von Rüstungsaltlasten, Az. WD 7 – 3000 – 042/15 Seite 4 pdf

Sanierung Teichöffnung Planung, vorgesehene Abläufe und Durchführung mini|Kontrollbrunnen und Messstationen Mit Hilfe der eingerichteten Grundwasser-Messstellen wurden Mitte Oktober 2015 vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ die Grundwasserstände und der Grundwasserzustrom ermittelt. Eine Schöpfprobe im Teichbereich ergab eine deutliche Verunreinigung des Grundwassers mit polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) und von Abbauprodukten des Kampfstoffes Lost. Auch außerhalb des Grubenbereiches wurden bereits Schadstoffe gefunden. Im Frühjahr 2018 wurde erstmals der Kampfstoff Clark I an einer Messstelle nachgewiesen. Für die angestrebte Sanierung war zuvor eine sogenannte „Teichöffnung“ notwendig. Diese wurde an einer Stelle vorgenommen, an der man mit hoher Wahrscheinlichkeit Kampfstoffmunition vermutete. Dabei wurde die Art, die Menge und der Zustand des Grubeninhaltes festgestellt. Das Ergebnis bildete die Grundlage für die Sanierung. Die Voruntersuchung war auch für die Beantragung von Zuschussmitteln zwingend erforderlich. Die Arbeitsgemeinschaft Mull & Partner Ingenieurgesellschaft mbH – Hazard Control GmbH nahm die Arbeiten vor. Das Land Niedersachsen beteiligte sich bis zum Jahr 2020 mit maximal zwei Millionen Euro an den Kosten. Die Öffnung des Teiches war ursprünglich bereits für den Winter 2017/2018 vorgesehen. Am 16. September 2019 begann der Landkreis Heidekreis mit den erforderlichen Probeentnahmen. Er rechnete damit, bis Ende April 2020 diese Vorbereitungsarbeiten abzuschließen. Sie dauerten aber bis Mitte August 2020 (ursprünglich sollte die Aktion bereits bis zum 20. Dezember 2019 abgeschlossen sein).

Es war hierfür über einem Schacht eine Leichtbauhalle mit Unterdruck und Luftabsaugung/-Behandlung aufgestellt worden. Sie enthielt eine Zugangsschleuse für Personal und Material und eine Schleuse für das Andocken von Transport- und Lagercontainern. Die bei den Erkundungsarbeiten geborgenen Kampfstoffgranaten wurden zur Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH (GEKA mbH) nach Munster geliefert, dort untersucht und in deren Verbrennungsanlage vernichtet.NDR Bericht vom 30. Oktober 2019 über die Munitionsbergung

Während dieser Arbeiten am Dethlinger Teich wurde die B 71 von Dethlingen bis Oerrel komplett gesperrt.

Zeitleiste der ersten Teichöffnung 16. bis 20. September 2019 – Einarbeitung der Beteiligten 27. September 2019 – Beginn des Abtragens der 1952 aufgebrachten Deckschicht 8. Oktober 2019 – Erster Munitionsfund 29. Dezember 2019 – Die Arbeiten werden nach einer Weihnachtspause am 7. Januar wieder aufgenommen. Die B71 wird bis zum 30. April 2020 erneut voll gesperrt. Vom 21. Dezember 2019 bis 6. Januar 2020 wird sie für den Verkehr freigegeben. 21. Januar 2020 – die Erkundungsarbeiten werden wieder aufgenommen. Da die Wasserhaltung nicht funktioniert hat, wird ein weiterer Erkundungsschacht (Schacht II) abgeteuft. 10. Februar 2020 – die Arbeiten an Schacht I werden nach Sümpfung fortgesetzt 25. Februar 2020 – alle bisher geborgenen Granaten waren ohne Zünder. Nur wenige Granaten waren undicht. Bei diesen Granaten wurde immer Lost nachgewiesen. Es werden täglich 100 m³ Wasser abgefahren. Um weiterarbeiten zu können, wird eine Grundwasserreinigungsanlage (GWRA) benötigt. Das Vergabeverfahren hierzu wird vorbereitet. 28. Februar 2020 – Schacht I und II haben den Grundwasserspiegel erreicht; ohne GWRA kann nicht weitergearbeitet werden. Ein dritter Schacht wird geplant.

Geborgene Munition + Gesamtzahl geborgener Munition Datum Typ Anzahl Bemerkung 8. Oktober 2019 1 10. Oktober 2019 3 Schacht I ist 1,7 m tief 14. Oktober 2019 Artilleriegranaten der Kaliber 10.5 cm und 15 cm 8 alle Granaten waren unbezündert 28. Oktober 2019 100 Schacht I ist 2,2 m tief 22. November 2019 760 Schacht I ist 2,7 m tief. Die Munition stammt aus ca. 12 m³ Aushubmaterial 28. November 2019 1.0065. Dezember 2019 1.106 19. Dezember 2019 1.401 6. Februar 2020 1.621 Schacht I ist ca. 4,5 m tief 14. Februar 2020 1.842 27. Februar 2020 2.552 Schacht I ist ca. 4,6 m, Schacht II ca. 4,1 m tief 26. März 2020 Bisher insges. geborgen: 33 t Munition, 2,8 t chemische Füllung, 780 kg Sprengstoff

Nachgewiesene Umweltgifte In den Entwässerungsbrunnen konnten im Juli 2019 1,4-Oxathian, 1,4-Dithian und 1-Oxa-4,5-Dithiepan, 1,2,5-Trithiepan, Thiodiglycol, Thiodiglycolsulfon und Thiodiglycolsulfoxid sowie Arsen mit bis zu 3,1 mg/L und Polyzyklische Aromatische Kohlenwasserstoffe, die in ihren Konzentrationen bis zu ca. 1,2 mg/L erreichten, festgestellt werden.

Ablauf der Sanierung Seit Mitte 2014 beschäftigte sich der Landkreis Heidekreis mit dem Konzept der Gefährdungsabschätzung und der sich gegebenenfalls anschließenden Sanierung der Altlasten. Es stand fest, dass Ende 2019 der Teich geöffnet werden sollte, um aus diesem Feststoff- und Flüssigkeitsproben zu entnehmen. Nach den durchgeführten Detailuntersuchungen sollte der Landkreis Heidekreis dann in einem nächsten Arbeitsschritt mit den neuen Informationen eine Machbarkeitsstudie erstellen. 2019/2020 wurde die Sicherstellung der Finanzmittel und die Vorbereitung und Vergabe der Sanierung vorgesehen. 2021 sollte die Durchführung der Sicherungsvariante erfolgen. Einem Konzept des Landkreises Heidekreis vom 25. Februar 2015 ist zu entnehmen, dass nach einer groben Schätzung mit 50 Millionen Euro für die eigentlichen Bauarbeiten der Sanierung und mit zusätzlich etwa 2,7 Millionen Euro sonstigen Kosten gerechnet wird. Im November 2021 wurde mit Kosten von 61,65 Millionen Euro gerechnet. Mit dem weiteren Fortschritt der Arbeiten können die Kosten immer realistischer eingeschätzt werden. Im Januar 2023 geht der Heidekreis im ungünstigsten Fall von Kosten in Höhe von 80 Millionen Euro aus.

Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies erklärte im Dezember 2019, der Teich „muss und soll komplett saniert werden“. Er sei sicher, mit dem Bund bei der Finanzierung zu einer tragfähigen Lösung zu kommen.Pressemitteilung vom 2. Dezember 2019, Abruf am 8. Dezember 2019

Weitergehende Arbeiten Mitte August 2020 erfolgte der Abbau des Schutzzeltes sowie der Personen- und Materialschleuse. Nicht mehr benötigte Anschlüsse für Wasser, Strom und das Datennetz wurden entfernt oder angepasst. Die Geländeüberwachung erfolgt jetzt durch Videokameras. Künftige Arbeiten sollen in einem freitragenden Großzelt (80 × 90 m) erfolgen. Bis Ende Herbst 2021 war die Fertigstellung dieser Einhausung geplant. Mit dem Beginn der Kampfmittelräumung war ursprünglich im Winter 2021/2022 gerechnet worden. Durch Lieferschwierigkeiten infolge der COVID-19-Pandemie und durch den Krieg in der Ukraine verzögerten sich sämtliche Baumaßnahmen. Die notwendigen europaweiten Ausschreibungen wurden vorgenommen. Die Arbeiten werden anschließend voraussichtlich fünf Jahre in Anspruch nehmen. Ausschlaggebend hierfür sind die Kapazitäten der GEKA mbH. mini|Halle der Grundwasserreinigungsanlage