Martin Gray, ursprünglich Mieczysław (Mietek) Grajewski (* 27. April 1922 in Warschau, Polen; † 25. April 2016 in Ciney, Belgien), war ein französisch-US-amerikanischer Schriftsteller und Zeitzeuge polnisch-jüdischer Herkunft. Bekannt wurde er vor allem durch sein autobiografisches Werk Au nom de tous les miens (1971), das in deutscher Sprache unter dem Titel Der Schrei nach Leben erschien und 1983 in Frankreich als Fernsehmehrteiler verfilmt wurde. Das gemeinsam mit dem französischen Schriftsteller und Historiker Max Gallo entstandene Buch machte Gray international bekannt, wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und hat die Erinnerungskultur in Frankreich geprägt. Die Darstellung seiner Erlebnisse im Warschauer Ghetto, im Vernichtungslager Treblinka und im Krieg mit der Roten Armee wird bis heute im Hinblick auf die historische Genauigkeit einzelner Aussagen und den Anteil Max Gallos an der literarischen Gestaltung kontrovers diskutiert.
mini|hochkant=1.15|Martin Gray, 2012
Biografie
Schoah: Warschauer Ghetto
Martin Gray hieß mit bürgerlichem Namen Mietek Grajewski und wurde 1922 als Sohn eines jüdischen Fabrikanten in Warschau geboren. Grays Familie gehörte zu den reformierten Juden. Er selbst gibt an, keinen besonderen Bezug zur Religion gehabt zu haben. Seine Eltern Henry/Henoch Grajewski und Ida (Feld) leiteten ein kleines Textilunternehmen für Handschuhe und Strümpfe. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und dem Überfall auf Polen am 1. September 1939 wurde der Vater als Offizier zur polnischen Armee einberufen. Im Zuge der Besetzung Polens wurde Gray bald Zeuge der nun beginnenden Schoah. Eigenen Angaben zufolge ansässig in der Milastraße 23 im Warschauer Ghetto, organisierte Gray den täglichen Überlebenskampf für seine Mutter und seine noch kleinen Brüder Isaac und Yacob, während der Vater dem örtlichen Judenrat, später auch den Organisatoren des Aufstands des Warschauer Ghettos angehörte. S. 44, 49, 63. Seinen Memoiren lässt sich entnehmen, wie es ihm auf abenteuerlichen Wegen gelang, ein ausgeklügeltes System der jüdischen Kontrabande auf die Beine zu stellen und in erheblichem Umfang Nahrungsmittel in das hermetisch abgeriegelte Warschauer Ghetto einzuschleusen. Als Drehscheibe des organisierten Schwarzmarkthandels diente ihm dabei die örtliche Straßenbahn, die das Ghetto mit der Stadt verband. Auf diese Weise konnte er in einigen Fällen eigenen Angaben zufolge auch das Kinderheim Janusz Korczaks mit Naturalien versorgen. S. 73, 76. Das von Gewalt, zunehmenden Razzien und dem täglichen Kampf um das Nötigste geprägte Leben als Schmuggler, in dessen Zuge Gray immer wieder verhaftet wird, kommt zu einem jähen Ende, als er im Spätsommer 1942 bei der beginnenden Liquidierung des Ghettos durch die Nationalsozialisten Zeuge der Verhaftung seiner Mutter und seiner beiden Brüder wird. Freiwillig schließt er sich ihnen an und erlebt mit ihnen die Deportation in das Vernichtungslager Treblinka.
Schoah: Vernichtungslager Treblinka
Nach der Ankunft in Treblinka werden seine Brüder und seine Mutter sofort ermordet, während Gray, ausgesondert aufgrund seiner körperlichen Konstitution, verschiedenen Kommandos, schließlich auch dem jüdischen Sonderkommando zugeordnet wird, dem die Beseitigung der Leichen aus den Gaskammern obliegt. In seinen Erinnerungen beschreibt Gray, dass er etwa drei Wochen in Treblinka zubringt S. 56., bevor ihm auf spektakuläre Weise die Flucht in einem Eisenbahnwaggon gelingt, in den Wäsche der Ermordeten verladen wurde. Gray kehrt zurück ins Warschauer Ghetto, wo er noch einmal auf seinen Vater trifft, der den Aufstand im Warschauer Ghetto im April 1943 mitkoordiniert und vor den Augen des Sohnes von der Waffen-SS erschossen wird. Gray gelingt die Flucht aus dem Ghetto durch die Warschauer Kanalisation und schließt sich auf Umwegen polnischen Partisanen, später der sowjetischen Gegenoffensive an. Schnell macht er Karriere in der Roten Armee und wird eigenen Angaben zufolge im August 1944 zum Offizier der sowjetischen Geheimpolizei NKWD befördert, bevor er schließlich gemeinsam mit den sowjetischen Streitkräften in Berlin einmarschiert. Für seine Tätigkeit im NKWD wird er mit prestigeträchtigen Orden der Roten Armee ausgezeichnet: dem Orden des Roten Sterns, dem Orden des Vaterländischen Krieges und dem Alexander-Newski-Orden. Hochdekoriert S. 22., - so zeigt ihn auch eine Aufnahme aus David Duncans biografischem Band aus dem Jahr 1979 -, erlebt er, wie er selbst beschreibt, aus der Perspektive des überlegenen Siegers Wut, Rache und Übergriffe gegenüber einer den Siegern nunmehr ausgelieferten, hilflosen deutschen Bevölkerung, eine Siegerjustiz, von der er sich bald desillusioniert abwendet. Er flieht aus den Reihen der Roten Armee in den US-amerikanischen Sektor in Berlin.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Krieg beschloss Gray, zu seiner Großmutter mütterlicherseits nach New York City überzusiedeln. Letzte und einzige Überlebende seiner einst großen Familie, bedeutete ihm seine Großmutter, wie er schreibt, einen letzten Ankerpunkt in seinem Leben. Gray arbeitete sich eigenen Angaben zufolge zum erfolgreichen, schließlich vermögenden Antiquitätenhändler hoch. 1952 wurde er als US-Bürger eingebürgert und nannte sich fortan Martin Gray. In New York machte Gray die Bekanntschaft des niederländischen Mannequins Dina Cult. Das Paar heiratete und ließ sich in Frankreich, in der Provence, nieder. Gray erwarb daraufhin eigenen Angaben zufolge das Grundstück „Les Barons“ in Tanneron, einer Anhöhe über Cannes. Die bald sechsköpfige Familie lebte zurückgezogen einen sehr naturverbundenen Lebensstil, von gelegentlichen Abstechern zum benachbarten Jetset in Cannes abgesehen. Am 3. Oktober 1970 ereignete sich für Martin Gray erneut eine Tragödie. Bei einem Waldbrand des Tanneron kam seine Frau mit den vier gemeinsamen Kindern ums Leben. Gray zog sich zurück und erwog eigenen Schilderungen zufolge, sich das Leben zu nehmen. Der Tod seiner Familie sei der entscheidende Impuls gewesen, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.
Späte Jahre
Gray heiratete nach dem Tod Dinas erneut und bekam weitere Kinder. Biografischen Angaben zufolge hatte er insgesamt fünf weitere Kinder aus späteren Ehen.
Gray begann mit dem Schreiben, um seine Erfahrungen weiterzugeben, und gründete die Fondation Dina Gray, eine Stiftung zum Erhalt der Natur und zur Verhinderung von Waldbränden. In den letzten Jahren seines Lebens lebte Gray zeitweise in Belgien. 2013 wurde er zum Ehrenbürger der wallonischen Stadt Ciney ernannt.
Martin Gray starb in der Nacht vom 24. auf den 25. April 2016 in Ciney, zwei Tage vor seinem 94. Geburtstag.
Rezeption
Martin Grays 1971 erschienene Memoiren Au nom de tous les miens wurden mehr als 30 Millionen Mal verkauft und in 26 Sprachen übersetzt.
Im Jahr 1983 wurde Au nom de tous les miens von Robert Enrico für Kino und Fernsehen verfilmt. Die Hauptrollen spielten Michael York, Jacques Penot, Macha Méril und Brigitte Fossey. Die Verfilmung bestand sowohl aus einer Kinofassung als auch aus einer wesentlich längeren Fernsehfassung. Michael York spielte den erwachsenen Martin Gray, Jacques Penot die Figur des jungen Gray. Die Kinofassung erreichte in Frankreich rund 1,38 Millionen Besucher.
Widersprüche und historische Inkonsistenzen
Mit Grays wachsendem Ruhm mehrten sich Zweifel an einzelnen autobiografischen Aussagen. Insbesondere die Verfilmung verstärkte Grays Bekanntheit erheblich und führte zugleich dazu, dass die aufkeimende Diskussion um die historische Zuverlässigkeit der Autobiografie des prominenten Zeitzeugen öffentlich hitzig ausgetragen wurde.
Die Einwände richteten sich insbesondere gegen die Darstellung seines Aufenthalts im Vernichtungslager Treblinka, die Schilderung seiner Flucht und gegen einzelne Angaben zu seinen Aktivitäten im polnischen Widerstand. Der polnische Widerstandskämpfer Wacław Kopisto erklärte in einem Interview 1990 in der polnischen Tageszeitung Nowiny Rzeszowskie (Rzeszów News), Grajewski, respektive Gray, sei entgegen dessen Angaben nie Mitglied der polnischen Partisanengruppe gewesen, der auch er, Kopisto, angehört habe.Vgl. Jacek Stachiewicz: Kim jest Martin Gray?, Interview mit Wacław Kopisto, in: Nowiny Rzeszowskie, 2. August 1990, S. 9. PDF.
Martin Gray machte es interessierten Lesern und Kritikern nicht leicht, da er künstlerische Freiheiten und Ungereimtheiten in seinen Memoiren selten korrigierte oder kommentierte. So weisen etwa bereits seine Lebensdaten Unstimmigkeiten auf. Gray gab an, am 27. April 1945, dem Tag des Einmarschs mit der Roten Armee in Berlin, 19 Jahre alt geworden zu sein. S. 310. Er wäre demnach also am 27. April 1926 zur Welt gekommen, hingegen wurde Gray im Jahr 1922 geboren. Folglich konnte Martin Gray, anders als in seinen Erinnerungen angegeben, bei Hitlers Überfall auf Polen nicht 14 Jahre alt gewesen sein, vielmehr war er bereits 17 Jahre alt. Gray räumte in seiner späteren Rückschau ausdrücklich ein, dass er Orte und Daten verwechselt haben könne. S. 38.
Kontroverse zwischen Martin Gray und Gitta Sereny
Martin Gray im Kreuzfeuer der Polemik Gitta Serenys
Die offensichtlichen Ungereimtheiten riefen bereits in den 1970er Jahren eine Kritikerin auf den Plan, die Martin Gray öffentlichwirksam denunzieren und damit sein gesamtes Werk infrage stellen sollte. Gitta Sereny, britische Journalistin mit deutsch-ungarischen Wurzeln, wurde zwischen den 1970er und 1990er Jahren durch aufsehenerregende Publikationen über die NS-Täter und Rüstungsminister Albert Speer und Franz Stangl, dem NS-Kommandanten des Vernichtungslagers Treblinka, mit denen sie über Wochen und Monate ausführliche Interviews führte, zur international viel beachteten Vorzeigeintellektuellen der frühen NS-Erinnerungskultur. Ihre damals bahnbrechenden, durchaus eigenwilligen Arbeiten folgen mehr noch als historischen, insbesondere psychologischen Prämissen und Beobachtungen.
Gitta Sereny beurteilte Grays Erinnerungen harsch als „Wasser auf den Mühlen der Neonazis“ S. 203. und sprach ihm als Zeitzeugen jegliche Seriosität ab. Sereny unterstellte Martin Gray, respektive Max Gallo eine fiktionale Überformung seiner autobiografischen Erinnerungen. So sei Grays Buch „ein Mischmasch aus Wahr und Falsch, der sowohl die Toten als auch die Lebenden verleumdete“ S. 203., „um einiges schlimmer“ S. 202. als von „professionellen Ghostwritern“ und Lektoren für den Lesermarkt konfektionierte „persönliche“ Erfahrungsberichte. Sereny gab an, Max Gallo persönlich habe ihr gegenüber erklärt, er habe ein längeres Kapitel über Treblinka benötigt, weil das Buch etwas Starkes gebraucht habe, um die Leser zu gewinnen.
Einordnung der Einlassungen Gitta Serenys
Bei näherer Betrachtung wird deutlich, dass Gitta Sereny lediglich ihr Augenmerk auf eine Tatsache gerichtet hatte, die Martin Gray zu keinem Zeitpunkt unterschlagen hatte, dass seine Memoiren durch den französischen Historiker und Journalisten Max Gallo verfasst worden waren – eine Tatsache, die von der Erstausgabe an auf jedem Buchcover seiner Erinnerungen vermerkt steht. S. 38.
So wies Gallo auch Serenys Anschuldigungen mit Nachdruck zurück. In seiner 1983 in Le Monde veröffentlichten Stellungnahme erklärte er, Sereny habe ihm Äußerungen zugeschrieben, die er nicht anerkenne. Zugleich bestätigte er seine maßgebliche Beteiligung an der Entstehung des Buches: Er habe 1970/71 die Erinnerungen Grays aufgenommen und Au nom de tous les miens mit ihm verfasst, wobei er nach eigener Aussage sowohl seinen Beruf als Historiker als auch seine „vocation de romancier“ eingesetzt habe. Gallo verwies zudem darauf, dass seine Beteiligung bereits auf dem Buch selbst als „propos recueillis par Max Gallo“ kenntlich gemacht und seine Arbeitsweise im Vorwort erläutert worden sei.