mini|V. M. Goldschmidt Victor Mordechai Goldschmidt (Rufname Victor Goldschmidt; * 10. Februar 1853 in Mainz; † 8. Mai 1933 in Salzburg) war ein deutscher Mineraloge, Kristallograph, Naturphilosoph, Mineraliensammler und Mäzen.
Leben miniatur|Grabstätte von Victor und Leontine Goldschmidt auf dem Heidelberger Bergfriedhof (Abt. S). Victor Goldschmidt stammte aus der weitverzweigten jüdischen Bankiersfamilie Goldschmidt aus Frankfurt. Sein Vater war der Kaufmann Salomon Benedikt Goldschmidt (1818–1906), der später nach Wien übersiedelte, seine Mutter Josefine (1821–1869) stammte aus der Prager Industriellenfamilie Porges Edle von Portheim. Victor studierte an der Bergakademie Freiberg in Sachsen und erwarb dort 1874 sein Diplom als Hütteningenieur.Ein Hütteningenieur (früher auch Bergingenieur) ist in Metallurgie ausgebildet und mit der technischen Leitung von Hüttenbetrieben und Walzwerken ver- und betraut bzw. in leitenden Funktionen in der Eisen- und Stahlindustrie beschäftigt. Von 1875 bis 1878 war er Assistent an der Bergakademie.
Nach kurzem Studienaufenthalt in München und Prag wurde er 1880 an der Universität Heidelberg mit seiner Arbeit Über Verwendbarkeit einer Kaliumquecksilberjodidlösung bei mineralogischen und petrographischen Untersuchungen zum Dr. phil. promoviert. Anschließend setzte er seine Studien von 1882 bis 1887 in Wien fort. 1888 habilitierte er sich an der Universität Heidelberg Über Projektion und graphische Krystallberechnung. Im selben Jahr heiratete er seine Cousine Leontine Porges Edle von Portheim, Tochter eines Prager Großindustriellen.
1892 wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Heidelberg, 1909 ordentlicher Honorarprofessor. 1905 wurde er als korrespondierendes Mitglied in die Accademia delle Scienze di Torino und 1912 in die Russische Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg aufgenommen. Im Jahr 1913 wurde er zum Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften gewählt, 1914 in die American Academy of Arts and Sciences und 1929 als auswärtiges Mitglied in die Accademia dei Lincei.
Victor Goldschmidt gründete um 1895 in Heidelberg sein privates „Mineralogisch-Krystallographisches Institut“. Sein Atlas der Krystallformen (18 Bände) erschien in den Jahren 1913 bis 1923. In diese Zeit fällt auch seine Ernennung zum Geheimen Hofrat 1917. Im Jahr 1923 wurde Victor Goldschmidt Ehrenmitglied des Naturhistorisch-Medizinischen Vereins Heidelberg.
Victor Goldschmidt war Freimaurer und Mitglied der Heidelberger Freimaurerloge Ruprecht zu den fünf Rosen. Die Ehe mit Leontine Porges (1863–1942, seit 1879 Porges Edle von Portheim) blieb kinderlos.Eintrag im Heidelberger Gelehrtenlexikon
1919 errichteten Victor und Leontine Goldschmidt die Josefine und Eduard von Portheim Stiftung für Wissenschaft und Kunst, benannt nach Victor Goldschmidts Mutter und Leontine Goldschmidts Vater.Hans Jürgen Rösler: Der Kristallograph Victor Goldschmidt 1853–1933. Seine Jugendjahre und seine Beziehungen zu Berlin und Freiberg. TU Bergakademie Freiberg, 2004. ISBN 3-86012-232-0, S. 26–29. Sie brachten ihre umfangreichen privaten Sammlungen an europäischer und außereuropäischer Kunst und Ethnographica in die Stiftung ein.
Victor Goldschmidt gründete mehrere wissenschaftliche Institute, darunter ein Ethnographisches Institut, auf dessen Sammlungen das heutige Völkerkundemuseum aufbaut.
Zum 80. Geburtstag Victor Goldschmidts im Jahre 1933 gab der Verwaltungsrat der von Portheim-Stiftung dem „Mineralogisch-Krystallographischen Institut“ den Namen „Victor-Goldschmidt-Institut“. Im Jahr 1939 wurde das Institut von der Stiftung geschlossen und anschließend verkauft.
Obwohl er getauft war, sah sich Victor Goldschmidt aufgrund seiner jüdischen Herkunft gezwungen, nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten 1933 nach Österreich zu emigrieren. Er verstarb während eines Kuraufenthaltes am 8. Mai 1933 in Salzburg. Er fand seine letzte Ruhe in Heidelberg, der Stätte seines wissenschaftlichen Wirkens und des Verbleibs seines Lebenswerkes. Sein Grab befindet sich auf dem Bergfriedhof in Heidelberg. Leontine Goldschmidt starb am 25. August 1942 durch Suizid, nachdem sie von ihrer anstehenden Deportation nach Theresienstadt erfahren hatte.Spurensuche (PDF) mattes.de, abgerufen am 3. November 2017.
1903 wurde er Ehrendoktor der Queens University in Kingston, 1922 wurde er Dr. Ing. ehrenhalber und 1913 erhielt er das Ritterkreuz 1. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen. 1933 wurde er Ehrenmitglied der Deutschen Mineralogischen Gesellschaft.
Zu Ehren von Victor Mordechai Goldschmidt wurden mehrmals Minerale benannt. Bereits zu seinen Lebzeiten nannte William Herbert Hobbs 1899 ein von ihm beschriebenes Silber-Gold-Tellurid Goldschmidtit. Nur ein Jahr später (1900) konnte Charles Palache zeigen, dass es sich bei Goldschmidtit um Sylvanit (AuAgTe4) handelte und der Name wurde wieder zurückgezogen. Im Jahr 1939 vergab Martin A. Peacock von der University of Toronto den Namen Goldschmidtin für ein neues Silberanitmonid und stellte 1940 fest, dass es sich bei diesem Goldschmidtin um Stephanit (Ag5SbS4) handelte.
Nach diesen beiden letztlich erfolglosen Versuchen, Victor Mordechai Goldschmidt mit einem Mineral zu ehren, dauerte es über 70 Jahre, bis der Mineralname Goldschmidtit erneut vergeben wurde. Im Jahr 2018 beschrieben Nicole A. Meyer und Mitarbeiter ein Kaliumniobat aus einem Einschluss in einem Diamanten und benannten das neue Mineral aus der Perowskit-Supergruppe Goldschmidtit, diesmal aber zu Ehren des Norwegischen Geochemikers Victor Moritz Goldschmidt.
Veröffentlichungen (Auswahl) Index der Krystallformen der Mineralien, 3 Bde., Berlin: Julius Springer, 1886–1891 Krystallographische Winkeltabellen, Berlin: Julius Springer, 1897 Ueber Harmonie und Complication, Berlin: Julius Springer, 1901 Atlas der Krystallformen, je 9 Tafel- und Textbde., Heidelberg: Carl Winter, 1919 (2., erw. Aufl. 1929). Über Complikation und Displikation, Winter, Heidelberg: Carl Winter, 1921. (Digitalisat Univ. Heidelberg) Kursus der Kristallometrie (hg. v. Hans Himmel & K. Müller), Berlin: Borntraeger, 1934. Vorlesungen zur Naturphilosophie (hg. v. F. Pösch), Wertheim am Main: E. Bechstein, 1935.
Literatur Leo Baer: Ein wissenschaftlicher Bibliophile. In: Philobiblon, Jg. 6 (1933), Heft 7, S. 257f.
G.C. Amstutz: Goldschmidt, Victor. In: Ch.C. Gillespie (ed.), Dictionary of Scientific Biography, Vol. 5. Charles Scribner’s Sons, New York 1981, S. 455–456 (auch in http://www.encyclopedia.com). Joseph Walk (Hrsg.): Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918–1945. hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem. Saur, München 1988, ISBN 3-598-10477-4, S. 120. Clara Schlichtenberger: Harmony and Complication. The collection of Victor Goldschmidt, founder of the Ethnographic Museum of the J. u. E. von Portheim-Stiftung in Heidelberg. In: Journal of the History of Collections. Bd. 10, 1998, S. 199–206 (Digitalisat). Hans Jürgen Rösler: Der Kristallograph Victor Goldschmidt 1853–1933. Seine Jugendjahre und seine Beziehungen zu Berlin und Freiberg. TU Bergakademie Freiberg, 2004. ISBN 3-86012-232-0. Alexander Kipnis: Goldschmidt, Victor Mordechai. In: Badische Biographien (N.F.), Bd. 5 (hg. v. von Fred Ludwig Sepaintner). W. Kohlhammer, Stuttgart 2005, S. 96–98. Martin Sattler: Die Kulturtheorie von Victor Goldschmidt. Völkerkundemuseum der Josefine und Eduard von Portheim-Stiftung, Heidelberg 2005 (Digitalisat). Renate Marzolff: Leontine und Victor Goldschmidt. Heidelberg 2007. Frank Engehausen: Die Josefine und Eduard von Portheim-Stiftung für Wissenschaft und Kunst 1919–1955. Heidelberger Mäzenatentum im Schatten des Dritten Reiches. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 2008. ISBN 3-89735-531-0. Dagmar Drüll: Heidelberger Gelehrtenlexikon 1803–1932. (Hrsg.): Rektorat der Ruprecht-Karls-Universität-Heidelberg. Springer, Berlin Heidelberg Tokio. 2012, ISBN 978-3-642-70761-2.
Weblinks
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Einzelnachweise
Kategorie:Mineraloge Kategorie:Kristallograph Kategorie:Mineraliensammler Kategorie:Hochschullehrer (Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg) Kategorie:Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der American Academy of Arts and Sciences Kategorie:Korrespondierendes Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Kategorie:Mitglied der Accademia delle Scienze di Torino Kategorie:Mitglied der Accademia dei Lincei Victor Mordechai Kategorie:Geheimer Hofrat Kategorie:Person des Judentums (Heidelberg) Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:Freimaurer (Deutschland) Kategorie:Freimaurer (19. Jahrhundert) Kategorie:Freimaurer (20. Jahrhundert) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1853 Kategorie:Gestorben 1933 Kategorie:Mann Kategorie:Hütteningenieur