Die Schuppenkriechtiere (Squamata) bilden eine der vier Großgruppen der Reptilien (Reptilia). Sie stellen mit 12.106 Arten (7905 „Echsen“, 4201 Schlangen und 203 Doppelschleichen; Stand Oktober 2025) einen bedeutenden Teil der Landwirbeltierfauna, mehr als die Säugetiere mit über 6800 Arten. Über 96 % der rezenten, bekannten Reptilienarten sind Schuppenkriechtiere.Nicolas Vidal, S. Blair Hedges: The phylogeny of squamate reptiles (lizards, snakes, and amphisbaenians) inferred from nine nuclear protein-coding genes. (PDF; 164 kB). In: Comptes Rendus Biologies. 328, Nr. 10–11, 2005, S. 1000–1008, doi:10.1016/j.crvi.2005.10.001.

Die meisten Squamaten sind mittelgroße Tiere, die größten rezenten Schuppenkriechtiere sind der Netzpython (Python reticulatus) und die Große Anakonda (Eunectes murinus), die eine Länge von etwa sechs bis sieben Meter erreichen können. Das kleinste ist Brookesia micra, ein nur drei Zentimeter lang werdendes Stummelschwanzchamäleon. Alle Schuppenkriechtiere haben einen mehr oder weniger langgestreckten Körper, dessen Querschnitt oft rund ist, aber auch abgeflacht oder hochrückig (Chamäleons) sein kann.

Verbreitung mini|links|Verbreitung der Schuppenkriechtiere Schuppenkriechtiere besiedeln fast alle terrestrischen Lebensräume. Sie leben mit Ausnahme der Antarktis auf allen Kontinenten. Mit den Seeschlangen (Hydrophiinae) haben sie auch die Küstenregion tropischer Meere erobert. Die meisten Schuppenkriechtiere leben in den Tropen, nach Norden nimmt die Artenfülle immer mehr ab; im größten Teil Kanadas, in Alaska, auf Grönland und im Norden Sibiriens fehlen sie. Die Waldeidechse (Zootoca vivipara) und die Kreuzotter (Vipera berus) sind die am weitesten nach Norden vordringenden Reptilienarten. Sie kommen noch nördlich des Polarkreises vor. Das am weitesten südlich vorkommende Schuppenkriechtier ist der Leguanartige Liolaemus magellanicus, der noch auf Feuerland lebt. In Europa gibt es knapp über 50 Echsen- sowie etwa 30 Schlangenarten.Günter Diesner, Josef Reichholf: Lurche und Kriechtiere. Mosaik, München 1996, ISBN 3-576-10697-9. In Deutschland leben 14 Arten: sechs Eidechsen (eine nur lokal eingeführt), die Blindschleiche und sieben Schlangen.

Merkmale Haut mini|Haut eines Komodowarans mini|Gewöhnliche Mamba nach der Häutung mit Exuvie Die Beschuppung der Epidermis (Oberhaut) kann sehr verschieden sein. Sie ist bei Geckos am feinsten, kann aus flachen, glatten oder gekielten Schilden bestehen, aber auch mit Dornen oder vorstehenden Höckern versehen sein. Leguanartige haben oft klingenartige Stachelschuppen, die einen Kamm im Nacken, auf dem Rücken, dem Schwanz oder an der Kehlwamme bilden. Bei einigen dünenbewohnenden Echsen finden sich Säume von abstehenden Schuppen an den Zehen, die ein Einsinken in den Sand verhindern; den Basilisken helfen diese Säume, schnell über Wasseroberflächen zu laufen. Geckos und Anolis haben an der Unterseite der Zehen Haftlamellen, die von der Epidermis gebildet werden und aus vielen einzelnen Härchen bestehen.

Die oberste Schicht der Epidermis wächst nicht mit und wird regelmäßig – alle drei bis vier Wochen bei vielen Echsen oder nach sechs bis zehn Monaten bei Schlangen oder Chamäleons – abgestreift. Vorher wurde sie durch Häutungshärchen angehoben und mit Luft oder Lymphflüssigkeit von der darunter gebildeten neuen Epidermis getrennt. Geckos fressen sie unmittelbar nach der Häutung auf. Die Häutung erfolgt bei den meisten Echsen in Fetzen, bei Schlangen oder beinlosen Echsen im Ganzen (Exuvie). Klapperschlangen bilden beim Häuten eine Ringschuppe, die zu einem Teil ihrer Schwanzrassel wird.

Die unter der Epidermis liegende Lederhaut (Dermis) ist dick und besteht aus dreidimensional verlaufenden Bündeln von Bindegewebe. Bei Echsen werden hier Osteodermen (flache Knochenplatten) gebildet, deren Form und Lage ungefähr jenen der darüber liegenden Schuppen entsprechen. Die Osteodermen können, vor allem bei verschiedenen Skinkartigen, aber auch einigen Schleichenartigen, einen geschlossenen Panzer bilden. Unter der Dermis liegt die Subkutis (Unterhaut), die der Muskulatur nur locker aufliegt und durch horizontal verlaufendes Bindegewebe gebildet wird.

Schädel mini|Schädel von Varanus griseus Der Schädel der Schuppenkriechtiere unterscheidet sich vom diapsiden Schädel durch die Reduktion des unteren der beiden Jochbögen. Bei den Schlangen, den Doppelschleichen und einigen beinlosen Skinkartigen ist auch der obere Jochbogen zurückgebildet. Ein weiteres Kennzeichen ist die sogenannte Streptostylie, die stark erhöhte innere Beweglichkeit des Squamaten-Schädels. Diese wird dadurch erreicht, dass das Quadratum, ein Knochen des primären Kiefergelenks der Reptilien, beweglich am Schuppenbein aufliegt. Die Beweglichkeit des Schädels ist bei Schlangen am weitesten ausgeprägt. Deren Unterkiefer besteht aus zwei hälftigen Unterkieferbögen; die zahntragenden Dentalen sind am Vorderende nicht miteinander verwachsen, sondern durch Faserknorpel flexibel miteinander verbunden (Symphyse) und auch gegenüber den übrigen Unterkieferknochen beweglich. Es gibt allerdings auch, angepasst an eine grabende Lebensweise, die Tendenz, den Schädel wieder zu verfestigen. Dies ist besonders bei den Doppelschleichen, den Schlangenschleichen und den Blindschlangenartigen ausgeprägt. Bei einigen grabenden Skinken, Gürtelechsen, Echten Eidechsen und den Krustenechsen werden die oberen und seitlichen Schädelpartien zusätzlich durch kleine Knochenplatten (Osteodermen) verstärkt. Das Foramen parietale, eine Öffnung für das Parietalorgan im Schädeldach, bleibt bei den Echsen immer frei. Schlangen haben kein Parietalorgan.

Bezahnung mini|links|Bezahnung eines Nashornleguans (Cyclura cornuta) Zahntragende Schädelknochen sind bei den Echsen die Maxillaria im Oberkiefer und die Dentalia im Unterkiefer. Daneben können auch die Gaumenknochen Zähne tragen: das Gaumenbein (Palatinum) bei einigen Schleichen, das Flügelbein (Pterygoid) bei einigen Tejus und Eidechsen, beide Knochen bei den Schlangen. Die Zähne sind wurzellos an der Innenseite der Kieferknochen befestigt (Pleurodontie). Dies wird als Plesiomorphie der Schuppenkriechtiere angesehen. Ersatzzähne wachsen aus einer Knospe an der Basis der alten Zähne. Bei den Agamen, den Chamäleons, den Spitzschwanz-Doppelschleichen (Trogonophidae) und den Schlangen tritt eine andere Form der Zahnbefestigung, die Akrodontie auf. Dabei sitzen die Zähne auf der Oberkante des Kiefers. Agamen und Chamäleons werden deshalb innerhalb der Leguanartigen als Monophylum Acrodonta zusammengefasst. Squamaten mit akrodonter Bezahnung vollziehen keinen Zahnwechsel.

Die Zähne sind normalerweise homodont (gleichartig). Die meisten Squamaten fressen Insekten, ihre Zähne sind konisch mit einer (Geckos), zwei oder drei Spitzen (Echte Eidechsen, Tejus, die meisten Leguanartigen). Mollusken fressende Schuppenkriechtiere, wie einige Skinke, Schleichen, Tejus und Warane, haben breit abgeflachte Zähne. Bei großen Waranen ist der Hinterrand fein gesägt. Viele Pflanzen fressende Leguanartige haben Zähne mit flachen Kronen und gesägten Schneiden. Bei den auch Samen und harte Pflanzenteile fressenden Dornschwanzagamen sind die Zähne zu einer Kauleiste zusammengewachsen. Die Zähne der Schlangen sind konisch und nach hinten gekrümmt. Die Fangzähne der Giftschlangen sind mit einer giftleitenden Rinne oder einem Hohlkanal versehen. Vipern (Viperidae) und Erdvipern (Atractaspididae) haben im Ruhezustand nach hinten geklappte Zähne, die beim Öffnen des Mauls aufgerichtet werden. Bei Blindschlangen (Typhlopidae), Schlankblindschlangen (Leptotyphlopidae) und den Afrikanischen Eierschlangen (Dasypeltis) ist die Bezahnung reduziert.

Postcranialskelett mini|Johannisechse (Ablepharus kitaibelii) Das Skelett der Schuppenkriechtiere ist in Anpassung an unterschiedliche Lebensweisen oft drastisch verändert worden. Die meisten haben fünf Halswirbel wie Chamäleons, andere, wie die Warane, bis zu neun. Ab dem dritten Halswirbel kann es kurze Rippen (Cervicalrippe) geben. Die Anzahl der Rumpfwirbel (Wirbel vor dem Kreuzbein) hängt von der Streckung des Rumpfes ab und kann 23 bis 29 bei den Geckos, 74 bis 110 bei den mit ihnen verwandten Flossenfüßen betragen. Skinkartige haben 26 bis 107 Rumpfwirbel, vierfüßige Schleichenartige 29 bis 36, ihre beinlosen Verwandten 51 bis 68. Schlangen können über 400 Wirbel haben, davon bis zu 300 Rumpfwirbel. Alle Rumpfwirbel tragen Rippen.

Über Schultergürtel und Vorderbeine verfügen, mit Ausnahme der Zweifuß-Doppelschleichen (Bipedidae) und der Gymnophthalmidae-Gattung Bipes, nur die vierbeinigen Arten. Er besteht aus Schulterblatt (Scapula), Rabenbein (Coracoid), Schlüsselbein (Clavicula) und Interclavicula. Die letzten beiden sind mit dem knorpeligen Brustbein verbunden. Zwei Einbuchtungen im Rabenbein, die bei einigen Formen auch zu Fenstern durchgebrochen sind, gelten als Squamaten-Synapomorphie. Der Beckengürtel besteht aus Darmbein (Ilium), Sitzbein (Ischium) und Schambein (Pubis). Die drei Knochen treffen in der Hüftgelenkpfanne (Acetabulum) zusammen. Der Beckengürtel ist bei den beinlosen Formen teilweise oder vollständig reduziert.

Die Tendenz zur Reduktion der Gliedmaßen tritt, von den Leguanartigen abgesehen, in allen Taxa oberhalb der Familienebene auf. Dieses Merkmal entwickelte sich unabhängig voneinander mindestens 25 mal in der Evolution der Schuppenkriechtiere. Innerhalb der Geckoartigen sind es die Flossenfüße, bei den Skinkartigen gibt es Formen mit verkümmerten Beinen bei den Skinken, bei den Gürtelechsen (Gattung Chamaesaura) und bei den Zwergtejus (Gattungen Bachia und Calyptommatus). Von den Schleichenartigen fehlen den Schleichen der Unterfamilie Anguinae und allen Ringelschleichen (Anniellidae) die Gliedmaßen. Das Gleiche gilt für die mehr als 4200 Schlangenarten. Riesenschlangen verfügen noch über einen stabförmigen Überrest des Beckens im Hinterleib und mit dem Aftersporn einen rudimentären Überrest von Hinterextremitäten.

Sinnesorgane mini|Auge eines nachtaktiven Geckos, mit schlitzförmiger, senkrechter Pupillemini|Züngelnde Contia tenuis Die Augen sind je nach Art stark unterschiedlich ausgebildet und können bei nachtaktiven Gruppen, z. B. diversen Geckos, sehr groß sein, bei anderen, wie einigen Blindschlangenartigen, auch nahezu vollständig reduziert und ohne Pigmente sein. Nachtaktive Arten haben senkrecht-ovale bis schlitzförmige, tagaktive Arten meist runde Pupillen. Die recht großen Orbitae sind durch ein Interorbitalseptum (Scheidewand) getrennt, die Augen werden von vier geraden und zwei schrägen Augenmuskeln und dem Musculus retractor bulbi gesteuert. Der Augapfel ist um die Cornea herum verfestigt, bei den meisten Schuppenkriechtieren außer Schlangen durch einen Skleralring. Tränendrüsen sind vorhanden. Die Nickhaut wird durch Sekrete von Harderschen- und Nickhautdrüsen gleitfähig gehalten, bei Schlangen und einigen anderen Schuppenkriechtieren (etwa viele Gekkota) ist die Nickhaut mit dem unteren Lid zu einer starren „Brille“ verwachsen. Sekrete der zuvor genannten Drüsen werden bei ihnen über Tränennasengänge bzw. Lacrimalgänge in die Mundhöhle abgeleitet. Die Netzhaut weist meist nur zwei oder drei verschiedene Typen von Zapfen auf, bei einigen höheren Schlangen kommen auch Stäbchen vor. Bei einigen Schuppenkriechtieren (z. B. Ahaetulla) ist die Fähigkeit zum binokularen Sehen vorhanden. Untersuchungen an der Nachtsicht des Helmgeckos Tarentola chazaliaei ergaben, dass seine Augen in der Nacht Farben unterscheiden können, wenn Menschen bereits farbenblind sind. Möglicherweise liegt dies darin begründet, dass sich in seinen Augen ausschließlich Zapfen befinden.L. S. V. Roth, L. Lundström, A. Kelber, R. H. H. Kröger, P. Unsbo: The pupils and optical systems of gecko eyes. In: Journal of Vision. 9 (3), 2009, S. 1–11 (Volltext; PDF; 541 kB).