mini|Die Ambivalenz des Glücks wird seit dem Mittelalter häufig durch das Rad der Göttin Fortuna dargestellt. mini|Allegorie des Glücks (Agnolo Bronzino, 1546)
Glück ist ein mehrdeutiger Begriff, der momentane oder auch anhaltende positive Empfindungen (Glücksgefühle) einschließt, die von stiller bis zu überschießender Art sein können. Glücklich kann man zudem eine Person nennen, der es anhaltend gut geht, weil ihr Leben viel von dem enthält, was sie als wichtig erachtet. Im Sinne des glücklichen Zufalls steht Glück für eine günstige Fügung bzw. für eine positive Schicksalswendung.
Das „Streben nach Glück“ hat als originäres individuelles Freiheitsrecht Eingang gefunden in die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten, das Gründungsdokument der ersten neuzeitlichen Demokratie. Dort wird es nach Thomas Jefferson als Pursuit of Happiness bezeichnet. Die Förderung individuellen menschlichen Glücks ist heute Gegenstand spezifischer Forschung und Beratung unter neurobiologischen, medizinischen, soziologischen, philosophischen und psychotherapeutischen Gesichtspunkten.
Etymologie und Sprachgebrauch Das Wort „Glück“, von mittelhochdeutsch glücke / gelücke (ab zweiter Hälfte des 12. Jahrhunderts) bzw. mittelniederdeutsch gelücke / lücke,Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 262. bedeutete ursprünglich „günstiger Verlauf oder Ausgang eines Geschehens“, „günstige Fügung“ bzw. „günstiger Zufall“. Für das Frühneuhochdeutsche sind weitere Bedeutungen belegt: sowohl das „persönliche Wohlergehen“ bzw. „gewünschte Daseinsverhältnisse“ als auch das „Glücksgefühl“.Glük. In: Frühneuhochdeutsches Wörterbuch, Online-Version der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen (fwb-online.de). All diese Bedeutungsaspekte finden sich auch im heutigen Sprachgebrauch wieder: Zufallsglück Glück haben im Zufalls-Sinn bedeutet, entweder schicksalhaft oder durch ein unvorhersehbares Ereignis begünstigt zu sein. Beispiele umfassen den Gewinn beim Lotto, Roulette oder einem sonstigen Glücksspiel; auch durch Zufall einen Nachteil zu vermeiden, gehört hierzu. Voraussetzung dafür auf Seiten des „Beglückten“ sind weder ein bestimmtes Talent noch auch nur eigenes Zutun. Dagegen behauptet der Volksmund eine mindestens teilweise Verantwortung des Einzelnen für die Erlangung von Lebensglück in dem Ausspruch: „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Demnach hinge die Fähigkeit, in einer gegebenen Situation glücklich zu sein, außer von äußeren Umständen auch von eigenen Einstellungen und Bemühungen ab. Eine Glückssträhne wird die Aneinanderreihung mehrerer positiver Erlebnisse genannt (siehe auch Hot-Hand-Phänomen). Die Glückssträhne wird, wie der Wortursprung „Glück“ andeutet, dem (glücklichen) Zufall zugeschrieben, auch wenn sie in vielen Fällen das absehbare Ergebnis harter Arbeit und nur die zeitliche Nähe Zufall ist. In der Philosophie geht die Vorstellung einer Glückssträhne auf den Eudämonismus Kritons zurück. Das Gegenteil von Glück (im Sinne von „Glück haben aus Zufall“) ist unvorhersehbar eintreffendes Unglück, Unheil oder Pech. Lebensglück Wenn es um die Frage geht, ob eine Person ein glückliches Leben führt bzw. glücklich ist, spielen Elemente des Zufallsglück (unverfügbarer Erfolg, günstige Lebensumstände) ebenfalls eine gewisse Rolle. Der Begriff des Lebensglücks ist allerdings weiter gefasst, da er mehr als nur kontingente Faktoren beinhaltet. Seine Bedeutung tendiert in zwei Richtungen, die als objektives Erfüllungs- und subjektives Empfindungsglück bezeichnet werden können:R. Kraut: Two Conceptions of Happiness. In: Philosophical Review, 1979, Band 88, Nr. 2, S. 179.Christoph Horn: Glück / Wohlergehen. In: M. Düwell et al. (Hrsg.): Handbuch Ethik. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart 2011, S. 382. a) Erfüllungsglück meint Lebensglück im objektiven Sinn eines Wohlergehens. Der Begriff bezieht sich auf die Lebenslage, in der sich eine Person befindet. Verfügt sie über erstrebenswerte Güter, z. B. Gesundheit, Friede, soziale Beziehungen? Ist das Leben, das sie führt, ein glückliches? In diesem Zusammenhang wird häufig auch vom „guten Leben“ gesprochen. b) Der Begriff des Empfindungsglück steht hingegen für das Gefühl des Glücks. Er wird für den mentalen bzw. psychischen Zustand einer Person verwendet. Fühlt man sich in Anbetracht des eigenen Lebens glücklich? Das subjektive Wohlbefinden eines Menschen ist hier die entscheidende Bezugsgröße. Glückseligkeit ist der schlechterdings unüberbietbare, bestmögliche Zustand eines Individuums.Christoph Horn: Glück / Wohlergehen. In: M. Düwell et al. (Hrsg.): Handbuch Ethik. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart 2011, S. 381. Der Begriff kann im Sinne einer ewigen Glückseligkeit nach dem Tod oder einer irdischen Glückseligkeit verwendet werden.Glück. In: Brockhaus Enzyklopädie. Band 8. 19. Auflage. F. A. Brockhaus, Mannheim 1989, S. 607. Für Immanuel Kant wird unter diesem Namen die „ganze Befriedigung“ menschlicher Bedürfnisse und Neigungen,Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hrsg.: J. H. v. Kirchmann. L. Heimann, Berlin 1870, S. 24 (BA 23); . begleitet von einem „Maximum des Wohlbefindens“Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Hrsg.: J. H. v. Kirchmann. L. Heimann, Berlin 1870, S. 40 (BA 46); . zusammengefasst. Der Begriff des Lebensglücks ist nicht an diese maximalistische Verwendung gebunden; er lässt sich „sinnvoll auch auf unsere unvollkommene, vom Scheitern bedrohte, nicht-ideale und vergängliche Lebensform anwenden“.Christoph Horn: Glück / Wohlergehen. In: M. Düwell et al. (Hrsg.): Handbuch Ethik. 3. Auflage. Metzler, Stuttgart 2011, S. 381 f.
Während im Deutschen der sprachliche Ausdruck „Glück“ sowohl in der Bedeutung von Glück haben (Zufallsglück) als auch glücklich sein (Lebensglück) verwendet wird, werden in anderen Sprachen beide Bedeutungen mittels unterschiedlicher Benennungen auseinandergehalten. So gibt es im Englischen die Wendungen to be lucky („Glück haben“; abgeleitet von luck) und to be happy („glücklich sein“, von happiness). Bereits im Griechischen gibt es die Unterscheidung zwischen eutychia und eudaimonia. Auch die Lateiner unterschieden zwischen fortuna und felicitas, die Franzosen zwischen la bonne chance und le bonheur. Das Sanskrit kennt über zehn Wörter zur Bezeichnung von Glücksempfindungen, etwa sukha für das eine angenehme Empfindung bereitende Glück, krtarthata für die Befriedigung nach einer Tat, ananda für freudige Glückseligkeit, sampad für das angenehme Körpergefühl nach Yogaübungen oder harsha für das Glücksgefühl nach dem erschreckenden Anblick einer Gottheit.Stefan Klein: Die Glücksformel oder Wie die guten Gefühle entstehen. 2004, S. 14 und 286.
Auslöser von Glücksempfindungen
Biologie
Physiologische Auslöser mini|Video: Wie entstehen Glücksgefühle?
Die Neurowissenschaften haben Einsichten in die biologischen Grundlagen von Glücksgefühlen ermöglicht. Im Zuge der anhaltend intensiv betriebenen Hirnforschung dürfte der diesbezügliche Kenntnisstand noch erweitert werden. Bedeutenden Einfluss auf Glücksempfindungen haben nachweislich Endorphine, Oxytocin sowie die Neurotransmitter Dopamin und Serotonin. Das Gehirn setzt diese Botenstoffe bei unterschiedlichen Aktivitäten frei, zum Beispiel bei der Nahrungsaufnahme, beim Geschlechtsverkehr oder beim Sport, aber auch im Zustand zufriedener Entspannung, an dem Serotonin und Endorphine beteiligt sind.
Dass chemische Substanzen große Wirkung auf unser Gefühlsleben ausüben, dass sie unsere Gemütslage kurzfristig verändern können und unser Verhalten mitbestimmen, stellt das herkömmliche Menschenbild zum Teil in Frage, meint der Autor Stefan Klein: „Wir verstehen uns als geistige Wesen, fühlen uns von Hoffnungen, Gedanken, Wünschen beseelt, nicht von Chemie. Wenn wir uns verlieben oder stolz unsere Kinder ansehen, können wir dann wirklich glauben, diese Freude am Dasein sei nichts anderes als der Strom einiger Chemikalien im Kopf?“ Aber ganz so simpel, betont Klein, seien die Zusammenhänge auch wieder nicht: „Die Formeln Dopamin gleich Lust, Oxytocin gleich Mutterliebe stimmen nur sehr bedingt – schon deswegen, weil diese Botenstoffe keine Einzeltäter sind.“ Bestimmte Neurotransmitter spielten zwar eine Hauptrolle im menschlichen Gefühlshaushalt, aber doch nur in einem vielgestaltigen Wirkungsgefüge.Klein, S. 98 f.
Von der pharmazeutischen Industrie zu medizinischen Zwecken hergestellt, werden solche Substanzen als Medikamente etwa bei Depressionen verwendet. Auch viele Drogen bewirken die Ausschüttung solcher Substanzen im Gehirn in unnatürlich hohen Dosen; aufgrund des Konsums kommt es während der Wirkungszeit zu einer ‚Überschwemmung‘ mit diesen endogenen Botenstoffen, was im Konsumenten ein intensives Glücksgefühl hervorrufen kann.
Evolutionsbiologische Grundlagen mini|Gorilla: Durch den Wohlgeschmack der Speise ausgelöste Glücksgefühle fördern als zusätzlicher Reiz das Verhalten der Nahrungsaufnahme.K. C. Berridge, M. L. Kringelbach: Affective neuroscience of pleasure: reward in humans and animals. In: Psychopharmacology. Band 199, Nummer 3, August 2008, , S. 457–480, doi:10.1007/s00213-008-1099-6. PMID 18311558, (Review).
Aus der Sicht der Evolutionsbiologie gibt es im Verhalten der Lebewesen kein bewusstes Streben nach Glück. Jedoch brachten und bringen besonders diejenigen Tiere und Menschen überlebensfähige Generationen von Nachkommen hervor, für die solche Verhaltensweisen mit angenehmen Empfindungen gekoppelt waren bzw. sind, die das eigene Überleben, den Erfolg innerhalb der sozialen Gruppe und ein sicheres Aufwachsen einer gesunden Nachkommenschaft gewährleisten.
Beim Menschen hat sich das Glücksgefühl teilweise losgelöst von der ursprünglichen Belohnungsfunktion für Verhaltensweisen, die dem Hervorbringen von Nachkommen dienen. Es werden nunmehr verschiedene Techniken angewendet, um Glücksgefühle als isoliertes Ziel zu erreichen. Dazu gehören Unterhaltung, Statussymbole und Drogen.R. M. Nesse, K. C. Berridge: Psychoactive drug use in evolutionary perspective. In: Science. Band 278, Nummer 5335, Oktober 1997, , S. 63–66. PMID 9311928. Durch die menschliche Fähigkeit des bewussten Erlebens hat dieser Wandel weitreichende Folgen. Der Anreiz einer guten Stimmung als Belohnung für „etwas“ kann nun ersetzt werden durch die Phantasie des Glücksgefühls für „nichts“.L. Kováč: The biology of happiness. Chasing pleasure and human destiny. In: EMBO reports. Band 13, Nummer 4, April 2012, , S. 297–302, doi:10.1038/embor.2012.26. PMID 22410831, .K. G. Lambert: Rising rates of depression in today’s society: consideration of the roles of effort-based rewards and enhanced resilience in day-to-day functioning. In: Neuroscience and biobehavioral reviews. Band 30, Nummer 4, 2006, , S. 497–510, doi:10.1016/j.neubiorev.2005.09.002. PMID 16253328 (Review).
Psychologie
Glücksquellen Bei einer vom Time Magazin 2004 durchgeführten telefonischen Befragung von 1000 Teilnehmern, was ihnen im Leben das größte Glück beschert habe, gab über die Hälfte der Befragten die Kinder/Enkel (35 %) oder die Familie (17 %) an, 11 % nannten ihre Religion, 9 % ihren Partner.
Eine Studie des Ökonomen Sam Peltzman zu der seit 1972 in den USA durchgeführten repräsentativen General Social Survey ergab, dass kein anderer Faktor derart wichtig für das persönliche Glück ist wie der Ehestand. Verheiratete Personen sind demnach um mehr als 30 % glücklicher als unverheiratete, und dieser Wert blieb über den Zeitablauf relativ stabil. Im Vergleich dazu ist der zweitbedeutendste Faktor, nämlich die politische Selbsteinschätzung, wesentlich weniger markant – demnach sind konservative Menschen (conservatives) nur um 9 % glücklicher als linksorientierte Menschen (liberals).
Glücksmomente im Alltag