mini|Die anatomischen Ebenen

Die Lage- und Richtungsbezeichnungen für die Körperteile der meisten Gewebetiere (inklusive des Menschen) dienen in der Anatomie zur Beschreibung der Position (situs), der Lage (versio) und des Verlaufs einzelner Strukturen. Zum Teil sind diese Termini auch Bestandteil anatomischer Namen. Während sich die standardsprachlichen Lagebezeichnungen wie „oben“ oder „unten“ je nach Körperposition ändern können, sind die anatomischen Lagebezeichnungen eindeutig, denn sie sind relativ zum Körper und damit unabhängig von seiner Position.

Bis auf die Schwämme und die radiärsymmetrischen Hohltiere (Coelenterata, Radiata) gehören alle vielzelligen Tiere (95 Prozent) zu den Bilateria (Bilateralia, „Zweiseitentiere“), die aufgrund ihrer bilateralen Körpersymmetrie (Ausnahme Stachelhäuter: Pentamerie) so genannt werden. Bilateralsymmetrisch ist ein Körper, wenn er sich entlang der Medianebene (Spiegelebene, Symmetrieebene) in zwei äußerlich gleiche spiegelbildliche Hälften teilen lässt. Anders als bei radiärsymmetrischen Gewebetieren, durch die sich viele Symmetrieebenen legen lassen (Polysymmetrie), haben die Bilateria eine eindeutige Symmetrieebene in Körperlängsrichtung (Monosymmetrie), anhand der sich verschiedene Ebenen und Richtungen definieren lassen.Hynek Burda: Allgemeine Zoologie. Verlag Eugen Ulmer, Stuttgart 2005, ISBN 3-8001-2838-1, S. 54.

In übertragener Weise werden diese Begriffe auch auf manche Einzeller, insbesondere Geißeltierchen wie etwa Dinoflagellaten angewendet. Ein Beispiel findet sich bei Lee et al. (2019).Sung Yeon Lee, Hae Jin Jeong, Ji Eun Kwon, Ji Hyun You, So Jin Kim, Jin Hee Ok, Hee Chang Kang, Jae Yeon Park: First report of the photosynthetic dinoflagellate Heterocapsa minima in the Pacific Ocean: morphological and genetic characterizations and the nationwide distribution in Korea. In: Algae, Band 34, Nr. 1, 15. März 2019, S. 7–21; Epub auf e-algae.org, doi:10.4490/algae.2019.34.2.28

Manchmal ist der Rückgriff auf die anatomische Grundposition nötig. Beim Menschen ist diese wie folgt definiert: aufrechter Stand, die Augen geradeaus, die Hände supiniert (Handflächen nach vorn); die Füße stehen parallel (siehe auch Neutral-Null-Methode).

lang=de|mini|hochkant=0.5|Von hinten

450px|mini|Anatomische Hauptrichtungen am Beispiel des Menschen 246px|mini|Anatomische Hauptrichtungen am Beispiel des Pferdes 450px|mini|Weitere anatomische Richtungen am Beispiel des Hundes Anatomische Hauptrichtungen

dorsal (lateinisch dorsalis, von dorsum ‚Rücken‘): rückenseits, rückenwärts gelegen, am Rücken gelegen ventral (lateinisch ventralis, von venter ‚Bauch‘): bauchseits, bauchwärts gelegen, am Bauch gelegen (in der Schmetterlingskunde mit dem Symbol △ dargestellt) kranial oder cranial (lateinisch cranialis, ‚schädelwärts gelegen‘, von cranium ‚Schädel‘): zum Schädel hin kaudal oder caudal (lateinisch caudalis, ‚schwanzwärts gelegen‘, von cauda ‚Schwanz‘): zum Schwanz hin (bei schwanzlosen Tieren ist das Gesäß bzw. das Steißbein hier richtungsbestimmend) proximal (lateinisch proximalis, ‚rumpfwärts gelegen‘, von proximus ‚nächster‘): zum Körperzentrum hin (abweichende Bedeutung in der Nephrologie: am Anfang des Nierenkanälchen) distal (lateinisch distalis, ‚peripherwärts gelegen‘, von distare ‚entfernt sein‘): vom Körperzentrum entfernt (abweichende Bedeutung in der Zahnmedizin, siehe unten; abweichende Bedeutung in der Nephrologie: am Nierenkanälchenende)

In Bezug auf die Medianebene (Spiegelebene der Körpersymmetrie) unterscheidet man: median (lateinisch medianus, von medium ‚Mitte‘, von medius ‚der Mittlere‘): annähernd in der Medianebene bzw. der sagittalen Mittelebene gelegen paramedian: (deutlich) neben der Medianebene gelegen medial (lateinisch medialis): zur Medianebene hin (nach der Mittelebene gelegen) lateral (lateinisch lateralis ‚seitlich gelegen‘, von latus ‚Seite‘): von der Medianebene weg, zur Seite hin anterolateral: vorne und seitlich homolateral: oder ipsilateral: auf der gleichen Seite kontralateral: auf der gegenüberliegenden Seite dexter: rechts sinister: links

Weitere allgemeine Lage- und Richtungsbezeichnungen vertikal (lateinisch verticalis, von vertex ‚Scheitel‘): ‚senkrecht‘,Heinz Feneis: Anatomisches Lexikon der internationalen Nomenklatur. Mit Zeichnungen von Gerhard Spitzer. Thieme, Stuttgart 1970; 3. unveränderte Auflage unter dem Titel Anatomisches Bildwörterbuch der internationalen Nomenklatur ebenda 1972, ISBN 3-13-330103-9, S. 375. entlang der Linie vom Scheitel zur Sohle horizontalis ‚waagerecht‘ postkranial oder postcranial: ‚hinter dem Schädel‘ (beim Menschen: unterhalb), also Rumpf und Gliedmaßen betreffend profund (lateinisch profundus ‚tief‘, ‚in der Tiefe gelegen‘): in tieferen, oberflächenfernen Geweben des Körper(teil)s gelegen superfizial (lateinisch superficialis ‚oberflächlich‘, ‚oberflächlich gelegen‘): nahe der oder an der Oberfläche des Körper(teil)s gelegen terminal am Ende gelegen subterminal nicht ganz am Ende gelegen apikal (lateinisch apex ‚Spitze‘) an der Spitze gelegen (vgl. Apex cordis „Herzspitze“, Apex linguae „Zungenspitze“, Apex nasi „Nasenspitze“), davon abgeleitet antapikal an der Spitze von vorne, subapikal (direkt) hinter der Spitze befindlich,Guillardia D.R.A.Hill & R.Wetherbee, 1990. AlgaeBase basal die Basis bildend, am Grunde, grundständig parabasal neben der Basis befindlich intrakorporal (von lateinisch intra ‚innerhalb‘, corpus ‚Körper‘): innerhalb des Körpers internus (lateinisch für ‚der Innere‘) externus (lateinisch für ‚der Äußere‘) ektop am falschen Ort gelegen (→ Ektopie) zentral näher zur Mitte, nichtperipher peripher fern vom KörperstammWolfgang Miehle: Gelenk- und Wirbelsäulenrheuma. Eular Verlag, Basel 1987, ISBN 3-7177-0133-9, S. 175.

Lage- und Richtungsbezeichnungen am Rumpf Neben den üblichen Bezeichnungen für die Hauptrichtungen verwendet man in der Humananatomie im Bereich des Rumpfes häufig die Begriffe anterior (von lateinisch ante ‚vor‘): vorderer, vorn liegend (beim Menschen identisch mit ventral) posterior (von lateinisch post ‚hinter‘): hinterer, hinten liegend (beim Menschen identisch mit dorsal) inferior (von lateinisch infra ‚unter‘): unterer, der untere, unten liegend (beim Menschen identisch mit kaudal) superior (von lateinisch super ‚über‘): oberer, der obere, oben liegend (beim Menschen identisch mit kranial) Obige Begriffe sind in der Tieranatomie ausschließlich am Kopf erlaubt.

In Bezug auf die Wirbelsäule: prävertebral: vor der Wirbelsäule paravertebral: neben der Wirbelsäule

In Bezug auf das Brustbein: retrosternal: hinter dem Brustbein parasternal: seitlich des Brustbeins

Lage- und Richtungsbezeichnungen am Kopf mini|Bezugsrichtungen der ana­tomi­schen Attribute rostral und kaudal (okzipital) bei einem menschlichen Schädel, Hinterhauptsbein (Os occipitale) grün hervorgehoben. Man beachte, dass die „Rostro-Occipital-Achse“ beim Schädel des Menschen um ca. 90° gebogen ist, während sie bei nahezu allen anderen Wirbeltieren gestreckt ist. Am Kopf ist die Bezeichnung kranial nicht sinnvoll. Für an der Vorderseite des Schädels gelegene oder zur Vorderseite bzw. zum vorderen Ende des Schädels hin orientierte Strukturen verwendet man daher die Begriffe: rostral (lateinisch rostrum ‚Schnabel‘, ‚Rüssel‘): an der Kopfvorderseite, schnauzen- oder schnabelwärts oral (lateinisch os ‚Mund‘): am Mund, im Mund, mundwärts; den Mund betreffend, dazu gelegentlich: adoral: am Mund postoral: hinter der Mundöffnung

Für hinten liegende Strukturen verwendet man auch den Begriff: aboral: vom Mund weg gelegen okzipital oder occipital (lateinisch occiput ‚Hinterhaupt‘): zum Hals (bzw. zur Kontaktebene zwischen Kopf und Hals) hin gelegen (→ Hinterhauptbein).

Statt lateral und medial verwendet man am Kopf, insbesondere am Auge, auch die Begriffe: temporal (lateinisch temporalis, von tempus ‚Schläfe‘): schläfenwärts, also seitlich (lateral) nasal (lateinisch nasus ‚Nase‘): nasenwärts, zur in der Mitte gelegenen Nase hin (medial)

Lage- und Richtungsbezeichnungen für die Gliedmaßen Während bis zur Hand- bzw. Fußwurzel noch die gleichen Bezeichnungen wie am Rumpf gelten, verwendet man für die GliedmaßenVgl. Heinz Feneis: Anatomisches Lexikon der internationalen Nomenklatur. Mit Zeichnungen von Gerhard Spitzer. Thieme, Stuttgart 1970; 3. unveränderte Auflage ebenda 1972, ISBN 3-13-330103-9, S. 375 (Termini ad membra spectantes. Richtungsbezeichnungen für die Gliedmaßen). Hand bzw. Fuß: mini dorsal (lat. dorsum manus ‚Handrücken‘ und dorsum pedis ‚Fußrücken‘): zum Hand- bzw. Fußrücken hin gelegen palmar (lateinisch palmaris ‚handtellerwärts gelegen‘, von palma manus ‚Handfläche‘): handflächenseitig volar: hohlhandseitig, identisch mit palmar plantar (lateinisch plantaris ‚fußsohlenwärts gelegen‘, von planta pedis ‚Fußsohle‘): fußsohlenseitig axial (lat. axis ‚Achse‘): zu einer gedachten Gliedmaßenachse hin gelegen abaxial: von der gedachten Gliedmaßenachse weg gelegen Durch die mögliche Rotation des Unterarms und des Unterschenkels sind die Bezeichnungen medial und lateral nicht eindeutig definiert. Daher sagt man normalerweise beim Unterarm ulnar: (lateinisch ulnaris, ‚ulnarwärts gelegen‘) zur Elle (Ulna) hin (statt medial) radial: (lateinisch radialis ‚radialwärts gelegen‘) zur Speiche (Radius) hin (statt lateral) und in gleicher Weise beim Unterschenkel tibial: (lateinisch tibialis ‚tibialwärts gelegen‘) zum Schienbein (Tibia) hin fibular: (lateinisch fibularis ‚fibularwärts gelegen‘) zum Wadenbein (Fibula) hin

Lage- und Richtungsbezeichnungen bei Körperhöhlen In den Körperhöhlen verwendet man zusätzlich die Begriffe: parietal (lat. paries ‚Wand‘): zur Wand eines Organes oder zur Leibeswand gehörig; wandständig, seitlich. Der Begriff kann auch den Scheitelbereich bezeichnen (lat. os parietale „Scheitelbein“). viszeral (lat. viscera ‚Eingeweide‘): zu den Eingeweiden hin gelegen, zu den Eingeweiden gehörend thorakal (lat. thorax ‚Brustkorb‘): am Brustkorb, im Brustkorb intrathorakal: innerhalb des Brustkorbs, z. B. intrathorakaler Druck abdominal (lat. abdomen ‚Bauch‘): am Bauch, im Bauch intraabdominal: innerhalb der Bauchhöhle, z. B. intraabdominales Fett intraperitoneal: innerhalb der Bauchhöhle im Bereich des Bauchfells

Adjektivbildungen zu weiteren Körperteilen Zu praktisch allen Körperteilen und Organen können Adjektive gebildet werden, um die Zugehörigkeit zu bezeichnen. Dazu wird der lateinische Wortstamm in der Regel mit der Endsilbe -al versehen, zum Beispiel anal (lat. anus, After) genital (lat. genitale, Geschlechtsorgan) intestinal (lat. intestinum ‚Darm‘) laryngeal (lat. larynx ‚Kehlkopf‘) nuchal (lat. nucha ‚Nacken‘) sakral (lat. os sacrum ‚Kreuzbein‘) spinal (lat. spina ‚Wirbelsäule‘) zervikal (lat. cervix ‚Hals‘)

Mit Präfixen wie sub (unter) und supra (über) können Positionen relativ zu dem Körperteil oder Organ angegeben werden, zum Beispiel extrauterin (lat. uterus ‚Gebärmutter‘): außerhalb der Gebärmutter, vgl. Extrauteringravidität infraorbital (lat. orbita Augenhöhle), unterhalb der Augenhöhle (z. B. Nervus infraorbitalis) retrosternal (lat. sternum ‚Brustbein‘): hinter dem Brustbein sublingual (lat. lingua ‚Zunge‘): unter der Zunge supratrochlear (lat. trochlea ‚Rolle‘), z. B. Nervus supratrochlearis infrarenal (lat. ren ‚Niere‘): unter der Niere beziehungsweise unterhalb des Abgangs der Nierenarterien paraaortal (lat. aorta ‚Hauptschlagader‘): neben der Aorta

Lage- und Richtungsbezeichnungen an den Zähnen Bei den Zähnen sind sonst übliche Bezeichnungen wie medial („zur Mitte“) wegen der Krümmung des Zahnbogens nicht brauchbar. Stattdessen werden andere Bezeichnungen wie mesial verwendet. Die Bezeichnung distal hat beim Gebiss eine spezifische Bedeutung.

Die einzelnen Zähne selbst werden mit dem Zahnschema bezeichnet, wobei heute fast ausschließlich das EDV-gerechte FDI-Schema gebräuchlich ist.