mini|Albert Dietrich, Fotografie um 1890 (Bild: NLA, Abt. Oldenburg) mini|Geburtshaus von Albert Dietrich in Golk bei Meißen. Albert Hermann Dietrich (* 28. August 1829 im Forsthaus Golk bei Meißen; † 20. November 1908 in SchönebergSterberegister StA Schöneberg I Nr. 1710/1908) war ein deutscher Komponist und Dirigent.
Leben Frühe Jahre und Ausbildung mini|Johannes Brahms widmete die Klavierlieder Opus 7 seinem Freund Albert Dietrich. Albert Dietrich wurde als Sohn des königlich-sächsischen Revierförsters Hermann Dietrich und seiner Ehefrau Carolina geb. Heydeck geboren. Er erhielt schon in jungen Jahren Musikunterricht durch einen Hauslehrer und ab 1842 seinen ersten Unterricht in Komposition an der Kreuzschule in Dresden, u. a. bei dem Kreuzkantor Julius Otto. Während seines Studiums der Rechtswissenschaften in Leipzig nahm Dietrich ab 1847 Privatunterricht am Leipziger Konservatorium bei Ignaz Moscheles, Julius Rietz und Moritz HauptmannPhilip Förster: Albert Hermann Dietrich, auf Schumann-Portal, abgerufen am 14. März 2016, und wurde im Winter 1847/48 Mitglied der Leipziger Universitäts-Sängerschaft zu St. Pauli (heute Deutsche Sängerschaft).Gesamtverzeichnis der Pauliner vom Sommer 1822 bis Sommer 1938, Leipzig 1938, Seite 21
Freundschaft zum Schumannkreis 1851 ging Dietrich nach Düsseldorf und wurde Schüler von Robert Schumann. Dieser widmete ihm 1853 die Komposition Märchenerzählungen (op. 132). Dietrich gehörte zum engsten Freundeskreis um Clara Schumann, Joseph Joachim und Johannes BrahmsSeinem Freund Dietrich widmete Johannes Brahms die Sechs Gesänge für eine Singstimme und Klavier op. 7, Leipzig 1854. und erlebte den geistigen Zusammenbruch Robert Schumanns aus nächster Nähe. In diesem Kreis lernte er seine zukünftige Frau Clara Emilie Sohn (* 11. November 1834 in Düsseldorf) kennen, eine Tochter des Malers Karl Ferdinand Sohn, die er am 15. August 1859 in Düsseldorf heiratete. Beide hatten zwei Kinder, Max und Clara.http://digital.lb-oldenburg.de/ihd/content/zoom/153883 Schumann, Brahms und Dietrich komponierten 1853 zusammen für ihren Freund Joachim eine Violinsonate mit dem Titel „Frei, aber einsam“ (das Lebensmotto des jungen Joseph Joachim). Dies trug dazu bei, dass Dietrichs Name nicht völlig in Vergessenheit geriet. Zusammen mit Brahms, Joachim u. a. gehörte er zu den Trauergästen, die Schumann nach dessen frühzeitigem Tod im Jahr 1856 das letzte Geleit gaben.
Schon 1854 war Dietrich nach Leipzig zurückgekehrt und konnte dort bald die Aufführung einer eigenen Symphonie (in F-Dur) mit dem Gewandhausorchester unter seinem dortigen Lehrer und Kapellmeister Julius Rietz erleben. Diese frühe Symphonie Dietrichs gilt heute als verschollen.Eine Rezension der Symphonie F-Dur findet sich im „Leipziger Brief“ der Rheinischen Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler, Jg. 1855, Heft 1, S. 4 (digital) Im Sommer 1855 übernahm er als Nachfolger des ebenfalls mit Clara und Robert Schumann befreundeten Dirigenten und Geigers Wilhelm Joseph von Wasielewski die Leitung der Abonnementskonzerte der Bonner Konzertgesellschaft und des dortigen Gesangsvereins. Als Dietrich das Angebot vorlag, als Musikdirektor nach Barmen zu gehen, wurde 1859 auch seine Bonner Stelle in die eines Musikdirektors umgewandelt.
Tätigkeit in Oldenburg mini|Namenszug Albert Dietrichs Am 12. März 1861 wurde Dietrich als Hofkapellmeister an das Oldenburgische Staatstheater berufen. Die Berufung verdankte er einer Vermittlung seines Freundes Joseph Joachim. Ausschlaggebend dafür waren Dietrichs Leistung und sein Bekanntheitsgrad als Komponist. Dies war nicht ungewöhnlich in einer Epoche, in der Musiker, die allein durch das Dirigieren zu Ruhm gelangten, noch sehr selten waren. Wie sein Vorgänger August Pott musste er neben der Leitung der Hofkapelle den Musikunterricht der Großherzogin übernehmen. Für den Gesangsunterricht am Lehrerseminar erhielt er ein zusätzliches Einkommen. Obwohl seine Gehaltsvorstellungen trotzdem nicht erfüllt wurden, brachte die Anstellung in der Residenz für ihn im Vergleich zum städtischen Amt in Bonn eine wesentliche Erweiterung seiner Möglichkeiten mit sich.
Auch für das Oldenburger Konzertleben des 19. Jahrhunderts stellte die Anstellung Dietrichs einen Glücksfall dar, da er nicht nur ein vorzüglicher Dirigent, Pianist und Komponist war, sondern der Stadt durch seine intensiven persönlichen Beziehungen zum Schumannkreis auch wertvolle Kontakte eröffnete. Diese wirkten sich in den kommenden Jahrzehnten überaus fruchtbar aus, da Clara Schumann, Josef Joachim und Johannes Brahms häufig in Oldenburg konzertierten, das unter Dietrich zu einer dauernden Pflegestätte ihrer Musik wurde. Dank der Freundschaft zu Dietrich erschien Johannes Brahms auch mehrfach als Dirigent vor der Hofkapelle. Neben seiner Tätigkeit als Hofkapellmeister dirigierte Albert Dietrich fast 30 Jahre lang – von 1861 bis 1890 – die Konzerte des Oldenburger Singvereins. Bei einigen Konzerten traten der Singverein und die Hofkapelle auch gemeinsam auf, so zum Beispiel 1881 mit Dietrichs Konzertstück „Rheinmorgen“ für gemischten Chor und Orchester op. 31. Zu Dietrichs Tätigkeit als Leiter des Oldenburger Singvereins vgl. Johannes Wolfram: Geschichte des Oldenburger Singvereins von 1821 bis 1896. Festschrift zum fünfundsiebzigjährigen Jubiläum des Vereins, Oldenburg 1896, S. 58–73. Nach der Rückkehr des Dirigenten (und Vareler Stadtdirektors) Dietrich Klävemann nach Oldenburg (1880) dirigierte Albert Dietrich in den 80er Jahren auch die Konzerte des angesehenen Vareler Singvereins. Vgl. zum Beispiel den Bericht in der Vareler Tageszeitung "Der Gemeinnützige" vom 12. Dezember 1889 In dieser Zeit stand Dietrich in Verbindung mit dem Dichter Theodor Storm (1817–1888) und dessen Sohn Karl, der seit 1878 in Varel als privater Musiklehrer tätig war und bei einigen Konzerten des Singvereins solistisch mitwirkte.Vgl. Briefe von und an Theodor Storm (aus den Jahren 1878ff.) in der Handschriftensammlung der Schleswig-Holsteinischen Landesbibliothek KielZu Albert Dietrichs Wirken in Varel, insbes. zu seiner Zusammenarbeit mit dem Künstler Julius Preller sowie der Verbindung zu Theodor und Karl Storm vgl.: Dirk Meyer, Hans Sauer, Andreas von Seggern: Julius Preller. Der Fabrikant als Maler, Oldenburg 2022, S. 69 und 81ff.
Seit 1888 war Albert Dietrich Mitglied der Königlichen Akademie der Künste zu Berlin. 1899 wurde ihm vom preußischen König der Titel Professor und ein Jahr später der Rote Adlerorden verliehen.
Am 1. Mai 1890 wurde Dietrich aus gesundheitlichen Gründen pensioniert. Hinter ihm lagen zu dieser Zeit schwere berufliche Konflikte mit dem intriganten Konzertmeister der Hofkapelle, Richard Eckhold, und tragische familiäre Erlebnisse. Sein Nachfolger wurde Ferdinand Manns. Er verlegte seinen Alterswohnsitz zunächst nach Leipzig. Zuletzt lebte er in Schöneberg bei Berlin, wo er 1908 in seiner Wohnung in der Geisbergstraße 29 starb. Dietrich war zu Lebzeiten ein anerkannter und häufig aufgeführter Komponist.Rezension der Doppel-CD in der Zeitschrift Klassik heute
Postume Rezeption Dietrichs Werk geriet ohne ersichtlichen Grund weitgehend in Vergessenheit. 2008 erschienen erstmals seine drei wohl gewichtigsten Werke auf CD: die Symphonie d-Moll, Violinkonzert sowie Romanze op. 27 für Horn & Orchester. Das Oldenburgische Staatsorchester spielte sie unter Leitung von Alexander Rumpf ein und würdigte damit auch seinen ehemaligen Kapellmeister Dietrich. 2017 erschien beim Label cpo eine CD „Albert Dietrich: Cellosonate, Klavierstücke“, eingespielt durch den Pianisten Friedrich Thomas und den Cellisten Alexander Will, u. a. mit der Sonate für Piano und Cello von 1868 op. 15.Jens-Uwe Sommerschuh: Der sächsische Brahms - eine feine CD erinnert an den heute oft unterschätzten Musiker. In: Sächsische Zeitung vom 12. Januar 2018, S. 14. Auch Dietrichs Konzert für Violoncello und Orchester g-Moll op. 32 ist auf Tonträger zu hören, interpretiert von dem Cellisten Alban Gerhardt und dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin auf der CD The Romantic Cello Concerto, Vol. 2 beim Label Hyperion. Bereits im Jahr 2000 wurden die beiden Klaviertrios (op. 9 und op. 14), gespielt von Aldo Orvieto (Klavier), Dora Bratschkowa (Violine) und Michel Dispa (Cello), auf einer CD veröffentlicht (Label: Dynamic). Die zusammen mit Robert Schumann und Johannes Brahms komponierte Violinsonate Frei aber einsam („F.A.E.-Sonate“) wurde auf zahlreichen CDs aufgenommen, so z. B. 2014 von der Geigerin Isabelle Faust und dem Pianisten Alexander Melnikov (Label: harmonia mundi). 2024 erschien beim Label Naxos eine von dem Dirigenten Christoph König mit den Solistes Européens Luxembourg eingespielte Aufnahme der Sinfonie op. 20, des Violinkonzertes op.30 (Solist: Klaidi Sahatçi) und der Ouverture op. 35.
Werk mini|Albert Dietrich, Sinfonie d-Moll, 1870, Titelblatt der Partitur mit der Widmung an Johannes Brahms.Kammermusik erster Satz der „FAE“-Sonate („frei aber einsam“) für Violine und Klavier a-Moll (Die Sonate war eine Gemeinschaftskomposition mit Schumann und Brahms), 1853 (Digitalisat: ) Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 1 c-Moll op. 9 (Robert Schumann gewidmet) Trio für Klavier, Violine und Violoncello Nr. 2 A-Dur op. 14 (Clara Schumann gewidmet) (Digitalisat: ) Sonate für Violoncello und Klavier C-Dur op. 15, Erstdruck: Musikverlag Aug. Fr. Cranz, Hamburg ca. 1877, Widmung: Herrn Dr. Julius Rietz gewidmet. 1. Moderato espressivo, non troppo lento 2. Allegro con fuoco - Poco più lento 3. Poco adagio - Adagio 4. Allegro con spirito Einleitung und Romanze für Violoncello und Klavier (kammermusikalische Fassung des Konzertstücks op. 27) Klaviermusik 4 Klavierstücke op. 2 (Erstdruck: Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1853) 1. In mäßigem Wanderschritt 2: Canon. Langsam mit innigem Ausdruck 3: Sehr lebhaft mit keckem Vortrag 4: Sehr ruhig, ausdrucksvoll Sechs Klavierstücke op. 6, Erstdruck: Verlag von C. Luckhardt, Kassel und Leipzig 1855, Widmung: Seinem Freunde Oscar Lindhulst zugeeignet 1. Allegretto 2. Ziemlich langsam 3. Langsam, sehr ausdrucksvoll 4. Lebhaft 5. Mässig, im Menuettempo 6. Larghetto Sonate für Klavier zu vier Händen G-Dur op. 19, Leipzig-Winterthur 1870 (Rieter-Biedermann Musikverlag), Widmung: Seiner lieben Clara zu fleißigem Gebrauch von ihrem Vater. (Digitalisat: ) 1. Allegretto 2. Scherzo: Vivace 3. Andante sostenuto 4. Lento – Allegro vivace – Con fuoco, non troppo presto Konzerte Einleitung und Romanze - Konzertstück für Horn (oder Violoncello) mit Begleitung des Orchesters (oder Pianoforte) F-Dur op. 27, Erstdruck: Hamburg 1874 im Musikalienverlag Hugo Pohle (Ferdinand WesterhausenDer Widmungsträger Ferdinand Westerhausen war Hornist der Hofkapelle in Oldenburg. gewidmet) Konzert für Violine und Orchester d-Moll op. 30, Uraufführung: 2. Februar 1874 in Oldenburg (Dirigent: Albert Dietrich, Solist: Johann Lauterbach), Erstdruck: Hamburg 1875 im Musikalienverlag Hugo Pohle (Johann Lauterbach gewidmet) Konzert für Violoncello und Orchester g-Moll op. 32 Orchesterwerke Sinfonie F-Dur o. op. (uraufgeführt 1854 in Leipzig; die Sinfonie gilt heute als verschollen) Sinfonie d-Moll op. 20 (Brahms gewidmet)Die einzige Sinfonie Dietrichs erfreute sich sowohl in der musikalischen Fachwelt als auch beim zeitgenössischen Konzertpublikum einer großen Beliebtheit. In zwei Nummern der Allgemeinen Musikalischen Zeitung (VI. Jg., Nr. 17, S. 257ff. und Nr. 18, 273ff., Leipzig 1871) erschienen eine umfassende Würdigung und eingehende Analyse des Werkes (Online). Auch der angesehene Musikwissenschaftler Hermann Kretschmar (1848–1924) zählte zu den zahlreichen zeitgenössischen Bewunderern. In seinem populären Führer durch den Concertsaal (Leipzig 1887, S. 262ff.) bezeichnete er die Komposition als "eins der anziehendsen Kunstwerke der neueren Zeit". (Online) Normannenfahrt; Ouvertüre für großes Orchester op. 26, Erstveröffentlichung 1872 (Reinhard von Dalwigk gewidmet)