mini|300px|Pancho Villa (vermutlich erste Jahreshälfte 1911)

Francisco Villa (Spitzname Pancho, ursprünglicher Name Doroteo Arango Arámbula; * 5. Juni 1878 bei San Juan del Río, Durango; † 20. Juli 1923 in Parral, Chihuahua, Mexiko) war einer der prominentesten Generäle der Mexikanischen Revolution.

Villa war ein Guerilla-Kommandant, der in der mexikanischen Revolution gegen die Diktatur von Präsident Porfirio Díaz kämpfte. Nach dem Ende der mexikanischen Revolution wurde Villa von der neuen Regierung als Ikone dargestellt, obwohl vermutet wurde, dass er von ebendieser Regierung umgebracht worden war. Für Anhänger des Diktators Díaz war Pancho ein blutrünstiger Bandit, für die Mehrheit der damaligen Bevölkerung hingegen der „mexikanische Robin Hood“.

Leben Kindheit und Jugend Die frühen Jahre des späteren Volkshelden Pancho Villa liegen im Dunklen. Zahllose, einander nicht selten widersprechende Geschichten und Anekdoten über die ersten Jahrzehnte seines Lebens machen es nahezu unmöglich, Wahres von Falschem, Sicheres von Unsicherem oder gar Erfundenem zu scheiden. Friedrich Katz, Autor einer der maßgeblichen Villa-Biografien, unterscheidet im Zusammenhang mit den Berichten nicht nur über Villas frühe Jahre, sondern auch sein späteres Leben, drei Grundvarianten, die er als die „white legend“, die „black legend“ und die „epic legend“ bezeichnet. Die erste, die hauptsächlich auf Villas eigenen Erinnerungen und Mitteilungen basiert, stellt ihn als Opfer des Porfiriato, der Herrschaft von Porfirio Díaz dar, die ihm letztlich den Eintritt in ein geruhsames und beschauliches Leben, das er zu führen gewillt gewesen sei, verwehrt habe; die zweite Legende ist hauptsächlich Villas Feinden zuzuschreiben und schildert ihn als einen teuflischen Mörder ohne ausgleichende Eigenschaften und besondere menschliche Qualitäten. Die dritte Villa-Legende wiederum verdankt ihre Existenz hauptsächlich der Volksüberlieferung der Revolutionszeit, wie sie in zahlreichen Balladen und Corridos zum Ausdruck kommt. Sie porträtiert Villa als unermüdlichen Kämpfer für die Rechte des kleinen Mannes und überragende Heldengestalt, deren Bedeutung bereits im vorrevolutionären Chihuahua weit größer dargestellt wird als in den beiden anderen Erzählkreisen.Friedrich Katz: The Life and Times of Pancho Villa. Stanford, California: Stanford University Press, 1998, ISBN 0-8047-3046-6, S. 2.

Ein Faktum, in dem alle genannten Erzählkreise übereinstimmen, ist, dass Villa 1878 als Sohn der Micaela Arámbula und des Agustín Arango auf der südlich von San Juan del Río gelegenen Rancho de la Coyotada geboren wurde, die eine der größten Haziendas im Bundesstaat Durango war und sich im Besitz der Familie López Negrete befand. Villas Eltern bearbeiteten ein kleines Stück Land als Naturalpächter und gaben ihrem Sohn den Namen José Doroteo Arango Arámbula. Nachdem Villas Vater bereits in seiner frühen Kindheit verstorben war, musste die Mutter alleine für ihn und seine Geschwister Antonio, Hipólito, Maríanita und Martina sorgen.Katz (1998), S. 2f. Villas späterer Darstellung zufolge, deren Wahrheitsgehalt unter Historikern allerdings strittig ist, begann „die Tragödie meines Lebens“ am 22. September 1894 auf der Hacienda de Gogojito, wo die Familie, deren Oberhaupt er nach dem Tod des Vaters geworden war, weiterhin als Naturalpächter eine kärgliche Existenz fristete. Als er an diesem Tag von der Arbeit nach Hause kam, wurde er Zeuge des Versuches von Don Agustín López Negrete, „des Herrn, des Besitzers der Leben und der Ehre von uns armen Leuten“, sich einer seiner Schwestern zu bemächtigen. Wutentbrannt schoss Villa Negrete in das Bein. Als fünf bewaffnete Männer von dessen Gefolge ihrem Herrn zu Hilfe kommen wollten, hielt dieser sie davon ab, den jungen Doroteo zu töten, und ließ sich nach Hause bringen. Diese Atempause nutzte Doroteo zur Flucht, da er sich sicher war, dass dieser Vorfall für ihn ein Nachspiel haben würde.Vgl. Katz (1998), S. 3. – Anzumerken ist, dass hinsichtlich der Person des Agustín López Negrete ebenfalls Unklarheiten bestehen. Manche Darstellungen sprechen davon, dass es sich bei ihm um den Sohn des Hacendados handelte, andere davon, dass er dessen Verwalter gewesen sei. Dass López Negrete im Begriff war, Villas Schwester zu vergewaltigen, wird nicht explizit erwähnt. Aus dem Erzählkontext geht ein sexuelles Motiv aber zweifelsfrei hervor. Zu diesen und anderen Details der Berichte über Villas frühe Jahre vgl. auch McLynn (2001), S. 58–61.

Doroteo Arango flüchtete in die Berge Durangos und führte fortan das Leben eines Outlaws. Mit Glück, List und Tücke gelang es ihm mehrmals, den Häschern, die ausgesandt worden waren, um ihn zu fassen, zu entkommen. In dieser Zeit änderte er auch seinen Namen in Francisco (Pancho) Villa, da sein Vater ein unehelicher Sohn eines gewissen Jesús Villa gewesen war.Katz (1998), S. 3. – Immer wieder ist auch zu lesen, Villa habe sich den Namen eines getöteten Banditenführers zugelegt, was allerdings frei erfunden ist. Ferner beschloss er, sich einer Bande anzuschließen, da er erkannt hatte, dass es auf Dauer zu gefährlich war zu versuchen, allein am Leben zu bleiben. Sein Eintritt in die Gang der beiden Outlaws Ignacio Parra und Refugio Alvarado bot ihm nicht nur bessere Überlebenschancen, sondern bescherte ihm auch beträchtliche Beuteanteile aus deren Raubzügen. Mit seiner Beute unterstützte Villa seinen Erzählungen zufolge seine Familie und die Armen, führte zwischenzeitlich ein sesshaftes Leben und kehrte wieder zum Leben als Bandit zurück, wenn seine finanziellen Mittel verbraucht waren. Dabei schloss er sich im Laufe der Jahre jeweils verschiedenen Banditenbanden an.Vgl. Katz (1998), S. 4–8, mit diversen weiteren Details, wie sie in der „weißen“, „schwarzen“ und „heroischen Legende“ erzählt werden.

Innenpolitische Situation Unter der Herrschaft Porfirio Díaz’, dem Porfiriato, öffnete sich Mexiko ausländischen, allen voran US-amerikanischen Unternehmen, für Investitionen. Die Berater von Díaz, die Científicos, hatten in Europa oder den USA studiert und brachten westeuropäische Regierungserfahrung ein.

In der zweiten Amtszeit von Díaz ab 1884 war es innenpolitisch relativ ruhig, weil weite Bevölkerungskreise der Mestizen und der Indios unterdrückt wurden. Vom wirtschaftlichen Aufschwung profitierten neben ausländischen Firmen nur die Großgrundbesitzer. Das Motto lautete: „Orden y Progreso“ („Ordnung und Fortschritt“). Indianer und abhängige Bauern wurden mit allen Mitteln zur Abtretung ihres Bodens an Großgrundbesitzer gezwungen. 1910 verfügte 1 % der Bevölkerung Mexikos über 96 % des Bodens,Volker Depkat: Geschichte Nordamerikas. Eine Einführung (= UTB 2614), Böhlau Verlag, Köln-Weimar-Wien 2008, ISBN 978-3-8252-2614-5, S. 104. fast 97 % der Landbevölkerung hatten keinen Grundbesitz.

US-Firmen beherrschten den größten Teil der Wirtschaft: Bergbaufirmen, die Erdölförderung und die Eisenbahnen. Die einfachen Indios galten höchstens als Menschen zweiter Klasse und durften z. B. die Bürgersteige nicht benutzen. Die Landarbeiter, peones, wurden mancherorts wie Sklaven gehalten, obwohl Díaz selbst auch indigene Vorfahren hatte.

Der Beginn von Villas Karriere als Revolutionsführer Die Karriere Pancho Villas als Robin Hood Mexikos begann um 1900, als er sich mit seinen Anhängern in den Sierras etablierte. Zwischen 1900 und 1909 wurde er zum Helden der armen Landbevölkerung. 1910 schloss sich Villa seinem politischen Vorbild Francisco Madero und dessen Revolutionstruppen an. Aus Pistoleros wurden Revolutionäre. Er finanzierte seine Truppe, indem er von den endlosen Weiden in Nordmexiko Vieh stahl und an der Grenze zu den USA verkaufte oder gegen Gewehre und Munition eintauschte.

Madero, ein reicher Landbesitzer aus Parras, entwickelte die politischen Ideale basierend auf Liberalismus, Demokratie sowie Theosophie und befürwortete freie Wahlen. Díaz hingegen lehnte das ab. Daraufhin veröffentlichte Madero sein Werk Plan de San Luis Potosí, ein Dokument, das den bewaffneten Widerstand gegen Díaz forderte und als geistiger Kern der mexikanischen Revolution angesehen wurde. 1908 veröffentlichte er das einflussreiche Buch La sucesión presidencial de 1910, in dem er die Begriffe des Stimmrechts und der Demokratie erläuterte. Zusammen mit Villa und dem Bauernführer Emiliano Zapata zwangen sie 1911 die Regierung Díaz zum Rücktritt. Díaz ging ins Exil nach Paris.

Francisco Madero wurde im November 1911 Präsident von Mexiko und während der folgenden Regierungszeit diente Villa unter General Victoriano Huerta. Unter Ausnutzung seiner politischen Unerfahrenheit wurde er dazu benutzt, rebellische Gruppierungen, die sich gegen die Regierung Maderos stellten, zu entwaffnen. Diese entstammten einerseits dem Umfeld des anarchistischen Partido Liberal Mexicano und andererseits der bäuerlichen Landbevölkerung.

Im November 1911 veröffentlichten die Zapatistas den Plan von Ayala, ein politisches Programm, mit dem unter anderem die Landenteignungen der Bauern – unter der Díaz-Regierung zugunsten von Großgrundbesitzern vorangetrieben – rückgängig gemacht werden sollten. Das bedeutete die Enteignung eines Drittels des Landes zur Verteilung an landlose Bauern und die Verstaatlichung aller Ländereien der Großgrundbesitzer, die sich diesem Plan widersetzen.

Anschluss an neue Aufstände und Flucht in die USA Da Madero keine der Reformen umsetzte, die er in seinen Schriften gefordert hatte, und auch nur mit der Gnade der „unreformierten“ Armee regierte, schloss sich Villa den erneut aufflammenden Aufständen der Bauern gegen Madero an. Villa wurde 1912 gefangen genommen, erst vor ein Erschießungskommando gestellt, jedoch von Huerta begnadigt und stattdessen zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gefängnis lernte er Gildardo Magaña kennen, der ihn Lesen und Schreiben lehrte und Villa mit der Ideologie des Anarchosyndikalismus bekannt machte. Heiligabend gelang ihm die Flucht aus dem Militärgefängnis von Santiago Tlatelolco in Mexiko-Stadt. Er sägte die Eisenstäbe seiner Zelle durch, während vor dem Gefängnis laut Volkslieder gesungen wurden.

Er flüchtete nach Texas/USA, in ein heruntergekommenes Hotel in El Paso. Zur Sicherheit, um Spionen zu entgehen, liefen seine Kontakte über Brieftauben.

General Félix Díaz, ein Neffe von Porfirio Díaz, versuchte im gleichen Jahr, gegen Madero zu putschen. Seine Palastrevolte scheiterte und er wurde verhaftet. Rebellierende Generäle wie Manuel Mondragón, Gregorio Ruiz u. a. schmiedeten weiterhin Umsturzpläne. Sie befreiten Félix Díaz aus dem Zuchthaus. Konterrevolutionäre Truppen versuchten den Nationalpalast einzunehmen. Die Revolte wurde jedoch von loyalen Regierungstruppen Maderos vor dem Palast niedergeschlagen. Madero vertraute General Victoriano Huerta, einem Zögling Porfirio Díaz’, und ernannte ihn zum Oberbefehlshaber der Streitkräfte.

Im Februar 1913 verriet Victoriano Huerta seinen liberalen Präsidenten Madero. Es gab einen Armeeputsch, und Präsident Madero wurde inhaftiert. Huerta übernahm am 19. Februar 1913 das Präsidentenamt. Drei Tage später, am 22. Februar, wurde Francisco Madero beim Transport vom Nationalpalast zum Staatsgefängnis „auf der Flucht“ erschossen.

Dem neuen und de facto diktatorisch regierenden Machthaber Huerta stellte sich eine Koalition nahezu aller revolutionären Kräfte entgegen. Deren politischer Anführer war der Gouverneur von Coahuila, Venustiano Carranza. Er erkannte dem Usurpator Huerta das Recht auf die Präsidentschaft ab, rief das Volk zu den Waffen und beanspruchte für sich den Posten des obersten Heerführers der „konstitutionalistischen“ bzw. der „verfassungstreuen“ Streitkräfte.

Rückkehr nach Mexiko und neue Revolutionskämpfe mini|300px|Pancho Villa (3. v. r.; 1913)