mini|Beispiele verschiedener Monatspackungen mini|Die erste Antibabypille im Museum Europäischer Kulturen in der Sonderausstellung Hochzeitsträume
Die sogenannte Antibabypille, auch als Verhütungspille und kurz Pille bezeichnet, ist ein hormonelles Verhütungsmittel (Kontrazeptivum) zur Einnahme. Die Wirkung entsteht durch eine Unterdrückung des Eisprungs (Ovulationshemmung).
Es handelt sich um ein regelmäßig einzunehmendes Hormonpräparat, das synthetische weibliche Hormone, ein Östrogen und ein Gestagen, in unterschiedlicher Zusammensetzung und Dosis enthält. Sie verhindern die Reifung der Eizelle und somit den monatlichen Eisprung.Wirkungsweise der Pille, abgerufen am 18. November 2018. Bei korrekter Anwendung ist die Antibabypille eines der sichersten Mittel gegen unbeabsichtigte Empfängnis.Michael von Wolff, Petra Stute: Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin: Das Praxisbuch. Schattauer Verlag, 2013, ISBN 978-3-7945-2792-2. Der Pearl-Index der Methodensicherheit (bei idealer Anwendung) liegt bei 0,3, wonach von 1000 Frauen, die mit der Pille verhüten, innerhalb eines Jahres etwa 3 schwanger werden. Der Pearl-Index der Gebrauchssicherheit (Praxiswert) liegt nach unterschiedlichen Studien zwischen 1 und 8.James Trussell: Contraceptive Efficacy. In: Robert A. Hatcher u. a.: Contraceptive Technology. (19th rev. ed.), Ardent Media, New York 2007, ISBN 978-0-9664902-0-6,
Die Antibabypille wurde seit Ende der 1960er und insbesondere während der ersten Hälfte der 1970er Jahre in den Industriestaaten das am häufigsten verwendete Mittel zur Verhütung einer Schwangerschaft und erreichte nach Lockerung der ärztlichen Verordnungspraxis ab 1970 in Westdeutschland im Jahr 1976 mit 32,8 % Pillennutzerinnen im gebärfähigen Alter ihren Maximalwert.Christoph Anthüber, Matthias W. Beckmann, Johannes Dietl, Wolfgang Frobenius: Herausforderungen: 100 Jahre Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-13-171571-5.Beate Keldenich: Die Geschichte der Antibabypille von 1960 bis 2000: Ihre Entwicklung, Verwendung und Bedeutung im Spiegel zweier medizinischer Fachzeitschriften: Zentralblatt der Gynäkologie und Lancet. Shaker Verlag, 2002, ISBN 3-8322-0018-5.Gerd K. Döring: Empfängnisverhütung. Ein Leitfaden für Ärzte und Studenten. Thieme Verlag, Stuttgart 1981, ISBN 3-13-326508-3.
Bezeichnung Die Bezeichnung „Antibabypille“ war in Westdeutschland schon bald nach der Einführung gebräuchlich und erschien auch in Presseschlagzeilen. 1964 kritisierte die Bundesregierung in einer Fragestunde den Gebrauch der Bezeichnung „Antibaby-Pille“ als „grob anstößig“ und „sprachlichen Missbrauch“.Ralf Dose: Die Implantation der Antibabypille in den 60er und frühen 70er Jahren. In: Zeitschrift für Sexualforschung, 3, 1990, S. 25–39. Auch einige Ärzte äußerten sich missbilligend.Eva-Maria Silies: Liebe, Lust und Last: Die Pille als weibliche Generationserfahrung in der Bundesrepublik 1960–1980. Wallstein Verlag, Oktober 2013, S. 97 ff. Anfangs lehnten viele Ärzte es ab, sie zu verschreiben. Der Chemiker und Schriftsteller Carl Djerassi, der 1951 die Pille mitentwickelt hatte, kritisierte ebenfalls die Bezeichnung „Antibabypille“, da die Pille kein Mittel gegen Babys sei,„Ich hasse sie, kann ich Ihnen gleich sagen, weil: es ist komisch! Deutsch, glaube ich, ist die einzige Sprache, wo man für das (…) Verhütungsmittel den Namen Antibabypille gebraucht. In allen anderen Sprachen, also in Englisch die Pille, la pilule, la pillola, la píldora und so weiter. Also, das ist nicht eine Pille gegen Babys, das ist erst mal eine Pille für Frauen und für erwünschte Kinder. Also, wenn man wirklich so ein kompliziertes Anti-Wort gebrauchen will, sollte man es die Anti-unerwünschte-Baby-Pille nennen“. „Nicht eine Pille gegen Babys“. Carl Djerassi im Gespräch mit Katrin Heise, Deutschlandfunk, 29. April 2009. sondern ein Mittel für die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der Frau.Der Miterfinder der „Pille“ ist tot welt.de, 31. Januar 2015.
In der DDR versuchte man, basierend auf einem Vorschlag des Sozialhygienikers Karl-Heinz Mehlan, den Terminus „Wunschkindpille“ zu etablieren, dem man eine positivere Konnotation zuschrieb als dem im Westen verwendeten Wort „Antibabypille“.MDR.de 10. November 2015: Innovation in der Geschichte der Verhütung – Antibabypille vs. Wunschkindpille. Er setzte sich nicht dauerhaft durch. Das im Englischen verwendete „Contraceptive pill“ bzw. im Französischen „Pilule contraceptive“ entspricht der deutschen Bezeichnung „Verhütungspille“ beziehungsweise Kontrazeptivum (Mittel zur Kontrazeption; Kontrazeption ist ein Kofferwort aus kontra (gegen) und Konzeption (Empfängnis)).
Aus galenischer Sicht ist die Bezeichnung als Pille unzutreffend. Pillen waren bereits in den 60er Jahren eine zunehmend ungebräuchliche Arzneiform, es handelt sich bei den sogenannten Antibabypillen, die heute auf dem Markt erhältlich sind, um Filmtabletten, Tabletten und überzogene Tabletten (Dragees).
Geschichte Entwicklung und Vermarktung mini|Die Pille Anovlar – 1961
1921 publizierte der Innsbrucker Physiologe Ludwig Haberlandt als Erster ein Konzept der hormonellen oralen Kontrazeption. Bevor er seine Entdeckungen praktisch umsetzen konnte, starb Haberlandt 1932 im Alter von 47 Jahren. Antibabypille Ludwig Haberlandt.
Zu den Vätern der Antibabypille gehört der Gynäkologe Carl Clauberg, der im Rahmen seiner Medizinversuche in Block 10Siehe auch des Konzentrationslagers Auschwitz in Zusammenarbeit mit der Schering-Kahlbaum AG unter anderem Hormonpräparate entwickelte. Am 21. Januar 2020 sendete Arte den Film Medizinversuche in Auschwitz, der im Jahr zuvor unter der Regie von Sonya Winterberg und Sylvia Nagel entstand und über Clauberg und die Frauen von Block 10 – so der Untertitel – berichtete:
Im Jahr 1951 synthetisierten die Chemiker Carl Djerassi, Luis E. Miramontes und George Rosenkranz als Forscher des Pharmazieunternehmens Syntex mit Norethisteron die erste oral verabreichte synthetische Variante von Gestagen. Mit Norethynodrel des für Searle tätigen Frank B. Colton folgte kurz darauf ein zweites. Auf dieser Grundlage entwickelten Gregory Pincus und John Rock, unterstützt durch die Frauenrechtlerin Margaret Sanger, das Präparat Enovid (Norethynodrel/Mestranol), das Searle ab 1957 zunächst gegen Menstruationsbeschwerden vermarktete. Zuvor testeten sie das Medikament in San Juan in Puerto Rico an Bewohnerinnen der dortigen Slums. Über 200 der zumeist armen und kinderreichen Frauen meldeten sich freiwillig; das Medikament wurde kostenlos abgegeben.Theo Löbsack: Für und wider die Anti-Baby-Pille. In: Die Zeit, 19. Januar 1962.Ronald D. Gerste: Die Antibabypille seit 50 Jahren auf dem Markt. In: Neue Zürcher Zeitung, 18. August 2010
Am 23. Juni 1960 erfolgte dann durch die Food and Drug Administration (FDA) die offizielle Zulassung als Verhütungsmittel und am 18. August kam Enovid in den USA als erste Antibabypille auf den Markt.Suzanne White Junod, Lara Marks: Women’s Trials: The Approval of the First Oral Contraceptive Pill in the United States and Great Britain. (PDF) In: Journal of the History of Medicine. Vol. 57, April 2002 (PDF; 1,1 MB)Die Welt: Die Pille – Chemiecocktail zur Verhütung nach Maß, 31. Januar 2010. Ihre erste Antibabypille Anovlar (Norethisteron/Ethinylestradiol) brachte die Schering AG zuerst am 1. Januar 1961 in Australien und am 1. Juni des gleichen Jahres in Westdeutschland und West-Berlin auf den Markt.. Deren Zusammenstellung basierte auf Untersuchungen des belgischen Gynäkologen Ferdinand Peeters. Im Vergleich zu Enovid war dieses Medikament deutlich zuverlässiger und zeigte weniger Nebenwirkungen.„Nachbar Belgien“: Newsletter der belgischen Botschaft in Berlin, Ausgabe März/April 2010.
Nach Veröffentlichung einer Studie der FDA in den USA, über die der Spiegel im Oktober 1966„Antibabypille: Nebel gelichtet“. Der Spiegel 41/1966 vom 3. Oktober 1966, S. 165–167. Darin das – etwas voreilige – Resümee: „Die medizinische Streitfrage hingegen – ob der Dauergebrauch der Antibabypille zu verantworten sei – ist nunmehr entschieden.“ erstmals der Öffentlichkeit berichtete, setzte in Westdeutschland 1967/68 die verstärkte Presseberichterstattung über Sexualität allgemein und Empfängnisverhütung im Besonderen ein. Dennoch war es für die meisten Frauen sehr „schwierig … in den vermeintlich so wilden 68ern … an die Pille zu kommen“.Björn Schwentker: Datenlese: Pillenknick? Kannst du knicken! Spiegel Online, 19. März 2014 Die meisten Ärzte kannten sich damals kaum mit hormonellen Verhütungsmitteln aus, lehnten diese wegen medizinischer und moralischer Bedenken ab und verschrieben „die Pille“ deshalb zunächst nur äußerst restriktiv an verheiratete Frauen über 30 mit mehreren Kindern (s. o.)., in Pro Familia.Volkmar Sigusch: Junge Mädchen und die Pille. Bemerkungen zur hormonalen Kontrazeption aus sexualwissenschaftlicher Sicht. In: „Sexualmedizin“ Heft 6/1974, S. 288–297. Zudem erschütterten der Contergan-Skandal, über den mit Beginn des Contergan-Prozesses im Mai 1968 intensiv in den Medien berichtet wurde, sowie Berichte über krebsauslösende Wirkungen bestimmter Wirkstoffkombinationen der Antibabypille im Tierversuch 1969 das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Arzneimittelsicherheit und die Zuverlässigkeit der Risikostudien. Dies führte zur Zurückziehung einer Reihe von hormonellen Verhütungspräparaten und einem zeitweiligen Rückgang des Interesses an der hormonellen Schwangerschaftsverhütung.Vorsorge ist berechtigt, aber kein Grund zur Panik. Auf den Zyklus kommt es an. Die Welt vom: 31. Oktober 1970.Eva-Maria Silies: Zwischen medizinischer Notwendigkeit und moralischem Urteil. Die bundesdeutsche Ärzteschaft, die BGGF und die Durchsetzung der Pille in den 1960er Jahren. In: Herausforderungen: 100 Jahre Bayerische Gesellschaft für Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Hrsg.: Christoph Anthüber, Matthias W. Beckmann, Johannes Dietl, Wolfgang Frobenius, Georg Thieme Verlag, Stuttgart 2012, ISBN 978-3-13-171571-5, S. 217–226.