Hugo Salli Lindheim (* 8. Juli 1892 in Rennertehausen; am 15. Januar 1943 vom SS-Sammellager Mechelen aus ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert) war der Besitzer der Möbelfabrik Lindheim in Kahl am Main, die 1937 im Zuge der Arisierung jüdischen Besitzes von Karl Kübel erworben wurde. Zusammen mit seiner eigenen Firma formte Kübel daraus die bis weit in die Nachkriegszeit hinein bekannten 3K Möbelwerke. Hugo Lindheim und seine Familie konnten zunächst nach Belgien emigrieren, wurden aber nach dessen Eroberung durch die Deutsche Wehrmacht nach Auschwitz deportiert. Genaue Todesdaten sind unbekannt.Gedenkbuch Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945
Familie Hugo Lindheim kam in Rennertehausen als Sohn des Kaufmanns Siegfried Lindheim (* 4. Oktober 1860; † 22. Mai 1939 in Mechelen) und dessen Ehefrau Ida (geborene Mosheim, * 28. November 1866; † 1923) zur Welt. Den zweiten Vornamen Salli trug er laut der Geburtsurkunde vom 12. Juli 1892 schon von Geburt an. Zur Familie gehörten noch zwei ebenfalls in Rennertehausen geborene Geschwister: Berthold Lindheim (* 26. April 1895; † 4. April 1973 in Philadelphia)Er begann 1914/15 begann ein Studium an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, nahm am Ersten Weltkrieg teil und setzte 1919 sein Studium in Würzburg fort. Der 1923 mit einer Dissertation über Neue Additionsverbindungen alpha-ungesättigter SäurenDissertation Berthold Lindheim im Katalog der UB Würzburg promovierte Berthold lebte später als Chemiker in Frankfurt am Main und war dort ab 1927 mit Herta Fränkel aus Würzburg verheiratet. Aus dieser Ehe ging der Sohn Fred Horst Lindheim (* 3. Juli 1932 in Frankfurt) hervor, der Ende 1938 mit einem Kindertransport nach Belgien ausreisen konnte und für einige Zeit bei seinem Onkel Hugo in Mechelen wohnte, bevor er zusammen mit seinen Eltern über Großbritannien in die USA emigrierte.Berthold Lindheim war 1938 nach der Pogromnacht ins KZ Buchenwald gebracht worden. Nach seiner Freilassung konnte er zusammen mit seiner Frau im Frühjahr 1939 nach London fliehen und von dort, nachdem auch Sohn Fred nachgekommen war, in die USA, wo er eine Anstellung als Chemiker in der pharmazeutischen Industrie fand.JÜDISCHES LEBEN IN UNTERFRANKEN & USHMM: Lindheim family papers Martha Lindheim (* 15. März 1900, verheiratete Loewenberg)Zusammen mit ihrem Vater und ihrem Ehemann Kurt Löwenberg (* 13. Mai 1892 in Aachen) bildete sie eine von zwei jüdischen Familien, die 1933 in Rennertehausen gelebt hatten. Beim Novemberpogrom 1938 wurde Siegfried Lindheim durch SA-Leute ins Ortsgefängnis gesperrt, während sich Kurt Löwenberg der Festnahme durch die Flucht entziehen konnte. „Siegfried Lindheim wurde wegen seines hohen Alters wieder freigelassen […]. 1939 konnten Siegfried Lindheim, Martha und Kurt Löwenberg auswandern (zunächst nach Belgien, wo Siegfried Lindheim starb; Tochter und Schwiegersohn konnten noch nach Chile emigrieren).“Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Battenfeld (Gemeinde Allendorf) mit Allendorf (Eder) und Rennertehausen. Dass Siegfried Lindheim 1939 nach Belgien auswandern konnte, schreibt auch Fred Lindheim in seinen Memoiren: Memoirs by Fred Lindheim (undated), S. 5. Diese Darstellung kollidiert allerdings, zumindest, soweit sie die Person Siegfried Lindheim betrifft, mit den Angaben in dessen Wiedergutmachungsakte. Dort steht nämlich, er sei am 15. April 1937 nach Mechelen ausgewandert.Hessisches Hauptstaatsarchiv: Entschädigungsakte Siegfried Lindheim, HHStAW Abt. 518 Nr. 16093
Hugo Lindheim in Frankfurt Im Vergleich zu dem Rest seiner Familie ist über Hugo Lindheim wenig bekannt, auch nicht über seine Ausbildung. Seine Berufsbezeichnung lautet einmal Kfm. für Kaufmann, dann später in Belgien „Möbelfabrikant“, und immer wieder erfolgt auch die Zuschreibung „specialist-technieker“ oder „spécialiste technicien dans la fabrication de meubles“ (Fachkraft für Möbelherstellung).
Ein frühester Hinweis auf Hugo Lindheim ist die Anzeige seiner Verlobung mit Mathilde Bachenheimer (* 14. Februar 1892 in Röddenau – am 15. Januar 1943 zusammen mit ihrem Mann und ihrer Tochter nach Auschwitz deportiert) aus der Frankenberger Zeitung vom 9. September 1919.Abgedruckt bei Horst Hecker: Jüdisches Leben in Frankenberg, S. 216 (pdf S. 219) Ein Führungszeugnis des Frankfurter Polizeipräsidenten vom 5. Januar 1938 bescheinigt ihm – neben seiner polizeilichen Unbedenklichkeit –, dass er vom 9. Februar 1920 bis 30. Dezember 1937 in Frankfurt ansässig gewesen sei, ein weiteres, dass er am 11. Februar 1920 in Frankfurt Mathilde geheiratet habe. Am 19. November 1921 wurde in Frankfurt das einzige Kind der beiden, die Tochter Lore, geboren.Algemeneen Rijksarchief / Archives générales du Royaume, Brüssel: Akten A180.814 & A284.087 1924 zog die Familie Lindheim aus der Lersnerstraße in die Rhönstraße 119 I um, wo sie bis zum 4. Dezember 1929 wohnen blieb. Ihre letzte Wohnadresse in Frankfurt war dann bis 30. Dezember 1937 die Gagernstraße 17, von wo aus sie nach Mechelen verzog.Hausstandsbuchs Nr. 683: Einwohnermeldeunterlagen für Gagernstraße 17
Im Frankfurter Adressbuch von 1922 findet sich dann erstmals ein Eintrag über ihn, der Aufschluss über seine beruflichen Aktivitäten erlaubt: „Lindheim, Hugo, Kfm., Lersner-Str. 30 a f. Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co.“. Ein weiterer Eintrag verweist auf die Geschäftsadresse: Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co., Rhönstr. 30. () Ob es sich bei dieser Möbelfabrik um eine Neugründung gehandelt hat oder um eine Übernahme, lässt sich nicht klären, doch ergeben die Frankfurter Adressbücher einige Anhaltspunkte über die Entwicklungen am Geschäftsstandort Rhönstraße 30. Der Eintrag im Straßenverzeichnis des Adressbuches von 1919 lautet: „E. Hollermann Erben. Hollermann, C., Schreinerei“. Ein Jahr später lautet der Eintrag:„E. Hollermann, E., Ww. (Schwanthaler-Str. 57). Hollermann, C., SchreinereiLindheim & Co., Möbelfabrik“.Das bedeutet also, dass unter Lindheims Geschäftsadresse bereits ein Schreinereiunternehmen existiert hat, und für beide Geschäfte bleiben die Adressbucheinträge der nachfolgenden Jahre gleich. Das könnte daraufhin deuten, dass es eine Verbindung zwischen dieser Schreinerei und Lindheims Möbelfabrik gegeben hat.
1924 enthielt das Adressbuch kein Straßenverzeichnis, und Hugo Lindheim erscheint privat im Namensverzeichnis unter seiner Wohnadresse Lersnerstraße sowie im Branchenverzeichnis mit dem schon 1922 verwendeten Eintrag „Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co.“ mit Sitz in der Rhönstraße 30. Carl Hollermann wird im Namensverzeichnis weiterhin als Schreinermeister (nicht Schreinerei) in der Rhönstraße aufgeführt und mit einer zusätzlichen Wohnadresse, ein Eintrag im Branchenverzeichnis existiert für ihn nicht.
1925 gibt es für Carl Hollermann nur noch einen Eintrag unter seiner Privatadresse, wo er als Schreinermeister geführt wird, und diese Berufsbezeichnung weicht 1927 der eines Betriebsleiters. Ein Bezug zu einem eigenen Unternehmen in der Rhönstraße 30 ist für ihn seit 1925 nicht mehr gegeben, unter dieser Adresse wird nur noch Lindheims Unternehmen aufgeführt. 1927 gibt es für die „Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co.“ den letzten Eintrag in einem Frankfurter Adressbuch, und das Straßenverzeichnis von 1930 führt für die Rhönstraße 30 keine geschäftlichen Einrichtungen mehr auf, sondern benennt nur noch die Eigentümerin, die Witwe Sophie Hollermann.
Diese Abfolge legt nahe, dass die Schreinerei Hollermann im Laufe der Jahre in der „Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co.“ aufgegangen ist und Carl Hollermann in dieser Firma als Betriebsleiter fungierte. Lindheims Möbelfabrik war am 15. Oktober 1927 von ihrem Domizil in der Rhönstr. 30 nach Kahl am Main in Unterfranken umgemeldet worden,Gewerbesteuerkarte Möbelfabrik Lindheim wo sie weiterhin als Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co. firmierte.Bescheinigung der Industrie- und Handelskammer für Unterfranken und Aschaffenburg vom 9. April 1937; Algemeneen Rijksarchief / Archives Génerales du Royaume, Brüssel: Akten A180.814 & A284.087
Die Frankfurter Möbelfabrik Lindheim & Co. in Kahl Die Frankfurter Geschäftsräume befanden sich in einem Wohnviertel am Rande des Zoos. Der Umzug nach Kahl brachte demnach einen bedeutenden Flächenzuwachs, wie sich aus den Wiedergutmachungsakten ergibt. Auf dem Gelände an der Hanauer Landstraße, im heutigen Gewerbegebiet zwischen Hanauer und Freigerichter Straße (), verfügte Lindheim nun über zwei Grundstücke mit zusammen etwas mehr als 15.000 m² Fläche, auf der sich ein „Fabrikgebaeude mit Waschhaus und Abortanlage, Benzinkeller, Lager- und Hofraum“ sowie ein großer Lagerplatz befanden.WB IV JR 1407 – Rückerstattungsverfahren der IRSO
Über das, was in Kahl produziert wurde, gibt es keine direkten Informationen. Aus dem Buch über Karl Kübel ist aber zu erfahren, dass Hugo Lindheim in Kahl 1937, also zehn Jahre nach dem Wegzug aus Frankfurt, sowohl ein technisch modernes Werk aufgebaut hatte, als auch eines, das über große Aufträge und 114 Mitarbeiter verfügte – gegenüber nur 60 Mitarbeitern, die Kübel in Worms beschäftigte.
Die Arisierung Es ist nicht bekannt, ab wann Hugo Lindheim für sich, seine Familie und sein Unternehmen in Deutschland keine Zukunft mehr sah. In der Wiedergutmachungsakte heißt es lediglich: „Unter dem Druck der Hitlerregierung und deren Gliederungen wie die NSDAP wurde der Berechtigte zum Verkauf von Geschäft u. Grundbesitz gezwungen. Der Inhaber musste nach dem Verkauf nach Belgien auswandern, um sich eine neue Existenz zu suchen.“Staatsarchiv Würzburg: WB IV A 2830 – Wiedergutmachungsakte Hugo Lindheim & Möbelfabrik In den Akten des Algemeneen Rijksarchief/Archives Génerales du Royaume, Brüssel ist eine erste Kontaktaufnahme nach Belgien durch einen Visumsantrag vom 25. November 1935 belegt. Das einmonatige Visum sollte „Geschäftsreisen, Besuch von Kunden und ev. Engagement von belgischen Möbelvertrtern“ in Brüssel und Antwerpen dienen. Ob damit in Wirklichkeit Erkundungen für eine Emigration verbunden waren, lässt sich nicht sagen, doch um den Aufbau einer neuen Existenz muss er sich spätestens seit 1936 bemüht haben, denn in den Akten des Belgischen Reichsarchivs gibt es ein Schreiben der Firma Devos Frères, Manufacture de Meubles, Malines (Mechelen), vom 11. Januar 1937, in dem diese sich beim Justizministerium für eine sofortige Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung für Hugo Lindheim einsetzen und einen Arbeitsvertrag mit ihm avisieren. Lindheims Tätigkeit sollte nach diesem Schreiben im Zusammenhang mit der Inbetriebnahme einer Fabrik stehen.Algemeneen Rijksarchief / Archives Génerales du Royaume, Brüssel: Immigrationsdatei Hugo Lindheim; Akten A180.814 & A284.087 In der Folge hielt sich Lindheim mehrfach geschäftlich in Malines und in Brüssel auf, wie Visumsanträge und Reisebstätigungen der Industrie- und Handelskammer Würzburg belegen.