mini|Sitz der Schaeffler AG in Herzogenaurach

Die Schaeffler AG ist ein börsennotierter deutscher Automobilzulieferer mit Sitz in Herzogenaurach. Der Konzern vertreibt seine Produkte unter den Marken INA, FAG und LuK.

Seit 2015 sind die Schaeffler AG und die Continental AG Schwesterunternehmen.

Die Unternehmensgruppe entstand durch die Übernahme der Auffanggesellschaft des 1933 nach der Flucht des jüdischen Eigentümers aus Deutschland in Konkurs geratenen Großunternehmens Davistan. Während des Zweiten Weltkrieges produzierte Schaeffler Rüstungsgüter, beschäftigte Zwangsarbeiter und verarbeitete Menschenhaar von im Vernichtungslager Auschwitz Ermordeten.

Geschichte Vorgeschichte und Gründung: Nutzen aus NS-Verbrechen Die Anfänge der Schaeffler-Gruppe gehen auf die 1842 in Berlin gegründete David & Co. KG zurück. Nach einem Eigentümerwechsel und einer Sitzverlegung wurde daraus die Davistan AG mit Sitz in Katscher in Oberschlesien. Nachdem der jüdische Eigentümer Ernst Frank, seit 1929 Ehrenbürger von Katscher,Katarzyna Maler: Kościół katolicki na ziemi głubczyckiej w latach 1742–1945. Dzieje pruskiej części archidiecezji ołomunieckiej – komisariatu kietrzańskiego i wikariatu generalnego w Branicach. Tom I. Stowarzyszenie Lokalna Grupa Działania „Płaskowyż Dobrej Ziemi“. Opole, Kietrz 2017, S. 170, ISBN 978-83-938215-1-8. vor dem aufkommenden Nationalsozialismus geflohen war, musste die Davistan AG im Jahr 1933 Konkurs anmelden.Cornelia Rauh: . In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Jg. 56 (2011), Heft 1, S. 102–115. Die Dresdner Bank und das Bankhaus Mendelssohn & Co. gründeten eine Auffanggesellschaft mit dem Namen Davistan Krimmer-, Plüsch- und Teppichfabriken AG. Auch unter Führung der beiden Banken gelang es nicht, die mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten kämpfende Auffanggesellschaft zu sanieren. Die Dresdner Bank, bei der Wilhelm Schaeffler seit 1937 als Wirtschaftsprüfer tätig war, bot ihrem Angestellten und zwei weiteren Mitgesellschaftern die „Davistan Krimmer-, Plüsch- und Teppichfabriken AG“ zum Kauf an, gut 30 Prozent unter Wert. Der Kauf erfolgte zum 1. Oktober 1940. Die Firmierung des Unternehmens wurde 1941 geändert, womit der jüdisch klingende Name verschwand. Die Firma lautete nun Wilhelm Schaeffler AG. Der Vorstand wurde entlassen. Seine beiden Mitgesellschafter drängte Wilhelm Schaeffler zu diesem Zeitpunkt aus dem Unternehmen. Stattdessen erwarb sein Bruder Georg Schaeffler bis Jahresende 1942 25 Prozent der Anteile der Wilhelm Schaeffler AG.

Nutzen aus dem Rüstungsgeschäft Das Rüstungskommando suchte während des Krieges dringend nach weiteren Produktionsstandorten in Oberschlesien, das für alliierte Bomberverbände kaum erreichbar war. Auch die „Willi Scheffler AG“ aus Katscher fand sich im Juni 1943 auf einer entsprechenden Planungsliste. Das Unternehmen war von Schließung bedroht, weil die Textilproduktion als nicht kriegswichtig eingestuft wurde. Einigen Unternehmen für die zivile Produktion gelang es jedoch, ihre Stilllegung abzuwenden, indem sie sich der Rüstungsproduktion zuwandten oder hohe Produktivität und geringstmöglichen Verbrauch an Rohstoffen und Fertigteilen gewährleisteten.Miroslaw Sikora: Die Waffenschmiede des „Dritten Reiches“. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges (Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte, Band 3). Aus dem Polnischen übersetzt von David Skrabania. Klartext-Verlag, Essen 2014, S. 200 f, ISBN 978-3-8375-1190-1. Wilhelm Schaeffler war 1941 in die NSDAP eingetreten. Im Sommer 1943 gründete er die Wilhelm Schaeffler KG. Fortan war in der Wilhelm Schaeffler AG die Textilproduktion und in der Wilhelm Schaeffler KG das Rüstungsgeschäft zusammengefasst. Die vier Werke in Katscher produzierten Abwurfgeräte für die Luftwaffe, Brandbomben, Nadellager für Panzer, Wehrmachtswesten, Matratzen und Mäntel.Der Hinweis auf Brandbomben findet sich bei Miroslaw Sikora: Die Waffenschmiede des „Dritten Reiches“. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges (Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte, Band 3). Aus dem Polnischen übersetzt von David Skrabania. Klartext-Verlag, Essen 2014, S. 328, ISBN 978-3-8375-1190-1. Es handelte sich demnach unter anderem um Bomben des Typs Brand 4. Zu diesen siehe Das Unternehmen setzte dabei Zwangsarbeiter aus Frankreich, der Sowjetunion und Polen ein. Letztere waren im Polenlager 92 in Katscher interniert. 1944 kam es zu einer „Kriegsarbeitsgemeinschaft“ mit der SCHUMAG AG, die in den Räumlichkeiten in Katscher Achsen, Rollen und Präzisionskleinteile für Heer und Luftwaffe herstellte.Miroslaw Sikora: Die Waffenschmiede des „Dritten Reiches“. Die deutsche Rüstungsindustrie in Oberschlesien während des Zweiten Weltkrieges (Bochumer Studien zur Technik- und Umweltgeschichte, Band 3). Aus dem Polnischen übersetzt von David Skrabania. Klartext-Verlag, Essen 2014, S. 215, ISBN 978-3-8375-1190-1.

Verarbeitung von Menschenhaar Das Unternehmen verarbeitete bei seiner textilen Produktion auch Menschenhaar aus dem Vernichtungslager Auschwitz.Einleitung. In: Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945. Band 16. Das KZ Auschwitz 1942–1945 und die Zeit der Todesmärsche 1944/45. Bearbeitet von Andrea Rudorff. Walter de Gruyter. Berlin, Boston 2018, S. 28. ISBN 978-3-11-036503-0. Nach Kriegsende wurden 1946 im sechsten Stock eines der Werke 1.950 Kilogramm Haar-Ballen gefunden. In einer Untersuchung des Gerichtsmedizinischen Instituts der Jagiellonen-Universität in Krakau stellten sie sich als Menschenhaar heraus.Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 122. Experten des Instituts für Gerichtsbefunde in Krakau wiesen 1947 in einer weiteren forensischen Analyse in diesen Haaren Spuren von Blausäure, dem Hauptbestandteil des Tötungsgases Zyklon B, nach. Auf dem Firmengelände gefundene Meterware erwies sich nach einer Untersuchung des Gerichtsmedizinischen Instituts der Jagiellonen-Universität von 1949 ebenfalls als aus Menschenhaar gemachtes Gewebe.Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 123.Ins Deutsche übersetzte Abdrucke der Gutachten von 1946, 1947 und 1949 finden sich bei Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 157–164.Siehe bereits Kazimierz Smoleń: Auschwitz 1949–1945. Guide-Book Through the Museum. Fourth Edition. Published by Państwowe Muzeum W Oświęcimiu, 1972, S. 34. Der ehemalige Technische Leiter und sein Nachfolger, beide langjährig im Betrieb, bestätigten im Mai 1946Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 122, Anmerkung 45. in gerichtlichen Ermittlungen die Verwertung von Menschenhaar. Ein Zeuge gab dabei an, dass 1943 zwei Waggons mit jeweils 1,5 Tonnen menschlichen Haars in Katscher angekommen und – soweit nicht noch in Resten vorhanden – anschließend in der Fabrik zu Garn verarbeitet worden seien.Siehe Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen der Opfer, in: Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz, 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Band 2: Die Häftlinge. Existenzbedingungen, Arbeit und Tod. Verlag des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Oświe̜cim 1999, S. 483–506, hier S. 497, Anm. 34. ISBN 83-85047-76-X. Hier finden sich für diese Vorgänge die Namen von Zeugen (Betriebspersonal: Julian Kirschke, Henryk Linkwitz; frühere Häftlinge: Jósef Odi, Jerzy Pozimski).Die Aussagen dieser Zeugen sind im Auschwitz-Museum aufbewahrt. APMO Sammlungen Erklärungen, B. 125, Bl. 32, 33. Angabe nach Andrzej Strzelecki: Die Verwertung der Leichen. In: Hefte von Auschwitz, 21 (2000) S. 101–164, hier S. 122, Anmerkung 45. 1947 wurden die Haarballen und die Rollen mit aus Haaren gefertigtem Stoff an das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau übergeben. Jacek Lachendro, stellvertretender Direktor der Forschungsabteilung des Auschwitz-Museums, bestätigte 2009 Reportern von Spiegel TV, dass ein Teil des im Museum gezeigten Haars aus dem Fund in Katscher stammt.

Der Historiker Gregor Schöllgen, der die Unternehmensgeschichte im Auftrag der Familie Schaeffler untersuchte, behauptete 2009, es gebe für die Verbindung nach Auschwitz „keine Belege“ beziehungsweise keine direkten Belege. Für diese Ansicht wurde er 2011 von seinen Kollegen Tim Schanetzky,Tim Schanetzky: Die Mitläuferfabrik. Erlanger Zugänge zur „modernen Unternehmensgeschichte“. In: Akkumulation. Informationen des Arbeitskreises für kritische Unternehmens- und Industriegeschichte, Nr. 31/2011, S. 3–10. Cornelia Rauh und Toni PierenkemperToni Pierenkemper: «Moderne» Unternehmensgeschichte auf vertrauten (Irr-)Wegen? In: Zeitschrift für Unternehmensgeschichte, Jg. 57 (2012) S. 70–85. vehement kritisiert.

Neuanfang in Franken Im März 1945 wurde das Unternehmen wegen des Vorrückens der sowjetischen Armee in das oberfränkische Schwarzenhammer verlagert. „300 Schaeffler-Leute“ sowie Maschinen, Rohmaterialien und Halbwaren der Metallfertigung gelangten in 40 Eisenbahnwaggons an diesen Ort, der nach Kriegsende zur amerikanischen Besatzungszone zählte. Die textile Fertigung verblieb fast vollständig in Katscher und fiel nach Kriegsende an den polnischen Staat, der die Teppichproduktion bis in die 1990er Jahre weiterführte.

Im August 1945 wurde in Schwarzenhammer die „Fritsch & Schaeffler, Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen GmbH“ gegründet. Nach der Rückkehr von Wilhelm Schaeffler aus polnischer Gefängnishaft Mitte September 1952 wurde dieses Unternehmen liquidiert. Der Standort Schwarzenhammer hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits als Übergangslösung erwiesen.

mini|Saar Nadellager oHG in Homburg (1980).

Schon im Frühjahr 1946 hatten die Brüder Wilhelm und Georg Schaeffler mit zwei Partnern in Herzogenaurach die Industrie-GmbH gegründet. Das Unternehmen durfte zunächst nur landwirtschaftliches Gerät reparieren und Gebrauchsgüter aus Holz herstellen, wurde aber bald auch Zulieferer für den Werkzeugbau. 1949 entwickelte Georg Schaeffler den Nadelkäfig für Nadellager, der die baldige Industrie Nadellager (INA) zum Erfolg führte. 1951 wurde die Saar Nadellager oHG in Homburg als erstes INA-Zweigwerk in Deutschland gegründet (damals allerdings war das Saarland noch nicht mit der Bundesrepublik vereinigt, sondern stand unter französischer Verwaltung). 1956 folgte das erste ausländische Zweigwerk in Hagenau. 1957 begann die Produktion in Llanelli (Großbritannien),Dirk Holtbrügge: Customer-driven Internationalization Strategies in Emerging Markets. The Case of Schaeffler. In: Dirk Holtbrügge, Helmut Haussmann (Hrsg.): The Internationalization of Firms. Case Studies from the Nürnberg Metropolitan Region, Augsburg, München, 2. Aufl. 2017, S. 62–72, hier S. 66. 1958 war die Werkseröffnung bei São Paulo, Brasilien. 1963 erfolgte die Gründung der ersten INA-Auslandstochter in den Vereinigten Staaten. 1965 beteiligte sich INA an LuK Lamellen und Kupplungsbau. 1979 erfolgte der Einstieg bei der Hydrel AG, Schweiz, und 1984 die Beteiligung an der Helmut Elges GmbH, Steinhagen.

1989 wurde die Teppichsparte verkauft.