mini|Otto Wirth in den 1940er-Jahren Otto Wirth (* 26. Juni 1905 in Gemünden (Hunsrück); † 6. Juni 1991 in Tucson) war ein US-amerikanischer Kulturwissenschaftler deutsch-jüdischer Abstammung. Er wanderte 1931 zunächst nach Costa Rica aus und übersiedelte von dort 1932 in die USA, um zu studieren. Seit September 1946 lehrte er Kulturwissenschaften mit dem Schwerpunkt deutsche Literatur und Geschichte am Roosevelt College, der späteren Roosevelt University. Der Soziologe Louis Wirth ist sein älterer Bruder.
Herkunft Otto Wirths Geburtsort galt aufgrund seines hohen jüdischen Bevölkerungsanteils in der Umgebung als „Klein-Nazareth“ oder „Klein-Jerusalem“. „Die jüdischen Familien verdienten ihren Lebensunterhalt überwiegend als Vieh- und als Kleinhändler. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten mehrere von ihnen Geschäfte und Handlungen am Ort eröffnet.“Gemünden / Hunsrück (Rhein-Hunsrück-Kreis): Jüdische Geschichte / Synagoge Aus diesem jüdischen Milieu stammt auch Otto Wirth. Seine Eltern waren der Händler Joseph Wirth (* 18. Dezember 1866 in Gemünden; † in Chicago) und Rosalie Lorig (* 4. Januar 1867 in Butzweiler; † 1948 in Chicago). So, wie die Familie Wirth schon seit Generationen in Gemünden ansässig war, so lebten auch die Vorfahren von Rosalie Lorig, Tochter des Butzweiler Viehhändlers Abraham LorigNach anderen Quellen: Alexander Lorig (* 8. März 1829 in Butzweiler), schon seit dem 18. Jahrhundert in Butzweiler und Umgebung.Gregor Brand: Louis Wirth – Amerikanischer Soziologe (Weblink) Rosalie Lorig hatte noch eine Schwester (Henrietta, † 1. Oktober 1855) und vier Brüder, von denen drei in die USA auswanderten: Max (* 6. August 1864) ging nach New York, Rosalies Zwillingsbruder Isaak (* 4. Januar 1867) lebte mit seiner Frau in Omaha (Nebraska), ebenso wie Emanuel (* 7. Februar 1869).
Das Ehepaar Wirth-Lorig hatte sieben Kinder, die alle in Gemünden zur Welt gekommen sind. Neben Otto waren dasTodesanzeige für Fred (Fritz) Wirth, Chicago Sun-Times, 7. Februar 1976, zitiert nach Unterlagen im Archiv der Roosevelt University: Flora (verheiratete Joseph, * 21. August 1896 – 27. September 1952 in Des Moines (Iowa)) Ludwig, der sich später Louis nannte (1897–1952) Fred (Fritz, † 6. Februar 1976, vermutlich in Chicago). Er war verheiratet mit Esther Wirth, geborene Rimsky. Else (* 3. April 1899; † 19. Mai 1982, verheiratete Bendix) Julius (* um 1902 in Gemünden), letzter Wohnort vor der Einreise in die USA: Brüssel. Er kam am 10. Mai 1938 im Alter von 36 Jahren mit der S.S. Nieuw Amsterdam von Rotterdam aus in Ellis Island an. Richard (* um 1901 in Gemünden)Laut Passagierliste von Ellis Island.
Wenigstens für zwei Kinder des Ehepaares hatte Rosalies Bruder Emanuel eine große Bedeutung. „1911 war es sein in die USA ausgewanderter Onkel Emanuel Lorig gewesen, der bei einem Heimataufenthalt die Familie seiner Schwester davon überzeugt hatte, dass ihren erstgeborenen Sohn Louis eine chancenreichere Zukunft in den USA erwarten würde. Zusammen mit seiner Schwester Flora emigrierte Louis daraufhin nach Nebraska, wo Onkel Emanuel als Kaufmann lebte.“ Auch Otto Wirth, der 1931 nach Costa Rica ging, tat das auf Einladung eines OnkelsOtto Wirth: A Biographical Sketch; ob es sich dabei ebenfalls um Emanuel gehandelt hat oder um einen der beiden anderen Brüder seiner Mutter, ist ungewiss.
1936 schließlich gelang es auch Joseph Wirth und Rosalie Lorig noch, in die USA zu emigrieren.Volker Boch: Juden in Gemünden. Geschichte und Vernichtung einer jüdischen Gemeinde im Hunsrück, Hartung-Gorre, Konstanz, 2003, ISBN 978-3-89649-824-3, S. 36 Mit ihnen reiste die erst zweijährige Enkeltochter Margit Wirth mit ihren Eltern, Richard und Hedwig Wirth (* 14. Juni 1903 in Gemünden; † 26. August 2001 in Tucson). Sie kamen zusammen auf der S.S. Washington von Hamburg und erreichten am 25. März 1936 Ellis Island. Die Berufsbezeichnung für Joseph und Richard Wirth lautete Cattle-Dealer, die beiden erwachsenen Frauen wurden als Hausfrauen registriert. Margit Wirth wuchs in Chicago auf absolvierte die Roosevelt University, wo sie einen Bachelor of Science in den Laborwissenschaften mit dem Schwerpunkt Phlebotomie erwarb. Sie war in erster Ehe mit David Lieberman verheiratet, in zweiter Ehe mit Norman O. Johnson Jr. Nach dessen Tod heiratete Margit im Jahre 2001 Jerry Lacker.Obituary: Margit Wirth Johnson-Lacker. Margit Johnson-Lacker starb am 28. Mai 2015 in Tucson.
Otto Wirths Werdegang vor seiner Auswanderung mini|Otto Wirths Abschlusszeugnis am Realgymnasium Simmern 1922 (Quelle: Archiv des Herzog-Johann-Gymnasiums in Simmern) Otto Wirth wurde am 20. September 1919 in die Untertertia des Realgymnasiums in Simmern aufgenommen. Über seine Schulzeit davor ist nichts bekannt. Zweieinhalb Jahre später heißt es im Abgangs-Zeugnis vom 5. April 1922: „Nach der am 28. März 1922 bestandenen Schlussprüfung wurde ihm die Reife für die Obersekunda eines Realgymnasiums zuerkannt. Er verläßt die Anstalt, um ins Bankfach zu treten.“ Ob das tatsächlich sein Berufsziel war, muss offen bleiben, denn er wechselte unmittelbar nach seinem Schulabschluss an die 1907 gegründete Handelshochschule Mannheim (HH-Mannheim), die heutige Universität Mannheim. Hier studierte er bis 1924 Moderne Sprachen, Geschichte, Sozialwissenschaften und Jura. Im Matrikelbuch der HH-Mannheim und in weiteren dortigen Quellen findet sich allerdings kein Hinweis auf einen Studierenden namens Otto Wirth. Das deutet darauf hin, dass Wirth kein ordnungsgemäßes Studium an der HH-Mannheim absolviert hat, wo es zur fraglichen Zeit nur die Studiengänge Dipl.-Kaufmann und Dipl.-Handelslehrer gab, sondern dort lediglich Studium-generale-Hörer in den von ihm genannten Fächern war. Als somit nicht ordentlich Studierender wurde er bei der HH-Mannheim nicht namentlich erfasst.Schriftliche Mitteilung des Archivs der Universität Mannheim vom 8. April 2019.
Aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen nach der Inflation von 1923 musste Wirth 1924 sein Studium abbrechen. Er wurde Mitarbeiter bei einer deutschen Exportfirma und bereiste in deren Auftrag – neben Deutschland – ausgiebig Frankreich, Belgien die Niederlande und die Schweiz.
Die Jahre 1931 bis 1946 Im November 1931 reiste Otto Wirth auf Einladung eines Onkels nach Costa Rica. Über den Zweck dieser Reise machte er keine Angaben, auch nicht darüber, wer dieser Onkel war (siehe oben). Als Kaufmann Otto Wirth, 27 Jahre alt, des Lesens und Schreibens in Englisch fähig, reiste er im Juni 1931 auf der S.S. California mit einem am 1. Juni 1932 in San José ausgestellten Quota-Visum in die USA. Am 28. Juni 1932 wird seine Einreise auf Ellis Island registriert. Im Biographical Sketch heißt es im Hinblick auf die Reise nach Costa Rica er ging nach Costa Rica; in die USA aber emigrierte er. Ob dies eine bewusste Wortwahl war und Wirth damit zum Ausdruck bringen wollte, dass er Zuflucht in einem anderen Land suchte, wurde von ihm nicht thematisiert. Seine Witwe, Magda Wirth (geborene Magdalena Gmirek; * 26. Juni 1907 in Berlin) sagte 1992 in einem Interview, er sei 1931 in Richtung Westen gegangen, weil er nach besseren Möglichkeiten für sich gesucht habe und um dem eskalierenden Anti-Semitismus zu entkommen. Sie deutete auch an, dass ihm in Gemünden Diskriminierungen widerfahren seien.Janet Kornblum: Himmler's books saved for study
1938 erhielt Otto Wirth die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
Ausbildung in den USA Otto Wirth scheint direkt nach Chicago gegangen zu sein, um am dortigen Central YMCA College seine akademische Ausbildung mit dem Schwerpunkt Moderne Sprachen fortzusetzen. 1935 machte er dort seinen Abschluss als Bachelor of Arts und studierte anschließend am Fachbereich Deutsche Sprache und Literatur der University of Chicago. 1936 erhielt er sein M.A.-Zeugnis, und 1937 wurde er mit einer Dissertation über die Deutsche Literaturgeschichte seit 1800 (German Literary Histories Sinde 1800) promoviert.
Der Mann, der Himmlers Bücher rettete Am 31. August 1934 heirateten Otto Wirth und Magdalena Gmirek. Diese war erst wenige Tage zuvor, am 24. August 1934 und auf der Europa von Bremen kommend, über Ellis Island in die USA eingereist. In der Passagierliste war sie als Angestellte eingetragen. Die Ehe der beiden blieb kinderlos, woher sie sich kannten, ist nicht dokumentiert. Als Magda Gmireks Geburts- als auch letzter Aufenthaltsort ist in der Passagierliste Berlin eingetragen.
Während seines Studiums an der University of Chicago, wo sein Bruder Louis bereits seit 1931 als Professor tätig war, betätigte sich Otto Wirth von 1935 bis 1936 als Dozent (Instructor) für Deutsch am George Williams College in Chicago. Das war neben dem Central YMCA College, an dem Wirth zunächst studiert hatte, ein weiteres YMCA-College in Chicago. Anschließend war Wirth von 1937 bis 1942 als Fortbildungslehrer („Extension Lecturer“) für Deutsch im Extension Division Building, dem Calumet Center der Indiana University in East-ChicagoIndiana University: A storied history nearly two centuries in the making. East Chicago ist kein Teil von Chicago, sondern eine selbständige Stadt im Lake County (Indiana). Siehe hierzu in der englischen WIKIPEDIA: East Chicago, Indiana, tätig.
Im Frühjahr 1942, immerhin schon 37 Jahre alt, meldete sich Otto Wirth freiwillig für den Dienst in der U.S. Army und wurde am 23. September 1942 eingezogen. Seine Witwe Magda wies 1992 in einem Interview darauf hin, dass dies nicht selbstverständlich gewesen sei. Ihr Mann habe Übergewicht und Bluthochdruck gehabt und sei eigentlich schon zu alt für den Militärdienst gewesen. Aber Wirths Hass auf die Nazis sei so stark gewesen, dass er alles getan habe, um gegen diese zu kämpfen. Mit einer Abmagerungskur über elf Tage habe er das Militär überzeugt.
Wirth diente bis Januar 1944 als Special Agent des Counter Intelligence Corps in den Staaten, bevor er zum European Theater of Operations (ETOUSA), einer Einheit der Vereinigten Staaten, die von 1942 bis 1945 die Operationen der US-Armee in Teilen Europas leiteteMehr zu dieser Einheit in der englischen WIKIPEDIA: European Theater of Operations, United States Army, versetzt wurde. Im Range eines Sergeants nahm er nach der am 6. Juni 1944 begonnenen Operation Overlord als Unteroffizier („Special Agent Interrogator“) im Hauptquartier der Third United States Army an deren Feldzügen in der Normandie, Nordfrankreich, dem Rheinland und in den Ardennen teil. Aus Angst, etwas zu tun, was ihm später hätte leidtun können, habe er die Möglichkeit ausgeschlagen seinen Geburtsort zu besuchen.
Otto Wirth kam nicht nach Gemünden, aber in die Kleinstadt Gmund am Tegernsee. In deren Ortsteil Sankt Quirin hatte die Familie von Heinrich Himmler seit 1934 das Haus Lindenfycht bewohnt, und auf das stießen Ende der ersten Mai-Woche 1945 Soldaten der 3. US-Armee.
Einer der vor Ort dabei war, war Otto Wirth. Ob er der in dem Zitat erwähnte Nachrichtenoffizier war, ist nicht geklärt. Werner T. Angress and Bradley F. Smith sprechen in der ersten Fußnote ihres Aufsatzes Diaries of Heinrich Himmler's Early Years nur von einem „American intelligence officer stationed in Bavaria“, der in den Besitz der Tagebücher gekommen sei und diese zusammen mit anderen Souvenirs nach Hause geschickt habe. Dessen Namen erwähnen sie nicht, wohl aber, dass die Tagebücher nach der Transkription an die Hoover Institution übergeben worden seien.Werner T. Angress and Bradley F. Smith: Diaries of Heinrich Himmler's Early Years, in: The Journal of Modern History, Vol. XXXI, No. 3, 1959, S. 206–224 Otto Wirth war zumindest Zeuge der Plünderungsaktionen seiner Kameraden und sah, wie diese damit beschäftigt waren, Bücher aus Himmlers Bibliothek zu verbrennen, weil sie ihnen keine Bedeutung beimaßen. Der Wissenschaftler Wirth eilt zum Feuer und rettete so viele Bücher wie möglich vor den Flammen.