mini|200px|rechts|Die erste Seite des Manuskripts (geschrieben von Marx)

Die deutsche Ideologie ist ein Manuskriptkonvolut, das in den Jahren 1845–1846 hauptsächlich von Karl Marx und in Teilen von Friedrich Engels und zeitweilig auch von Moses Hess, Joseph Weydemeyer und Roland Daniels verfasst, damals aber nur zu einem geringen Teil veröffentlicht wurde. Zusammen mit den 1845 von Marx verfassten, ebenfalls zu Lebzeiten unveröffentlichten Thesen über Feuerbach gilt Die deutsche Ideologie als Schlüsselwerk des Historischen Materialismus.

Editionen Von den Texten, die später unter dem Titel Die Deutsche Ideologie bekannt wurden, wurde zu Lebzeiten der Autoren nur ein Artikel von Marx veröffentlicht.Karl Grün: Die soziale Bewegung in Frankreich und Belgien (Darmstadt 1845) oder: Die Geschichtsschreibung des wahren Sozialismus. In: Das Westphälische Dampfboot. Paderborn, August und September 1847, Nr. 8 und 9, S. 439–463 und 505–525 (ULB Münster).

Der mit ca. zwei Dritteln des Gesamtumfangs weitaus längste Text des Werks, die Kritik an Max Stirner, wurde 1903/1904 auszugsweise in neun Folgen der Reihe Dokumente des Sozialismus unter dem Titel Der ‚heilige Max‘ durch Eduard Bernstein herausgegeben.Der "heilige Max". Aus einem Werk von Marx-Engels über Stirner. In: Dokumente des Sozialismus, Stuttgart 1903, S. 19–32, 65–78, 115–130, 169–177, 306–316, 355–364 und 1904, S. 210–217, 259–270, 312–321, 363–373 und 416–419. Bernstein griff damit in die durch die sogenannte Stirner-Renaissance veranlasste Debatte um anarchistische Formen des Sozialismus ein.Wolfgang Eßbach: Max Stirner, Geburtshelfer und böse Fee an der Wiege des Marxismus, in: H. Bluhm (Hrsg.): Karl Marx, Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie. Berlin 2009, S. 165 ff.

Der Abschnitt mit der Kritik an Ludwig Feuerbach wurde 1926 von Dawid Rjasanow als Vorabdruck für die von ihm geplante Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA1) veröffentlicht.Marx-Engels-Archiv, Bd. I, Frankfurt am Main 1926, S. 230–306.

Die gesamte Deutsche Ideologie erschien erstmals 1932 in Band I/5 der MEGA1 in Berlin, nach Verhaftung Rjasanows mit Wladimir Adoratski als Herausgeber. Im gleichen Jahr brachten Siegfried Landshut und Jacob P. Mayer im Rahmen einer Edition von Marx’ Frühschriften eine stark gekürzte Fassung heraus, in der vor allem der Stirner-Abschnitt – zwei Drittel des Gesamttextes – fehlte.Karl Marx. Der historische Materialismus. Die Frühschriften, hrsg. von S. Landshut und J. P. Mayer, unter Mitwirkung von F. Salomon, 2 Bde., Kröner, Leipzig 1932. Der erste vollständige Abdruck in einer Werkausgabe erfolgte 1933 in Band IV der ersten russischsprachigen Marx-Engels-Werkausgabe (Sotschinenija1); parallel dazu wurde die Deutsche Ideologie in der UdSSR anlässlich von Marx’ 115. Geburtstag im Mai 1933 in einer Einzelausgabe mit einer Auflagenhöhe von über 50.000 Exemplaren herausgebracht.Vollgraf, Carl-Erich; Sperl, Richard; Hecker, Rolf (Hrsg.): Stalinismus und das Ende der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe (1931 – 1941) (Beiträge zur Marx-Engels-Forschung. Neue Folge. Sonderband 3), Hamburg 2001, S. 206–209. Im Rahmen der deutschsprachigen Marx-Engels-Werke(MEW) wurde der Text schließlich 1958 in Band 3 der Ausgabe veröffentlicht. Eine überarbeitete Fassung hiervon erschien 1965 in Moskau und 1966 in der DDR.

Für die zweite Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) wurde 1972 ein Probeband hergestellt, in dem das Feuerbach-Kapitel nach neuestem Forschungsstand kommentiert und ediert ist. Auf dessen Grundlage gab Wataru Hiromatsu in Tokio 1974 eine weitere Fassung in einer neuen Anordnung der Texte heraus.

Das Erscheinen des neu edierten Bandes I/5 der MEGA2, der Die deutsche Ideologie enthält, wurde seit dem Probeband 1972 mehrfach angekündigt, erfolgte schließlich aber aufgrund der außerordentlich schwierigen Quellenlage und der Notwendigkeit, neuere Forschungsergebnisse einzuarbeiten, erst Ende November 2017 auf insgesamt 1894 Seiten. Die historisch-kritische Edition führte unter anderem zur Aufnahme zweier weiterer Texte, eines anonym erschienenen, aber Marx zugeschriebenen Artikels in der Zeitschrift Gesellschaftsspiegel, sowie eines Artikels von Joseph Weydemeyer aus dem Westphälischen Dampfboot, den dieser unter Mitarbeit von Marx in Brüssel verfasst hatte. (PDF; 58 kB) auf der Website der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Die Herausgabe des MEGA-Bandes nach jahrzehntelanger Editionsarbeit erhielt auch mediale Resonanz.

2025 erschien für Band 3 der MEW die 10., erweiterte Auflage des Bandes, in dem in einem neuen Vorwort die Geschichte des Erscheinungsgeschichte des Bandes nachvollzogen wird. Ebenfalls enthalten ist als Beilage das vollständige Feuerbach-Kapitel.

Hauptaussagen mini|320px|rechts|Bruno Bauer und Max Stirner wurden auf Wilhelm Kaulbachs Gemälde Die Hunnenschlacht (1834–1837) von Marx und Engels wiedererkannt.Der Abschnitt „Das Leipziger Konzil“ beginnt: „Im dritten Bande der Wigand’schen Vierteljahrsschrift für 1845 ereignet sich die von Kaulbach prophetisch gemalte Hunnenschlacht wirklich. Die Geister der Erschlagenen, deren Grimm auch im Tode sich nicht beruhigt, erheben ein Getöse und Heulen in der Luft, wie von Kriegen und Kriegsgeschrei, von Schwertern, Schilden und eisernen Wagen. Aber es handelt sich nicht um irdische Dinge. Der heilige Krieg wird geführt nicht um Schutzzölle, Konstitution, Kartoffelkrankheit, Bankwesen und Eisenbahnen, sondern um die heiligsten Interessen des Geistes, um die ‚Substanz‘, das ‚Selbstbewußtsein‘, die ‚Kritik‘, den ‚Einzigen‘ und den ‚wahren Menschen‘. Wir befinden uns auf einem Konzil von Kirchenvätern. Da sie die letzten Exemplare ihrer Art sind und hier hoffentlich zum letzten Mal in Sachen des Allerhöchsten, alias Absoluten, plädiert wird, so lohnt es sich, über die Verhandlungen procès-verbal <Protokoll> aufzunehmen.“ MEW Bd. 3, S. 78

Das Werk kritisiert die junghegelianischen Philosophen Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer und Max Stirner sowie zeitgenössische deutsche Sozialisten.

In Der deutschen Ideologie stellen die Autoren einen Zusammenhang zwischen den Lebensverhältnissen der Menschen und ihren Gedanken her. Insbesondere sind die Gedanken von Menschen einer bestimmten Epoche, Region und gesellschaftlichen Stellung über Moral, ethische Vorstellungen, Schönheitsideale usw. immer eine Widerspiegelung der spezifischen Lebensverhältnisse dieser Epoche, Region und Gesellschaftsklasse (und Schicht etc.). Vereinfacht kann man sagen: Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein. Die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in einer bestimmten Epoche und Region spiegeln sich in einer hierarchischen Ordnung der verschiedenen Klassen. Die Gedanken der Mitglieder aller Klassen fungieren hierbei zur Absicherung von Herrschaft derjenigen Klasse, die am meisten von der jeweiligen Gesellschaftsstruktur profitiert. Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden.

Die Interessen der herrschenden Klasse werden als die vorgeblich gemeinsamen aller Mitglieder der Gesellschaft dargestellt. Marx und Engels bezeichnen Gedanken, die den Interessen der herrschenden Klasse dienen und als allein gültig dargestellt werden, als Ideologie. Ideologie kann durch Kritik aufgedeckt, aber nur durch revolutionäre Praxis („umwälzende Praxis“, wie Marx in der dritten These zu Feuerbach schrieb) beseitigt werden, indem die materiellen Verhältnisse geändert werden.

Die Deutsche Ideologie markiert die Grenze zwischen dem sogenannten frühen und dem reifen Marx, d. h. seine Lösung von dem humanistischen Materialismus Feuerbachs. Sie enthält, wie Engels schrieb, die erste Formulierung von Marx’ „großer Theorie“, dem Historischen Materialismus.„Der Begriff ‚materialistische Geschichtsauffassung‘ findet sich in den Manuskripten zur Deutschen Ideologie nicht.“ (MEGA2, Bd. I/5, Berlin/Boston 2017, S. 755).

Theoretische Einordnung mini|200px|„Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor, wie die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar physischen.“ Karl Marx, MEW, Bd. 3, S. 26 (Illustration: James Ayscough, 1752)

In der Vorrede von Zur Kritik der Politischen Ökonomie von 1859 thematisiert Marx den Entstehungshintergrund der Arbeit:

Engels äußerte sich 1888 in einer Vorbemerkung zu Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie über das Manuskript folgendermaßen:

Auszug

Kritik Ulrich Pagel, Gerald Hubmann und Christine Weckwerth kommen in ihrer Arbeit zur Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) zu folgendem Ergebnis: „Anstelle der in der späteren Rezeption behaupteten (und durch Textkompilationen suggerierten) Ausformulierung einer Philosophie des historischen Materialismus belegen die Manuskripte gerade die programmatische Abkehr von der Philosophie zugunsten der wirklichen positiven Wissenschaft“.

Ausgaben und Teilausgaben Der „heilige Max“ (Sankt Max). Hrsg. v. Eduard Bernstein. In: Dokumente des Sozialismus, III. Band, 1903, S. 19–32, 65–78, 115–130, 169–177, 306–316, 355–364; und IV. Band, 1904, S. 210–217, 259–270, 312–321, 363–373 und 416–419. Marx und Engels über Feuerbach. Der erste Teil der ‚Deutschen Ideologie‘. In: Marx-Engels-Archiv. Zeitschrift des Marx-Engels-Instituts in Moskau. Band 1, 1926, S. 205–306. Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA1). Abteilung I. Band 5. Karl Marx / Friedrich Engels: Die Deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten, Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten. 1845-1846. Im Auftrage des Marx-Engels-Lenin-Instituts Moskau herausgegeben von V. Adoratskij, Berlin 1932. Karl Marx, Friedrich Engels: Die deutsche Ideologie. Kritik der neuesten deutschen Philosophie in ihren Repräsentanten Feuerbach, B. Bauer und Stirner, und des deutschen Sozialismus in seinen verschiedenen Propheten (geschrieben 1845–1846, nach den Handschriften). (= Marx-Engels-Werke (MEW)), Band 3, Dietz, Berlin (DDR) 1958, DEA Archiv online; auch Berlin 1973; 10., erweiterte Auflage, Dietz, Berlin 2025. Feuerbach (Neuedition des Kap. I). In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 14 (1966), S. 1192–1254. Die deutsche Ideologie. I. Band. Kapitel I. Feuerbach. Gegensatz von materialistischer und idealistischer Anschauung. Probeband zur Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2) (enth. Editionsgrundsätze und Probestücke). Dietz Verlag, Berlin 1972, S. 31–119 und S. 399–507. Die deutsche Ideologie. I. Band. Kapitel I. Feuerbach. Hrsg. v. Wataru Hiromatsu, Tokio: Kawadeshobo-Shinsha 1974 (deutsch und japanisch). Die Deutsche Ideologie. Artikel, Druckvorlagen, Entwürfe, Reinschriftenfragmente und Notizen zu I. Feuerbach und II. Sankt Bruno, Hrsg.: Internationale Marx-Engels-Stiftung, Akademie-Verlag, Berlin 2004, 2 Bände (Text; Apparat) ISBN 3-05-003837-3. Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2). Abteilung I. Band 5. Karl Marx / Friedrich Engels: Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke. Bearbeitet von Ulrich Pagel, Gerald Hubmann und Christine Weckwerth. Herausgegeben von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) Amsterdam. De Gruyter Akademie Forschung, Berlin/Boston 2017. ISBN 978-3-11-048577-6.

Literatur Bert Andréas / Wolfgang Mönke: Neue Daten zur „Deutschen Ideologie“. Mit einem unbekannten Brief von Karl Marx und anderen Dokumenten. Archiv für Sozialgeschichte. Band VIII. Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1968, S. 167–293. Jacques Grandjonc: Die Stimme des Volkes 1839 oder Blätter der Zukunft 1846. Zur „Deutschen Ideologie“ In: Archiv für Sozialgeschichte. Bd. IX., Verlag für Literatur und Zeitgeschehen, Hannover 1969, S. 499–508. Reinhard Müller: Ein neues Kapitel der „Deutschen Ideologie“ oder ein Marx – Dubiosum?. Hamburg 1975.