Sibiriendeutsch ist die Sprache der Deutschen, die heute in vielen Teilen Sibiriens leben. Sie sind Nachfahren von Auswanderern, die sich seit Ende des 18. Jahrhunderts an der Wolga, um St. Petersburg, auf der Krim, im Kaukasus, in Wolhynien und weiteren Gebieten im damaligen Russland ansiedelten. Die Deutschen in Sibirien sind heutzutage weitgehend assimiliert, was u. a. mit dem Verlust des Deutschen als Muttersprache verbunden ist, aber auch eine einzigartige Sprachsituation geschaffen hat.
Bevölkerungsentwicklung und geographische Verteilung der ethnischen Deutschen in Sibirien Ethnische Deutsche in Sibirien (Russland) 1979, 2002 und 2010: Gebiet 1979 2002 2010Russland insgesamt1.936.214597.200394.138Altaj124.74579.50050.701Omsk120.80676.30050.055Nowosibirsk64.98547.30030.924Krasnojarsk54.51836.90022.363Kemerowo47.04036.00023.125Tomsk15.02713.4448.687
Sprachgeschichte – von den Anfängen der Sprachinseln bis zur Kontaktvarietät Historischer Hintergrund für die Entstehung der Dialektgeographie der ethnischen Deutschen in Russland ist ein konkretes Ereignis in der Geschichte Russlands und Deutschlands: Am 22. Juli 1763 erließ die aus Deutschland stammende Katharina II. (1762–1796) ein Einladungsmanifest, das ausländischen Siedlern eine Reihe von Privilegien in Aussicht stellte, was allerdings nicht durchgehend eingehalten wurde. Den deutschen Siedlern wurden u. a. Religionsfreiheit, Befreiung vom Militärdienst, 30 Jahre Steuerfreiheit und lokale Selbstverwaltung versprochen. Die Kolonistenfamilien bekamen 30 Hektar Land zugesprochen. Zwischen 1764 und 1767 wanderten erstmals rund 30.000 Deutsche nach Russland aus; der überwiegende Teil ging ins Wolgagebiet bei Saratow. Die Wolga-Kolonien sind das älteste und größte Gebiet der deutschen Einwanderung. Ein zweites Gebiet liegt am Schwarzen Meer (unter Zar Alexander I., 1803–1823) und umfasst die Südukraine, die Krim und Bessarabien (das Gebiet zwischen den Flüssen Dnister und Prut in Teilen vom heutigen Moldawien und der Ukraine) und Transkaukasien. Die deutschen Siedler am Schwarzen Meer errichteten später neue Siedlungen im Don-Gebiet, im Nord-Kaukasus und in der Nord-Ukraine (um Charkow und Kiew). Ein späteres Einwanderungsgebiet ist Wolhynien (heute eine Landschaft in der nordwestlichen Ukraine), besiedelt unter Nikolaus I. und Alexander II. (1830–1870). Weitere Siedlungen wurden im Ural, in Sibirien und in Zentralasien (u. a. am Kaspischen Meer) gebildet. Eine unweit der dortigen Mennonitendörfer liegender Teil des Molotschnaja-Gebiets hatte laut Firmenich folgende Mundarten: Die badisch-pfälzische, die schwäbische, die preußische (in Rosental und Hoffental), die nassauische (in Alt-Nassau und Neu-Nassau). In Marx (Russland) wurde ein Regiolekt mit Prägung durch einen nordostthüringisch-osterländischen Dialekt gesprochen. Derselbe wurde auch in Alt-Urbach, Boaro, Jost an der Wolga und Orlowskoi gesprochen. Die vier Hauptgruppen in der Wolgadeutschen Republik waren: südwestpfälzisch aus dem Zweibrücker Raum, rheinfränkisch-südhessisch, rheinfränkisch-zentralhessisch und zentralhessisch-vogelsbergisch. Die Erforschung der deutschen Sprachinseln durch Viktor Schirmunski 160 Jahre nach der ersten deutschen Einwanderung an die Wolga erwähnte der sowjetisch-russische Dialektologe Viktor Schirmunski, dass es in Russland ca. 2000 deutsche Dörfer mit rund 1.600.000 Einwohnern gebe. Schirmunski hat bereits 1930 die deutschen Sprachinseln in Russland mit einem „sprachwissenschaftlichen Laboratorium […], in dem wir anhand geschichtlicher Zeugnisse in einer kurzen Zeitspanne von 100 bis 150 Jahren Entwicklungen verfolgen können […]“, verglichen und die Sprache der deutschen Siedler an der Newa bei Sankt Petersburg, in der Südukraine und Transkaukasien und am Dnjepr (Ukraine) dialektologisch eingehend analysiert.
Diese Siedlungsgebiete – in der frühen Forschungsgeschichte wird nach Mutter- und Tochterkolonien unterschieden – lagen sehr weit auseinander. Die einzelnen deutschen Sprachinseln hatten wenig Kontakt miteinander. Heute gehört beispielsweise Transkaukasien, die südliche Hauptkette des Großen Kaukasus, zu den Ländern Armenien, Georgien und Aserbaidschan, während der Dnjepr sowohl durch die heutige Ukraine, durch Belarus und Russland fließt. Schirmunski war sich durchaus dieser Problematik bewusst. „Die deutschen Dörfer in Russland bilden im Allgemeinen kein sprachlich zusammenhängendes Gebiet, sondern erscheinen gewöhnlich als zerstreute Sprachinseln in fremdsprachlicher Umgebung“, schreibt Schirmunski 1930. Häufig wurden in den einzelnen Dörfern auch die verschiedenen Mundarten gesprochen, die die Siedler aus den deutschen Ländern mitgebracht hatten. Mit der Zeit mischten sich die Siedlungsmundarten, während in manchen Dörfern etwa nur Schwäbisch, Hessisch oder Pfälzisch gesprochen wurde. Die Muttersprache der Siedler ist auch gleichzeitig ihre Verkehrssprache, die täglich untereinander gesprochen wird. Daneben kennen sie die deutsche Schriftsprache des 19. Jahrhunderts, die als mundartlich gefärbte Umgangssprache durch Schul- und Kirchenunterricht eindringt, und die russische Sprache, deren Kenntnisse ebenfalls durch die Schule und den Umgang mit den Nachbarn ständig präsent ist. In gewissen Regionen kommen auch andere Nachbarsprachen, wie Ukrainisch, Tatarisch und Georgisch, in Betracht. Der Grad der Kenntnisse zu den Kontaktsprachen ist je nach Gegend und kulturellen Bedingungen sehr verschieden. Wolhyniendeutsch wurde in der Ukraine gesprochen. Das „Neuschwäbische“ in der Ukraine baute die meisten schwäbischen Dialektmerkmale ab. Das Neuschwäbische wurde in Lustdorf und Groß-Liebental gesprochen.
Das Neuhessische in der Ukraine beruhte auf dem Oberhessischen. Das Neuhessische in den Tochterkolonien der Belemeser im Mariupoler Kreis beruhte auf dem Oberhessischen, wies jedoch nicht überwiegende dialektale Prägung auf.
Schirmunski veröffentlichte 1929 eine Studie, in welcher er außer Mischmundarten folgende Mundarttypen unterschied: I. Niederdeutsch-niederfränkische Mundarten aus der Gegend von Danzig, II. mitteldeutsche, unterteilt in oberhessisch, westrheinpfälzisch, ostrheinpfälzisch und ostpfälzisch sowie III. süddeutsche, unterteilt in nordelsässisch aus dem Gebiet zwischen Seltz, Wissembourg und Lauterbourg, nordbadisch aus Baden-Durlach, schwäbisch und nordbairisch. Das Niederdeutsche wurde in der Ukraine bei den Mennoniten, den Preußen in der Mariupoler Gegend und in den Danziger Kolonien gesprochen. Das Niederdeutsche in der Ukraine wurde in das Niederdeutsche der Mennoniten sowie der Kolonien Josephstal, Rybalsk und Alt-Danzig aufgeteilt. Es gibt bei Russlanddeutschen das Niederdeutsche der Mennoniten und das der Katholiken.Nina Berend, Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Sprachinselforschung. Eine Gedenkschrift für Hugo Jedig. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1994, S. 13 Zu den Gegensätzen gehören ät und äk für ich, aupəl und opəl für Apfel, sti:rən und szarən für Stern. Hessisch-pfälzisch wurde ebenfalls in Russland gesprochen. In Güldendorf wurde eine Mischung aus südfränkisch und schwäbisch, in Alexanderhilf und Neuburg eine Mischung aus rhein-pfälzisch mit weniger schwäbisch gesprochen, das Krim-schwäbische ist eine Mischung aus südfränkisch und schwäbisch. Es gab einen westpfälzischen Typ (fescht, gebroch, Haus), einen hessisch-pfälzischen Typ (fescht, gebroche), die sogenannten Vogelsberg-Spessart-Mundarten (fest, Brauder, Haus, Flaasch) und einen rheinfränkischen Typ aus dem Gebiet Taunus-Aschaffenburg (fest, Bruder, frtselt).Nina Berend, Klaus J. Mattheier (Hrsg.): Sprachinselforschung. Eine Gedenkschrift für Hugo Jedig. Lang, Frankfurt am Main u. a. 1994, S. 162 Im anderen als dem mennonitischen Koloniebezirk im Molotschnaja-Gebiet gab es folgende Mundarten: Badisch-pfälzisch, schwäbisch, preußisch (Rosental und Hoffental), nassauisch und elsässisch.
Sprachsituation seit dem Zweiten Weltkrieg
Mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 wurden die Sprachinselgesellschaften von sowjetischen Behörden de facto von einem Tag zum anderen aufgelöst.
Sprachkontaktforschung zum gesprochenen Deutsch in Sibirien Im Rahmen des Forschungsprojektes „Syntax im Sprachkontakt. Gesprochenes Deutsch im Gebiet Krasnojarsk (Sibirien)“ wurden jeweils 2008 und 2010 Forschungsreisen von Forschern der Universität Göteborg in die Region Krasnojarsk durchgeführt, um sprachliche Daten zum heute gesprochenen Deutsch in Sibirien zu sammeln. In Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Russischen Staatlichen Universität V. P. Astafjew in der Regionshauptstadt Krasnojarsk wurden Interviews mit vier Informantinnen audiovisuell aufgezeichnet. Es sollte erlebt werden, wie es ist, wenn man seine Sprache nur im engsten Familienkreis spricht, ohne persönliche Bezugspunkte zum Herkunftsland.
Beispiel der sibiriendeutschen Spontansprache
Das folgende Beispiel ist ein Ausschnitt einer Aufnahme von 2010 aus dem ersten Gespräch von Christiane Andersen (C) mit Emma (E) und Maria (M). Bei der Transkription wurden einige Vereinfachungen vorgenommen: neben der generellen Kleinschreibung wurde immer dann von der Orthographienorm abgewichen, wenn die Aussprache der Informantinnen deutlich vom Standarddeutschen abwich. Da diese Entscheidung vom Ermessen des oder der Transkribierenden abhing, wurde in dieser Phase der Datenbearbeitung bereits eine Interpretation vorgenommen. Auch Hinweise zum nonverbalen Verhalten der Gesprächsteilnehmer wurden notiert:
CKönnen sie noch einmal sagen, in welchem jahr sie geboren sind und wo?Ees wird da ringehn?C<lacht> ja es geht alles da reinMich bin haas maria un siebeunddreissigCjaMgeborenEjahrgangCJahrgang ja <lacht>Mun in engels geboren <fummelt mit dem Teebeutel> jaCund sie haben hier? Wie lange leben sie jetzt hier?Mum einundvierzig sijn mir dort in den dorfCahaEa, i sibirje sin mir von einunverzigCjaEdaCundEund der kriech hat anfangenCja <zu E gewandt> wollen sie nochmal ihren namen sagen?Eemma, ich bin geboren in engelsCmmEun nach sibirje jekomm <hustet ins Mikrofon> bin ich war ich acht jahre altCmmEun haben wir gewahnt in minusinske, minusinske haben wir gewahnt najn monat, a vot potom haben sie uns na sever mit de ganzen familjekak in der trudarmee war merCmmEun dort warn wir elf monatCmmEa potom severM<zu E> otkuda elf monatE<beharrlich> I minu... net, minusinsk, v minusinske in <Kopfschütteln> am severMam sever waren wir von zweiundverzig bis neun... ihr seid achtundverzig zrückgekommenENet a ja govorju von dort wie wir dort waren in dem in dem jakutskM<Rückfrage> v minusinske?Eda, nje v minusinske, in dem kak že ego... v bratske, wo der war... muder war, aj nikolinaMbylo…Eauch am severCist es sehr weit weg?
Emma und Maria sprechen völlig unvoreingenommen. Dabei mischen sich ganz natürlich sowohl dialektale als auch kontaktsprachliche Elemente (hier das Russische) in die Rede, ohne dass ihnen bewusst ist, dass sie stellenweise Russisch sprechen. „Wir sprechen Deutsch“, sagen sie mehrmals.
Die Verwendung russischer Wörter und Wortformen fallen uns ins Auge. Geographische Namen wie engels, sibirje, minusinsk, jakutsk, bratsk und nikolina werden auf Russisch verwendet. Das russische Wort sever, auf Deutsch der Norden, wird mit der russischen Präposition na versehen. Auch der Ort Minusinsk wird mit einer russischen Präposition verbunden – v minusinske und mit einer russischen Kasusendung (-e, russischer Präpositiv) verbunden. Die Endung -je in sibir (russisch für ‚Sibirien‘) ist dagegen eine Entlehnung aus dem Deutschen, wie auch trudarmee eine Mischung aus russ. trud ‚Arbeit‘ und Armee ist.