mini|Elisabeth Bronfen (2013) Elisabeth Eve Bronfen (* 23. April 1958 in München) ist eine Kultur- und Literaturwissenschaftlerin und Buchautorin; sie war von 1993 bis 2023 Professorin für Anglistik und Lehrstuhlinhaberin am Englischen Seminar der Universität Zürich. Zudem ist sie seit 2007 Global Distinguished Professor an der New York University. Bronfen hat zahlreiche Aufsätze in den Bereichen Gender Studies, Psychoanalyse, Literatur-, Film- und Kulturwissenschaften sowie einige vielbeachtete Bücher veröffentlicht. Sie lebt in Zürich.

Leben und Wirken Elisabeth Bronfen wurde 1958 in München geboren. Ihre Mutter war Deutsche; ihr Vater wuchs als Sohn jüdischer Einwanderer aus Litauen in Brooklyn auf. Er war nach dem Zweiten Weltkrieg mit der amerikanischen Besatzungsarmee in Bayern stationiert, wo er seine spätere Frau kennenlernte. Bronfen wuchs zweisprachig mit Deutsch und Englisch auf. Sie besuchte eine amerikanische Schule in München und machte dort ihren High-School-Abschluss. Sie besuchte die Schauspielschule in München und spielte Mitte der 1970er-Jahre in zwei Filmen mit.

Von 1976 bis 1980 studierte sie Germanistik, Anglistik und Komparatistik am Radcliffe College und an der Universität Harvard, wo sie den akademischen Grad eines Master erwarb. Sie besuchte dort auch Kurse in Creative Writing und verfasste Kurzgeschichten. Daneben studierte sie klassischen Gesang und ließ sich zur Mezzosopranistin ausbilden. Von 1980 bis 1985 studierte sie an der Universität München, wo sie 1985 mit einer von Ina Schabert betreuten Arbeit über Dorothy Richardsons Pilgrimage-Romane promovierte. Von 1982 bis 1984 war sie ebendort als Assistentin und 1984/85 als Lehrbeauftragte angestellt. Von 1985 bis 1993 arbeitete sie an der Universität München als Oberassistentin und Akademische Rätin auf Zeit. Von 1988 bis 1991 nahm sie zugleich Lehraufträge an der Kunstakademie München wahr. Im akademischen Jahr 1987/88 war sie als Fellow ein zweites Mal an der Universität Harvard, wo sie Stanley Cavell kennenlernte, der durch sein Interesse für amerikanische und europäische Sprachphilosophie, Shakespeare und Hollywoodfilme für ihre weitere Forschung wichtig werden sollte. Von 1990 bis 1993 war sie in einer tragenden Rolle am Aufbau und an der Durchführung des Münchner Graduiertenkollegs Geschlechterdifferenz & Literatur beteiligt. 1991 habilitierte sie sich an der Universität München mit der 1992 als Buch erschienenen Arbeit Over Her Dead Body, die schnell über die Fachkreise hinaus bekannt wurde. Sie erhielt 1993 den Gerhard-Hess-Förderpreis von der Deutschen Forschungsgemeinschaft zugesprochen.

1993 wurde sie auf einen Lehrstuhl für englische und amerikanische Literatur an der Universität Zürich berufen, den sie in der Folge während dreißig Jahren innehatte. Von 1993 bis 2001 war sie außerordentliche Professorin, 2001 wurde sie zur ordentlichen Professorin befördert. Ende Juli 2023 wurde sie emeritiert. Die Berufung der jungen, mediengewandten, feministischen Professorin wurde von den Schweizer Medien als kleine Revolution wahrgenommen. In ihrem Unterricht verfolgte sie oft transdisziplinäre Fragestellungen: Sie bezog Filme und TV-Serien ein und brachte Hoch- und Populärkultur miteinander ins Gespräch. Seit 2007 ist sie zudem Global Distinguished Professor am German Department der New York University. Sie hatte Gastprofessuren an den Universitäten Sheffield Hallam, Konstanz, Kopenhagen, Columbia (New York), Queensland, Aarhus, Universidad Catolica Lissabon, Trient, University of California, Berkeley und Paris-Diderot.Elisabeth Bronfen auf LinkedIn, abgerufen am 9. Mai 2023. Außerdem war sie Fellow an der Princeton University, am IKKM der Bauhaus-Universität Weimar, am Istituto Svizzero di Roma und am Hamburg Institute for Advanced Study sowie Residentin am Louise Bourgeois Studio Archive.

Seit 2011 ist sie ordentliches Mitglied der Academia Europaea. 2021 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg verliehen. In ihrer Dankesrede bezeichnete sie ihre Professur als „ein feministisches Projekt“, bei dem es auch darum gegangen sei, an die Vorgängerinnen zu erinnern und durch Nachwuchsförderung Nachfolgerinnen auszubilden, die garantieren können, dass die Genderperspektive nicht wieder aus der Wissenschaft verschwinde.

Bronfen gibt die Ergebnisse ihrer Forschung auch in Publikumsmedien weiter. In Radio und Fernsehen tritt sie als Expertin – u. a. zur amerikanischen Politik und Gesellschaft – auf. Zudem verfasste sie einzelne Artikel in Zeitungen und Zeitschriften, zum Beispiel für Die Zeit und die Tageszeitung. Außerdem war sie in den Jahren 2000 und 2001 Mitglied der Jury des Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. 2025 nahm sie an den Wiener Festwochen als Jurymitglied am partizipativen Projekt der sogenannten Wiener Kongresse zum Thema Cancel-Culture und MeToo teil.

Wiederholt ist sie auch als Ausstellungskuratorin in Erscheinung getreten. Sie kuratierte 2013 in Bonn eine Ausstellung zu Kleopatra als Diva und 2014 in Wien eine Ausstellung zur Fotografin Francesca Woodman. 2022 kuratierte sie im Aargauer Kunsthaus die Ausstellung Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau..., die Werke weiblicher (hauptsächlich schweizerischer) Künstlerinnen neu konstellierte. 2024 co-kuratierte sie eine Ausstellung zu Fetischen in der Kunst in der Graphischen Sammlung der ETH Zürich. 2025 wurde im Museum Strauhof in Zürich eine von ihr kuratierte Ausstellung zu Virginia Woolfs Mrs. Dalloway gezeigt.

Bronfen hat mehrfach an Theaterinszenierungen mitgewirkt. 2020 übersetzte und adaptierte sie zusammen mit Muriel Gerstner die Shakespeare-Stücke Othello und Der Kaufmann von Venedig unter dem Titel This is Venice für das Burgtheater Wien. 2023 inszenierte Roger Vontobel an den Bühnen Bern in Koproduktion mit den Ruhrfestspielen und dem Theater Winterthur Shakespeares Macbeth in einer Fassung von Bronfen.

2016 veröffentlichte sie unter dem Titel Besessen ein Kochbuch, dessen englische Ausgabe 2020 mit dem Gourmand World Cookbook Award in der Kategorie „Übersetzung“ ausgezeichnet wurde. Im Oktober 2023 erschien Bronfens erster Roman.

Werke In ihrer Habilitation Over her Dead Body: Death, Femininity and the Aesthetic (1992, dt. Nur über ihre Leiche. Tod, Weiblichkeit und Ästhetik) untersucht Bronfen das Motiv der schönen, toten Frau in der westlichen Literatur und Kunst, das ubiquitär, aber gerade deswegen fast unsichtbar sei. Sie stellt das Thema in den größeren Horizont der Repräsentation des Todes und des Umgangs der Menschen mit ihrer Sterblichkeit. Die Tatsache, dass es sich bei den dargestellten Toten vornehmlich um Frauen handelt, deutet Bronfen als Symptom einer patriarchalen Kultur, in der das Subjekt als männlich gedacht und der weibliche Körper als ‚das Andere‘, eine Instanz des Nicht-Ichs, konstruiert wird. Die Angst vor der eigenen Sterblichkeit wird auf das weibliche Andere verschoben, wodurch sich das männliche Subjekt zu festigen und seine Ängste zu kontrollieren hofft.Bronfen, Nur über ihre Leiche, op. cit., S. 9f. Die Schönheit der toten Frauen ermöglicht eine Ästhetisierung des Todes, die es dem Subjekt erlaubt, sich fasziniert mit der Sterblichkeit auseinanderzusetzen, ohne sich selbst davon betroffen zu fühlen. In der Rezeption stark beachtet wurde auch das Kapitel „Die tote Geliebte als Muse“, in dem Bronfen darlegt, dass die tote Frau als Allegorie auf autonomes künstlerisches Schaffen gelesen werden kann, das darin bestehe, „die Materie zu tilgen, für die Frau einsteht.“Bronfen: Nur über ihre Leiche, S. 518. Bronfen bespricht in ihrem über 600 Seiten dicken Buch zahlreiche Beispiele, unter anderem Wuthering Heights, Frankenstein, Lolita, Fräulein Else, Schneewittchen und Vertigo – Aus dem Reich der Toten. Sie analysiert auch Werke von Schriftstellerinnen, stellt jedoch fest, dass auch diese die Denkmuster der patriarchalen Kultur übernehmen müssen und nur partiell eine kritische Haltung dazu einnehmen können. Gewisse thematische Affinitäten ihrer Analysen zu den Untersuchungen Klaus Theweleits (Buch der Könige) drängen sich auf. Bronfens Interpretationen schöpfen allerdings aus zahlreichen Theorie-Quellen, nennen könnte man hier beispielsweise Judith Butler, Michail Bachtin, Jacques Lacan, Charles Taylor, Stephen Greenblatt, Michel Foucault, Jacques Derrida, Stanley Cavell, Roland Barthes. 2017 fand an der Universität Zürich unter dem Titel Over Her Dead Body Redux eine Tagung zur Feier des 25. Geburtstags des Buches statt, an der unter anderem Judith Butler und Barbara Vinken sprachen.

In ihrer 800-seitigen Studie The Knotted Subject (1998, dt. Das verknotete Subjekt) untersucht Bronfen medizinische und psychoanalytische Diskurse sowie literarische und bildkünstlerische Inszenierungen der sogenannten Hysterie. Sie schreibt sich dabei in eine Tradition der Rehabilitierung dieser oft als Simulantentum desavouierten psychosomatischen Störung ein. Bronfen schreibt: „Wenn traditionelle Hysteriekonzeptionen nach wie vor an der Vorstellung des Viel-Lärm-um-nichts festhalten, so schlage ich vor, dieses ‚Nichts‘ und die flexiblen Selbstentwürfe ganz ernst zu nehmen und sie als eine Sprache aufzufassen, die es dem Subjekt erlaubt, sowohl persönliches als auch kulturelles Unbehagen zum Ausdruck zu bringen.“ Der Hysteriker verkünde die Botschaft einer Verwundbarkeit, vor allem „die Verwundbarkeit des Körpers angesichts der eigenen Veränderlichkeit und Sterblichkeit“. Bronfen wendet sich damit gegen die psychoanalytische These, wonach die Hysterie allein als Symptom eines unbefriedigten sexuellen Begehrens der sich als Mängelwesen erfahrenden Frau zu lesen sei. Hysterie sei als allgemein-menschliches Phänomen aufzufassen und auf das ursprüngliche Trauma der Geburt zurückzuführen, die sowohl Verwundung des Neugeborenen als auch Abnabelung und Selbstermächtigung bedeute. Sichtbare Narbe dieser ursprünglichen Wunde ist der Bauchnabel, der für Bronfen zum zentralen Symbol der Hysterie wird. Veranschaulicht wird die These unter anderem an Interpretationen von Hitchcocks Psycho, Flauberts Madame Bovary, Wagners Parsifal und Woody Allens Zelig.

In der Aufsatzsammlung Heimweh: Illusionsspiele in Hollywood beschäftigt sich Bronfen mit dem US-amerikanischen Film als Darstellung psychischer Prozesse anhand von Kino-Klassikern wie Der Zauberer von Oz, Rebecca und Sieben. Insbesondere untersucht Bronfen die Filme anhand von Freud’schen Konzepten wie dem Unheimlichen. Gemäß Martin Stingelin ist Bronfens These, dass sich „Identität nur als unablässig vom Scheitern bedrohter Abwehrprozess gegen das traumatische Moment bilden kann.“Martin Stingelin: Virtuelle Heimat. Elisabeth Bronfen entlarvt das Kino als trügerische Heimstatt unserer imaginären Identität. auf: literaturkritik.de, März 2000.

In dem Buch zum Diven-Kult von 2002 untersuchte Bronfen den Unfall im Zeichensystem des Starkults: das Verschwimmen der Grenzen von öffentlicher Rolle, Kunst und Leben anhand der Fälle der Comtesse de Castiglione, König Ludwigs von Bayern, Sarah Bernhardts, Marilyn Monroes, Maria Callas’, Elvis Presleys, Evita Peróns, Rita Hayworths, Andy Warhols und Joseph Beuys’. Diven absolvieren nach Aussage der Autorin eine „Gratwanderung zwischen Macht und Opferrolle“.

In einer in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschienenen Rezension zum Buch Liebestod und Femme fatale aus dem Jahr 2004 bescheinigt Gerhard R. Koch Bronfen, souverän zwischen Oper, Drama, Literatur und Film, Gender-Theorie, Psychoanalyse und Textexegese hin und her jonglieren zu können und lobt ihre „dekonstruktivistische Schärfe“. Unter anderem werden im Buch strukturelle Ähnlichkeiten zwischen den fatalen Paar-Konstellationen des Film noir und der Wagner-Oper Tristan und Isolde vorgeführt.