mini|Satellitenaufnahme des Oberrheinischen Tieflands und seiner Umgebung.

Die Oberrheinische Tiefebene, vor allem naturräumlich auch Oberrheinisches Tiefland oder seltener Oberrhein-Untermain-SenkeHeinrich Müller-Miny: Großregionen im westlichen Mitteleuropa als naturräumliche Einheiten im Kartenbild. In: Institut für Landeskunde (Hrsg.): Berichte zur Deutschen Landeskunde. 36. Band, 1. Heft (März 1966), Selbstverlag der Bundesanstalt für Landeskunde und Raumforschung, Bad Godesberg 1966, S. 89–94 (hier: Karte Großregionen im westlichen Mitteleuropa als naturräumliche Einheiten).Hans-Jürgen Klink: Oberflächenformen. In: Wolf Tietze, Klaus-Achim Boesler, Hans-Jürgen Klink, Götz Voppel (Hrsg.): Geographie Deutschlands. Teil: Bundesrepublik Deutschland. Staat – Natur – Wirtschaft. Gebrüder Borntraeger, Berlin/Stuttgart 1990, ISBN 978-3-443-01024-9, S. 178–230 (hier: S. 193, 214). genannt, ist ein etwa 300 km langes und bis zu 40 km breites Tiefland am oberen Mittellauf des Rheins (dem Oberrhein), das sich zwischen den Städten Basel (Schweiz) im Süden und Frankfurt am Main (Deutschland) im Norden erstreckt.

Die Ebene entstand durch einen Grabenbruch, der tief in die Erdkruste hineinreichte und später mit Sedimenten verfüllt wurde. Er wird als Oberrheingraben bezeichnet.

Geographie Lage Die Oberrheinische Tiefebene wird vom Rhein – und zwar von seinem etwa 350 km langen Abschnitt Oberrhein, nach dem sie benannt ist – durchflossen. Der südlichste Teil der Ebene liegt in der Nordwestschweiz um die Stadt Basel, der südwestliche Abschnitt in den nordostfranzösischen Départements Haut-Rhin und Bas-Rhin (Elsass), der nordwestliche Teil und das Gebiet östlich des Rheins gehören zu Deutschland (Bundesländer Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen). Die oft randscharf begrenzte Ebene ist der nach Sedimentauffüllung verbleibende morphologische Ausdruck des Oberrheingrabens, einer der größten geologischen Strukturen in Mitteleuropa (siehe Abschnitt Oberrheingraben). An der Erdoberfläche sind die Grabenränder sehr unterschiedlich ausgeprägt; sie reichen von kaum 100 Metern Höhenunterschied zum Kraichgau hin bis zu weit über 1000 Metern im Schwarzwald und den Vogesen.

Naturräumlich umfasst das sogenannte Oberrheinische Tiefland auch das Rhein-Main-Tiefland, das nach Nordosten dem Unterlauf des Mains und der Wetter (nordwärts durch die Wetterau) flussaufwärts folgt.

Naturräumliche Gliederung in Deutschland mini|Oberrheingraben (blau) zwischen Basel und Frankfurt inmitten randlich angegliederter Mittelgebirge (grün bis schwarz); Farbgebung nach digitalem Höhenmodell

Die deutschen Anteile des Oberrheinischen Tieflands gliedern sich wie folgt:Emil Meynen, Josef Schmithüsen: Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands. Bundesanstalt für Landeskunde, Remagen/Bad Godesberg 1953–1962 (9 Lieferungen in 8 Büchern, aktualisierte Karte 1:1.000.000 mit Haupteinheiten 1960).Verschiedene Autoren: Geographische Landesaufnahme: Die naturräumlichen Einheiten in Einzelblättern 1:200.000. Bundesanstalt für Landeskunde, Bad Godesberg 1952–1994. → Online-Karten Blatt 138: Koblenz (Heinrich Müller-Miny, Martin Bürgener 1971; 82 S.) Blatt 139: Frankfurt a. M. (Brigitte Schwenzer 1967; 35 S.) Blatt 150: Mainz (Harald Uhlig 1964; 39 S.) Blatt 151: Darmstadt (Otto Klausing 1967; 61 S.) Blatt 152: Würzburg (Horst Mensching, Günter Wagner 1963; 45 S.) Blatt 160: Landau i. d. Pfalz (Adalbert Pemöller 1969; 47 S.) Blatt 161: Karlsruhe (Josef Schmithüsen 1952; 24 S.) Blatt 169: Rastatt (Heinz Fischer 1967; 31 S.) Blatt 170: Stuttgart (Friedrich Huttenlocher, Hansjörg Dongus 1967; 76 S.) Blatt 177: Offenburg (Heinz Fischer, Hans-Jürgen Klink 1967; 48 S.) Blatt 185: Freiburg i. Br. (Günther Reichelt 1964; 47 S.) D53 Oberrheinisches Tiefland (Oberrhein- und Maingraben) 20 Südliches Oberrheintiefland 200 Colmar-Neuenburger Rheinebene 201 Markgräfler Hügelland 202 Freiburger Bucht 203 Kaiserstuhl 21 Mittleres Oberrheintiefland 210 Offenburger Rheinebene 211 Lahr-Emmendinger Vorberge 212 Ortenau-Bühler Vorberge 22 Nördliches Oberrheintiefland 220 Haardtrand 221 Vorderpfälzer Tiefland 222 Nördliche Oberrheinniederung 223 Hardtebenen 224 Neckar-Rhein-Ebene 225 Hessische Rheinebene 226 Bergstraße 227 Rheinhessisches Tafel- und Hügelland (= Alzeyer Hügelland im weiteren Sinne) 228 Unteres NahehügellandDie ursprüngliche Einheit 228 Unteres Naheland umfasste vor 1964 (Blatt Mainz) die jetzigen Einheiten 227.0, 228 und 229 sowie 196. 229 Untere Naheebene 23 Rhein-Main-Tiefland 230 Messeler Hügelland 231 Reinheimer Hügelland 232 Untermainebene 233 Büdingen-Meerholzer HügellandUrsprünglich hieß die Haupteinheit Ronneburger Hügelland, welches aber inzwischen nur noch die Bezeichnung für die Untereinheit 233.0 ist. 234 Wetterau 235 Main-Taunusvorland 236 Rheingau 237 Ingelheimer Rheinebene

Gewässer Alle größeren Fließgewässer in der Oberrheinischen Tiefebene besitzen ihre Quellen in den umgebenden oder in weiter entfernten Mittelgebirgsregionen und münden sämtlich in den Rhein. Die mehr als 200 km langen Nebenflüsse sind rechtsrheinisch Neckar und Main, linksrheinisch Ill und Nahe. Seen natürlichen Ursprungs gibt es, meist als ehemalige und teilweise verlandete Flussschleifen, kaum noch; die heutigen Stillgewässer sind im Wesentlichen sogenannte Baggerseen aus industriellem Sand- und Kiesabbau. Polder, die entlang des Oberrheins zum Hochwasserschutz angelegt wurden, können bei Bedarf geflutet werden.

Klima mini|Mandelblüte in Rheinhessen mini|Inversionswetterlage mit Nebel zwischen dem Schwarzwald (bei Seebach) im Vordergrund und den Vogesen im Hintergrund

Der Oberrheingraben und seine Randzonen zu den Gebirgen hin gelten als die wärmste Region Deutschlands. Sie hat die wärmsten Sommer und nach dem Niederrhein die zweitmildesten Winter bei geringen bis mäßigen Niederschlägen. Die Jahresdurchschnittstemperaturen erreichen teilweise um 12 °C; im wärmsten Monat Juli liegen die Durchschnittswerte um oder sogar knapp über 20 °C, was in Deutschland mit Ausnahme einiger Ballungsräume (Rhein-Main-Zentren, Berlin-Mitte; vgl. urbane Wärmeinsel) nirgendwo erreicht wird. Ursache dafür sind häufige Südwest-Wetterlagen mit Luftmassen aus dem westlichen Mittelmeerraum; Föhn-Effekte durch absinkende Luft an der westlichen Grabenbruchkante können zusätzliche Temperaturerhöhungen bewirken. Die Niederschlagsmengen nehmen nach Osten hin zu, weil es an der östlichen Bruchkante zu Steigungsregen kommt. Der sommerlichen Wärme stehen aber die für die kalte Jahreszeit typischen Inversionswetterlagen gegenüber, bei denen sich in der Ebene Kaltluft-„Seen“ bilden. Sie können wegen der die Sonneneinstrahlung reflektierenden Nebel oder Hochnebel wochenlang anhalten.

Geologie Kenngrößen Dehnung der Erdkruste in WNW-OSO-Richtung von 6 bis 8 km Seitenverschiebung der linksrheinischen Gebiete nach Südwesten vermutlich <5 km Absenkung der Erdoberfläche im Graben bis etwa 4 km, fast vollständig aufgefüllt mit Sedimenten Aufwölbung der Kruste-Mantel-Grenze von anfänglich 30 auf 25 bis 26 km Anhebung der Grabenschultern bis zu 2,5 km Erodierte Gesteinssäule auf den Grabenschultern bis zu 1,5 km

Oberrheingraben mini|links|Westliche Bruchstufe zur Rheinebene südlich von Neustadt an der Weinstraße: Blick vom Schlossberg () nach Südsüdwest mini|Abriss der oberrheinischen Grabenentwicklung mini|Schwarzwald Hauptrandverwerfung im Lorettobergtunnel. Durch den Lorettoberg zieht sich die östliche Hauptrand-Verwerfung des Oberrheingrabens; Beim Ausmauern des Tunnels wurde ein „geologisches Fenster“ offen gelassen, in dem die Verwerfung zu sehen ist und das weitere Absinken des Oberrheingrabens gemessen wird. Der Oberrheingraben ist eines der zentralen Segmente einer Grabenbruchzone, die sich von der Nordsee bis in das westliche Mittelmeer erstreckt (Mittelmeer-Mjösen-Zone). Die früher vertretene These, dass für die Entstehung eine subkrustale Wärmequelle (Plume) verantwortlich sei (Aktives Rifting), ist nach neueren Befunden aus der Geophysik und Geodynamik nicht haltbar. Ursache für die Entstehung der Grabenzone waren vielmehr Zugspannungen in Erdkruste und Erdmantel, die zum sogenannten Passiven Rifting führten, einer Dehnung der Erdkruste, die auch ihre Ausdünnung zur Folge hatte. Deswegen senkte sich die Erdoberfläche in der Grabenzone ab. Dagegen wölbte sich die Kruste-Mantel-Grenze (Moho) unter dem Graben auf.

Im Bereich des Oberrheingrabens wurden zeitgleich die Gebiete westlich und östlich zu den Grabenschultern von Vogesen/Pfälzerwald bzw. Schwarzwald/Odenwald emporgehoben. Ein Teil des entstandenen Reliefs wurde durch Sedimentation, die in den abgesunkenen Graben hinein erfolgte, sowie Erosion der gehobenen Schultern ausgeglichen.

Die Entstehung des Oberrheingrabens begann vor über 50 Millionen Jahren. Sie verlief im Wesentlichen in zwei Phasen:

In Phase I vor 50 bis 20 Millionen Jahren herrschte in Mitteleuropa ein Dehnungsregime. Die Dehnung wurde im Oberrheingrabengebiet an bereits vorhandenen Verwerfungen lokalisiert. Es kam über die gesamte Länge des Grabens zwischen Frankfurt und Basel zu einer Absenkung der Erdoberfläche und Ablagerung von Sedimenten. Die randlichen Gebiete hoben sich zu Grabenschultern heraus.

Mit dem Übergang in Phase II wurde die Dehnung durch ein Blattverschiebungsregime abgelöst. Die Gebiete westlich des Oberrheingrabens (Elsass, Pfalz, Rheinhessen) verschoben sich relativ zu den rechtsrheinischen Gebieten nach Südwesten. Die weitere Absenkung im Graben beschränkte sich auf das Grabensegment nördlich der Stadt Karlsruhe. Dagegen unterlagen die anderen Grabenabschnitte samt den randlichen Schultern der Hebung und Erosion. Das Blattverschiebungsregime ist heute weiterhin aktiv. Allerdings hat sich in jüngerer geologischer Vergangenheit die Größe und Ausrichtung der Spannungen in der Erde geringfügig geändert, sodass wieder Sedimentation im gesamten Grabenbereich stattfindet.

Erdbeben mini|Erdbebenzonen in Deutschland nach DIN 4149

Der Oberrheingraben ist ein Gebiet erhöhter Seismizität. Die Erdbeben sind im Allgemeinen von geringer Stärke und Intensität (gemäß der MSK-Skala). Es kommt durchschnittlich alle paar Monate zu einem Erdbeben der Stärke 3, das von Menschen in der unmittelbaren Umgebung des Epizentrums gespürt werden kann. Ungefähr alle zehn Jahre sind überregional wahrnehmbare seismische Erschütterungen mit Stärken größer als 5 und leichten Schäden zu erwarten.

Eine Ausnahme stellt die Region um Basel und den angrenzenden Schweizer Jura dar. Dort traten in Mittelalter und Neuzeit Beben auf, die – wie etwa das Basler Erdbeben von 1356 – beträchtliche Zerstörungen bewirkten. Es wird vermutet, dass diese Erdbeben mit der fortdauernden Überschiebung des Schweizer Juras auf den südlichen Oberrheingraben in Verbindung stehen.

Erdbeben werden in weiten Bereichen des Oberrheingrabens bis in Tiefen von etwa 15 km hinunter ausgelöst. In noch größeren Tiefen verformen sich die Gesteine aufgrund der hohen Temperaturen durch raumgreifendes Kriechen. Ein Versatz von Gesteinsschichten entlang von Verwerfungen, der eine Voraussetzung für das Auftreten von Erdbeben wäre, findet im Oberrheingrabengebiet nicht mehr statt.

Vulkanismus mini|Der Kaiserstuhl