mini|Giovanni Giordani
Giovanni Giordani (* 27. Oktober 1822 in Alagna Valsesia, Fraktion Indeccu (walserdeutsch In d’Ekku); † 12. Januar 1890 in Scopello) war ein italienischer Arzt. Für die deutsche Dialektologie ist er deshalb von Bedeutung, weil sein Buch über den Walserdialekt seiner Heimat eine der ersten Darstellungen einer höchstalemannischen Mundart ist. Überdies war er einer der Erstbesteiger der im Monte-Rosa-Massiv liegenden Signalkuppe.
Leben Der in einem Bergdorf zuhinderst im Sesiatal, südöstlich des Monte Rosa, aufgewachsene Giordani war der Sohn des Giuseppe Giordani und der Marianna geborener Carestia, einer Tochter des aus dem benachbarten Riva Valdobbia stammenden Chirurgen Giacomo Antonio Carestia. Er studierte zunächst in Varallo klassische Philologie und Philosophie, darauf an den Universitäten von Vercelli und Turin Medizin und Chirurgie; an der letztgenannten promovierte er 1846. Als Arzt wirkte er einige wenige Jahre in Briona im novaresischen Hügelland sowie in Fobello in einem Seitental der Valsesia, doch den größten Teil seines Berufslebens amtete er als Dorfarzt von Scopello im Sesiatal selbst. 1874 gab er seine Praxis aus gesundheitlichen Gründen auf.Giovanni Giordani: La colonia tedesca di Alagna-Valsesia e il suo dialetto. Nachdruck der 2. Auflage 1927. Litografia F.A.R.A.P., San Giovanni in Persicato (Bologna) 1982, S. 8.
Zusammen mit Giovanni Gnifetti und sechs weiteren Begleitern bestieg er 1842 als erster die 4554 Meter über dem Meer liegende Signalkuppe.
Ab 1874 widmete sich Giordani mit zunehmender Intensität geographischen und sprachlichen Studien, deren Früchte der Aufsatz L’epoca glaciale nella Valgrande in Valsesia (1888) und das Buch La colonie tedesca di Alagna-Valsesia e il suo dialetto (postum 1891) waren.Sergio Maria Gilardino: I Walser e la loro lingua dal Grande Nord alle Alpi. Profilo linguistico. Dizionario della lingua walser di Alagna Valsesia. Associazione culturale Zeisciu Centro Studi, Alagna Valsesia 2008, S. 62.
1888 erhielt er vom italienischen König Humbert I. für sein Wirken als Arzt den Orden der Krone von Italien.
La colonia tedesca di Alagna-Valsesia e il suo dialetto Giordani konnte für seine Darstellung der Mundart von Alagna Valsesia, die er in Jahren zwischen 1878 und 1888 erarbeitete, mehrere Wörterlisten seines Vetters Giuseppe Farinetti beiziehen. Er hatte zunächst nicht vor, seinen Text zu veröffentlichen; erst 1887 dachte er an eine Publikation in der Zeitschrift Archivio Glottologico Italiano, zusammen mit Liedern, Sagen, Legenden usw. aus Alagna. Die Vorarbeiten waren weit gediehen, als der Autor 1890 starb. So wurde die Schrift ein Jahr nach seinem Tode vom Alpenklub der Valsesia publiziert, in verkürzter Form und ohne dass die von Fachseite gewünschten Änderungen noch hätten umgesetzt werden können.Elisa Farinetti, Pier Paolo Viazzo: Sulla genesi del Vocabolario alagnese die Giovanni Giordani. Über die Entstehung des Alagneser Wörterbuches des Giovanni Giordani. In: Wir Walser. Halbjahreszeitschrift für Walsertum. Heft 28.2, 1990, S. 3–12, hier S. 7 f. (italienisch) bzw. 11 f. (deutsch).Sergio Maria Gilardino: I Walser e la loro lingua dal Grande Nord alle Alpi. Profilo linguistico. Dizionario della lingua walser di Alagna Valsesia. Associazione culturale Zeisciu Centro Studi, Alagna Valsesia 2008, S. 64 f., zum Briefverkehr zwischen Giordani, Giuseppe Farinetti, Giuseppe Morosi und weiteren Personen, der im Zusammenhang mit der Drucklegung des Werks stand, siehe ebd. S. 100–133. Sie ist die erste Monographie über einen südwalserdeutschen Dialekt (Albert Schotts Buch über die Deutschen Colonien in Piemont bildete eine Gesamtschau über alle deutschen Mundarten südlich und östlich des Monte-Rosa-Massivs und war auch stark volkskundlich geprägt) und eine der ersten über eine höchstalemannische Mundart überhaupt (voran gingen im Wesentlichen Jost Wintelers Arbeit über die Sprache des Kerenzerbergs und Valentin Bühlers Publikationen über das Davoserdeutsche; Jakob Joseph Matthys’ Nidwaldner Grammatik und Wörterbuch blieben ungedruckt).Vgl. hierzu Thomas A. Hammer: Kontinuität und Wandel im Schweizerdeutschen Wörterbuch, in: Schweizerdeutsches Wörterbuch / Schweizerisches Idiotikon. Berich über das Jahr 2008, [Zürich 2009], S. 19–31, hier S. 21 (Digitalisat).
Eduard Hoffmann-Krayers ausführliche Besprechung in der Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 21 (1895) war überaus kritisch; der Teil über die Laut-, Formen- und Satzlehre stehe, „was seine ausführung anlangt, in jeder beziehung unter dem niveau der primitivsten grammatischen arbeit“.Eduard Hoffmann-Kreyer: [Besprechung von] La colonia tedesca die Alagna-Valsesia e il suo dialetto. Opera postuma del dr Giovanni Giordani, pubblicata per cura e a spese della Sezione Valsesiana del Club Alpino Italiano col concorso di amici. Torino, GCandelotti, 1891. In: Zeitschrift für deutsches Altertum und deutsche Literatur 21 (1895), S. 26–39 (Digitalisat), hier S. 27. Rudolf Hotzenköcherle, Hauptbearbeiter des Sprachatlasses der deutschen Schweiz und infolge seiner Aufnahmetätigkeit in Alagna selbst ein Kenner das Alagnadeutschen, schrieb 1956, diese Rezension werde „der Leistung des ohne philologisch-germanistische Ausbildung arbeitenden Arztes nicht gerecht.“Rudolf Hotzenköcherle: Umlautphänomene am Südrand der Germania. In: Fragen und Forschungen im Bereich und Umkreis der germanischen Philologie. Festgabe für Theodor Frings (= Veröffentlichungen des Instituts für Deutsche Sprache und Literatur. Band 8). Berlin 1956, S. 221–250, hier S. 224 f. Und weiter:
Auch der kanadische Sprachwissenschafter Sergio Maria Gilardino strich 2008 die Bedeutung von Giordanis Arbeit über den alagnadeutschen Dialekt heraus und widersprach „mehreren Linguisten und Philologen, die Giordani zum Dilettanten deklassiert“ hatten (vari linguisti e filologi abbiano declassato il Giordani al dilettante). Darüber hinaus stellte er anhand des im Jahre 2005 aufgetauchten Manuskript Giordanis fest, dass davon „große Teil ungedruckt geblieben“ seien (il grosso … rimase inedito).Sergio Maria Gilardino: I Walser e la loro lingua dal Grande Nord alle Alpi. Profilo linguistico. Dizionario della lingua walser di Alagna Valsesia. Associazione culturale Zeisciu Centro Studi, Alagna Valsesia 2008, S. 63 f.
Giordani schrieb sein Buch angesichts der zunehmenden Verdrängung der alemannischen Ortsmundart durch die piemontesische des Sesiatals und hoffte, dass zukünftig Interessierte sich damit ein adäquates Bild von „der Natur, der Beschaffenheit und dem Reichtum unseres Dialekts“ (una idea adeguanta della natura, modalità e ricchezza del nostro dialetto) machen könnten.Giovanni Giordani: La colonia tedesca di Alagna-Valsesia e il suo dialetto. Nachdruck der 2. Auflage 1927. Litografia F.A.R.A.P., San Giovanni in Persicato (Bologna) 1982, S. 9 f. Es enthält insbesondere umfassende Kapitel über die Ortsgeschichte (45 Seiten), die Flexion (37 Seiten), zahlreiche Textbeispiele (Kinderlieder, Sprichwörter, Rätsel, Gespräche, Sagen; 30 Seiten) sowie ein alagnadeutsch-italienisches Glossar (76 Seiten). Weitere, knappe Abschnitte behandeln etwa die Syntax, die einheimischen Tauf- und Familiennamen sowie Örtlichkeitsnamen; Listen, in denen der alagnadeutsche Dialekt mit den Dialekten von Davos (auf der Basis der Publikationen Valentin Bühlers) und des Oberwallis verglichen wird, beschließen das Buch.
1927 wurde das Werk für einen Sprachkurs neu gedruckt; 1974, 1982, 1994 und 2011 erfolgten weitere Nachdrucke.
Werke L’epoca glaciale nella Valgrande in Valsesia. In: Bollettino CAI 22 (1888), S. 174–180. La colonia tedesca di Alagna-Valsesia e il suo dialetto. 1. Aufl. Candeletti, Turin 1891, 2. Aufl. Unione Tipografica Valsesiana, Varallo Sesia 1927. Nachdruck der 1. Auflage 1891: Forni, Bologna 1974; Nachdrucke der 2. Auflage 1927: Litografia F.A.R.A.P. di San Giovanni, Persiceto 1982; Libreria Alpina Editrice, Bologna 1994; Hapax Editore, Turin 2011.
Literatur Elisa Farinetti, Pier Paolo Viazzo (deutsche Kurzfassung von Klemens Arnold): Sulla genesi del Vocabolario alagnese die Giovanni Giordani. Über die Entstehung des Alagneser Wörterbuches des Giovanni Giordani. In: Wir Walser. Halbjahreszeitschrift für Walsertum. Heft 28.2, 1990, S. 3–12. Elisa Farinetti: Omaggio al dottor Giovanni Giordani nel bicentenario della nascita 1822–2022. Industria Grafica Borgosesia, Borgosesia 2022. Giovanni Giordani: La colonia tedesca di Alagna-Valsesia e il suo dialetto (Digitalisat). Nachdruck der 2. Auflage von 1927. Litografia F.A.R.A.P., San Giovanni in Persicato (Bologna) 1982, ohne ISBN, S. 7–10 (Cenno biografico von Antonio Carestia und Prefazione von Giovanni Giordani). Sergio Maria Gilardino: I Walser e la loro lingua dal Grande Nord alle Alpi. Profilo linguistico. Dizionario della lingua walser di Alagna Valsesia. Associazione culturale Zeisciu Centro Studi, Alagna Valsesia 2008, ISBN 978-88-87405-27-9, S. 62–66, 100–133.
Weblinks Giovanni Giordani (Alagna 1822 – Scopello 1890) medico e alpinista auf der Website von Alagna Valsesia.Text aus Sergio Maria Gilardino: I Walser e la loro lingua dal Grande Nord alle Alpi. Profilo linguistico. Dizionario della lingua walser di Alagna Valsesia. Associazione culturale Zeisciu Centro Studi, Alagna Valsesia 2008, S. 62.
Fußnoten
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