mini|hochkant=1|Haus Zeller
Das Haus Zeller war ein Wohn- und Arzthaus in Stuttgart in der Reinsburgstraße 20, das nach den Plänen des Architekten Theodor Fischer 1903 für den Arzt Dr. Albert Zeller erbaut wurde. Es wurde bei den Luftangriffen auf Stuttgart schwer beschädigt und die Ruine später abgetragen.
Vorgeschichte Der Architekt Theodor Fischer wurde 1901 von München nach Stuttgart als Professor für Baukunde berufen. Er studierte nach seiner Übersiedlung intensiv den vorgefundenen Stuttgarter Baubestand. 1903 trug er in einem Vortrag vor einem erlesenen Stuttgarter Publikum seine kritischen, provozierenden Beobachtungen vor.#Fischer 1903. Entgegen der zeitgenössischen historistischen Strömung schwebte ihm „eine neue, an traditionelle Bauformen und gewachsene Plätze gebundene, künstlerische Raumkonzeption“ vor.#Langner 1994, S. 154.
Fischers erstes Stuttgarter Bauwerk wurde das Haus Zeller, das als eine Art von „Musterhaus“ seine Ideen verkörpern sollte. Bauherr war Professor Dr. med. Albert Zeller (1853–1923), Vorstand der chirurgischen Abteilung des Marienhospitals in Stuttgart und Sohn des Theologen und Philosophen Eduard Zeller. Zeller besaß in der Reinsburgstraße 20 im Stuttgarter Westen ein freies Baugrundstück, auf dem Fischer ein Wohnhaus mit Praxisräumen errichten sollte. Das Grundstück befand sich zwischen „öden Mietskasernen“#Keyssner 1912, S. VIII. – Foto von Haus Zeller mit umgebenden Nachbarhäusern. aus dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts, die durch ihre phantasielose und gleichförmige Gestaltung Fischers kreativen Geist herausforderten.
Beschreibung Fischer, der aus München „reingeschmeckte“ Architekt präsentierte sich dem Stuttgarter Bürgertum mit einem Paukenschlag. Er stellte das Haus Zeller quer zu den traufständigen Häusern der Umgebung, indem er es mit der Giebelseite zur Straße ausrichtete. Die Monotonie der üblichen vierstöckigen Bauweise durchbrach er, indem er die beiden oberen Stockwerke unter einem geschwungenen, steilen Mansarddach integrierte. Insgesamt gewann das Haus gegenüber seinen Nachbarn durch Leichtigkeit und Eleganz. Mit dem altschwäbisch anmutenden Gebäude nahm Fischer eine Bauart vorweg, die sich ähnlich zwischen 1906 und 1909 bei der Stuttgarter Altstadtsanierung durchsetzte.
Baukörper Das Haus Zeller erhob sich über einer Grundfläche von 240 Quadratmetern auf einer Breite von 14 und in einer Tiefe von 17 Metern an der leicht ansteigenden Reinsburgstraße. Das unterkellerte Gebäude bestand neben den beiden unteren Stockwerken aus zwei Dachstockwerken. Hinter dem Haus erstreckten sich eine Terrasse und ein kleines Gartengrundstück. Der vorgeschriebene 3 Meter breite Bauwich trennte das Gebäude von den Nachbarhäusern.
Fassaden Die spitzgiebelige, hell verputzte Straßenfassade des Hauses mit ihrem reichen Bauschmuck setzte einen anmutigen Akzent gegen das Grau-in-Grau der anrainenden Häuser. Die sonst aus Kostengründen im unansehnlichen Rohzustand verbleibenden Hinter- und Nebenfassaden wurden ebenfalls mit einem fröhlichen, hellen Verputz versehen.#Fischer 1903, S. 31. Den Blickfang der Beletage bildete im ersten Obergeschoss ein prachtvoller, dreiachsiger Mittelerker, der ebenso wie Sockel und Erdgeschoss in gelblichweißem Sandstein gehalten war.
Die Fenster wurden nicht gleichförmig an- und übereinandergereiht, sondern waren im Erdgeschoss unregelmäßig und in den Obergeschossen rhythmisch angeordnet. Der rundbogige Hauseingang befand sich an der rechten Seite der Vorderfront. Eine kunstvolle, schmiedeeiserne Tür mit dem Rosenmotiv des Zellerschen Familienwappens, ein Werk des Stuttgarter Schlossermeisters Albert Irion, gab den Weg frei in die Eingangshalle, die über eine Treppe zur Arztpraxis und in die Wohnräume führte.
Die rechte Seitenfassade bildete eine freundliche, zweite Schauseite, die den sonst üblicherweise finsteren Bauwich aufwertete durch ihren hellen Verputz, die drei offenen Arkaden der Eingangshalle, einen kleinen Erker im 1. Obergeschoss, eine doppelstöckige offene Loggia und nicht zuletzt durch das runde Treppentürmchen, das mit seiner Glockenhaube aus dem Mansarddach herausragte.
Innenräume Außer einem Warte- und Sprechzimmer für die Arztpraxis verfügte das Haus Zeller als ein Haus des gehobenen Bürgertums über mehrere Wohnzimmer, Schlafzimmer, Diensträume und Funktionsräume. Von der offenen Eingangshalle gelangte man in eine Vorhalle, in der die Haupttreppe, die große Halle und die Küche lagen. Das erste Stockwerk als eigentliches Wohngeschoss enthielt drei Wohnzimmer, drei Schlafzimmer, Speisezimmer und Bad. Das Mansardgeschoß, zu dem die Nebentreppe im seitlichen Türmchen führte, enthielt geräumige Kinderzimmer, Fremdenzimmer, Dienstbotenräume und eine offene Halle zum Wäschetrocknen. Das Kellergeschoss nahm die Funktionsräume auf: Waschküche, Bügelzimmer und Vorratsräume.
Bauschmuck mini|hochkant=1.2|Haus Zeller, Erker
Ein prachtvoller Erker mit reichem plastischen und malerischen Schmuck bildete den zentralen Blickfang des Hauses Zeller. Ein Kupferdach in Form eines Fischerbogens über dem Erker schützte ein farbiges, ovales Medaillon mit einem Fresko des Stuttgarter Architekten, Malers und Bildhauers Gustav Halmhuber. Es stellte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter dar, der sich eines Hilfsbedürftigen erbarmt. Das Bildnis spielte auf den Arztberuf des Bauherrn und das wohltätige Wirken der Ärzte für ihre Patienten an.
Die Erkerfenster wurden von je einem eingetieften Fischerbogen über einem Rosenblütenrelief bekrönt. In die Ohren der Fenster zwängten sich sechs nackte musizierende Puttenfiguren des Bildhauers Jakob Brüllmann. Die Fensterbrüstungen des Erkers waren durch drei Reliefs, ebenfalls von Jakob Brüllmann geschmückt. Zwei Reliefs stellten Szenen aus Werken von Eduard Mörike dar, aus dem „Märchen vom sichern Mann“ (links) und aus der „Historie von der schönen Lau“ (rechts). Das mittlere Relief zeigte das Motiv des Pelikans, der nach der Legende seine Jungen mit Blut füttert.#Moderne Bauformen 1904, #P. B. 1904, S. 306. Die zapfenartigen Verlängerungen des Erkers trugen die Zahlen 19 und 03 für das Baujahr und in einem Wappenschild die Initialen TF des Architekten.
Die übrige Fassade bestand aus naturfarbigem Verputz, der durch Kratzputzverzierungen (Sgraffito) auf rotem und schwarzem Grund belebt wurde. Das auch hier vielfach wiederkehrende Motiv der Rose bezog sich auf das Zellersche Familienwappen. Außer im Erdgeschoss trugen die Fenster als Bekrönung Fischerbogen über einer Rosenblüte oder Wellenmuster, die Brüstungen waren mit Girlandenornamenten verziert. Zwei Rosenzweige flankierten das Doppelfenster im dritten Obergeschoss, und ein Rosenstock mit zwei Vögeln schmiegte sich um die oberste Giebelöffnung.
Rezeption
Literatur Ältere Literatur Architektonische Rundschau, 1906, Tafel 8–10, Tafelbeschreibung: Heft 2. Theodor Fischer: Stadterweiterungsfragen mit besonderer Rücksicht auf Stuttgart. Ein Vortrag von Theodor Fischer vom 27. Mai 1903. Mit 32 Abbildungen. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1903; Gustav Keyssner: Theodor Fischer: Wohnhausbauten. Zum 50. Geburtstag Theodor Fischers. Arnd, Leipzig 1912, S. VII, VIII, 16–21; Moderne Bauformen, 1904, S. 6–7, Tafel 4. P. B.: Wohnhaus des Herrn Professor Dr. Zeller in Stuttgart. In: Süddeutsche Bauzeitung, 1904, S. 305–308. Otto Voepel: [Haus Dr. Zeller]. In: Bautechnische Zeitschrift, Band 22, 1907, S. 5, 3 Tafeln nach S. 4, 1 Abbildung auf S. 10.
Neuere Literatur Stuttgart. Arbeiterhäuser. In: Rose Hajdu (Fotos); Dietrich Heißenbüttel: Theodor Fischer. Architektur der Stuttgarter Jahre. Wasmuth, Tübingen 2018, S. 18. Bernd Langner: Gemeinnütziger Wohnungsbau um 1900. Karl Hengerers Bauten für den Stuttgarter Verein für das Wohl der arbeitenden Klassen. Klett-Cotta, Stuttgart 1994, S. 159, 161. Rudolf Pfister: Theodor Fischer: Leben und Wirken eines deutschen Baumeisters. Callwey, München 1968, S. 44, 112, 113. Claudia Schinkiwicz: Wohnhaus mit Praxis Dr. Zeller. In: Winfried Nerdinger: Theodor Fischer. Architekt und Städtebauer 1862–1938. Ausstellungskatalog der Architektursammlung der Technischen Universität München und des Münchner Stadtmuseums. Ernst & Sohn, Berlin 1988, S. 200.
Weblinks
Haus Dr. Zeller. mediaTUM
Einzelnachweise
Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Stuttgart Kategorie:Erbaut 1903 Kategorie:Stuttgart-West Kategorie:Zerstört in den 1940er Jahren