Uniter e.V. () war ein Verein ehemaliger und aktiver Soldaten und Polizisten, der Waffentrainings durchführte und die Ausbildung der Nationalpolizei auf den Philippinen unterstützte. Er wurde erstmals 2012, erneut 2016 gegründet und 2020 formell aufgelöst, besteht jedoch als Prepper-Netzwerk unter anderen Decknamen fort.
Der Verein stellte sich als überparteiliches, unpolitisches und verfassungskonformes Netzwerk zur Kontaktpflege und Weiterbildung von Sicherheitskräften dar, gehörte jedoch zum rechtsextremen „Hannibal“-Netzwerk.
2019 entzog das Finanzamt Stuttgart dem Verein die Gemeinnützigkeit. Im Oktober 2020 ergingen Strafbefehle gegen den Verein und mehrere Mitglieder wegen verschiedener Verstöße gegen Waffen- und Sprengstoffgesetze. Seit 2021 führt der Vereinsgründer seine rechtsextremen Netzaktivitäten unter dem Deckmantel eines Kaffeeversands als Black Ops Coffee-Community fort. Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) stuft sein Netzwerk als „gesichert rechtsextremistisch“ ein.
Erstgründung 2012 Laut rund einjähriger Recherchen der taz gründete der Bundeswehrsoldat Andre S. (Pseudonym „Hannibal“) erstmals 2012 in Halle (Saale) einen Verein namens Uniter. Der Zweck war, Elitesoldaten, Polizisten und Personenschützer verschiedener Bundesländer miteinander zu vernetzen. Zudem sollte der Verein Soldaten der Bundeswehreliteeinheit Kommando Spezialkräfte (KSK) eine Berufsversicherung ermöglichen. Dazu hatte sich der Gründer zuvor mit einem Versicherungsfachmann der Allianz Versicherung aus Halle beraten, der eine entsprechende Versicherungspolice an Uniter-Mitglieder verkaufte. Gegen Andre S. wurde 2015 durch den Generalbundesanwalt ermittelt, weil der Verdacht bestand, dass er geheime Interna aus KSK-Kreisen über Einsätze in Afghanistan an die Frankfurter Allgemeine Zeitung weitergegeben hatte.
Weil ein Mitgründer sich als früherer Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit herausstellte, zerstritt sich die Gründungsgruppe und löste den Verein wieder auf. Dieser blieb aus unbekanntem Grund jedoch registriert.Hannibals Verein. taz, 21. Dezember 2018; Martin Kaul, Christina Schmidt: Rechtes Netzwerk in der Bundeswehr: Hannibals Schattenarmee. taz, 16. November 2018
Bis zu seiner Auflösung hatte der erste Verein etwa 40 Mitglieder. Darunter waren einige Bekannte von André S. aus einer Freimaurerloge, die sich mit Versicherungsbürokratie auskannten. Sie sollten KSK-Soldaten über den Verein eine billigere Versicherung ermöglichen. Formal blieb der Verein noch bis in das Jahr 2019 hinein eingetragen.Sebastian Erb: Uniter-Mitgliedschaft von Robert Möritz: Ein obskurer Verein. taz, 18. Dezember 2019
Zweitgründung 2016 Ab 2015 gründete André S. mehrere Chatgruppen im Messengerdienst Telegram für Prepper, die Vorräte anlegen, um einen erwarteten Zusammenbruch der staatlichen Ordnung an einem „Tag X“ zu überleben. Diesen nach Regionen (Nord, Süd, Ost, West, Österreich, Schweiz) gegliederten Gruppen des „Hannibal“-Netzwerks gehörten aktive Soldaten, Reservisten, Kriminalpolizisten, SEK-Beamte, Anwälte, Feuerwehrleute und andere an. In ihren Chats besprachen sie auch rechtsextreme Pläne, als Gegner eingestufte linksgerichtete Politiker, Aktivisten und Personen festzusetzen und zu töten. Zur Chatgruppe Süd gehörte Franco A., dessen Festnahme ab 2017 Terrorermittlungen gegen Bundeswehrsoldaten auslöste. Danach schloss André S. seine Chatgruppen. Im Sommer 2016 hatte er in Stuttgart Uniter e. V. erneut gegründet. Der Verein erhielt einen neuen Vorstand und ist ebenso gegliedert wie das Hannibal-Netz. Er war bis zum Herbst 2019 gemeinnützig.Martin Kaul: Entscheidung des Finanzamts - Uniter verliert Gemeinnützigkeit. Tagesschau.de, 28. Februar 2020
Nach der Auflösung des deutschen Vereins führt ‘Uniter’ seine Aktivitäten seit 2021 in Form von 'Black Ops Coffee' und der 'Black Ops Coffee-Community' fort.
Mitglieder Der Verein gab bis Ende 2019 eine Gesamtzahl von rund 2000 Mitgliedern an. Die tatsächliche Zahl wird weit niedriger eingeschätzt, etwa weil bei der Jahreshauptversammlung 2018 laut Protokoll nur sechs von sieben ordentlichen Mitgliedern als anwesend vermerkt wurden. Vom Hallenser Vorläuferverein blieb nur ein Bundeswehrkamerad von André S. dabei. Für die Stuttgarter Neugründung gewann er wieder Soldaten, Polizisten und Freimaurer. Vorstandsvorsitzender wurde der aus Eisenach stammende Ringo M., damals Mitarbeiter des Landesamtes für Verfassungsschutz Baden-Württemberg.
Ringo M. gehörte von 2005 bis 2014 zur rund 50-köpfigen Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit (BFE) 523 der Bereitschaftspolizei in Böblingen. Deren Leiter war der ausgebildete Präzisionsschütze Thomas B. Zu der Einheit gehörte ein früheres Ku-Klux-Klan-Mitglied mit Kontakten zum Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Thomas B. reiste ab Oktober 2005 im Auftrag der norddeutschen Firma BDB Protection mit mindestens 30 aktiven oder ehemaligen deutschen Polizisten und Soldaten mehrmals nach Libyen, um dort Sicherheitskräfte für den Diktator Muammar al-Gaddafi auszubilden. Anfang 2013 wurde Thomas B. wegen schwerer Dienstvergehen in den Ruhestand versetzt. 2014 gründete er mit einem befreundeten SEK-Beamten eine Sicherheitsfirma in Stuttgart, die Firmen berät, die Mitarbeiter in unsichere Staaten schicken wollen. Er hatte bis mindestens März 2019 Kontakt zu André S.; ob er selbst Mitglied im Hannibalnetz oder bei Uniter war oder ist, ließ sich nicht belegen. Seine Firma macht mit Uniter kleinere Geschäfte, vermittelte Kontakt zu einem Versicherungsvertreter und stellte Uniter-Mitglieder als Sicherheitsleute an. Ein weiterer früherer BFE-Ausbilder ist der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Hess.
Bei der Bereitschaftspolizei war Ringo M. Vorgesetzter von Michèle Kiesewetter, die am 25. April 2007 beim Polizistenmord von Heilbronn vom NSU getötet wurde. Kiesewetter soll sich zuvor mehrfach über Ringo M. beschwert haben, was dieser jedoch bestreitet. Im April 2019 wurde M. vom NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtages zu seinem Verhältnis zu Kiesewetter, zu möglichen rechten Tendenzen in seinem damaligen Arbeitsumfeld bei der Bereitschaftspolizei und zu Hintergründen seiner Mitwirkung bei Uniter befragt.Mitbegründer von Uniter: NSU-Ausschuss lädt Vorgesetzten von Kiesewetter vor. MDR, 13. März 2019Sebastian Erb, Christina Schmidt: Was wusste Ringo M.? taz, 4. April 2019
Seit Herbst 2015 war Ringo M. beim Landesverfassungsschutz in der Abteilung „Internationaler Extremismus und Terrorismus“ tätig, aus der er Ende 2018 von Innenminister Thomas Strobl (CDU) abgezogen wurde, nachdem erste Enthüllungen über zweifelhafte Aktivitäten von Uniter an die Öffentlichkeit gelangt waren.
Ringo M. trat offiziell am 16. Januar 2017 (kurz vor der Festnahme von Franco A.) aus dem Uniter-Vorstand aus, blieb aber mit André S. Mitglied eines Ritterordens. Als Austrittsgrund gab er 2019 an, die früheren Mitglieder seien ihm zu militaristisch gewesen. Mitglieder des Vorläufervereins wollten jedoch nach Eigenangaben ebenfalls nichts mit Prepperthemen und paramilitärischen Übungen zu tun haben. Am 10. März 2019 deckte die taz auf, dass mit Ringo M. ein Verfassungsschutzmitarbeiter den Verein mitgegründet hatte. Am 11. März 2019 wurde im Vereinsregister in Stuttgart ein neuer Vorstand eingetragen. Vorsitzende sind zwei Männer, die in der Schweiz leben und den Verein von dort aus lenken.
Ringo M. arbeitet seit März 2020 für die baden-württembergische Kriminalpolizei. Laut dem Innenministerium des Bundeslandes gab es bei Sicherheitsüberprüfungen „keine Hinweise auf eine extremistische Gesinnung des Mitarbeiters“.Christoph Schmidt: Rechte Szene: Uniter-Mitbegründer arbeitet jetzt bei der Kriminalpolizei. Spiegel, 6. März 2020
Zum Uniter-Vorstand gehörte bis 2017 auch ein CDU-Abgeordneter im Landtag von Baden-Württemberg. Bis Ende 2018 waren nach Mitgliederlisten, Ermittlungsunterlagen und taz-Recherchen mindestens zwölf Mitglieder des „Hannibal“-Netzes auch bei Uniter aktiv. In ihren Gesprächen setzten sie die Uniter-Strukturen mit den Chatgruppen gleich. Gegen sechs davon wurde 2017 im Zuge der Terrorermittlungen zu Rechtsextremisten in der Bundeswehr ermittelt. Zu den Vereinsmitgliedern gehörten ein Personenschützer des Deutschen Fußball-Bundes für die deutsche Fußballnationalmannschaft, der Sicherheitschef des Autovermieters Sixt und ein leitender Mitarbeiter des Rüstungsunternehmens Diehl Defence. Dieser soll an einem Sicherheitskonzept für eine Reise von Mitarbeitern des Unternehmens nach Saudi-Arabien mitgewirkt haben. Das Unternehmen bestritt jedoch jede aktuelle Zusammenarbeit mit Uniter.
Nach einem Bericht bei derStandard.at vom 15. März 2019 verlinkte auch Brenton Tarrant, der beim Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch 51 Menschen ermordet hatte, auf das Umfeld von Uniter.Christchurch-Attentäter bezog sich auf rechte Soldaten in Bundeswehr – deren Netzwerk führt nach Österreich. Standard.at, 15. März 2019
Im Dezember 2019 stellte sich heraus, dass auch drei CDU-Politiker aus Sachsen-Anhalt Vereinsmitglieder waren. Der CDU-Kommunalpolitiker Robert Möritz trug das Vereinssymbol auf einem Profilfoto. Daraufhin wurde auch seine frühere Nähe zum Neonazismus aufgedeckt. Er gab an, er sei bis zum 15. Dezember 2019 aus Uniter ausgetreten, gehört aber weiterhin zum „konservativen Kreis“ in der Landes-CDU. Diese lehnte es ab, ihn auszuschließen, und löste damit eine Krise in der regierenden Kenia-Koalition im Landtag aus. Am 20. Dezember trat Möritz schließlich aus der CDU aus.Timo Lehmann: CDU-Mann mit rechtsextremer Vergangenheit: Sachsen-Anhalts Sündenfall. Der Spiegel, 15. Dezember 2019
Auch der Berufsschullehrer und Bundeswehrreserveoffizier Kai Mehliß gehörte laut Presseberichten bis Mitte Dezember 2019 zu Uniter. Er war Beisitzer im CDU-Kreisvorstand in Anhalt-Bitterfeld und wie Robert Möritz aktives Mitglied des „Konservativen Kreises“. Zudem ist Mehliß Vorsitzender einer Freimaurerloge in Bernburg. Darüber kannte er manche Akteure des ersten Unitervereins. Er besaß eine Uniter-Mailadresse für Vereinsfunktionäre. In seinem Wohnsitz in Bernburg fand Anfang Dezember ein Regionaltreffen des Vereins statt, genannt „Security Round Table Sachsen-Anhalt“. Dort sollen Aktivitäten für 2020 geplant worden sein. Nach Angaben der CDU Sachsen-Anhalt trat Mehliß infolge der Berichte und auf internen Druck hin aus Uniter aus. Dabei gab der Verein nach Eigenangaben einer „außerordentlichen Kündigung“ statt. Laut taz benutzt Mehliß jedoch weiter seine Uniter-Mailadresse.